Fritjof Capra: Verborgene Zusammenhänge

Vernetzt denken und handeln – in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft

 

Das letzte Buch von Fritfof Capra, das ich hier bespreche, wendet seine Erkenntnisse aus einem Systemdenken des Lebens aus auf die Gesellschaft an. Das Ziel Capras ist hier, „eine einheitliche sys­temische Theorie für das Verstehen biologischer und sozialer Phänomene zu entwickeln“ (S. 100)

In der Einleitung zum Buch heißt es:

„In diesem Buch lege ich dar, wie sich das auf die Komplexitätstheorie zugrundeliegende neue Verständnis vom Leben auf den Bereich der Gesellschaft übertragen lässt.“ (S. 11) …

„Meine Ausweitung der systemischen Methode auf den Bereich der Gesellschaft schließt aus­drücklich die materielle Welt mit ein. Das ist ungewöhnlich, denn traditionellerweise interessie­ren sich Sozialwissenschaftler nicht sehr für die Welt der Materie. Unsere akademischen Disziplinen sind nun einmal so organisiert, dass sich die Naturwissenschaft mit materiellen Strukturen befasst, die Sozialwissenschaften hingegen mit sozialen Strukturen, die im Prinzip als Verhaltensregeln verstanden werden. Künftig wird diese strikte Trennung nicht mehr möglich sein …“ (S. 15 f.)

 

„Mit anderen Worten: Die Konstruktionsprinzipien unserer künftigen sozialen Organisationen müssen mit den Organisationsprinzipien vereinbar sein, die die Natur entwickelt hat, um das Lebensnetz zu erhalten. Unabdingbar ist hierfür ein einheitliches begriffliches System zum Verständnis der materiellen und sozialen Strukturen. Dieses Buch will einen ersten Entwurf für ein derartiges System liefern.“ (S. 16)

Zunächst fasst das Buch noch einmal die wesentlichen Erkenntnisse der früheren zusammen als „das Wesen von Leben“ und „Geist und Bewusstsein“. Hier sind alte Erkenntnisse z.B. noch präziser auf den Punkt gebracht. Lebenden Systemen eigen ist nicht nur die Kognition, sondern ihre Fähigkeit zum Neuen:

„Dieses spontane Entstehen von Ordnung an entscheidenden Punkten der Instabilität ist eines der wichtigsten Konzepte des neuen Verständnisses von Leben. Fachlich nennt man es Selbst­organi­sation, oft spricht man einfach von ‚Emergenz‘. Dieses Phänomen der Emergenz ist eines der Kennzeichen von Leben. Es gilt als der dynamische Ursprung von Entwicklung, Lernen und Evolution. Mit anderen Worten: Kreativität – die Erzeugung neuer Formen – ist eine Schlüssel­eigenschaft aller lebenden Systeme.“ (S. 32)

Capra sieht die Überwindung der kartesischen Trennung von Geist und Materie gekommen:

„Geist und Materie gehören nicht mehr zwei separaten Kategorien an, sondern können als zwei komplementäre Aspekte des Phänomens Leben verstanden werden – als Prozessaspekt und als Strukturaspekt. Auf allen Ebenen des Lebens, angefangen bei den einfachsten Zellen, sind Geist und Materie, Prozess und Struktur untrennbar miteinander verbunden. Zum ersten Mal haben wir eine wissenschaftliche Theorie, die Geist, Materie und Leben vereinigt.“ (S. 60 f.)

Capra unterscheidet vier Schulen der Bewusstseinsforschung (S. 67 ff.):

  1. „neuroreduktionistisch“ (Geist = Neurowissenschaften)
  2. „funktionalistisch“ (Geist sogar im Sinne künstlicher Intelligenz)
  3. „mystisch“ (Geist als nicht erkennbares Mysterium)
  4. „neurophänomenologisch“ (Gehirnphysiologie und bewusstes Erleben sind gleichberechtigt und wechselseitig voneinander abhängig)

Ich will hier Capras Kritik an der mystischen Sicht des Bewusstseins ausführlich darlegen:

„Weniger bekannt ist eine kleine Schule von Philosophen, die sich ‚Mystiker‘ nennen. Sie behaupten, das Bewusstsein sei ein tiefes Mysterium, das von der menschlichen Intelligenz aufgrund von deren immanenten Grenzen nie zu ergründen sei. Diese Grenzen wurzeln, aus ihrer Sicht, in einer nicht reduzierbaren Dualität, die sich als die klassische kartesianische Dualität von Geist und Materie erweist. Während uns die Introspektion nichts über das Gehirn als physikalisches Objekt vermittle, könne uns das Studium der Gehirnstruktur keinen Zugang zum bewussten Erleben verschaffen. Da die Mystiker das Bewusstsein nicht als Prozess betrachten und das Wesen eines emergenten Phänomens nicht erkennen, sind sie nicht in der Lage, die kartesianische Kluft zu überbrücken, und gelangen zu der Schlussfolgerung, dass das Wesen des Bewusstseins für immer ein Mysterium bleiben werde.“ (S. 69)

Trotz dieser Kritik an der mystischen Sichtweise des Bewusstseins als „Mysterium“, fasst Capra die Einführungskapitel zusammen nach der Frage der Spiritualität des Lebens.

„Da die Atmung in der Tat ein zentraler Aspekt des Stoffwechselprozesses bei allen Lebens­formen – außer den einfachsten – ist, ist der Atem des Lebens offenbar eine vollkommene Metapher für das Netzwerk von Stoffwechselprozessen, das das definierte Merkmal aller lebenden Systeme ist. Geist – der Atem des Lebens – ist das, was wir mit allen Lebewesen gemeinsam haben. Er nährt uns und hält uns am Leben.“ (S. 97 f.)

 

„Ja, wir gehören dem Universum an, wir sind darin zu Hause, und die Erfahrung des Zugehörigseins kann unser Leben zutiefst sinnvoll machen.“ (S. 99)

Capra bringt den An-Satz seiner Synthese in einen Satz und in die Darstellung eines Dreiecks:

 „Wenn wir lebende Systeme aus der Perspektive der Form untersuchen, stellen wir fest, dass ihr Organisationsmuster ein selbsterzeugendes Netzwerkmuster ist. Aus der Perspektive der Materie ist die materielle Struktur eines lebenden Systems eine dissipative Struktur, d.h.- ein offenes System fern vom Gleichgewicht. Aus der Prozessperspektive schließlich sind lebende Systeme kognitive Systeme, bei denen der Kognitionsprozess eng mit dem Muster der Auto­poise verknüpft ist. Dies ist, kurz gesagt, meine Synthese des neuen wissenschaftlichen Verständnisses vom Leben.
In der Darstellung unten habe ich die drei Betrachtungsweisen als Punkte in einem Dreieck wiedergegeben, um hervorzuheben, dass sie auf grundlegende Weise miteinander verbunden sind. Die Form des Organisationsmusters lässt sich nur erkennen, wenn sie in Materie ver­körpert ist, und in lebenden Systemen ist diese Verkörperung ein fortlaufender Prozess. Somit muss ein vollständiges Verstehen irgendeines biologischen Phänomens alle drei Perspektiven umfassen.“ (S. 101)

„Wenn wir versuchen, das neue Verständnis des Lebens auf den Bereich der Gesellschaft zu übertragen, stoßen wir auf eine verwirrende Vielzahl von Phänomenen – Verhaltensregeln, Werte, Intentionen, Ziele, Strategien, Konstruktionen, Machtverhältnisse, – die in der nicht­mensch­­lichen Welt größtenteils keine Rolle spielen, aber für das Sozialleben des Menschen von wesentlicher Bedeutung sind.“ (S. 103)

Doch mit diesem Übergang zur Selbstrefelexion und Kultur in der menschlichen Gesellschaft erhält das „Dreieck des Lebens“ eine vierte Dimension:

„Sozialwissenschaftler bezeichnen dies oft als die ‚hermeneutische‘ * Dimension, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass in der menschlichen Sprache, die ihrem Wesen nach symbolisch ist, die Sinnvermittlung von zentraler Bedeutung ist und dass menschliches Handeln aus dem Sinn hervorgeht, den wir unserer Umwelt zuschreiben.
Folgleich behaupte ich, dass sich das systemische Verständnis des Lebens auf den soztialen Bereich ausdehnen lässt, indem man den anderen drei Betrachtungsweisen des Lebens die Perspektive von Sinn hinzufügt. Dabei verwende ich ‚Sinn‘ als Kürzel für die Innenwelt des reflexiven Bewusstseins, die eine Vielzahl von miteinander zusammenhängenden Merkmalen aufweist. Ein vollständiges Verständnis sozialer Phänomene muss daher die Integration von vier Perspektiven umfassen – das Studium von Form, Materie, Prozess und Sinn. (S. 104)

Capra-Fußnote: * Vom griechischen hermeneuein = erklären, auslegen

Capra entwickelt diese Begriffe weiter für ein Verständnis von Kultur und Technik.

Das Buch geht im Teil II ein auf die „Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ mit vielen Ideen für ein nachhaltiges Wirtschaften statt der kurzfristigen Profitorientierung des Globalen Kapitalismus.

Sehr lesenswert ist der Epilog „Die nachhaltige Welt“. Es gibt zwei Trends, die auf Kollisionskurs sind: „Das Ziel der globalen Wirtschaft ist die Maximierung von Reichtum und Macht ihrer Eliten – das Ziel des Ökodesigns ist die Optimierung der Nachhaltigkeit des Lebensnetzes.“ (S. 338)

„Der sogenannte ‚globale Markt‘ ist eigentlich ein Netzwerk von Maschinen, die nach dem Grundprinzip programmiert sind, dass das Geldverdienen den Vorrang vor Menschenrechten, Demokratie, Umweltschutz oder irgendeinem anderen Welt haben sollte.“ (S. 338)

 

„In der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft geht der zentrale Wert des Geldverdienens Hand in Hand mit der Verherrlichung des materiellen Konsums. Ein nicht enden wollender Strom von Werbebotschaften verstärkt die Wahnvorstellung der Menschen, die Anhäufung materiel­ler Güter sei der Königsweg zum Glück, der wahre Sinn unseres Lebens.“ (S. 339)

 

„Diese Verherrlichung des materiellen Konsums hat tief reichende ideologische Wurzeln, die über Wirtschaft und Politik hinausgehen. Seine Ursprünge liegen offenbar in der universellen Verbindung von Männlichkeit und materiellem Besitz in den patriarchalischen Kulturen.“
(S. 340)

Auch in diesem Wahn nach materiellem Besitz erkennt Capra das patriarchalische Weltbild und seine Verwurzelung in unserem Konsumverhalten. Er wiederholt seine Hoffnung, dass die „Erlösung“ aus diesem Paradigma und Wirtschaftsmuster in der feministischen und ökologischen Bewegung liegt.

„Unter den vielen basisdemokratischen Bewegungen, die sich heute um einen gesellschaft­lichen Wandel bemühen, befürworten die feministische und die ökologische Bewegung den tiefgrei­fend­sten Wertewandel, Erstere durch eine Neudefinition der Geschlechterbeziehungen, Letztere durch eine Neudefinition der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Beide können erheblich zur Überwindung unserer Besessenheit vom materiellen Konsum beitragen.“
(S. 341 f.)

 

„Dementsprechend sucht feministisches Bewusstsein Erfüllung in nährenden Beziehungen und nicht in Anhäufung materieller Güter. Die Ökologiebewegung gelangt zur gleichen Position auf einem anderen Weg. Ökologisches Bewusstsein erfordert systemisches Denken – ein Denken in Beziehungen, Zusammenhängen, Mustern und Prozessen –, und Ökodesigner befürworten den Übergang von einer Güterwirtschaft zu einer Dienstleistung-und-Fluss-Wirtschaft. In einer solchen Wirtschaft zirkuliert die Materie ständig, so dass der reine Konsum von Rohstoffen drastisch reduziert wird.“ (S. 342)

Auch in diesem Buch geht es Fritjof Capra ausschließlich um Geist, Kognition und Bewusstsein, nicht um die Seele. Umso schöner sein Schlussabsatz des Buches, in dem er Václav Havel zitiert, dem tsche­chischer Dramatiker, Essayist, Menschenrechtler und Politiker:

„Die Hoffnung, an die ich oft denke …, verstehe ich vor allem als einen Geisteszustand, nicht als einen Zustand der Welt. Entweder haben wir Hoffnung in uns, oder wir haben keine Hoffnung – sie  ist eine Dimension der Seele und im Grunde nicht von einer bestimmten Beobachtung der Welt oder einer Einschätzung der Lage abhängig … [Hoffnung] ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgehen wird, sondern die Gewissheit, dass etwas sinnvoll ist, egal wie es ausgeht.“ (S. 345)

 

Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Konsequenz Fritjof Capra sein Lebenswerk über 30 Jahre vom „Tao der Physik“ (1975) über „Verborgene Zusammenhänge“ (2002) hinaus verfolgt hat. Jedes Buch ist ein Meilenstein der Analyse, der Vision und der konkreten politischen  Programme weiter auf dem Weg der Umkehr, der Wende, des Neubeginns für eine meschliche Kultur. Längst geht es nicht mehr darum, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität zu bauen, sondern das globale Leben wieder einer auf eine nachhaltige Welt auszurichten. Capra ist nicht nur ein Mahner und Visionär, sondern auch ein Prophet und Wissenschaftler, wie wir viele seiner Art brauchen.

 

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