Fritjof Capra: Das Tao der Physik

Konvergenz, aber keine Synthese


Capras Buch erschien 1975 zum ersten Mal. Es ist ein Kultbuch und Bestseller zugleich. Noch heute wird dieses Buch nachgedruckt. Es formuliert klassisch die Verbindung von neuer Physik und Spiritualität oder „westlicher Wissenschaft mit östlicher Philosophie“, womit die östliche Mystik gemeint ist.

Das Bestreben Fritjof Capras in seinem ersten Buch (Das Tao der Physik) war es eigentlich, das schlechte Image der Physik (Bau der Atombombe, Völkermord von Hiroshima und Nagasaki, Atom­kraftwerke) wieder aufzuhellen. Die eigentlich „Kernkraft“ der neuen Physik sei im Grunde nicht zerstörerisch, sondern mystisch. In den Worten von Capra:

„Dieses Buch will das ‚Image‘ der Wissenschaft verbessern, indem es zeigt, dass eine essentielle Harmonie zwischen dem Geist östlicher Weisheit und westlicher Naturwissenschaft existiert. Es versucht aufzudecken, daß die Physik weit über die reine Technik hinausgeht, daß der Weg – oder das Tao – der Physik ein Weg mit Herz sein kann, ein Weg zu geistigen Einsichten und zur Selbstverwirklichung.“ (S. 22)

Sehr schön ist auch seine Darstellung, was Physik eigentlich bedeute:

„Die Wurzeln der Physik, wie die aller westlicher Wissenschaften, reichen bis in die erste Periode der griechischen Philosophie in sechsten Jahrhundert v. Chr. zurück, in einer Kultur, in der Naturwissenschaften, Philosophie und Religion noch nicht getrennt waren. Die Weisen der Milesischen Schule in Ionien [1] kannten diese Unterschiede nicht, ihr Ziel war die Entdeckung des Urgrunds oder der Urbeschaffenheit der Dinge, die sie ‚Physis‘ nannten. Der Begriff ‚Physik‘ ist von diesem griechischen Wort abgeleitet und bedeutet daher ursprünglich das Bemühen, den Ursprung aller Dinge zu erkennen.“ (S. 16) / [1] Hinweis von JS: Thales von Milet, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Heraklid

Noch einmal: Physik ist eigentlich das Bemühen, den Ursprung aller Dinge zu erkennen!

Carpra verfolgt auf wenigen Seiten die Entzweiung der griechischen Philosophie von der Einheit aus Naturwissenschaft, Philosophie und Religion zum schon ursprünglichen Dualismus der griechischen Philosophie in einer Philosophie des SEINS (Parmenides) und WERDENS (Heraklit). Bei den griechi­schen Atomisten (das Atom sei die kleinste unteilbare Einheit der Materie) des Leukipp und Demokrit sei die erste klare Trennung zwischen Geist und Materie gezogen worden – bis dann zu Descartes:

„Die Cartesianische Trennung erlaubte den Wissenschaftlern, die Materie als tot und völlig von ihnen selbst getrennt zu behandeln, und die stoffliche Welt als eine Ansammlung verschie­dener, in einer gewaltigen Maschine zusammengesetzter Objekte zu sehen. Dieser mechani­schen Weltbetrachtung hing Isaac Newton an, der seine Mechanik auf dieser Basis entwickelte und zur Grundlage der klassischen Physik machte.“ (S. 19)

Die Wurzeln der Trennung von Geist und Materie, Leib und Seele sieht Capra schon in der griechi­schen Philosophie angelegt. Zu Aristoteles (dem Begründer der materialistischen Wissenschaft in der Antike) schreibt Capra noch „entschuldigend“: „Aber Aristoteles selbst glaubte, daß Fragen der mensch­lichen Seele und das Nachdenken über die Vollkommenheit Gottes viel wertvoller seien als die Erforschung der materiellen Welt.“ (S. 18)

Capra stellt in dem Kapitel „Wissen und Sehen“ die entscheidende Frage,

„… wie man eine exakte Wissenschaft einerseits, ausgedrückt in der hochkomplizierten Sprache der modernen Mathematik, und geistige Disziplinen andererseits, die hauptsächlich auf Medi­tation beruhen und behaupten, daß ihre Einsichten durch Worte nicht übermittelt werden können, überhaupt miteinander vergleichen kann.“ (S. 23)

Kann also die „exakte Wissenschaft“ mit mystischer Erfahrung verbunden werden?

„In der Tat glauben viele Mathematiker, daß die Mathematik nicht bloß eine Sprache ist zur Beschreibung der Natur, sondern in der Natur selbst enthalten sei. Der Begründer dieses Glaubens war Pythagoras, der die berühmte Behauptung aufstellte: ‚Alle Dinge sind Zahlen‘, und der eine sehr spezielle Art von mathematischer Mystik entwickelte.“ (S. 30)

 

„Die feste Gründung des Wissens auf der Erfahrung in der östlichen Mystik hat eine Parallele in der Gründung des naturwissenschaftlichen Wissens auf dem Experiment. Diese Parallele wird weiter verstärkt durch die Art der mystischen Erfahrung. Diese wird in den östlichen Traditionen als direkte Einsicht beschrieben, die außerhalb des Reiches des Intellekts liegt und eher durch Schauen als durch Denken erlangt wird, durch Selbstversenkung, durch Beobachtung.“ (S. 32)

 

„Östliche Mystik beruht auf direkten Einsichten in das Wesen der Wirklichkeit, und Physik beruht auf der wissenschaftlich-experimentellen Beobachtung von Naturphänomenen. In beiden Bereichen werden die Beobachtungen dann interpretiert, und die Interpretation wird nachher häufig mit Hilfe von Worten vermittelt. Da Worte immer nur eine abstrakte, annähernde Landkarte der Wirklichkeit sind, müssen die verbalen Interpretationen eines wissenschaftlichen Experiments oder einer mystischen Erfahrung notwendigerweise ungenau und unvollständig sein. Moderne Physiker und östliche Mystiker sind sich dieser Tatsache wohl bewußt.“ (S. 38)

 

„Wenn immer die östlichen Mystiker ihr Wissen in Worte ausdrücken – mithilfe von Mythen, Symbolen, poetischen Bildern oder paradoxen Sprüchen –, sind sie sich der von Sprache und ‚linearem‘ Denken auferlegten Begrenzungen bewußt. Die moderne Physik nimmt heute in bezug auf ihre verbalen Modelle und Theorien genau die gleiche Haltung ein.“ (S. 42)

Capra stellt dann einige Parallelen zwischen dem Weg der Physik „mit Herz“ und dem Weg der östlichen Mystik dar wie

  • die Einheit aller Dinge
  • das Jenseits der Gegensätze
  • das dynamische Universum, den kosmischen Tanz
  • Raum-Zeit und Leere-Form

Im Kapitel „Gegenseitige Durchdringung“ schreibt Capra:

„Die Hauptrichtungen der östlichen Mystik stimmen also mit den Ansichten der Bootstrap-Philosophie überein, daß das Universum ein miteinander verknüpftes Ganzes ist, in dem kein Teil fundamentaler ist als der andere, so daß die Eigenschaften jedes Teils von denen aller anderen bestimmt werden.“ (S. 292)

Bei aller „Konvergenz“ zwischen „westlicher Wissenschaft und östlicher Philosophie“ sieht Capra keine Möglichkeit, dass Mystik und Wissenschaft zu einer Synthese kommen.

„Im täglichen Leben sind also beide, die mechanische und die organische Ansicht vom Universum, gültig und nützlich; die eine für Wissenschaft und Technik, die andere für ein ausgeglichenes und erfülltes spirituelles Leben.“  (S. 304)

 

„So kommen der Mystiker und der Physiker zu derselben Schlussfolgerung, der eine ausgehend vom Reich des Inneren, der andere von der äußeren Welt. Die Harmonie zwischen ihren Ansichten bestätigt die alte indische Weisheit, daß Brahman, die letzte äußere Realität, mit Atman, der inneren Realität, identisch ist.“ (S. 305)

 

„Ich sehe Wissenschaft und Mystik als zwei sich ergänzende Manifestationen des menschlichen Geistes, seiner rationalen und seiner intuitiven Fähigkeiten. Die moderne Physik erfährt die Welt durch eine extreme Spezialisierung des rationalen Verstandes, die Mystik durch extreme Schärfung des intuitiven Sinnes. Die beiden Ansätze sind ganz verschieden und umfassen weit mehr als eine bestimmte Anschauung von der physikalischen Welt. Sie sind jedoch ‚komplemen­tär‘, wie wir in der Physik sagen. Keine von ihnen ist in der anderen enthalten, noch kann eine auf die andere zurückgeführt werden, aber beide sind notwendig und ergänzen sich für ein vollständiges Begreifen der Welt. Um ein altes chinesisches Sprichwort abzuwandeln: Mystiker verstehen die Wurzeln des Tao, aber nicht seine Zweige; Wissenschaftler verstehen seine Zweige, aber nicht seine Wurzeln. Die Wissenschaft braucht die Mystik nicht und die Mystik nicht die Wissenschaft, aber der Mensch braucht beides. Mystische Erfahrung ist nötig, um das Wesen der Dinge zu begreifen, und Wissenschaft ist für das moderne Leben unerläßlich. Wir brauchen daher keine Synthese, sondern ein dynamisches Zusammenspiel der mystischen Intuition und der wissenschaftlichen Analyse.“ (S. 306 f.)

 

Das Buch von Fritjof Capra ist zweifellos der Klassiker, um Neue Physik – überhaupt Wissenschaft – und Spiritualität und Mystik miteinander zu verbinden, ein epochaler Brückenbau sozusagen, auch ein Brückenbau zwischen dem mystischen OSTEN und dem wissenschaftlichen WESTEN.  Capra ist ein Durchbruch gelungen, der viele Nachahmer gefunden hat. Das Buch ist und bleibt der Klassiker mit einer Klarheit klassischer Erkenntnisse. Auch wenn es bereits 1975 erschienen ist, ist es als visionäres Buch immer noch aktuell und richtungsweisend. Es hat im gewissen Sinne ein neues Kapitel in der Geschichte der menschlichen Kultur aufgeschlagen.

 

Das Tao der Physik: Die Konvergenz von westlicher Wissenschaft und östlicher Philosophie

* Dieser Beitrag hatte seit Erscheinen bisher 69 Leser/innen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zehn + 18 =