Manfred Ehmer: Gaia – Portrait einer Göttin

Ich habe das Buch schon vor einiger Zeit mit Begeisterung gelesen – aber irgendwie war die Rezension noch nicht dran, in den letzten Tagen war es dann doch ganz hoch gerutscht als „das Nächste“. Heute früh habe ich es noch einmal quergelesen, um es mir wieder ganz präsent zu machen. Dann wird mir bewusst, dass heute Tag der Erde ist. Na, einen besseren Tag hätte das Buch sich für die Besprechung gar nicht aussuchen können!

Das Buch hat im Grunde zwei Teile: Teil 1 geht der Namensgebung der Erde als Gottheit in den verschiedenen alten Kulturen nach, Teil 2 (ab S. 98) geht den spirituellen Naturwissenschaftlern nach, die der uralten Hochzeit von  „Himmel und Erde“ wissenschaftlich aufbereiten.

Der Autor mahnt eindringlich:

Heutzutage besteht die einzige Rettung für das Abendland in einem Globalen Bewusstseinswandel, in der Gewinnung eines kosmischen Bewusstseins, das Geist und Natur, Himmel und Erde wieder zur Einheit verbindet. Gegenwärtig, wo die Wende zum kosmischen Bewusstsein in vollem Gange ist, besinnt man sich immer mehr auf die uralten Traditionen ökologischen Denkens, die uns von den Naturvölkern und den Hochkulturen des Fernen Ostens überliefert sind. (S. 97)

Alle alten Kulturen der Menschheit verehrten „Vater Himmel“ und „Mutter Erde“. Das Kultbild der Großen Muttergöttin, der Magna Mater, ist in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit nahezu 30.000 Jahre zurück zu erkennen (in diesem Alter ist die berühmte „Venus von Willendorf„).

Noch bis in unsere jüngere Geschichte des klassischen Altertums waren der Himmelsgott Uranos der Erdgöttin Gaia gleichgestellt. Doch indem Zeus in Griechenland zum Vater aller Götter erhoben wurde, Jupiter, Juni, Mars und Apollo in Rom zu den Hauptgöttern, begannen die Vater-Religionen und die Verdrängung, Entmachtung und Verbannung der Erdgöttin. Diesen für die Menschheit verheerenden Kurs wieder zu korrigieren, ist ein Anliegen des Buches:

Die Göttlichkeit der Erde gilt es also wiederzuentdecken, und dazu mag auch dieses vorliegende Buch beitragen, das sich als ein Portrait der Göttin Gaia versteht. (S. 11)

Oder an anderer Stelle:

In dem Maße, in dem das jahrtausendealte Patriarchat zerfällt, wird eine neue Spiritualität der Erde sich Bahn brechen. Die Erde spricht! Sie mahnt die heutigen Menschen, umzukehren und abzulassen von dem sinnlosen – letzten Endes selbstzerstörerischen – Raubbau an der Natur. Die Natur muss wieder jene höhere Weihe erhalten, die ihr als geistig wirkender Organismus zukommt. (S. 20)

Das Buch geht Mutter Erde und der Erdgöttin in den verschiedenen Traditionen nach:

  • Der Magna Mater (Große Mutter) der Jungsteinzeit (vor ca. 20.000 Jahren)
  • Die altindische, vedische Frühzeit verehrte als Erdmutter die Göttin Bhu oder Bhudevi, auch Prithivi
  • Die Hymnen von Orpheus und Homer an die Allmutter Erde
  • Uranos und Gaia in der Theogonie (Gottwerdung) Hesidos; bei ihm war Chaos die eigentliche Urgöttin als Urstoff allen Lebens; aus Chaos gingen Gaia und Uranos hervor, Rhea als Tochter von Uranos und Gaia. Bei Orpheus, Homer und Hesidos ist die materialistische Urreligion Europas noch zu erkennen.
  • Demeter war bei den Griechen auch Ausdruck der „Großen Mutter“, wobei Demeter weniger für den PLANETEN Erde als die fruchtbare Erde (Humus), als ELEMENT Erde gesehen wurde. (S. 46)
  • In der altrömischen Religion war Terra Mater eine weitere Erscheinungsform von Mutter Erde
  • Bei den Phrygiern (Kleinasien, Türkei) war es die Göttin Kybele, die als Mutter Erde verehrt wurde. Der heilige Stier (!) war ihr Kulttier. Die dunkle Seite der Erdgöttin als Verschlingende, Zerstörende, Tötende kommt bei Kybele wohl am deutlichsten in unserem Kulturraum heraus. Sie erinnert an die indische Kali-Yug oder die aztekische Erdgöttin Coatlicue. (S. 55)
  • Nerthus – die Erdgöttin der Germanen
  • Ostara ist eine alte Frühjahrs und Fruchtbarkeitsgöttin der Gemanen, die zwar relativ unbekannt ist, doch dem Deutschen Ostern den Namen gegeben hat. Ostara ist auch die Lichtbringerin, an die die Osterfeuer noch erinnern.
  • Die keltische Brighid (oder Brigitte) war die Weltenmutter und Hüterin der Erde (die keltische Isis), ursprünglich Brigantia. 
  • Ukko und Akka in der altfinnischen Mythologie als Götterpaar.
  • Natura – die Erdgöttin des MIttelalters

Bei allen Erdgöttinnen ist eine Polarität von Lebens- und Fruchtbarkeits-Göttin einerseits und Todes- und Unterweltsgöttin andererseits zu erkennen. Ihr Reich ist Geburt und Tod. doch anders als bei den männlichen Kriegsgöttern, war die Erdmutter immer eine Friedensgöttin.  

Im alten China war die Geomantie viel weiter verbreitet als im Westen, Strahlung und Kräfte der Erde: Kraftlinien, Gittermuster, tellurische Kraftorte (aus der Erde hervorgehend). Geomantie war einst eine Heilige Erdwissenschaft wie die Heilige Astrologie eine Wissenschaft des Himmels.

Spirituelle Naturwissenschaft

Der Autor benennt und bespricht folgende Größen und Theorien:

  • Leonardo da Vinci
  • Johannes Kepler
  • Goethe (Die Frage ist: „Goethe oder Newton?“ S. 112)
  • Jakob Lorber („Schreibknecht des Herrn“)
  • Theosophie, der Kreis um Madame Blavatzki
  • Rudolf Steiner
  • Chakrensystem der Erde
  • Tiefenökologie als universale Vernetzungswissenschaft
  • Die Gaia-Hypothese (Ludwig Klages, Jim Lovelock und Lynn Margulis)

Gaia Sophia – das Selbst der Erde

Das ist sozusagen die „Abschluss-Hymne“ des Buches an Mutter Erde (S. 134):

Unter Gaia Sophia verstehen wir das höhere Selbst der Erde – ausgeflossen aus der ewigen himmlischen Sophia. Sie ist die ökologische Sophia, die aus der Wesensmitte zu uns spricht: Impulsgeberin eines neuen Weltzeitalters, die allein die Wiederverzauberung der Welt, eine Wiedervereinigung und Versöhnung von Männlichem und Weiblichem, Intellekt und Intuition, Logik und Mythos, Wissenschaft und Mystik zustandebringen kann. Gaia Sophia wirkt gegenwärtig im Ätherleib der Erde, und ihr Impuls zielt ab auf die Begründung echter Harmonie von Mensch, erde und Kosmos.

Das Buch ist mit diesem umfassenden Inhalt keineswegs ein Wälzer von 1.000 Seiten, sondern hat gerademal 150 Seiten. Es ist überaus konzentriert auf die Essenz, dafür um so überzeugender. Man hat in der Bibel die Rückkehr des „verlorenen Sohns“ gefeiert. Das Buch feiert die „Rückkehr der verlorenen Mutter“. Natürlich hat uns Mutter Erde nie verlassen, wir haben sie nur aus dem Bewusstsein verloren.

Es macht Hoffnung für die Zukunft der Menschheit, dass sich unser Bewusstsein wieder für die ganze Wahrheit öffnet: Gott ist ein Paar, Vater und Mutter. Erst mit der „Wiedergeburt“ von Mutter Erde nehmen wir vom Göttlichen auch die Allumfassende Liebe wieder wahr. Der Autor weist auch darauf hin, dass auch die Seele der Erde reinkarnieren kann. Die „Renaissance“ von Mutter Erde möglicherweise auch eine ganz junge Göttin, eine Neue Erde hervorbringt. Das Buch ist – im wahrsten Sinne des Wortes – eine blaue Perle. Wie lange wird es dauern, bis dies das Wissen aller Menschen wird?

 

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Beise / Schäfer: Deutschland digital

Untertitel: Unsere Antwort auf Silicon Valley

Das Buch ist von zwei Journalisten und Wirtschaftsexperten geschrieben, Wirtschaftsredakteure der Süddeutschen. Das ist ein wirklich eine Stärke, da sie den nötigen Abstand für eine globale Einschätzung haben. Herausgekommen ist ein Buch, das kein Fachwissen voraus setzt, sondern im Grunde die ganze Bevölkerung aufrütteln kann. Es setzt am gesunden Menschenverstand an, um den notwendigen „change auf mind“, den Bewusstseinswandel für das neue digitale Zeitalter durchführen zu können. Okay: Unser Wortschatz wird mit dem Buch auch „upgedatet“: Es gibt Begriffe, die wir für das neue Denken auch neu lernen müssen.

Überrascht hat mich im Buch auch, welch positive Rolle führende deutsche Politiker wie Angela Merkel oder Günter Oettinger und deutsche „Wirtschaftskapitäne“ bei dieser digitalen Veränderungen unseres Lebens schon spielen. Und: Wie viele junge Deutsche bei der ursprünglichen digitalen Revolution aus dem „Silicon Valley“ (südlich von San Francisco / Kalifornien, der Heimat der „Blumenkinder“) mitgemischt haben. Ist es ein Zufall, dass die „Digitale Revolution“ in einem der Zentren der „68er-Revolution“ in ihrer Hippie-Variante gestartet ist?

Das Buch liest sich spannend, große Macher sind interviewt, von denen der Leser über das Buch vielleicht das erste Mal überhaupt etwas hört. Das ist ja die Kunst von Journalisten, persönliche Bezüge durch „Storytelling“ herstellen zu können. Mir ist die Welt durch das Lesen des Buches irgendwie vertrauter und menschlicher geworden.

Ein neues deutsches Wirtschaftswunder?

Ist an dem deutschen Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg (Ludwig Erhard) wieder anzuknüpfen? Oder hat Deutschland (und Europa) den Zug ins digitale Zeitalter schon verpasst? Die Meinung der Autoren: Der Zug des privaten Internets ist bereits abgefahren. Google, Apple, HP, Facebook, Microsoft, Amazon, Uber, Airbnb und wie sie alle heißen, sind da nicht mehr einzuholen. Die erste Etappe hat Silicon Valley gewonnen. Doch was ist wahrscheinlicher? Dass Google das digitale Auto erschafft oder das die deutschen Autobauer ihr Produkt und Produktion digital neu erfinden?  Die Frage ist schon die Antwort. Die Autoren sehen klar die Stärken der deutschen Wirtschaft und des Mittelstandes. Und wenn hier die Digitalisierung als neue Herausforderung verstanden ist, dann kann Deutschland (und Europa) in der zweiten Runde wieder ganz vorne mitspielen: bei der digitalen Fabrik, dem „Internet der Dinge“, dem  „Internet of Everything“.

Die Autoren zitieren den Siemens-Chef Joe Kaeser (S. 34)

„Man muss das Silicon Valley nicht kopieren, aber man muss es kapieren.“

Das Buch will einen Beitrag dazu leisten.

„Disruption“ – Zusammenbruch und Neu-Aufbau

Weltmarktführer brechen zusammen, weil sie den Wandel verschlafen. Was ist aus IBM geworden? Eine kleine „Garagenfirma“ (der Mythos) hat als David (Microsoft) den Riesen Goliath (IBM) geschlagen, eine Mythos, dem wir in der heutigen Zeit heute immer wieder begegnen können: Entweder du erfindest dich für das digitale Zeitalter neu, oder du bist „weg vom Fenster“. 

„Wer sich nicht verändert, der wird verändert.“ Und das bedeutet, sich ständig neu zu erfinden.

Alle fünf Jahre, sagt er (John Chambers von Cisco, JS), habe er seine Firma neu erfunden, aber das reiche nicht mehr, jetzt müsse das alle drei Jahre sein, so schnell ticke das Silicon Valley. (S. 83)

Erfolgsfaktoren dieser neuen Zeit sind (S. 48):

  • Kreativität
  • Innovation
  • Durchsetzungskraft
  • (Förder-) Geld

Drei Wesensmerkmale dieser digitalen Revolution. Sie ist:

  • expotenziell (nicht mehr linear)
  • digital
  • vernetzt

Die große Frage ist: Werden wir es schaffen, uns digital neu zu erfinden?
Die Frage geht nicht nur an „Deutschland“, sondern jeden einzelnen.

Chance oder Fluch?

Die Autoren diskutieren das Thema durchaus ernsthaft. Wird die Maschine einst den Menschen beherrschen? Werden Maschinen die besseren Menschen sein? (S. 210) Es war einst eine kommunistische Vision, dass Maschinen den Menschen die Arbeit abnehmen. Die Digitaliserung macht es möglich!

Die Autoren sind keine bornierten Mahner, sondern halten die digitale Revolution „für etwas Gutes“. Die Autoren diskutieren sogar die alte Frage von Norbert Wiener(1948), was gefährlicher sei, der Computer oder die Atombombe. Nebenbei gemerkt: Kein Mensch der Welt wird diese Revolution aufhalten können. Es ist kein „Teufelszeug“, sondern ein Werkzeug, das so oder so genutzt werden kann. Am besten ist natürlich: Immer mehr Menschen nutzen es in dem Sinne, dass es die Demokratisierung fördert, den flexiblen Umgang mit Arbeit und Arbeitszeit, den wachsenden Wohlstand für alle.

Die digitale Revolution wird wohl mehr „Jobs“ vernichten als neue Jobs schaffen. Es wird „Verlierer“ geben. Es kommt für jeden einzelnen darauf an, sich vorzubereiten, sich ganz persönlich neu zu erfinden.

Das Buch ist für mich grundlegende Aufklärung, und ich denke, dass es nicht schwer ist, für sich selbst die Frage zu stellen: „Was bedeutet das für mich?“ Was verändere ich, um diesen Herausforderungen gewachsen zu sein.

Eines meiner spirituellen Lieblingsbücher von Neal D. Walsch („Gespräche mit Gott“) heißt: „Wenn alles sich verändert, verändere alles!“  Das gilt nicht nur für die „Nerds“ und „Disrupter“ der digitalen Revolution, sondern auch für die „Spirituellen“. Es war ja schon immer das Problem, dass „die Bösen“ die Oberhand hatten, weil „die Guten“ sich im „Nichts-Tun“ übten (…). Ich finde, es ist eine großartige Zeit, dass „die Guten“ die Chancen der digitalen Revolution verstehen und ihren Beitrag für ihre segensreiche Nutzung leisten.

Ich bin zwar weit über die reine Besprechung des Buches hinaus gegangen, doch es hat mich sehr ernsthaft angeregt, mich auch als „Spiritueller“ neu zu erfinden. DANKE den Autoren dafür.

Dräger / Müller-Eiselt: Die digitale Bildungs-Revolution

Untertitel: Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können

Die Autoren schreiben gleich im Vorwort: „Die digitale Bildungsrevolution hat bereits begonnen und wird nicht aufzuhalten sein. In Deutschland, dem Land der Reformpädagogik und des Humboldtschen Bildungsideals, ist davon allerdings noch wenig zu spüren.“ (S. 7)

Bildung gehörte in Deutschland im Grunde immer zu den konservativsten Bereichen, ziemlich reformresistent. „… Kein Wunder also, dass die digitale Bildungsrevolution bei uns noch schläft.“ (S. 29) Doch die längst diagnostizierte „Bildungskatastrophe“ (Picht) und die aus den Nähten platzende Massenabfertigung in Schule und Universität zwingen zum Umdenken. Der Bildungshunger ist da, doch die Bildungsinstitutionen kommen den Ansprüchen nicht nach.

Die Autoren sehen in der „Digitalisierung des Lernens“ eine große Chance, das Bildungsideal Humboldts „Bildung für alle“ zu realisieren. „Denn so wie die Digitalisierung binnen weniger Jahre Industrie und Handel revolutioniert hat, wird sie auch das Bildungswesen umwälzen.“ (S. 9)

Die große Chance dieser digitalen Bildungsrevolution besteht darin, dass „Zugang für alle“ und „Personalisierung für jeden“ verbunden werden können, bzw „massenhaft günstig und individuell zugeschnitten“ (S. 22)

Das Buch hat 3 Teile: a) den Auftakt, b) Szenen (Beispiele) und c) den Ausblick. Die kommentierten Beispiele, der Hauptteil des Buches S. 47 – 129, ist vollgespickt mit einzelnen Initiativen, die viel Anregung geben, hier auch selbst initiativ zu werden, sein eigenes Lernen zu überdenken und in die digitale Spur zu bringen.

Im Teil Ausblick (S. 133 – 183) weisen die Autoren durchaus darauf auf Gefahren hin: „Wenn aber Datenanalysen missbraucht werden, um die Schwächeren auszusortieren anstatt sie zu fördern, dann wird das Bildungssystem noch ungerechter, als es heut schon ist.“ (S. 148) Denn das ganze System funktioniert nur im Tauschhandel „Daten gegen Zugang zur Bildung“. Und hier ist die Politik gefordert:

Um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und zugleich unsere Kinder zu schützen. brauchen wir eine politische Debatte, verbindliche Regeln, mehr Datensouveränität statt mehr Datenschutz und eine Selbstverpflichtung aller Beteiligter. (S. 151)

Die Autoren kommen zum Schluss:  Im Bildungssektor und in der Pädagogik bleibt kein Stein auf dem anderen – und Aussitzen ist keine Lösung.

Das Buch ist ein flammender Appell der Autoren an die alte Bildungsnation Deutschland, diese Revolution nicht zu verschlafen und die alten Bildungsideale mit den Potenzialen des digitalen Zeitalters wiederzubeleben. Deutschland darf den Anschluss nicht ganz verpassen, hat im Gegenteil noch gewaltig aufzuholen.

Wie immer man zum „lebenslangen Lernen“ steht: Die digitale Bildungsrevolution ist eine große Chance für denjenigen, der sie nutzen kann – und dafür ist das Buch ein guter Wegweiser.

Klaus Schwab: Die vierte industrielle Revolution

Jeder, der sich Gedanken über die Zukunft der Gesellschaft und Menschheit macht, sollte heute über die „Grundlagen“ der vierten industriellen Revolution Bescheid wissen. Es kann einen davor grauen, was da auf uns zukommen kann. „Nie hat es eine Zeit gegeben, die so große Möglichkeiten und zugleich so große Gefahren bereithielt.“ (Klaus Schwab) Es ist auch für einen spirituellen Menschen wichtig, Licht in die Dunkelheit zu bringen, die Potenziale des Neuen im Sinne der Schöpfung zu nutzen. Für mich ist dieses Buch von Klaus Schwab eine wunderbare Einführung auch und gerade für „spirituelle Menschen“, die mehr im Himmel leben und sich mit realen gesellschaftlichen Entwicklung etwas schwer tun. Und deswegen mag ich das Buch sehr, weil es über eine wichtigen Aspekt des Wassermann-Zeitalters aufklärt.

Um kurz die „historische Einordnung“ zu klären (S. 16 – 20): die erste industrielle Revolution war der Bau von Eisenbahnen und die Erfindung der Dampfmaschinen (1760 – 1840), die Ära der mechanischen Produktion. Die zweite industrielle Revolution nutzte Elektrizität und das Fließmand. Die dritte industrielle Revolution ist die Computer- und digitale Revolution (ab der 1960er Jahre). Doch wir sind bereits schon im Übergang zur vierten industriellen Revolution, die auf der digitalen Revolution basiert. Stichworte hierbei sind: Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, intelligente Fabriken (On-Demand-Economy), Gensequenzierung, Nanotechnologie, erneuerbare Energien, Quanten-Computer. Die physische, digitale und biologische Sphäre gehen immer mehr in Wechselwirkung.

Wir müssen unsere Wirtschafts- Gesellschafts- und politischen Systeme überdenken, um sie für die Vierte Industrielle Revolution fit zu machen. (S. 20)

Zu den Triebkräften dieser Revolution zählt der Autor:

  • selbstfahrende Kraftfahrzeuge (wie Drohnen)
  • 3D-Druck (wie medizinische Implantate)
  • fortgeschrittene Robotik (eine neue Maschine-Mensch-Schnittstelle)
  • neuartige synthetische Materialen
  • das „Internet der Dinge“ (Geräte kommunizieren miteinander)
  • die Blockchain (Dezentralisierung und Entmächtigung)
  • „Big Data“ (gigantische Datenbanken)
  • Gentechnologie („Editieren von Genen“)
  • synthetische Biologie
  • „Designer-Babys“
  • rasante Weiterentwicklung der Neurowissenschaften

Wohin entwickelt sich der Mensch und WER BIN ICH?

Das alles kann Horrorvorstellungen wachrufen, für die Menschheit aber auch große Chancen bereitstellen. Das Autor weist zurecht darauf hin, dass wir immer verschärfter mit der Frage konfrontiert sind „was es bedeutet, Mensch zu sein“ (S. 41) Die Möglichkeit in Evolution und Schöpfung einzugreifen, „Antischöpfung“ zu bewirken, war noch nie so groß. In der 1. Tabelle (S. 45) des Buches nennt der Autor 20 Trends, die in den nächsten 10 Jahren realisiert sein werden von „10% der Menschen tragen Kleidung, die mit dem Internet verbunden sind“ bis „Ki-Maschinen, die im Vorstand eines Konzerns arbeiten“. Im Anhang (S. 171 – 228) werden 23 „tiefgreifende Veränderungen“ in ihren Chancen und Problemen diskutiert.

Als eine der wichtigsten Auswirkungen nennt der Autor das Empowerment: „die Ermächtigung beziehungsweise Befähigung zur Selbstbestimmung“ (S. 46) nun für einen Großteil der Menschen. Oder die Möglichkeit, „ein längeres, gesünderes und aktiveres Leben zu führen“ (S. 51) „Neue Technologien werden das Wesen der Arbeit in sämtlichen Branchen und Berufen tiefgreifend verändern.“ (S. 57) Das ist zweischneidig. Ca. 50 % der Arbeitsplätze sind durch digitale Automatisierung gefährdet. Die Automatisierung schafft weniger neue Arbeitsplätze als jede frühere industrielle Revolution mit neuen Arbeitsplätzen kompensiert hat. (Tabelle 2, S. 61)

Doch eines ist klar: Gerade die Berufe haben Zukunft, die kreativ sind. Kreativität lässt sich nicht automatisieren. Und Kreativität ist Seele.

In diesem Sinne diskutiert der Autor die jetzt schon abzusehenden Auswirkungen dieser vierten industriellen Revolution bis hin zu Cyberkriegen und einem total entmündigten Bürger. Katastrophe und Chance liegen ganz nahe beieinander, ebenso die Polarisierung von Gut und Böse nicht nur der einzelnen Gesellschaften, sondern des ganzen Globus. Eine Aussicht dieser Entwicklung könnte sein, dass die Menschheit zur egozentrischsten Gesellschaft wird, die es je gab.

Wie es weitergeht
(und warum ich das Buch dringend ans Herz lege):

Der Autor schreibt (S. 156):

Effektiv können wir diese Herausforderungen nur angehen, wenn wir die kollektive Weisheit unserer Herzen, Seelen und unseres Verstandes mobilisieren.

Um diese vierte Industrielle Revolution zu meistern, empfiehlt der Autor, die vier Haupt-Arten der Intelligenz zu kultivieren und zu praktizieren:

  • die praktische (oder kontextuelle) Intelligenz (den Verstand)
  • die emotionale Intelligenz (das Herz)
  • die spirituelle Intelligenz (die Seele)
  • die physische Intelligenz (den Körper)

Ich will den Autor vor allem zur spirituellen Intelligenz zitieren:

Abgeleitet vom lateinischen Verb spirare, atmen, bezieht sich spirituelle Intelligenz auf die fortgesetzte Suche nach Sinn und Zweck. Sie zielt auf die Förderung kreativer Impulse und darauf, Menschen ein neues kollektives und moralisches Bewusstsein auf der Grundlage eines gemeinsamen Schicksals zu vermitteln. (S. 160)
In einer Welt, in der nichts bleibt, wie es ist, wird Vertrauen zu einer der wertvollsten menschlichen Eigenschaften. (S. 161)

Zusammenfassend schreibt der Autor:

Die Vierte Industrielle Revolution kann sich für die Menschheit als Fluch oder Segen erweisen: Sie hat das Potenzial, uns zu roboterisieren und so unsere traditionellen Sinnquellen – Arbeit, Gemeinschaft, Familie, Identität – infrage zu stellen. Sie hat aber auch das Potenzial, die Menschheit auf eine neue kollektive moralische Bewusstseinsstufe zu heben, die auf der Erkenntnis unseres gemeinsamen Schicksals beruht. Es liegt an uns allen sicherzustellen, das Letzteres geschieht. (S. 166)

 

Ich glaube, dass hier vor allen „die Spirituellen“ gefordert sind, „dass Letzteres geschieht“, wenn unsere Stärke tatsächlich in unserer „spirituellen Intelligenz“ liegt.

Es wird – im polarisierenden Wassermann-Zeitalter – immer „Gute und Böse“ geben. Das gesellschaftlich Problem ist, dass „die Guten den Bösen“ das irdische Feld überlassen. Diese Entwicklung stellt die Spirituellen aber auch vor Herausforderungen, an denen sie wachsen können, um mit ihrem Bewusstsein und ihrer Ethik die Menschheit im Sinne der Schöpfung in das „Paradies auf Erden“ führen zu können.

 

 

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Fritjof Capra: Verborgene Zusammenhänge

Vernetzt denken und handeln – in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft

 

Das letzte Buch von Fritfof Capra, das ich hier bespreche, wendet seine Erkenntnisse aus einem Systemdenken des Lebens aus auf die Gesellschaft an. Das Ziel Capras ist hier, „eine einheitliche sys­temische Theorie für das Verstehen biologischer und sozialer Phänomene zu entwickeln“ (S. 100)

In der Einleitung zum Buch heißt es:

„In diesem Buch lege ich dar, wie sich das auf die Komplexitätstheorie zugrundeliegende neue Verständnis vom Leben auf den Bereich der Gesellschaft übertragen lässt.“ (S. 11) …

„Meine Ausweitung der systemischen Methode auf den Bereich der Gesellschaft schließt aus­drücklich die materielle Welt mit ein. Das ist ungewöhnlich, denn traditionellerweise interessie­ren sich Sozialwissenschaftler nicht sehr für die Welt der Materie. Unsere akademischen Disziplinen sind nun einmal so organisiert, dass sich die Naturwissenschaft mit materiellen Strukturen befasst, die Sozialwissenschaften hingegen mit sozialen Strukturen, die im Prinzip als Verhaltensregeln verstanden werden. Künftig wird diese strikte Trennung nicht mehr möglich sein …“ (S. 15 f.)

 

„Mit anderen Worten: Die Konstruktionsprinzipien unserer künftigen sozialen Organisationen müssen mit den Organisationsprinzipien vereinbar sein, die die Natur entwickelt hat, um das Lebensnetz zu erhalten. Unabdingbar ist hierfür ein einheitliches begriffliches System zum Verständnis der materiellen und sozialen Strukturen. Dieses Buch will einen ersten Entwurf für ein derartiges System liefern.“ (S. 16)

Zunächst fasst das Buch noch einmal die wesentlichen Erkenntnisse der früheren zusammen als „das Wesen von Leben“ und „Geist und Bewusstsein“. Hier sind alte Erkenntnisse z.B. noch präziser auf den Punkt gebracht. Lebenden Systemen eigen ist nicht nur die Kognition, sondern ihre Fähigkeit zum Neuen:

„Dieses spontane Entstehen von Ordnung an entscheidenden Punkten der Instabilität ist eines der wichtigsten Konzepte des neuen Verständnisses von Leben. Fachlich nennt man es Selbst­organi­sation, oft spricht man einfach von ‚Emergenz‘. Dieses Phänomen der Emergenz ist eines der Kennzeichen von Leben. Es gilt als der dynamische Ursprung von Entwicklung, Lernen und Evolution. Mit anderen Worten: Kreativität – die Erzeugung neuer Formen – ist eine Schlüssel­eigenschaft aller lebenden Systeme.“ (S. 32)

Capra sieht die Überwindung der kartesischen Trennung von Geist und Materie gekommen:

„Geist und Materie gehören nicht mehr zwei separaten Kategorien an, sondern können als zwei komplementäre Aspekte des Phänomens Leben verstanden werden – als Prozessaspekt und als Strukturaspekt. Auf allen Ebenen des Lebens, angefangen bei den einfachsten Zellen, sind Geist und Materie, Prozess und Struktur untrennbar miteinander verbunden. Zum ersten Mal haben wir eine wissenschaftliche Theorie, die Geist, Materie und Leben vereinigt.“ (S. 60 f.)

Capra unterscheidet vier Schulen der Bewusstseinsforschung (S. 67 ff.):

  1. „neuroreduktionistisch“ (Geist = Neurowissenschaften)
  2. „funktionalistisch“ (Geist sogar im Sinne künstlicher Intelligenz)
  3. „mystisch“ (Geist als nicht erkennbares Mysterium)
  4. „neurophänomenologisch“ (Gehirnphysiologie und bewusstes Erleben sind gleichberechtigt und wechselseitig voneinander abhängig)

Ich will hier Capras Kritik an der mystischen Sicht des Bewusstseins ausführlich darlegen:

„Weniger bekannt ist eine kleine Schule von Philosophen, die sich ‚Mystiker‘ nennen. Sie behaupten, das Bewusstsein sei ein tiefes Mysterium, das von der menschlichen Intelligenz aufgrund von deren immanenten Grenzen nie zu ergründen sei. Diese Grenzen wurzeln, aus ihrer Sicht, in einer nicht reduzierbaren Dualität, die sich als die klassische kartesianische Dualität von Geist und Materie erweist. Während uns die Introspektion nichts über das Gehirn als physikalisches Objekt vermittle, könne uns das Studium der Gehirnstruktur keinen Zugang zum bewussten Erleben verschaffen. Da die Mystiker das Bewusstsein nicht als Prozess betrachten und das Wesen eines emergenten Phänomens nicht erkennen, sind sie nicht in der Lage, die kartesianische Kluft zu überbrücken, und gelangen zu der Schlussfolgerung, dass das Wesen des Bewusstseins für immer ein Mysterium bleiben werde.“ (S. 69)

Trotz dieser Kritik an der mystischen Sichtweise des Bewusstseins als „Mysterium“, fasst Capra die Einführungskapitel zusammen nach der Frage der Spiritualität des Lebens.

„Da die Atmung in der Tat ein zentraler Aspekt des Stoffwechselprozesses bei allen Lebens­formen – außer den einfachsten – ist, ist der Atem des Lebens offenbar eine vollkommene Metapher für das Netzwerk von Stoffwechselprozessen, das das definierte Merkmal aller lebenden Systeme ist. Geist – der Atem des Lebens – ist das, was wir mit allen Lebewesen gemeinsam haben. Er nährt uns und hält uns am Leben.“ (S. 97 f.)

 

„Ja, wir gehören dem Universum an, wir sind darin zu Hause, und die Erfahrung des Zugehörigseins kann unser Leben zutiefst sinnvoll machen.“ (S. 99)

Capra bringt den An-Satz seiner Synthese in einen Satz und in die Darstellung eines Dreiecks:

 „Wenn wir lebende Systeme aus der Perspektive der Form untersuchen, stellen wir fest, dass ihr Organisationsmuster ein selbsterzeugendes Netzwerkmuster ist. Aus der Perspektive der Materie ist die materielle Struktur eines lebenden Systems eine dissipative Struktur, d.h.- ein offenes System fern vom Gleichgewicht. Aus der Prozessperspektive schließlich sind lebende Systeme kognitive Systeme, bei denen der Kognitionsprozess eng mit dem Muster der Auto­poise verknüpft ist. Dies ist, kurz gesagt, meine Synthese des neuen wissenschaftlichen Verständnisses vom Leben.
In der Darstellung unten habe ich die drei Betrachtungsweisen als Punkte in einem Dreieck wiedergegeben, um hervorzuheben, dass sie auf grundlegende Weise miteinander verbunden sind. Die Form des Organisationsmusters lässt sich nur erkennen, wenn sie in Materie ver­körpert ist, und in lebenden Systemen ist diese Verkörperung ein fortlaufender Prozess. Somit muss ein vollständiges Verstehen irgendeines biologischen Phänomens alle drei Perspektiven umfassen.“ (S. 101)

„Wenn wir versuchen, das neue Verständnis des Lebens auf den Bereich der Gesellschaft zu übertragen, stoßen wir auf eine verwirrende Vielzahl von Phänomenen – Verhaltensregeln, Werte, Intentionen, Ziele, Strategien, Konstruktionen, Machtverhältnisse, – die in der nicht­mensch­­lichen Welt größtenteils keine Rolle spielen, aber für das Sozialleben des Menschen von wesentlicher Bedeutung sind.“ (S. 103)

Doch mit diesem Übergang zur Selbstrefelexion und Kultur in der menschlichen Gesellschaft erhält das „Dreieck des Lebens“ eine vierte Dimension:

„Sozialwissenschaftler bezeichnen dies oft als die ‚hermeneutische‘ * Dimension, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass in der menschlichen Sprache, die ihrem Wesen nach symbolisch ist, die Sinnvermittlung von zentraler Bedeutung ist und dass menschliches Handeln aus dem Sinn hervorgeht, den wir unserer Umwelt zuschreiben.
Folgleich behaupte ich, dass sich das systemische Verständnis des Lebens auf den soztialen Bereich ausdehnen lässt, indem man den anderen drei Betrachtungsweisen des Lebens die Perspektive von Sinn hinzufügt. Dabei verwende ich ‚Sinn‘ als Kürzel für die Innenwelt des reflexiven Bewusstseins, die eine Vielzahl von miteinander zusammenhängenden Merkmalen aufweist. Ein vollständiges Verständnis sozialer Phänomene muss daher die Integration von vier Perspektiven umfassen – das Studium von Form, Materie, Prozess und Sinn. (S. 104)

Capra-Fußnote: * Vom griechischen hermeneuein = erklären, auslegen

Capra entwickelt diese Begriffe weiter für ein Verständnis von Kultur und Technik.

Das Buch geht im Teil II ein auf die „Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ mit vielen Ideen für ein nachhaltiges Wirtschaften statt der kurzfristigen Profitorientierung des Globalen Kapitalismus.

Sehr lesenswert ist der Epilog „Die nachhaltige Welt“. Es gibt zwei Trends, die auf Kollisionskurs sind: „Das Ziel der globalen Wirtschaft ist die Maximierung von Reichtum und Macht ihrer Eliten – das Ziel des Ökodesigns ist die Optimierung der Nachhaltigkeit des Lebensnetzes.“ (S. 338)

„Der sogenannte ‚globale Markt‘ ist eigentlich ein Netzwerk von Maschinen, die nach dem Grundprinzip programmiert sind, dass das Geldverdienen den Vorrang vor Menschenrechten, Demokratie, Umweltschutz oder irgendeinem anderen Welt haben sollte.“ (S. 338)

 

„In der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft geht der zentrale Wert des Geldverdienens Hand in Hand mit der Verherrlichung des materiellen Konsums. Ein nicht enden wollender Strom von Werbebotschaften verstärkt die Wahnvorstellung der Menschen, die Anhäufung materiel­ler Güter sei der Königsweg zum Glück, der wahre Sinn unseres Lebens.“ (S. 339)

 

„Diese Verherrlichung des materiellen Konsums hat tief reichende ideologische Wurzeln, die über Wirtschaft und Politik hinausgehen. Seine Ursprünge liegen offenbar in der universellen Verbindung von Männlichkeit und materiellem Besitz in den patriarchalischen Kulturen.“
(S. 340)

Auch in diesem Wahn nach materiellem Besitz erkennt Capra das patriarchalische Weltbild und seine Verwurzelung in unserem Konsumverhalten. Er wiederholt seine Hoffnung, dass die „Erlösung“ aus diesem Paradigma und Wirtschaftsmuster in der feministischen und ökologischen Bewegung liegt.

„Unter den vielen basisdemokratischen Bewegungen, die sich heute um einen gesellschaft­lichen Wandel bemühen, befürworten die feministische und die ökologische Bewegung den tiefgrei­fend­sten Wertewandel, Erstere durch eine Neudefinition der Geschlechterbeziehungen, Letztere durch eine Neudefinition der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Beide können erheblich zur Überwindung unserer Besessenheit vom materiellen Konsum beitragen.“
(S. 341 f.)

 

„Dementsprechend sucht feministisches Bewusstsein Erfüllung in nährenden Beziehungen und nicht in Anhäufung materieller Güter. Die Ökologiebewegung gelangt zur gleichen Position auf einem anderen Weg. Ökologisches Bewusstsein erfordert systemisches Denken – ein Denken in Beziehungen, Zusammenhängen, Mustern und Prozessen –, und Ökodesigner befürworten den Übergang von einer Güterwirtschaft zu einer Dienstleistung-und-Fluss-Wirtschaft. In einer solchen Wirtschaft zirkuliert die Materie ständig, so dass der reine Konsum von Rohstoffen drastisch reduziert wird.“ (S. 342)

Auch in diesem Buch geht es Fritjof Capra ausschließlich um Geist, Kognition und Bewusstsein, nicht um die Seele. Umso schöner sein Schlussabsatz des Buches, in dem er Václav Havel zitiert, dem tsche­chischer Dramatiker, Essayist, Menschenrechtler und Politiker:

„Die Hoffnung, an die ich oft denke …, verstehe ich vor allem als einen Geisteszustand, nicht als einen Zustand der Welt. Entweder haben wir Hoffnung in uns, oder wir haben keine Hoffnung – sie  ist eine Dimension der Seele und im Grunde nicht von einer bestimmten Beobachtung der Welt oder einer Einschätzung der Lage abhängig … [Hoffnung] ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgehen wird, sondern die Gewissheit, dass etwas sinnvoll ist, egal wie es ausgeht.“ (S. 345)

 

Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Konsequenz Fritjof Capra sein Lebenswerk über 30 Jahre vom „Tao der Physik“ (1975) über „Verborgene Zusammenhänge“ (2002) hinaus verfolgt hat. Jedes Buch ist ein Meilenstein der Analyse, der Vision und der konkreten politischen  Programme weiter auf dem Weg der Umkehr, der Wende, des Neubeginns für eine meschliche Kultur. Längst geht es nicht mehr darum, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität zu bauen, sondern das globale Leben wieder einer auf eine nachhaltige Welt auszurichten. Capra ist nicht nur ein Mahner und Visionär, sondern auch ein Prophet und Wissenschaftler, wie wir viele seiner Art brauchen.

 

Capra: Verborgene Zusammenhänge: Vernetzt denken und handeln – in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft (Klick)

 

Fritjof Capra: Lebensnetz

Ein neues Verständnis der lebendigen Welt

Das Buch „Lebensnetz“ ist das Hauptwerk Fritjof Capras, in dem er seine „Capra-Synthese“ erstmals vorstellt. Mit seinen vier Büchern zur „Wendezeit“ hat er jetzt selbst das „Neue Paradigma“ erstellt: ein System des Lebens von der Philosophie, über die Wissenschaft bis zur Wirtschaft und Politik. Es geht vor allem der Frage nach: „Was ist Leben?“. Capra hat mit seiner Synthese ein neues Paradigma erstellt, das er „Tiefenökologie“ nennt, eine „Theorie lebendiger Systeme“. Sein neues Paradigma der Tiefenökologie enthält die Schlüsselbegriffe „chaotische Attraktoren, Fraktale, dissipative Strukturen, Selbstorganisation und autopoietische Netzwerke“ (S. 10)

„Bisher hat allerdings noch niemand eine umfassende Synthese entwickelt, die alle diese Entdeckungen in einen schlüssigen Zusammenhang stellt, um sie damit auch einem Laien­publikum zu erschließen. Genau diesem Anspruch soll das vorliegende Buch gerecht werden.“ (S. 10) „Ja, die Synthese der aktuellen Theorien und Modelle, die ich hier zur Diskussion stelle, versteht sich als Entwurf einer jetzt entstehenden Theorie lebender Systeme, die ein einheit­liches Bild von Geist, Materie und Leben vermittelt.“ (S. 11)

Auch dieses Buch stellt als kulturellen Kontext eine allgemeine kulturelle Krise in der Welt dar, die höchst alarmierend ist und die Gefahr der Selbstzerstörung der Menschheit herauf beschwört, es ist letztlich die Krise des Patriarchats, das diesen Planeten vielleicht 4.000 Jahre schon beherrscht.

„Um diesen kulturellen Wandel analysieren zu können, habe ich Kuhns Definition eines wissenschaftlichen Paradigmas zu einer eines sozialen Paradigmas verallgemeinert, nach meiner Definition ‚eine Konstellation von Begriffen, Werten, Wahrnehmungen und Praktiken, die eine Gemeinschaft miteinander gemeinsam hat und die eine besondere Sicht der Realität bildet, welche die Art und Weise zugrunde liegt, wie sich die Gesellschaft selbst organisiert‘. Jenes Paradigma, das heute schwindet, hat unsere Kultur über mehrere Jahrtausende beherrscht …“ (S. 18)

Wollen wir uns die wesentlichen Elemente des neuen Paradigmas etwas genauer anschauen:

„Das neue Paradigma kann man als ganzheitliches Weltbild bezeichnen, weil es die Welt als integrales Ganzes sieht statt als unverbundene Ansammlung von Teilen. Dieses Weltbild entspricht auch der ökologischen Sichtweise, sofern der Begriff „ökologisch“ in einem viel umfassenderen und tieferen Sinne als allgemein üblich verwendet wird. (S. 19)

Tiefenökologie grenzt sich von der „seichten“ Ökologie ab, die anthropozentrisch ist und den Menschen in den Mittelpunkt stellt, in der die Natur nur einen instrumentellen Wert, einen „Nützlichkeitwert“ hat.

„Die Tiefenökologie dagegen sieht weder der Mensch noch irgend etwas anderes als von der natürlichen Umwelt getrennt. … Sie betrachten den Menschen gleichsam als einen Faden im Netz des Lebens. Letzten Endes ist tiefenökologisches Bewusstsein ein spirituelles oder religiöses Bewusstsein. Wenn der Begriff Spiritualität einen Bewusstseinszustand meint, in dem der einzelne Mensch ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Verbundenheit mit dem Kosmos als Ganzem empfindet, dann wird klar, daß ökologisches Bewusstsein seinem tiefsten Wesen nach spirituell ist.“ (S. 20)

Neben der Tiefenökologie sieht Capra zwei weitere Schulen als „wichtige Aspekte des ökologischen Paradigmas an“: Sozialökologie und Ökofeminismus. Weltweit wandeln sich die Werte von den Yang-orientierten Werten der Selbstbehauptung zu den Yin-orientierten Werten der Integration, einem ausgeglichenen Denk- und Wertesystem, einschließlich einer tiefenökologischen Ethik.

„Damit schließt dieser Paradigmenwechsel einen Wechsel der sozialen Organisation ein, und zwar von Hierarchien zu Netzwerken.“ (S. 23)

Der Entscheidende Wechsel des neuen Paradigmas ist „der Wechsel von der Physik zu den Lebenswissenschaften“ (S. 26): Nicht die Physik, sondern das Leben ist das wahre Zentrum.

Das Buch entfaltet diese „Capra-Synthese“, der wir im Einzelnen hier nicht nachgehen müssen:

Wie beantwortet Capra die Frage, was Leben ist?

„Meine These lautet: Heute beginnt sich eine Theorie lebender Systeme abzuzeichnen, die sich im philosophischen Rahmen der Tiefenökologie bewegt, sich einer geeigneten mathematischen Sprache bedient und ein nichtmechanisches, postkartesianisches Verständnis des Lebens ver­mittelt.“ (S. 181)

Neben MUSTER und STRUKTUR haben lebende Systeme haben Stoffwechsel- und einen Ent­wicklungs­prozess, sind also auch durch ihren PROZESS charakterisiert. Damit stellt Capra drei Schlüsselkriterien für ein lebendes System heraus (S. 185):

  • Organisationsmuster (die Anordnung der Beziehungen, die die wesentlichen Merkmale
    des Systems festlegen)
  • Struktur (die materielle Verkörperung des Organisationsmusters des Systems)
  • Lebensprozeß (die in der kontinuierlichen Verkörperung des Organisationsmusters
    des Systems stattfindende Aktivität)

„Nach der Theorie lebender Systeme ist der Geist nicht ein Ding, sondern ein Prozeß – der eigent­liche Prozeß des Lebens. Mit anderen Worten: Die organische Aktivität lebender Systeme ist auf allen Ebenen des Lebens eine geistige Aktivität.“ (S. 198)
„Der neue Begriff der Kognition, des Erkenntnisprozesses, ist daher viel allgemeiner als der des Denkens. Er umfaßt Wahrnehmung, Gefühl und Handeln – also den gesamten Prozeß des Lebens.“ (S. 200 f.)
„Das Gehirn ist eine spezifische Struktur, durch die dieser Prozess wirkt. Die Beziehung zwischen Geist und Gehirn ist daher eine Beziehung zwischen Prozeß und Struktur.“ (S. 201)

Capras zitiert Prigogine: „Heutzutage sind die Welten, die wir draußen sehen, in Begriff zu kon­vergieren. Diese Konvergenz zweier Welten ist vielleicht eine der bedeutsamsten Vorgänge unseres Zeitalters.“ (S. 221)

Capra weist auf die beiden grundsätzlich unterschiedlichen Arten lebender Systeme hin:

„Organismen und menschliche Gesellschaften sind daher zwei ganz verschiedene Arten lebender Systeme. Totalitäre Regime schränken die Autonomie ihrer Mitglieder oft stark ein, sie entper­sönlichen und entwürdigen Menschen. Daher funktionieren faschistische Gesellschaften eher wie Organismen, und es ist kein Zufall, daß Diktaturen für die Gesellschaft gerne die Metapher eines lebenden Organismus (‚Volkskörper‘) benutzen.“ (S. 240)

 

„Die Biologin und Philosophin Gail Fleischaker hat die Eigenschaften eines autopoietischen Netzwerkes in drei Kategorien zusammen gefaßt: Das System muss selbstbegrenzt, selbst­erzeugend und selbsterhaltend sein. Selbestbegrenzt bedeutet, daß die Ausdehnung des Systems durch eine Grenze bestimmt wird, die ein integraler Teil des Netzwerkes ist. Selbsterzeugend bedeutet, daß alle Komponenten, auch die der Grenze, durch Prozesse im Netzwerk erzeugt werden. Und selbsterhaltend bedeutet, daß die Produktionsprozesse zeitlich fortdauern, so daß alle Komponenten ständig durch die Systemprozesse der Transformation ersetzt werden.“ (S. 237)

Capra prüft seine Synthese an der „Entfaltung des Lebens“: „Wie fruchtbar die entstehende Theorie lebender Systeme werden kann, zeigt sich an dem damit verbundenen neuen Verständnis der Evolution.“ (S. 253) Hierbei diskutiert Capra vor allem das Phänomen der Kreativität:

„Demnach ist die treibende Kraft der Evolution nicht in den beliebigen Vorgängen von Zufalls­mutation zu finden, sondern in der dem Leben selbst innewohnende Tendenz, Neues zu schaffen.“ (S. 259)

Gerade diese Kreativität kommt im Menschen ganz besonders zum Vorschein.

„Das bedeutet nichts anderes, als daß ein richtiges Verständnis der Evolution des Menschen nicht möglich ist, wenn man die Entwicklung von Sprache, Kunst und Kultur nicht kennt. Mit anderen Worten: Wir müssen uns nun dem Geist und dem Bewußtsein zuwenden, der dritten begrifflichen Dimension der systemischen Anschauung vom Leben.“ (S. 299)

An dieser Stelle kommt Capra auch auf die SEELE zu sprechen. 

„Die Gleichsetzung von Geist oder Kognition mit dem Prozeß des Lebens ist eine radikal neue Vorstellung in der Wissenschaft, aber sie ist auch eine der tiefsten und archaischen Intuitionen der Menschheit. In allen Zeiten wurde der menschliche Verstand nur als ein Aspekt der im­materiellen Seele oder des Geistes angesehen. Nicht zwischen Körper und Verstand wurde ein grundlegender Unterschied gemacht, sondern zwischen Körper und Seele oder Körper und Geist. Während die Differenzierung zwischen Seele und Geist fließend war und im Laufe der Zeit schwankte, vereinten beide in sich ursprünglich zwei Begriffe: die Lebenskraft und die Tätigkeit des Bewusstseins.
In alten Sprachen werden diese Gedanken durch die Metapher vom Atem des Lebens ausge­drückt. Ja, in ihnen können die etymologischen Wurzeln von ‚Seele‘ und ‚Geist‘ soviel wie ‚Atem‘ bedeuten. Die Wörter für ‚Seele‘ im Sanskrit (atman), im Griechischen (pneuma) und im Latei­nischen (anima) bedeuten alle auch ‚Atem‘. Das gilt auch für das Wort ‚Geist‘ im Latei­nischen (spiritus), im Griechischen (psyche) und im Hebräischen (ruah). Auch sie bedeuten ‚Atem‘.
Hinter all diesen Wörtern steht dieselbe uralte Intuition, daß die Seele oder der Geist der Atem des Lebens ist.“ (S. 300)

Capra differenziert hier (leider) nicht weiter zwischen Geist und Seele. Beides ist „Atem des Lebens“, manchmal wird das Seelische und dann wieder das Geistige betont. Diese pauschale Gleich­setzung wird Capra beibehalten. Es ist verständlich, da es ihm vor allem darum geht, Leben und KOGNITION zu integrieren als „radikal neue Vorstellung in der Wissenschaft“.

„Auf einer bestimmten Komplexitätsebene koppelt sich ein lebender Organismus strukturell nicht nur an seine Umgebung, sondern auch an sich selbst, und damit bringt er nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Welt hervor. Beim Menschen ist die Hervorbringung einer derartigen Innenwelt aufs engste mit Sprache, Denken und Bewußtsein verbunden.“ (S. 306)

SEELE ist sicherlich auch eine innere Welt. Doch erst bedarf es der Sprache und der Wahrnehmung, um sich diese Welt zu erschließen.

Das größte Problem des alten, kartesianischen Paradigmas ist, dass wir scheinbar feste Orientierung und Objekte einer real existierenden Wirklichkeit brauchen, alles andere löst eine fundamentale,
ex­istentielle Angst aus. Wir sind autonome Wesen, können unser wahres Wesen aber nicht „in uns“ finden. Es ist kein Objekt in uns, auf das wir uns zubewegen können. Wir sind auf der Suche nach etwas, was durch Suchen nicht zu finden ist. Das kartesianische Weltbild will uns vor dieser Existenz­angst bewahren, indem es uns eine „kontrollierbare“ Außen- und Innenwelt voller Objekte, Gesetze, Verlässlichkeiten vorgaukelt.

„Um unsere kartesianische Angst zu überwinden, müssen wir systemisch denken, unsere Begriffliche Aufmerksamkeit also von Objekten zu Beziehungen verlagern.“ (S. 335)

Wir müssen umschalten von „Einzelwesen“ zu Beziehungen. Das entscheidende ist nicht der/die/das Einzelne, sondern die Beziehungen im Netz. Das NETZ ist das LEBEN.

„Damit wir unsere ganze Menschlichkeit wiedergewinnen, müssen wir die Erfahrung unserer Verbundenheit mit dem gesamten Lebensnetz wiedergewinnen. Dieses Wiederverbinden – auf lateinisch religio – ist die wahrhaft spirituelle Bedeutung der Tiefenökologie.“ (S. 335)

Das betrifft nicht nur die Menschheit als Familie, sondern die Menschheit als Kind von Mutter Erde – mit unseren Geschwistern im Tier- und Pflanzenreich.

„Dies sind also einige der Grundprinzipien der Ökologie: wechselseitige Abhängigkeit, Re­cycling, Partnerschaft, Flexibilität, Vielfalt und, aus alldem folgend, ökologische Nachhaltigkeit. Während sich unser Jahrhundert zu Ende neigt und wir dem Beginn eines neuen Jahrtausends entgegengehen, wird das Überleben der Menschheit von unserem ökonomischen Bewusstsein abhängen – von unserer Fähigkeit, diese Prinzipien der Ökologie zu verstehen und unser Leben entsprechend auszurichten.“ (S. 351)

Capra wird im Epilog des Buches „Ökologisches Bewusstsein“ zum Mahner und Propheten:

„Sich wieder ins Lebensnetz einzubinden – das heißt vor allem: Gemeinwesen zu bilden und zu pflegen, die sich am Prinzip der ökologischen Nachhaltigkeit ausrichten. … Wir müssen sozu­sagen unseren ökologischen Analphabetismus überwinden und ökologisch bewußt werden. …
Die in diesem Buch dargelegte Theorie lebender Systeme bietet einen begrifflichen und gedank­lichen Rahmen, um die Verkopplung ökologischer und menschlicher Gemeinschaften zu erken­nen.“ (S. 343)

Der Gedanke ist regelrecht abenteuerlich, die gesellschaftlichen Organisations-Strukturen zu Organ-Strukturen zu transformieren, die in der Natur ihr Vorbild finden. Organisationen und Institute können so immer mehr aus „Management-Maschinen“ zu wirklich organisch wachsenden Strukturen werden. Das Buch zeigt bereits in die Richtung von „Change-Management“, aus dem Machbarkeits­wahn der reinen Markt-Gesetze heraus zu kommen, um Partnerschaftssysteme zu entwickeln. Letztlich geht es um Ko-Evolution im weitesten Sinne des Wortes.

„Partnerschaft also – die Neigung, sich zu assoziieren, Verbindungen zu errichten, ineinander zu leben und zu kooperieren – das ist ein herausragendes Kennzeichen von Leben.“ (S. 347)

„Für die Wirtschaft stehen Wettbewerb, Expansion und Beherrschung im Vordergrund – die Ökologie legt Wert auf Kooperation, Erhaltung und Partnerschaft.“ (S. 348)

Die Natur existiert schon Jahrmilliarden und hat große existentielle Krisen überstanden. Ihre Stärke liegt nicht in der „Monokultur“, sondern ihrer Vielfalt, ihrer Flexibilität.

„Das Lebensnetz ist ein flexibles, ständig fluktuierendes Netzwerk. Je mehr Variablen stetigen Schwankungen unterworfen sind, desto dynamischer der System, desto größer seine Flexibili­tät, sich verändernder Bedingungen anzupassen. … Mangel an Flexibilität äußert sich als Streß. … Vorübergehender Streß ist ein wichtiger Aspekt des Lebens, aber anhaltender Streß ist für das System schädlich und zerstörerisch. … Wenn man versucht, irgendeine einzelne Variable zu maximieren statt sie zu optimieren, wird dies unweigerlich die Zerstörung des gesamten Systems zur Folge haben.“ (S. 349) „Je komplexer das Netzwerk ist, desto komplexer ist das Muster der wechselseitigen Verknüpf­ungen, und desto unverwüstlicher wird es sein.“ (S. 350)

Capra ist nicht nur ein Theoretiker des „Paradigmenwechsels“. Es hat diese „Wendezeit“ bis in alle Einzelheiten durchdacht – von der Rolle der Quantenphysik, der chinesischen Philosophie des Tao und des Yin-Yang als Alternative zum westlichen Dualismus, der „Wendezeit“ in allen Bereichen des Lebens bis hin zu Theologie, Politik, Wirtschaft und Management. Er hat eine neue Systemtheorie der Tiefenökologie entwickelt, damit wir wieder (auch im mystischen Sinne) EINS werden mit der Natur und der Schöpfung „um uns herum“ und „Mitten durch uns“.

„Während sich unser Jahrhundert dem Ende zuneigt und wir dem Beginn eines neuen Jahr­tausends entgegengehen, wird das Überleben der Menschheit von unserem ökologischen Bewußtsein abhängen – von unserer Fähigkeit, diese Prinzipien der Ökologie zu verstehen und unser Leben entsprechend auszurichten.“ (S. 351)

Eines der Grundfragen von Philosophie und Wissenschaft ist die Frage nach dem, was LEBEN ist. Capras Antwort: Das Leben ist ein Netz, bei dem alles von allem abhängig ist.

Es ist aber nicht nur eine philosophische Frage. Es ist eine Frage, die wir als Menschheit lösen müssen, um die tiefe Krise überwinden zu können.

Letztendlich ist unsere Wirtschaft und Politik lebensfeindlich und nicht nur für uns als Menschheit selbstzerstörerisch. Wir gefährden die Natur und den Planeten selbst. Die Frage, was LEBEN ist, ist eine Über-Lebens-Frage der Menschheit geworden, damit wir uns wieder in das große Lebensnetz einordnen können.

 

 

Fritjof Capra:  Lebensnetz. Ein neues Verständnis der lebendigen Welt (Klick)

Fritjof Capra: Wendezeit im Chrsitentum

im Dialog mit David Steindl-Rast und Thomas Matus:
Perspektiven für eine aufgeklärte Theologie

Aus der kreativen Phase „Wendezeit“ bei Capra ist dieses Buch besonders interessant. Es ist ein Dialog von Fritjof Capra zusammen mit den Benediktiner-Mönchen David Steindl-Rast und Thomas Matus. Die Gespräche finden 1985 im Ensalen-Institut in Kalifornien statt.

Capra stellt das Neu Denken in der Naturwissenschaft mit 5 entscheidenden Kriterien dar, Pater Steindl-Rast und Matus stellen fest, dass dieses Neue Denken auch in der aufgeklärten Theologie Einzug gehalten hat.

Fritjof Capra sieht die Wende des Neuen Denkens in der Naturwissenschaft so:

„Das alte naturwissenschaftliche Paradigma kann man als kartesianisch, newtonsch oder baconsch bezeichnen, da seine Haupteigenschaften von Descartes, Newton und Bacon formuliert wurden. Das neue Paradigma kann man ganzheitlich, ökologisch oder systemisch nennen, wobei keines dieser Adjektive es vollständig charakterisiert. Das neue Denken in der Naturwissenschaft umfasst die nachstehenden fünf Kriterien, deren erste beiden sich auf die Sicht der Natur, die anderen drei auf die Epistemologie beziehen.“ (S. 12)

Thomas Matus und David Steindl-Rast paraphrasieren:

„Das alte theologische Paradigma kann man als rationalistisch, manualistisch (lehrbuchhaft) oder positiv-scholastisch bezeichnen, da seine Haupteigenschaften in theologischen Hand­büchern auf der Grundlage scholastischer, schriftlich überlieferter Beweistexte formuliert wurden. Das neue Paradigma kann man ganzheitlich, ökumenisch oder transzendental-thomistisch nennen, wobei keines dieser Adjektive es vollständig charakterisiert. Das neue Denken in der Theologie umfasst die nachstehenden fünf Kriterien, deren erste beiden sich auf unsere Anschauung von der göttlichen Offenbarung, die drei anderen auf unsere theologische Methodologie beziehen.“ (S. 12)

Diese fünf Kriterien, wie sie im Buch später S. 121 – 230 ausführlich diskutiert werden, sind:

  1. Wechsel vom Teil zum Ganzen (Capra)
    Wechsel von Gott als Offenbarer der Wahrheit zur Wirklichkeit als Gottes Selbstoffenbarung (Matus, Steindl-Rast)
  2. Wechsel von der Struktur zum Prozeß (Capra)
    Wechsel von der Offenbarung als zeitloser Wahrheit zur Offenbarung als historische Manifestation (Matus, Steindl-Rast)
  3. Wechsel von der objektiven zur „epistemischen“ Naturwissenschaft (Capra)
    Wechsel von der Theologie als objektiver Wissenschaft zur Theologie als Prozeß des Erkennens (Matus, Steindl-Rast)
  4. Wechsel vom Gedankengebäude zum Netzwerk als Metapher des Erkennens
    (Capra und Matus, Steindl-Rast)
  5. Wechsel von der Wahrheit zu annähernden Beschreibungen (Capra)
    Verlagerung des Schwerpunkts von theologischen Feststellungen zu göttlichen Mysterien (Matus, Steindl-Rast)

Einige Wissenschaftler haben den Dialog mit spirituellen Meistern schon gesucht wie David Bohm mit Jiddu Krishnamurti, Rupert Sheldrake mit Matthew Fox. Dieses Buch des Dialoges ist ein weiterer Höhepunkt, Theologie mit Naturwissenschaft nach Jahrhunderten der Trennung wieder zu ver­binden.

David Steindl-Rast:

„Die Theologie und die Naturwissenschaft sind wie zwei Korken, die auf derselben Welle schwingen. Die Welle könnte das kollektive Bewusstsein, die Kultur, der Zeitgeist oder so etwas Ähnliches sein. Dieses kollektive Bewusstsein erlebt jetzt einen Paradigmenwechsel. Das halte ich für unsere gemeinsame Basis. Sie manifestiert sich in der Naturwissenschaft und in der Theologie. … Wir können das als eine integrierende Beschäftigung mit derselben Wirklichkeit bezeichnen. Die Naturwissenschaft und die Theologie wären dann interagierende Annäher­ungen an dieselbe Wirklichkeit – nämlich an menschliche Erfahrung. Im Volksmund sagt man, die Naturwissenschaft fragt nach dem ‚Wie‘ und die Theologie nach dem ‚Warum‘.“ (S. 34 f.)

Das Buch diskutiert die großen theologischen Themen wie Glaube, Ethik, Rituale, Offenbarung, „Reich Gottes“, Dreifaltigkeit, christliche Liebe, Auferstehung, die Rolle von Jesus als dem kosmi­schen Christus, zu dem auch Buddhisten und Hindus immer mehr Zugang finden. Capra weist darauf hin, dass der ursprünglich von Thomas Kuhn für die Naturwissenschaft entwickelte Begriff des Para­digmenwechsels jetzt einen umfassenden Sinn bekommen hat, der das Soziale und die Theologie mit einbeziehe.

Capras Begriff des „neuen Paradigmas“ hat in seiner Breite nun nicht nur die Theologie erreicht, sondern greift in seiner Tiefe bis hin zu den Wurzeln des Patriarchats:

„Das alte Paradigma hat meiner Ansicht nach zwei Wurzeln. Die eine ist die mechanische Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts, wie sie von Galilei, Descartes, Newton, Bacon und deren Zeitgenossen entwickelt wurde. Die andere ist das patriarchalische Wertesystem, das sich natürlich aus noch älteren patriarchalischen Verhaltensweisen, Verhaltensmustern und Anschauungen ableitet. Beide sind eng miteinander verbunden.“ (S. 101)

 

„Aus diesem Grund handelt es sich bei dem neuen Paradigma um eine neue Denkweise und zugleich um eine neue Art von Spiritualität.“ (S. 102 f.)

Thomas Matus unterstützt diese Sicht noch umfassender:

„Das neue Paradigma entwickelt keine Spiritualität, die dann auch einige soziale Implikationen hat. Es vertritt vielmehr die Anschauung, Spiritualität sei wesenhaft und unvermeidlich sozial. Wir sind ‚spirituell‘: das heißt, wir sind mit Gott verbunden, in Gemeinschaft mit anderen oder überhaupt nicht. Und diese ‚anderen‘ sind nicht nur  die anderen unserer Religion, sondern letztlich die gesamte menschliche Familie. Das ist die älteste aller christlichen Paradigmen. …“
(S. 246)

Auch die anderen Dialog-Teilnehmer verweisen darauf, dass das „neue Paradigma“ Wurzeln auch in ganz alter Tradition hat.

Pater David Steidl-Rast weist darauf auf die Verwandtschaft von ökologischem und ökumenischen Denken hin:

„Ich möchte noch auf eine interessante Parallele hinweisen. Wie Sie ‚ökologisch‘ sagen, sprechen wir von ‚ökumenisch‘. Das ist kein bloßes Spiel mit Worten, sonern eine tiefe Wahrheit, daß wir in beiden Fällen die Intuition eines die ganze Erde umfassenden Haushalts haben – weil die Wurzel beider Ausdrücke das griechische Wort oikos, ‚das Haus‘ ist. (S. 103)…
‚Ökumenisch‘ und ‚ökologisch‘ sind irgendwie abstrakt, nicht richtig greifbare Begriffe. In dem Augenblick jedoch, in dem man ‚Haushalt der Erde‘ sagt, hat man etwas Handfestes.“ (S. 104)

Beide Seiten betonen am Ende des Dialogs, dass sowohl das tiefenökologische Gewahrsein wie die Schöpfung als Offenbarung des Göttlichen im wahrsten Sinne spirituell sind. Beides läuft auf eine „mystische Erfahrung“ hinaus, dessen Mysterium nicht mehr in Worte zu beschreiben ist.

Besonders wichtig ist den Dialogpartner herauszustellen, dass es im Paradigma der Neuen Zeit vor allem darum geht, eine nachhaltige Gesellschaft zu schaffen, so wie Lester Brown es definiert hat:

„Eine ökologisch tragfähige Gesellschaft ist eine, die ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Zukunftschancen künftiger Generationen zu vermindern.“ (S. 235)

Im Schlussteil diskutieren die Dialog-Teilnehmer noch ein paar spezielle Fragen wie die der „Befrei­ungs­theologie“, Macht und Verantwortung, die Illusion der Wertefreiheit der Wissenschaft  oder die Rolle des „New Age“.

Capra: „Ich definiere die New-Age-Bewegung als besondere Manifestation des gesellschaft­lichen Paradigmenwechsels, eine Manifestation, die in den 1970er Jahren in Kalifornien ihre Blüte erlebte und in der ursprünglichen Form nicht mehr existiert. Es war damals eine beson­dere Konstellation von Anliegen, Interessen und Themen – die Bewegung zur Entfaltung des menschlichen Potenzials, der ganze Bereich der humanistischen  Psychologie, das Interesse für Spiritualität und für okkulte, paranormale Phänomene sowie die Bewegung für ganzheitliche Gesundheit. Ich würde sagen, alles das zusammen macht die New-Age-Bewegung aus. Was sie im negativen Sinne charakterisierte, war das praktisch völlige Fehlen eines gesellschaftlichen und politischen Bewusstseins. …, war bei der New-Age-Bewegung weder ökologisches noch soziales Bewusstseins anzutreffen. Ganz zu schweigen von feministischen Bewusstsein. All das fehlte der New-Age-Bewegung. (S. 253)

Pater Steidl-Rast will bei allen Bedenken auf den Begriff des „New Age“ nicht verzichten:

„Dennoch ist es schade, diesen bedeutenden Begriff einer vergangenen Periode zu überlassen. Die gute Botschaft ruft eigentlich stets nach einem neuen Zeitalter. …
Ich würde sagen, die AHP (Association of Humanistic Psychology) hat ein New-Age-Bewußt­sein, ein voll entwickeltes New-Age-Bewußtsein. Und in diesem Sinne kann man diesen Ausdruck ‚New Age‘ erneut verwenden.“ (S. 254)

Mir gefällt dieses Buch besonders gut, da es auch für das Christentum eine „Wendezeit“, die Zeit für eine „aufgeklärte Theologie“ weist. Das Christentum hat für die existentielle Krise der Menschheit eine besondere Verantwortung – auch für die Überwindung der Krise. Das Buch greift auch die Mystik des Christentums wieder auf.

Capra, Steindl-Rast:  Wendezeit im Christentum: Perspektiven für eine aufgeklärte Theologie (Klick)

Fritjof Capra: „Das Neue Denken“

Aufbruch zum Neuen Bewusstsein

Untertitel: Das Entstehen eines ganzheitlichen Weltbildes im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Mystik. 

In diesem Buch geht Capra seinen vielen Begegnungen mit führenden Personen einer neuen gesell­schaftlichen Bewegung nach, Gespräche, die seine beiden Weltbestseller „Das Tao der Physik“ und „Wendezeit“ begleitet haben.

In diesem Buch reflektiert er sozusagen sich selbst als „subjektiver Faktor“, ein Thema, das er bisher herausgelassen hatte. Das Buch gibt „Wendezeit“ zweifellos noch eine ganz besondere persönliche und gesellschaftliche Tiefe.

„Am Ende (nach zweieinhalb Jahren Niederschrift der „Wendezeit“, JS) war ich zutiefst befriedigt. Aufbauend auf der Hilfe, Inspiration und dem Rat bemerkenswerter Frauen und Männer war es mir gelungen, in einem einzigen Band einen historischen Überblick über das alte Paradigma von Naturwissenschaft und Gesellschaft zu präsentieren, sowie eine umfassende Kritik seiner begrifflichen Grenzen und eine Synthese der aufkommenden neuen Sicht der Wirklichkeit zu formulieren.“ (S. 335)

Zu den Begegnungen gehören: Heisenberg, Alan Watts, Krishnamurti, Geoffrey Chew, David Bohm, Gregory Batson, Stanislav Grof und Ronald D. Laing, Carl Simonton, Margaret Lock, Manfred Porkert, E. F. Schumacher, Germaine Greer, Carolyn Merchant, Adriane Rich, Charlene Spretnak, Hazel Handerson, Indira Ghandi.

Fritjof Copra hat seine „Wendezeit“ nicht nur im Kontakt zu führenden Kräften in den einzelnen Bereichen der gesellschaftlichen Bewegungen in Amerika entwickelt, sondern diese auch inspiriert. Auffallend deutlich ist sein intensiver Kontakt zu Führerinnen der Frauenbewegung.

„Blicke ich heute auf die Zeit zurück, dann zeigt sich, daß ich während der vergangenen fünf­zehn Jahre beharrlich ein einziges Thema verfolgt habe – den gegenwärtigen fundamen­talen Wandel der Weltanschauung in unserer Wissenschaft und Gesellschaft, die Entfaltung einer neuen Sicht der Wirklichkeit sowie die gesellschaftlichen Implikationen dieses kulturellen Wandels.“ (S. 8)

Capra bekennt offen seine Sympathie der weltweiten grünen Bewegung gegenüber, zu dessen „Chefideologe“ er – mit allem Respekt! – geworden ist.

„Die weltweit Grüne Bewegung ist das eindrucksvollste Zeichen entsprechender politischen Aktivität in den achtziger Jahren, die man vielleicht einmal das Jahrzehnt der Grünen Politik bezeichnen wird.“ (S. 10)

 

Die weitgehend marxistisch orientierte europäische Studentenbewegung war nicht imstande, während der sechziger Jahre ihre Visionen in die Wirklichkeit umzusetzen. Doch wurden ihre sozialen Themen während des drauf folgenden Jahrzehnts, in dem viele ihrer Anhänger einen tiefgreifenden persönlichen Wandel erlebten, weiter in der Öffentlichkeit diskutiert. Unter dem Einfluß der beiden Hauptbewegungen der siebziger Jahre, der feministischen und der ökolo­gi­schen Bewegung, erweiterten diese Angehörigen der Neuen Linken ihren Horizont, ohne ihr gesellschaftliches Bewusstsein zu verlieren, und am Ende der siebziger Jahre begannen sie, sich den neugebildeten europäischen Grünen Parteien anzuschließen.“ (S. 23)


Dieses klare politische Statement von Fritjof Capra ist wichtig, weil es für ihn auch eine Zäsur gegenüber der „New-Age-Esoterik“ bedeutete. Seine „Wendezeit“ ist auch eine politische. Er wird das New Age kritisieren, weil es zumindest in Kalifornien unpolitisch geblieben ist. Der „Para­dig­men­­wechsel“ von Fritjof Capra war konsequent bis in die Politik hinein. Er hat sich offen zur Politik der Grünen bekannt und  schrieb zu Charlene Spretnaks Buch „Die Grünen“ (1984) ein sehr ausführliches Vorwort für die weitgehende Überarbeitung des amerikanischen Originals für den deutschsprachigen Raum.

 

 

Fritjof Capra: Das Neue Denken: Die Entstehung eines ganzheitlichen Weltbildes im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Mystik (Klick)

Fritjof Capra: Wendezeit

Paradigmenwechsel, der Wechsel der Weltansicht

 

In diesem Buch von Fritjof Capra geht es um einen „Paradigmenwechsel“, eine „Wendezeit“ wirklich epochaler Art, im Grunde vom Patriarchat zu einer ökologischen und lebensbejahenden Gesellschaft. Es ist eine tiefgreifende kulturelle und soziale Revolution, die der neolithischen Revolution vor über 10.000 Jahren gleich kommt, bei der die Menschheit sesshaft geworden ist. Das Buch ist ein Programm von 500 Seiten, das dieser „Wendezeit“ in allen wesentlichen Bereichen der menschlichen Gesellschaft nachspürt: Lebenswissenschaft, alternative Medizin, Neue Psychologie, Wirtschaftswissenschaft und eine Energiewende zur nachhaltigen Energieversorgung.

Genau betrachtet ist sozusagen das globale Programm der GRÜNEN: Feminismus, Ökologie, Frieden, Heilung auf allen Ebenen, Übergang zum Solarzeitalter. Das Buch ist von Capra „den Frauen in meinem Leben gewidmet“.

„Es fehlt uns also ein neues ‚Paradigma‘ * – eine neue Sicht der Wirklichkeit; unser Denken, unsere Wahrnehmungsweise und unsere Wertvorstellungen müssen sich grundlegend wandeln.“ (S. 10)
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Fußnote bei Capra: * Aus dem griechischen paradigma = „Modell“, „Muster“

Capra erweitert die „Krise der Physik“ um die „gesamtgesellschaftliche Krise“:

„Die Grundthese dieses Buches ist, daß all das nur verschiedene Facetten ein und derselben Krise sind und daß es sich dabei im Wesentlichen um eine Krise der Wahrnehmung handelt. …
Der Ernst und das weltumfassende Ausmaß unserer gegenwärtigen Krise deutet darauf hin, daß dieser Wandel wahrscheinlich zu einer Umgestaltung von beispiellosen Dimensionen führen wird, einem Wendepunkt für unseren Planeten in seiner Gesamtheit.“ (S. 10 f.)

Er erweitert jetzt seine Philosophie des Tao um den harmonischen Tanz von Yin und Yang, um sich aus dem dualistischen Denken des westlichen Abendlandes zu befreien.

„Für die chinesische Philosophie war die Wirklichkeit, deren innerstes Wesen sie Tao nannten, ein Prozess kontinuierlichen Fließens und Wandelns. … Alle Entwicklungen in der Natur – die physischen ebenso wie die psychischen und die gesellschaftlichen – laufen zyklisch ab. Die Chinesen gaben dieser Idee durch Einführung der polaren Gegensätze Yin und Yang eine definitive Struktur, wobei die beiden Pole den Zyklen des Wandels Grenzen setzen. ‚Nachdem das Yang seinen Gipfel erreicht, zieht es sich zugunsten des Yin zurück; hat das Yin einen Gipfel erreicht, zieht es sich zugunsten des Yang zurück.‘
Aus chinesischer Sicht entstehen alle Manifestationen des Tao aus den dynamischen Wechsel­spielen der beiden archetypischen Pole, die mit vielen Erscheinungsbildern von Gegensätzen in der Natur und im gesellschaftlichen Leben assoziiert werden.“ (S. 32)

„Die Yin/Yang-Terminologie ist besonders nützlich, wenn man ein kulturelles Ungleichgewicht umfassend analysiert, und zwar auf der Grundlage einer ökologischen Anschauung, die man im Sinne der allgemeinen Systemtheorie auch Systemschau nennen könnte. Für die Systemtheorie sind alle Phänomene in der Welt miteinander verbunden und voneinander abhängig. Innerhalb dieser Lehre, nennt man ein integriertes Ganzes, dessen Eigenschaften nicht mehr auf die seiner Teile reduziert werden können, ein System. Lebende Organismen, Gesellschaften und Öko­systeme – sie alle sind Systeme. Es ist faszinierend zu sehen, daß die alte chinesische Vor­stellung von Yin und Yang  auf eine wesentliche Eigenschaft von Natursystemen bezogen ist, mit der sich die abendländische Wissenschaft erst seit kurzem befasst.“ (S. 40 f.)

 

„Arthur Koestler hat das Wort ‚Holonen‘ geprägt für diese Untersysteme, die zugleich Ganzes und Teil sind. Er hat betont, daß jedes Holon zwei entgegengesetzte Tendenzen verfolgt: Eine integrierende Tendenz möchte als Teil des größeren Ganzen fungieren, während eine Tendenz zur Selbstbehauptung die individuelle Autonomie zu bewahren bestrebt. … Diese beiden Ten­denzen sind gegensätzlich und doch komplementär. In einem gesunden System … halten sich Integration und Selbstbehauptung im Gleichgewicht.“ (S. 41)

Zusammenfassend:

„Die chinesischen Weisen scheinen die grundlegende Polarität erkannt zu haben, welche lebendige Systeme kennzeichnet. Selbstbehauptung erreicht man durch Yang-Verhalten, wenn man fordernd, aggressiv, wettbewerbs- und nach außen orientiert ist, und – soweit es sich um menschliches Verhalten handelt – durch Anwendung linearen, analytischen Denkens. Integration wird gefördert durch Yin-Verhalten; dann ist man empfangend, kooperativ, intuitiv und umweltbewusst. Sowohl Yin also auch Yang sind für harmonische gesellschaftliche und ökologische Beziehungen notwendig.“ (S. 42)

Nach diesem ersten Teil, der den Dualismus des  alten Denkens ersetzt durch das eher organische Prinzip des Yin-Yang beschreibt Capra im zweiten Teil des Buches die beiden Paradigmen: Das Para­digma der Newtonschen Weltmaschine und das Paradigma der neuen Physik. Capra fasst zusammen, „daß die moderne Physik die mechanische kartesianische Weltanschauung überwunden hat und uns zu einer ganzheitlichen und zutiefst dynamischen Auffassung vom Univer­sum führt. Das Weltbild der modernen Physik ist ein Systembild …. Wenn wir nunmehr die Metapher von der Welt als Maschine hinter uns lassen, müssen wir auch den Gedanken aufgeben, die Physik sei die Grundlage aller Natur­wissenschaften.“ (S. 103)

Der dritte Teil des Buches untersucht, wie das katesianische Paradigma die Natur- und Gesellschafts­wissenschaften beeinflusst hat, insbesondere in der Biologie, der Medizin, der Psychologie und den Wirtschaftswissenschaften. Dieser 3. Teil endet in der Kritik des zügellosen Wachstums.

„Je eingehender wir die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit studieren, desto klarer erkennen wir, daß die mechanische Weltanschauung und das mit ihr verbundene Wertesystem Technologien, Institutionen und Lebensweisen geschaffen haben, die zutiefst ungesund sind.“ (S. 288)

Er setzt vor allem auf eine neue Gesundheitsbewegung auf allen Ebenen des Lebens, indem die Menschen sich der Selbstverantwortung der eigenen Gesundheit bewusst werden.

„Die sich langsam entfaltende neue Kultur hat ein Weltbild, daß zwar noch diskutiert und
er­forscht wird, das eines Tages aber ganz gewiß ein neues Paradigma hervorbringen wird, mit der Bestimmung, die kartesianische Weltanschauung in unserer Gesellschaft abzulösen.“ (S. 289)

Im vierten und letzten Teil des Buches entwickelt Capra „die neue Sicht der Wirklichkeit“, insbe­sondere ein „Systembild des Lebens“ (S. 293 – 339). Ich lese diese knapp 50 Seite wie eine sehr kompakte Einführung in biologische Systemtheorie und stelle sie ausführlicher dar.

Dieser Abschnitt im Buch „Wendezeit“ ist schon der Keim der neuen System-Theorie des Lebens von Capra. In seinem Buch „Lebensnetz“ wird er es 14 Jahre später zur Entfaltung bringen:

„Die neue Sicht der Wirklichkeit … beruht auf der Erkenntnis, daß alle Phänomene – physi­kalische, biologische, psychische, gesellschaftliche und kulturelle – grundsätzlich miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Sie transzendiert die gegenwärtigen disziplinären und begrifflichen Grenzen und wird in neuen Institutionen zur Anwendung kommen.“ (S. 293)

Er entwirft in diesem Teil die Grundlagen eines Systemdenken des Lebens, das einen grund­sätzlichen Unterschied zwischen Maschinen und Organismen macht: „Maschinen werden gebaut, während Organismen wachsen“. (S. 296)

In der Sicht des Lebens als System arbeitet er Grundbegriffe auf wie:

  • Selbstorganisation
  • Selbsterneuerung
  • Selbst-Transzendenz
  • Geschlossene und offene Systeme
  • Kybernetik
  • Metabolismus
  • Dynamische Stabilität
  • Dissipative Strukturen (Prigogine)
  • Zunehmende Komplexität
  • Homöostase
  • Organismus – Umwelt
  • Symbiosen
  • 3 Arten der Anpassung an die Umwelt: temporär, somatisch, genotypisch
  • Wachsende Flexibilität
  • Biosphäre als „integriertes Gewebe von lebenden und nichtlebenden Formen“ (S. 304)
  • Das Systemkonzept der geschichteten Ordnung (Organismus – Organsysteme – Organe – Gewebe – Zellen), dargestellt als System-Baum
  • „Der Tod ist also nicht das Gegenteil von Leben, sondern ein wesentlicher Aspekt des Lebens.“ (S. 313) … durch die ständige Selbsterneuerung komplexerer Strukturen
  • „Ohne Sex gäbe es keine Vielfalt, ohne Tod keine Individualität.“ (S. 314)

Das führt zu der „Frage nach dem Platz des Menschen in der lebenden Welt“ (S. 314). Capra führt hier schon die Gaia-Hypothese von James Lovelock und Lynn Margulis an: die Erde selbst ist ein lebender Organismus. Zu den entscheidenden Kriterien des Lebens gehören Systemeigenschaften wie:

  • Selbstbehauptung als Organismus und Integration in Höheres
  • Anpassung und Kreativität (Neues, das nicht unter Anpassungsdruck entsteht)
  • Ko-Evolution von Organismus und Umwelt
  • Freiheit der Auswahl am Entscheidungspunkt

Capra fasst zusammen,

„… daß Evolution im Grunde offen und unbestimmt ist. Sie hat kein vorgegebenes Ziel oder Zweck, und doch ist ein Entwicklungsmuster erkennbar. Die Einzelheiten des Musters sind wegen der Autonomie, die lebenden Systeme in ihrer Evolution wie in anderen Aspekten ihrer Organisation besitzen unvorhersagbar. In der Systemschau wird der Prozeß der Evolution nicht vom ‚blinden Zufall‘ beherrscht, sondern stellt die Entfaltung einer Ordnung und Komplexität dar, die man als eine Art Lernprozeß mit Autonomie und Freiheit der Wahl ansehen kann.“
(S. 319)

Ich will hier die große Bedeutung des Lernens für die Evolution bei Capra extra noch einmal heraus stellen, weil dies keinesfalls selbstverständlich ist. Evolution ist kein „kosmisches Würfelspiel“, und wir erinnern uns an die bekannten Worte Einsteins: „Gott würfelt nicht.“

Capra diskutiert in diesem Teil auch das Auftreten von Geist und Bewusstsein in der Evolution, Denken, Lernen und Gedächtnis. Er orientiert sich dabei vor allem an Gregory Bateson: Geist sei „eine wesentliche Eigenschaft lebender Systeme“ (S. 322)

 „Aus der modernen System-Perspektive können wir sagen, daß Geisttätigkeit als Dynamik der Selbstorganisation die Organisation aller Funktionen darstellt und damit eine Meta-Funktion ist.“ (S. 323)

Er unterscheidet dabei auch „mehrere geistige Ebenen“: „So gibt es im Organismus verschiedene Ebenen ‚metabolischer‘ Geistestätigkeit bei Zellen, Geweben und Organen; außerdem gibt es die ‚neutrale‘ Geisttätigkeit des Gehirns, die je nach den verschiedenen Phasen der menschlichen Evolution wiederum mehrere Ebenen aufweist.“ (S. 323 f.)

Er zitiert Erich Jantsch: „Gott ist nicht der Schöpfer, sondern der Geist des Universums.“ (S. 324)
Das Buch von Erich Jantsch „Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist“ (1979 – 1992) bezeichnet er als das große Vorbild für seine spätere Synthese. Sein Werk sei
im Grunde eine Fortsetzung des Werkes von Erich Jantsch.

Wichtig ist, wie Capra nun das „Psychische“ definiert, als Ausdruck des Geistes, nicht der Seele:

„Die Gesamtheit des menschlichen Geistes mit seinen bewussten und unbewussten Bereichen werde ich mit Jung ‚Psyche‘ nennen.“ (S. 329)

Dazu gehören auch „kollektiver Geist, kollektives Bewusstsein, kollektives Unterbewusstes. „Schließ­lich kann man die Begriffe eines planetaren und eines kosmischen Geistes mit planetarischen und kosmischen Ebenen des Bewusstseins assoziieren.“ (S. 329)

„Wir sollten daher nicht erwarten, daß die Naturwissenschaft im gegenwärtigen Stadium die mystische Ansicht von Bewusstsein bestätigen oder widerlegen kann. Dennoch scheint das System­bild des Geistes in vollkommener Übereinstimmung mit der naturwissenschaftlichen wie der mystischen Auffassung von Bewußtsein zu stehen und ergibt somit einen idealen Rahmen für die Vereinigung beider Auffassungen.“ (S. 330)

Capra diskutiert weiter die „menschliche Natur“ „nicht nur ihre physischen und kulturellen Manifestationen, sondern auch ihre gesellschaftlichen und kulturellen Manifestationen“ (S. 331)
und kommt zu dem Schluss:

„Deshalb lassen sich biologische und kulturelle Eigenarten der menschlichen Natur nicht von­einander trennen. Die Menschheit entstand durch den Prozess des Schaffens von Kultur, und sie braucht diese Kultur für ihr Überleben und ihre weitere Evolution.
Die menschliche Evolution schreitet also fort durch das Zusammenspiel der inneren und äußeren Welt, von Individuen und Gemeinschaften, von Natur und Kultur.“ (S. 331)

In der Diskussion über die Struktur des menschlichen Gehirns arbeitet Capra noch eine bedeutende Kategorie aus, „die Idee des Rhythmus“:

„Vorgang und Stabilität lassen sich jedoch nur vereinbaren, wenn die Vorgänge rhythmischen Strukturen folgen – Fluktuationen, Schwingungen, Vibrationen, Wellen. Die neue System-Biologie zeigt, daß Fluktuationen für die Selbstorganisations-Dynamik von entscheidender Bedeutung sind. Sie sind die Grundlage der Ordnung in der lebenden Welt: Geordnete Strukturen entstehen aus rhythmischen Mustern.“ (S. 333)

 

„Die Wirklichkeit um uns herum ist ein andauernder rhythmischer Tanz, und unsere Sinne über­setzen einige seiner Vibrationen in Frequenzstrukturen, die vom Gehirn verarbeitet werden können.“ (S. 334 f.) „In seltenen Augenblicken haben wir das Gefühl, in Resonanz mit dem ganzen Universum zu sein.“ (S. 336)

In den drei letzten Kapiteln erweitert Capra diese neue Sichtweise auf das Feld von ganzheitlicher Gesundheit, der „neuen Psychologie“ (Jung, Maslow, Wilber, Grof, R.D. Laing)

„Eines der umfassenden Systeme zur Integration verschiedener psychologischer Schulen ist die von Ken Wilber vorgeschlagene Spektrum-Psychologie.“ (S. 415)

 

„Die Modelle von Wilber und von Grof deuten darauf hin, daß das letzte Begreifen des menschlichen Bewusstseins Worte und Vorstellungen überschreitet. Daraus folgt die bedeutsame Frage, ob es überhaupt möglich ist, wissenschaftliche Feststellungen über das Wesen des Bewusstseins zu treffen. Da das Bewusstsein zudem von zentraler Bedeutung für die Psychologie ist, ergibt sich die Frage, ob die Psychologie überhaupt als Wissenschaft anzusehen ist. Die Antwort hängt offensichtlich davon ab, wie man Wissenschaft definiert.“ (S. 421)

 

Das Buch vermittelt eine neue Weltsicht, die uns befreien kann von kurzfristigem, egozentrischen Denken (der Krankheit unserer Zeit) zum nachhaltigen, ganzheitlichen Denken. Es bedeutet vor allem, nicht auf Kosten der folgenden Generationen zu leben, sondern ihre Lebensgrundlagen zu erhalten, worauf sie aufbauen können. Letztlich geht es – ohne dass Capra darauf schon zu sprechen kommt, um die Erhaltung der Schöpfung. Das Buch weist den Weg auf der vielleicht größten Krise der Menschheit. Eine solche „Wendezeit“ ist not-wendig, um die Zukunft der Menschheit in Frieden und Wohlstand zu sichern.

 

 

Fritjof Capra:
Wendezeit: Bausteine für ein neues Weltbild (Klick)

Fritjof Capra: Das Tao der Physik

Konvergenz, aber keine Synthese


Capras Buch erschien 1975 zum ersten Mal. Es ist ein Kultbuch und Bestseller zugleich. Noch heute wird dieses Buch nachgedruckt. Es formuliert klassisch die Verbindung von neuer Physik und Spiritualität oder „westlicher Wissenschaft mit östlicher Philosophie“, womit die östliche Mystik gemeint ist.

Das Bestreben Fritjof Capras in seinem ersten Buch (Das Tao der Physik) war es eigentlich, das schlechte Image der Physik (Bau der Atombombe, Völkermord von Hiroshima und Nagasaki, Atom­kraftwerke) wieder aufzuhellen. Die eigentlich „Kernkraft“ der neuen Physik sei im Grunde nicht zerstörerisch, sondern mystisch. In den Worten von Capra:

„Dieses Buch will das ‚Image‘ der Wissenschaft verbessern, indem es zeigt, dass eine essentielle Harmonie zwischen dem Geist östlicher Weisheit und westlicher Naturwissenschaft existiert. Es versucht aufzudecken, daß die Physik weit über die reine Technik hinausgeht, daß der Weg – oder das Tao – der Physik ein Weg mit Herz sein kann, ein Weg zu geistigen Einsichten und zur Selbstverwirklichung.“ (S. 22)

Sehr schön ist auch seine Darstellung, was Physik eigentlich bedeute:

„Die Wurzeln der Physik, wie die aller westlicher Wissenschaften, reichen bis in die erste Periode der griechischen Philosophie in sechsten Jahrhundert v. Chr. zurück, in einer Kultur, in der Naturwissenschaften, Philosophie und Religion noch nicht getrennt waren. Die Weisen der Milesischen Schule in Ionien [1] kannten diese Unterschiede nicht, ihr Ziel war die Entdeckung des Urgrunds oder der Urbeschaffenheit der Dinge, die sie ‚Physis‘ nannten. Der Begriff ‚Physik‘ ist von diesem griechischen Wort abgeleitet und bedeutet daher ursprünglich das Bemühen, den Ursprung aller Dinge zu erkennen.“ (S. 16) / [1] Hinweis von JS: Thales von Milet, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Heraklid

Noch einmal: Physik ist eigentlich das Bemühen, den Ursprung aller Dinge zu erkennen!

Carpra verfolgt auf wenigen Seiten die Entzweiung der griechischen Philosophie von der Einheit aus Naturwissenschaft, Philosophie und Religion zum schon ursprünglichen Dualismus der griechischen Philosophie in einer Philosophie des SEINS (Parmenides) und WERDENS (Heraklit). Bei den griechi­schen Atomisten (das Atom sei die kleinste unteilbare Einheit der Materie) des Leukipp und Demokrit sei die erste klare Trennung zwischen Geist und Materie gezogen worden – bis dann zu Descartes:

„Die Cartesianische Trennung erlaubte den Wissenschaftlern, die Materie als tot und völlig von ihnen selbst getrennt zu behandeln, und die stoffliche Welt als eine Ansammlung verschie­dener, in einer gewaltigen Maschine zusammengesetzter Objekte zu sehen. Dieser mechani­schen Weltbetrachtung hing Isaac Newton an, der seine Mechanik auf dieser Basis entwickelte und zur Grundlage der klassischen Physik machte.“ (S. 19)

Die Wurzeln der Trennung von Geist und Materie, Leib und Seele sieht Capra schon in der griechi­schen Philosophie angelegt. Zu Aristoteles (dem Begründer der materialistischen Wissenschaft in der Antike) schreibt Capra noch „entschuldigend“: „Aber Aristoteles selbst glaubte, daß Fragen der mensch­lichen Seele und das Nachdenken über die Vollkommenheit Gottes viel wertvoller seien als die Erforschung der materiellen Welt.“ (S. 18)

Capra stellt in dem Kapitel „Wissen und Sehen“ die entscheidende Frage,

„… wie man eine exakte Wissenschaft einerseits, ausgedrückt in der hochkomplizierten Sprache der modernen Mathematik, und geistige Disziplinen andererseits, die hauptsächlich auf Medi­tation beruhen und behaupten, daß ihre Einsichten durch Worte nicht übermittelt werden können, überhaupt miteinander vergleichen kann.“ (S. 23)

Kann also die „exakte Wissenschaft“ mit mystischer Erfahrung verbunden werden?

„In der Tat glauben viele Mathematiker, daß die Mathematik nicht bloß eine Sprache ist zur Beschreibung der Natur, sondern in der Natur selbst enthalten sei. Der Begründer dieses Glaubens war Pythagoras, der die berühmte Behauptung aufstellte: ‚Alle Dinge sind Zahlen‘, und der eine sehr spezielle Art von mathematischer Mystik entwickelte.“ (S. 30)

 

„Die feste Gründung des Wissens auf der Erfahrung in der östlichen Mystik hat eine Parallele in der Gründung des naturwissenschaftlichen Wissens auf dem Experiment. Diese Parallele wird weiter verstärkt durch die Art der mystischen Erfahrung. Diese wird in den östlichen Traditionen als direkte Einsicht beschrieben, die außerhalb des Reiches des Intellekts liegt und eher durch Schauen als durch Denken erlangt wird, durch Selbstversenkung, durch Beobachtung.“ (S. 32)

 

„Östliche Mystik beruht auf direkten Einsichten in das Wesen der Wirklichkeit, und Physik beruht auf der wissenschaftlich-experimentellen Beobachtung von Naturphänomenen. In beiden Bereichen werden die Beobachtungen dann interpretiert, und die Interpretation wird nachher häufig mit Hilfe von Worten vermittelt. Da Worte immer nur eine abstrakte, annähernde Landkarte der Wirklichkeit sind, müssen die verbalen Interpretationen eines wissenschaftlichen Experiments oder einer mystischen Erfahrung notwendigerweise ungenau und unvollständig sein. Moderne Physiker und östliche Mystiker sind sich dieser Tatsache wohl bewußt.“ (S. 38)

 

„Wenn immer die östlichen Mystiker ihr Wissen in Worte ausdrücken – mithilfe von Mythen, Symbolen, poetischen Bildern oder paradoxen Sprüchen –, sind sie sich der von Sprache und ‚linearem‘ Denken auferlegten Begrenzungen bewußt. Die moderne Physik nimmt heute in bezug auf ihre verbalen Modelle und Theorien genau die gleiche Haltung ein.“ (S. 42)

Capra stellt dann einige Parallelen zwischen dem Weg der Physik „mit Herz“ und dem Weg der östlichen Mystik dar wie

  • die Einheit aller Dinge
  • das Jenseits der Gegensätze
  • das dynamische Universum, den kosmischen Tanz
  • Raum-Zeit und Leere-Form

Im Kapitel „Gegenseitige Durchdringung“ schreibt Capra:

„Die Hauptrichtungen der östlichen Mystik stimmen also mit den Ansichten der Bootstrap-Philosophie überein, daß das Universum ein miteinander verknüpftes Ganzes ist, in dem kein Teil fundamentaler ist als der andere, so daß die Eigenschaften jedes Teils von denen aller anderen bestimmt werden.“ (S. 292)

Bei aller „Konvergenz“ zwischen „westlicher Wissenschaft und östlicher Philosophie“ sieht Capra keine Möglichkeit, dass Mystik und Wissenschaft zu einer Synthese kommen.

„Im täglichen Leben sind also beide, die mechanische und die organische Ansicht vom Universum, gültig und nützlich; die eine für Wissenschaft und Technik, die andere für ein ausgeglichenes und erfülltes spirituelles Leben.“  (S. 304)

 

„So kommen der Mystiker und der Physiker zu derselben Schlussfolgerung, der eine ausgehend vom Reich des Inneren, der andere von der äußeren Welt. Die Harmonie zwischen ihren Ansichten bestätigt die alte indische Weisheit, daß Brahman, die letzte äußere Realität, mit Atman, der inneren Realität, identisch ist.“ (S. 305)

 

„Ich sehe Wissenschaft und Mystik als zwei sich ergänzende Manifestationen des menschlichen Geistes, seiner rationalen und seiner intuitiven Fähigkeiten. Die moderne Physik erfährt die Welt durch eine extreme Spezialisierung des rationalen Verstandes, die Mystik durch extreme Schärfung des intuitiven Sinnes. Die beiden Ansätze sind ganz verschieden und umfassen weit mehr als eine bestimmte Anschauung von der physikalischen Welt. Sie sind jedoch ‚komplemen­tär‘, wie wir in der Physik sagen. Keine von ihnen ist in der anderen enthalten, noch kann eine auf die andere zurückgeführt werden, aber beide sind notwendig und ergänzen sich für ein vollständiges Begreifen der Welt. Um ein altes chinesisches Sprichwort abzuwandeln: Mystiker verstehen die Wurzeln des Tao, aber nicht seine Zweige; Wissenschaftler verstehen seine Zweige, aber nicht seine Wurzeln. Die Wissenschaft braucht die Mystik nicht und die Mystik nicht die Wissenschaft, aber der Mensch braucht beides. Mystische Erfahrung ist nötig, um das Wesen der Dinge zu begreifen, und Wissenschaft ist für das moderne Leben unerläßlich. Wir brauchen daher keine Synthese, sondern ein dynamisches Zusammenspiel der mystischen Intuition und der wissenschaftlichen Analyse.“ (S. 306 f.)

 

Das Buch von Fritjof Capra ist zweifellos der Klassiker, um Neue Physik – überhaupt Wissenschaft – und Spiritualität und Mystik miteinander zu verbinden, ein epochaler Brückenbau sozusagen, auch ein Brückenbau zwischen dem mystischen OSTEN und dem wissenschaftlichen WESTEN.  Capra ist ein Durchbruch gelungen, der viele Nachahmer gefunden hat. Das Buch ist und bleibt der Klassiker mit einer Klarheit klassischer Erkenntnisse. Auch wenn es bereits 1975 erschienen ist, ist es als visionäres Buch immer noch aktuell und richtungsweisend. Es hat im gewissen Sinne ein neues Kapitel in der Geschichte der menschlichen Kultur aufgeschlagen.

 

Das Tao der Physik: Die Konvergenz von westlicher Wissenschaft und östlicher Philosophie

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