Anne Wilson Schaef: Die Flucht vor der Nähe

Das dritte Buch in der „Sucht-Trilogie“ von Anne Wilson Schaef geht an den Kern von Süchten: die Suchtbeziehung.
Im  ersten Buch der Trilogie „Co-Abhängigkeit. Die Sucht hinter der Sucht“ (1986) (> meine Buchbesprechung)  analysiert sie „Co-Abhängigkeit“ als Sucht und erkennt den Suchtprozess auch hinter dieser Sucht.
Im zweiten Buch der Trilogie „Im Zeitalter der Sucht. Wege aus der Abhängigkeit“ (1987) (> meine Buchbesprechung) analysiert sie dieses Suchtsystem genauer. Schon hier hat sie die „Suchtbeziehung“ als Modell aller Suchtsysteme erkannt.

Das dritte Buch „Die Flucht vor der Nähe. Warum Liebe, die süchtig macht, keine Liebe ist“ (1989) unterzieht diesen Suchtbeziehungen jetzt einer genauen Analyse.

Anne Wilson Schaef unterscheidet 3 Suchtbeziehungen:

  • Sexsucht
  • Romanzensucht
  • Beziehungssucht (in zwei Varianten: ständig in NEUEN Beziehungen ODER
    komplett abhängig von EINER Beziehung)

Jede Sucht hat (grob gesehen) 4 Abstufungsgrade:

  1. heimlich und in der Phantasie
  2. einen anderen Menschen (missbräuchlich) benutzend
  3. einen anderen Menschen grob verletzend
  4. offene Illegalität und Gewalttätigkeit einem anderen Menschen gegenüber
    (jede Sucht endet in letzter Konsequenz für Täter/Opfer/beide tödlich)

Alle Suchtbeziehungen sind PSEUDO-Beziehungen. Oberflächlich gesehen scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Klammer-Beziehungen z.B. scheinen Nähe richtig erzwingen zu wollen. Sexsucht scheint körperliche Nähe zu fordern, Romanzensucht scheint gar der Inbegriff der (verliebten, vergötternden) Nähe zu sein. In Wahrheit aber sind alle diese Pseudo-Beziehungen (Süchte) eine Flucht vor der Nähe.

Wer süchtig ist, hat keine Nähe zu sich selbst (Authentizität) und kann natürlich auch zum anderen keine Nähe eingehen (Intimität). Pseudo-Beziehungen sind u.a. von Streitsucht geprägt. STREIT ist ein Mittel, um den anderen vom Leibe, auf Distanz zu halten. „Und wenn keine Nähe mehr möglich ist – dann gibt es Krieg.“ (S. 105)

… doch nicht nur, auf Distanz zu halten, sondern auch dem eigenen Prozess selbstverantwortlich aus dem Weg zu gehen:

Wenn ich mich mit meinem eigenen Prozeß nicht auseinandersetzen will (der mir besonders angst macht, weil ich nicht weiß, wohin er mich führt), zettle ich einen Streit mit meinem Partner an (abladen); alsbald steht dieser Streit im Mittelpunkt, und ich bin vom Umgang mit mir selbst befreit. Tatsächlich lenkt der Streit beide davon ab, die Verantwortung für ihre eigenen Prozesse zu übernehmen. Wir brauchen nur einen guten Suchtpartner (selbstbezogen), und schon wird das Spiel laufen. (S. 135)

In Suchtbeziehungen ist weder Authentizität noch Intimität möglich. Beides sind zentrale Merkmale von gesunden Beziehungen.

Sind unsere grundlegenden Beziehungen erst einmal krank, sind wir auch selbst krank. Für denmenschlichen Organismus sind Beziehungen wichtig, aber sie können uns weder unsere Identität noch unseren Eigenwert geben. Felt es uns an beidem, können wir vermutlich niht unseren Beitrag für die Entwicklung der Gesellschaft leisten; so verstanden trägt Beziehungssucht zum Verfall der Gesellschaft bei. (S. 104)

Mit fortschreitender Krankheit treten bei jedem Süchtigen bestimmte Verhaltensmuster auf wie Kontrollieren, Unehrlichkeit, Selbstbezogenheit, Perfektionismus, forderndes Verhalten, Verwirrung, Isolation und Dysfunktionalität. … Ein Süchtiger ist nicht in der Lage, irgendetwas beständig und verläßlich für sich oder die Gesellschaft zu leisten, und welcher Art seine Leistung auch sein mag, ihre Qualität wird sich verschlechtern. (S. 107)

Jede Beziehung, die sich in Form von Abhängigkeit irgendeiner Art definiert, kann nicht intim und vertraut sein. Abhängigkeit tötet Nähe. Die meisten Menschen glauben, man müsse den anderen oder die Beziehung brauchen, andernfalls würde man verlassen werden. Doch gerade dieses Brauchen kommt der Aufforderung nahe, eine Beziehung zu zerstören. Keine Beziheung wird überleben können, wenn Abhängigkeit im Spiel ist. (S. 112)

Dieses dritte Buch der „Sucht-Trilogie“ weist wie kein anderes bisher auf den Weg der „Nähe“, „gesunden Beziehungen“ und „Genesung“ (Kapitel 5 und 6). Die beiden nachfolgenden Bücher „Mein Weg der Heilung“ (1992) und „Leben im Prozess“ (1998) sind dann ganz dem Thema der Heilung gewidmet.

Eine wesentliche Grundvoraussetzung für Nähe und Intimität lautet: Wir müssen uns selbst nahe sein. Solange wir Nähe von außen erwarten, werden wir sie niemals richtig erleben und nicht fähig sein, sie mit anderen zu teilen. Wollen wir anderen Menschen nahe sein, müssen wir zunächst einmal wissen, wer wir sind, was wir fühlen, was wir denken, wo unsere Stärken liegen, was uns wichtig ist und was wir wollen. (S. 129)

Die Beziehung mit dem Selbst ist gleichzeitig eine Quelle der Zufriedenheit und Erweiterung, sie muß jedoch geduldig gepflegt werden, um sich zu entwickeln. Sie erfordert auch Zeit für sich selbst, zur Besinnung, Zeit zur Bereicherung der eigenen Spiritualität. Eine Beziehung mit dem Selbst braucht Zeit. Meiner Ansicht nach schließt sie gleichzeitig die Beziehung zu Gott oder einer höheren Macht ein, wie immer man diese auch begreifen mag. Eine aufrichtige Beziehung mit unserem inneren Prozeß bindet uns gleichzeitig an den Prozess des Universums. (S. 144)

Für den Genesungs-Prozess spielt das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker (auf die jeweilige Sucht entsprechend abgewandelt) eine große Rolle. Mir gefällt an diesem Buch von Anne Wilson Schaef sehr, dass sie ihr anfängliches Misstrauen diesem Programm gegenüber in aller Ehrlichkeit und Offenheit beschreibt. Und dann erkennt sie daran, dass wir in unserem Genesungsprozess immer auch auf WIDERSTAND (S. 152 ff.) gefasst sein müssen. Unser Suchtsystem ist heimtückisch und leistet Widerstand gegen seine Auflösung. Ein Bewusstsein für diese Mechanismen zu bekommen und sie dann auch wahrzunehmen (Wo leistet ES Widerstand gegen meine Genesung?) ist von zentraler Bedeutung.

Genesung bedeutet auch Abstinenz. Wer beziehungssüchtig ist, braucht auch eine Zeit der Abstinenz vor einer neuen Beziehung.

Abstinenz bedeutet, daß man noch nicht in der Lage ist, sich auf irgendeine echte, wirklich nahe Beziehung in der frühen Genesungsphase einzulassen; Dies ist in der Regel eine Zeit von zwei bis fünf Jahren. (S. 160)

Und?! Gibt es irgendeinen WIDERSTAND gegen diese Genesungs-Empfehlung?

Mein Fazit: Ich glaube, wir leiden am meisten unter unglücklichen Beziehungen, und wir sehnen uns am meisten nach einer liebevollen Partnerschaft. Es gibt in dieser Hinsicht unendlich viele Ratgeber. Doch kaum an anderer Stelle ist das Scheitern von Beziehungen so klar in ihren Wurzeln erfasst wie in diesem Buch von Anne Wilson Schaef. Solange wir in irgendeiner Form abhängig und süchtig sind, finden wir keine liebevolle Nähe zu uns selbst und vertrauensvolle Intimität zum anderen.

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Die Flucht vor der Nähe: Warum Liebe, die süchtig macht, keine Liebe ist

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