John Welwood: Vollkommene Liebe

Ute Wulfert zu ihrem heutigen Geburtstag gewidmet.

Ich beginne meine Besprechung mit dem Motto des Buches selbst:

Spring auf deine Füße, schwinge deine
Fäuste, drohe dem ganzen Universum und
warne es, dass dein Herz nicht länger
ohne wahre liebe Leben kann!
HAFIZ

Welwoods Buch ist kein Ratgeber mit ein paar Liebes-Tipps und Tricks – er spricht nicht den Kopf an, er spricht unsere tiefste Sehnsucht nach wahrer und vollkommener Liebe an – und zeigt uns, wie wir diese Liebe erfahren können – unabhängig von einem anderen Menschen. Wer sich auf dieses Buch einlässt, der bereitet sich darauf vor, seine tiefste Herzens-Wunde zu heilen, das tiefen Misstrauen der Liebe gegenüber, „unsere verwundete Beziehung zur Liebe selbst“ (S. 12)

Die verfahrendsten Probleme in menschlichen Beziehungen können auf das zurück geführt werden, was ich die Stimmung von mangelnder Liebe nenne, auf einen tief sitzenden Verdacht, den wir alle in unserem Inneren hegen, dass wir nicht einfach nur dafür, dass wir der sind, der wir sind, geliebt werden könnten oder als solcher nicht wirklich liebenswert seinen. Diese Grundunsicherheit macht es uns schwer, Vertrauen in uns selbst, in andere Menschen oder das Leben selbst zu haben.

Die Tatsache, dass wir nicht durch und durch wissen, dass wir wirklich geliebt werden oder liebenswert sind, untergräbt unsere Fähigkeit, Liebe frei zu geben und zu nehmen. Das ist die Kernwunde, welche zwischenmenschliche Konflikte und eine ganze Reihe bekannter Beziehungsprobleme verursacht.
Nicht vertrauen zu können, die Furcht zu haben, missbraucht oder abgelehnt zu werden, Eifersucht oder Rachsucht zu hegen, defensiv zu mauern, streiten zu müssen, um zu beweisen, dass man Recht hat, sich leicht verletzt oder beleidigt zu fühlen und anderen die Schuld an unserem Schmerz zuzuweisen – das sind nur einige der Weisen, auf die sich unsere Unsicherheit, ob wir geliebt werden oder liebenswert sind, zeigen. (S. 12 f.)

Ich würde Liebe ganz einfach definieren, nämlich als eine kraftvolle Mischung von Offenheit und Wärme, die uns erlaubt, echten Kontakt herzustellen, Freude und Wertschätzung
zu empfinden und in Harmonie zu sein – und zwar mit uns selbst, mit anderen und mit dem Leben an sich. (S. 15)

Das Buch findet überall sehr schöne, berührende Worte – es ist sanft, zärtlich und weise wie die Liebe selbst. Es ist überaus dicht an weisen Sätzen, sehr mitfühlend.
Es ist entstanden nach dem 11. September, als der Autor in sich selbst ein sehr liebloses Gefühl auftauchen sah – und das in ihm immer noch tief sitzende Gefühl der Trennung und des Grolls anschauen ließ. Er weist auch auf das Mitgefühl Dalai Lamas hin – angesichts der Qualen des tibetischen Volkes.
Also: Das Buch ist – unter der Sanftweit und Weisheit der Worte – ein sehr politisches Buch – weit mehr als manch ein politisches Manifest: Wir müssen ALLE unsere Wunden heilen.

Es ist wahr, dass wir ein Recht auf vollkommene Liebe haben. Das ist unser Recht von Geburt an. Das Problem ist aber, dass wir sie an den falschen Orten suchen – außerhalb von uns selbst, in unseren unvollkommenen Beziehungen mit unvollkommenen Menschen, die ebenso verwundet sind wie wir selbst. (S. 26)

1. Vollkommene Liebe, unvollkommene Beziehungen

Vollkommene Liebe ist immer da – wie die Sonne am Himmel, die alles nährt. Meistens leben wir aber unter einer dicken Wolkenschicht, die uns von der Sonne abgeschnitten fühlen und uns frieren lässt. Diese Sonne nennt der Autor die „absolute Liebe“.

Absolute Liebe ist die Liebe des Seins. (S. 43)

Das Licht bedingungsloser Liebe weckt die schlafenden, als Samen vorhandenen Potentiale der Seele, hilft ihnen zu reifen, zu erblühen und Früchte zu tragen, und lässt uns die einzigartigen Gaben hervorbringen, die wir als unsere ureigensten in diesem Leben anbieten können. (S. 42)

Neben der absoluten Liebe der Sonne und des Seins gibt es auch die relative Liebe zwischen Menschen, deren Herzkanal gewöhnlich zugeschüttet ist.

Das ist dann relative Liebe: Das Sonnenlicht der absoluten Liebe, das durch die Wolken unserer konditionierten Persönlichkeit und ihrer Verteidigungsmuster gefiltert wird – Angst, Misstrauen, defensives Reagieren, Unehrlichkeit, Aggression und verzerrte Wahrnehmung. Wie ein teilweise bewölkter Himmel ist die relative Liebe unvollständig, unbeständig und unvollkommen. Sie ist ein ständiges Spiel von Licht und Schatten. Das ganze Strahlen der absoluten Liebe kann nur in flüchtigen Momenten durchblitzen. (S. 45)

Wenn uns dann in Beziehungen nicht die ideale Form der Liebe, von der wir träumen, geboten wird, denken wir, dass etwas total schief gelaufen sei. Und diese enttäuschte Hoffnung reißt die Wunden des Herzens immer wieder auf und ruft Groll gegen andere hervor. (S. 46)

Diese unsere Sehnsucht nach der vollkommenen Liebe ist völlig berechtigt.

Wir bekommen jedoch unvermeidlich Probleme, wenn wir diese Sehnsucht auf eine andere Person richten. Das ist der Grund, weshalb es wichtig ist, zwischen absoluter und relativer Liebe zu unterscheiden – damit wir nicht herumlaufen und vollkommene Liebe in unvollkommenen Situationen suchen.
(S. 53)

2. Die Stimmung des Grolls

Diese unvermeidliche Enttäuschung, in unvollkommenen Situation die Sehnsucht nach der absoluten Liebe erfüllt zu bekommen, lässt uns bald grundsätzlich misstrauisch gegenüber der Liebe werden und staut einen immer größer werdenden selbstzerstörerischen Groll an.

Groll ist das fehlende Glied zwischen Liebe und Krieg: Aufgrund der Wiederbelebung alten Grolls schlägt Frieden um in Krieg und führen Flitterwochen zu Scheidungen. … Den meisten von uns ist nicht bewusst, wie sehr sie in Groll verstrickt sind und wie sehr dieser ihr Leben steuert. (S. 70)

All das beleuchtet, warum es oft so schwer ist, uns zu erlauben, Liebe zu empfangen, selbst dann, wenn sie erhältlich ist. Liebe in uns einzulassen verlangt, dass wir weich werden müssen – dass wir unsere verhärteten Abwehrmechanismen auflösen und unsere Deckung aufgeben. Liebe zu empfangen ist bedrohlicher, als Liebe zu geben, weil Empfänglichkeit Offenheit verlangt, wodurch man sich verletzlich fühlt.
(S. 82)

In dem Ausmaß, in dem wir der Stimmung des Grolls nachgeben, ist jeder von uns an den Konflikten beteiligt, die unseren Planeten beherrschen.
(S. 83)

3. Den Groll loslassen

Die Medizin ist im Gift zu finden. Wenn Groll einem Gift gleicht, weist diese Belehrung darauf hin, dass das Heilmittel im Groll selbst liegt. (S. 85)

Im Kern allen Grolls liegen tiefer Schmerz und Trauer über den Verlust an Verbundenheit. Weil wir über diese Verletzungen nie ganz und bewusst getrauert haben, verhärtet sie sich in unserem Körper und unserem Geist. Worüber wir nicht trauern, das verwandelt sich in Groll. (S. 86)

Mit dieser Erkenntnis können wir Groll in Trauer auflösen – und Trauer als Gefühl für den Verlust der Verbundenheit in uns selbst verstehen und fühlen lernen.

Wir haben in jedem Moment die Wahl, entweder Dankbarkeit zu empfinden für das, was uns gegeben wurde, oder Groll zu hegen in Bezug auf das, was fehlt. Groll und Dankbarkeit sind entgegengesetzte Pole. (S. 105)

4. Vom Selbsthass zur Selbstliebe

Der schlimmste Groll ist jedoch der auf sich selbst. Er zeigt sich in Selbstvorwürfen, Scham, dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, bis hin zum Selbsthass: „In unserer Kultur ist Selbsthass epidemisch.“ (S. 108)

Die Menschheit ist als Ganzes immer noch ein Kind, das der Heilung bedarf und des Wissens, dass es von seinem ureigensten Wesen her schön ist. In traditionellen Kulturen halfen die Kunst, die Mythologie, die Religion und die Rituale den Menschen dabei, sich an ihren göttlichen Wesenskern zu erinnern. Aber heutzutage, wo es an Tradition fehlt, muss jeder von uns zum Wohle der Menschheit selbständig sein Herz heilen und zu seiner inneren Schönheit erwachen. (S. 115)

In den Momenten, in denen man die eignen Gefühle zulässt und sich ihnen öffnet, ist man da – ist man für sich selbst da. Man sagt ja zu sich selbst, so wie man ist, so wie man sich im Moment fühlt. Dies ist ein tiefer Akt der Selbstliebe. (S. 118)

Das ist die Definition von Selbstliebe, die ich vorschlage: Sich selbst das Wesen sein zu lassen, das man ist. (S. 121)

… In dem Buch geht es viel um LASSEN … Und erst, wenn wie SELSBT niemand anderes sein wollen, als wir sind, geschieht das Wunder: die eigenen Gaben wertzuschätzen.

Ein weiteres Stadium im Wachstumsprozess der Eigenliebe ist die Fähigkeit, das Einzigartige wertzuschätzen, das man zu bieten hat. Jeder von uns kann einen speziellen Beitrag zu dieser Welt leisten, besonders wenn wir als das Wesen hervortreten, das wir sind. (S. 128)

Solange ich nicht wertschätzen kann, was ich zu bieten habe, setze ich dem, was durch mich kommen möchte, Barrieren entgegen. (S. 129)

Folgender Satz zeigt die ganze Tiefe und Schönheit, die das Buch zu bieten hat:

… die einzigartige Gabe, die Sie zu bieten haben, ist die lebendige Qualität Ihrer eigenen Präsenz, der unbeschreibliche Funke, der SIE zu Ihnen selbst macht. Jede Seele hat ihren eigenen, facettenreichen, diamantenen Charakter, ihre eigene SOHEIT. Obwohl niemand dieses „besondere Etwas“ genau festmachen kann, ist es das, was die Menschen lieben, wenn sie Sie leben. Soheit bedeutet genau so. (S. 130)

5. Heiliges Verlangen

Wenn wir zu uns selbst ja sagen, uns selbst sein lassen, wie wir sind, unser Herz für uns selbst öffnen – all das entzündet den inneren Funken der Selbstliebe und heilt unsere Herzenswunde. (S. 131)

Der Autor setzt sich in diesem Kapitel mit einem großen Missverständnis auseinander. Es ist ein sehr erlösendes Kapitel, warnte doch Buddha (und in anderen Worten alle großen Religionsgründer) davor: „Die Ursache des Leidens ist Verlangen.“

Ich brauchte Jahre, um diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen und um zu verstehen, wie Verlangen sowohl die Quelle endlosen Leidens als auch großer Glückseligkeit sein kann. Der Schlüssel bestand in der Erkenntnis, dass Verlangen eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Formen annehmen kann … (S. 138)

Niederes Verlangen schafft Leiden im Falle von Anhaftung. Doch es gibt ein ganzes „Spektrum des Verlangens“ (S. 136 ff.), von Begierde, gewöhnliches Besitzenwollen, Bedürftigkeit, unterschiedlichen Arten von Leidenschaften.

Verlangen ist in gleicher Weise vollkommen rein wie Feuer: Es ist einfach nur lodernde Energie, nichts von sich aus Schädliches. Es nimmt nur dann eine destruktive Form an, wenn wir falsch damit umgehen. Wenn wir das tiefere, in dieser strahlenden Hitze enthaltene Verlangen aufdecken können, kann das zu einem inneren Schmelzvorgang führen, der uns fähig macht, die Liebe ganz in uns hinein zu lassen. (S. 139)

Welwoods Buch ist kein Paarbuch. Ihm geht es vor allem um Selbstliebe, empfänglich für die allgegenwärtige Liebe zu werden. Doch hier an dieser Stelle, dem „heiligen Verlangen“ kommt auch das DU ins Spiel – das HEILIGE DU.

Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir in das „relative Du“ nicht das Heilige Du hineinprojizieren, dieses andere Wesen mit unserer heiligen Sehnsucht nach vollkommener Liebe vollkommen zu überfordern.

Denn nur zu Gott oder der geheimnisvollen Quelle allen Seins können wir wirklich singen: „Du bist alles und alles bist du.“ Nur von der absoluten Liebe können wir zu Recht sagen: „Du bist mein Sonnenschein, mein einziger Sonnenschein“ und „Ich kann nicht ohne dich leben“. Unsere Sehnsucht nach der Quelle der Liebe ist so natürlich wie der Durst des Rehs nach Wasser.
(S. 142)

UND DOCH:

Leidenschaft und Sehnsucht sind dann meine Reaktionen auf das heilige Du – das die Form des geliebten Menschen, eines Berges in der Abenddämmerung oder der Mondscheinsonate annehmen kann -, eine Reaktion auf das Du, das mir erlaubt, in das Mysterium des eigenen Wesens einzutauchen. (S. 142)

Dann ERKENNE ich das Heilige DU im anderen, dann sieht der andere das Heilige Du in mir: der tiefe Sinn von „Grüß Gott“ (Ich grüße das Göttliche in dir) und NAMASTE.

Heilige Sehnsucht ist das geheime Gefäß, das die Liebe einlädt, in uns einzutreten. … Wenn Sie zum geheimen Gefäß werden, ist es nicht mehr nur so, dass Sie Liebe wollen. Vielmehr stellen Sie fest, dass die Liebe Sie will. (S. 149)

6. Die Liebe, die Sie frei macht

Es gibt keine Getrenntheit.
Zu wissen, dass Sie geliebt sind, bedeutet dann zu wissen, dass Sie Lebe sind. Wenn Sie Ihr Abwehrverhalten ablegen und der Liebe erlauben, sich in sie zu ergießen, werden Sie eins mit der Liebe, wie eine Eisscholle, die zu dem Fluss wird, in den sie schmilzt. So wie das Eis in Wirklichkeit immer eins mit dem Fluss war, hat das Gefrieren des Herzens nur eine vorübergehende Trennung von Ihrer Natur als Liebe erzeugt.
Dass wir in die Liebe schmelzen, ist das, was die Seele immer gewollt hat. Die Erleichterung, die das bringt, geht viel tiefer, als nur über den Schmerz der Kindheit hinaus zu wachsen. Sie heilt die universelle spirituelle Wunde der Getrenntheit von der Liebe. (S. 160)

Brauchen wir dann überhaupt noch einen anderen, um zu lieben? Achtung, das könnte auch wieder eine Falle der Trennung sein. Die SEELE ist im Absoluten wie im Relativen zu Hause, sie ist absolute wie auch relative Liebe. Es gibt das eine nicht ohne das andere. Wir erfahren das Absolute im Relativen – das Relative als Erscheinung des Absoluten. Es gibt kein „heiliges DU“ ohne das DU des anderen. BEIDES zu lieben und sich bewusst zu sein – es ist dasselbe und doch etwas anderes – dieses Paradox leben zu können, ist die Auflösung des Lebensdramas. (Das sind jetzt allerdings meine Worte.)

Zwischenmenschliche Beziehungen bieten uns den ultimativen Prüfstein dafür, wie geheilt oder ganz oder spirituell reif wir wirklich sind. (S. 136)

Ich schwärme so für das Buch, dass ich meine Besprechung unzensiert und weiträumig habe fließen lassen. Danke für die Aufmerksamkeit.

So wie am Anfang ein Motto stand,
so möge auch am Ende eines des Autoren stehen (S. 172):

Wenn die Liebe oder die Leidenschaft
ungehindert fließt, erlebt man sie
als Glückseligkeit.
Und wenn wir zur Glückseligkeit
in unseren Adern erwachen,
fließt sie als strahlende Liebe
aus uns heraus.
JOHN WELWOOD

Mein Fazit: Es gibt eine schmerzliche Kluft zwischen reiner Liebe in unserem Herzen und den schwierigen Beziehungen, in denen wir leben. Diese Kluft stellt ein Rätsel dar, das einen verrückt macht und das jeder von uns „lösen muss, oder er wird in Stücke zerrissen“ (D.H. Lawrence, S. 10 des Buches).
Das Buch ist überaus hilfreich, dieses Lebensdrama zu lösen.

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