Konrad Dietzfelbinger: Pythagoras

Untertitel: Spiritualität und Wissenschaft

Dieses Buch von Konrad Dietzfelbinger wird von den aktuelll verfügbaren Büchern über Pythagoras wie kein zweites gerecht. Er nimmt Pythagoras als den Weisen wahr, wie „die Alten“ die großen spirituellen Meister gesehen haben: als Abgesandte einer geistigen Welt. Er interpretiert Pythagoras so, wie ein Pythagoräer ihn interpretieren würde. Er achtet sowohl die spirituelle Tiefe des Pythagoras als auch seinen Beiträge zur Begründung der abendländischen Wissenschaft. Mehr noch: In Pythagoras kann die spirituelle Tiefe „heiliger“ Wissenschaft noch nachvollzogen werden. So habe ich die Interpretation der Zahlenmystik, des „Tetraktys“, nirgends so tiefsinnig interpretiert gefunden wie in diesem Buch.

Wenn man Pythagoras gerecht werden will, so muss man ihn aus dessen Bewusstseisstand heraus interpretieren. Und das ist Konrad Dietzfelbinger meisterhaft gelungen. All diese Rätsel um Pythagoras, seine Abstammung von Appolon und die jungfräuliche Geburt durch seine Mutter werden in der Symbolik des damaligen Zeitgeistes interpretiert. Es war noch ein Zeitalter der Gleichnisse (wie wir es von Jesus auch kennen), Wundertaten waren nicht wörtlich zu verstehen, sondern in der Bildersprache der Seele. Wer dazu keinen Zugang hat, der findet auch keinen Zugang zu Pythagoras. Umgekehrt ist das Buch von Konrad Dietzfelbinger auch als eine Einführung in diese symbolische Seelensprache der damaligen Zeit zu lesen. Wir können auch Jesus als Wundertäter besser verstehen.

1. Die Herausforderung des Pythagoras

Pythagoras hat bei den Lehrstühlen der Universitäten bis heute noch nicht die Anerkennung erhalten, die er verdient und ist sehr umstritten. Die nach ihm großen anerkannten Philosophen Sokrates, Platon und Artistoteles haben Schriften von Pythagoras gelesen und waren in seine Lehren eingeweiht. Der Autor Konrad Dietzfelbinger weist zu recht darauf hin:

Es sind uns zahlreiche Zeugnisse über Pythagoras erhalten, mehr als über viele andere große Männer der Antike in diesen Jahrhunderten. (S. 22)

Daran kann es also nicht liegen. Es ist nicht Pythagoras als Wissenschaftler und Philosoph, sondern es ist der spirituelle Meister (als Abgesandter der geistigen Welt), der über den Horizont der Lehrstuhlinhaber hinaus geht und strittigen Widerspruch auslöst. Pythagoras war von seinen Zeitgenossen so hoch geachtet, als „Personifizierung Gottes“ gesehen,  dass er sogar eine Lichtgestalt wie Jesus in den Schatten zu stellen scheint. Er war neben Buddha und Laotse die Bewusstseinsgestalten, die im 6. Jh. v.Chr. die Menschheit auf dem Planeten Erde auf ein höheres Bewusstseins-Niveau führten. So wie man den Einfluss Buddhas und Laotses nicht hoch genug einschätzen kann, so auch nicht den Einfluss des Pythagoras auf die Entfaltung der abendländischen Kultur.

Der Autor schreibt:

Mit all diesen Eigenschaften ist ein solcher Mensch wie ein göttliches Wesen – oder besser: Es ist wie wenn ein göttliches Wesen, ihm bewusst geworden, in ihm und durch ihn wirkte. Die wahre Natur des Menschen, Ebenbild Gottes zu sein, hatte sich in Pythagoras entfaltet und seine gewöhnliche Identität, seine sterbende Persönlichkeit, durchdrungen.
(S. 64)

Für unsere Hochschulgelehrten ist das denn doch zu viel des Guten.

Pythagoras war in Samos selbst in einer kulturellen Hochburg Griechenlands (an der türkischen Küste) aufgewachsen und bereitete sich schon als junger Mann durch Reisen auf seine Berufung vor, das menschliche Bewusstsein auf eine neue Bewusstseinsstufe zu führen. Er lernte bei Thales (von Milet), besuchte Mysterienschulen in Phönizien, Ägypten und Babylon. Er war in die „Geheimwissenschften der Priester“ eingeweiht, besuchte „Priesteruniversitäten“.

Fest steht, dass Pythagoras im Orient einen vollständigen Einweihungsweg durchlaufen und dabei auch alle wissenschaftlichen Kenntnisse der damaligen Zeit erworben hat. (S. 39)

Das war seine Ausbildung als „Gesandter aus der Welt des Geistes“ (S. 40), bevor er selbst eine Mysterienschule begründen konnte. In dieser „Integration“ damaliger Mysterien und heiliger Wissenschaften entwickelte Pyphagras:

  • eine Zahlenmystik und heilige Geometrie
  • eine Astrologie der Sphären-Musik und Harmonie
  • eine Naturphilosophie, die auf Beziehungen und Verhältnisse beruhte
  • eine Theorie der Weltenseele einschließlich der (Re-)Inkarnation
  • eine Pädagogik der Führung der Kinder in die göttliche Ordnung
  • ein Heilkonzept über harmonische Klänge
  • eine Politik des Friedens und des Ausgleichs
  • eine Prognostik als Kunst des Vorhersagens
  • einer Gemeinschaft von Freunden
  • einer esoterische Mysterienschule der „verschworenen Gemeinschaft“
  • eine gesunde, natürliche Lebenspraxis und Lebensführung einschließlich Ernährungslehre

Kurz: Es ist eine holistische und integrale Weltsicht, wie es wohl keine mehr nach Pythagoras in dieser Breite und Tiefe gegeben hat. Sie war tief begründet in der geistigen Welt. Es waren die letzten Jahre, in denen auch die Wissenschaft noch „heilig“ war, ein Abbild und Verehrung göttlicher Ordnung. Ein „Wiedererinnern“ dieser großen Weisheit der Menschheit in Gestalt des Pythagoras noch ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt ist heute dringender denn je.

2. Die spirituelle Schule des Pythagoras

Pythagoras hatte durch seine Bildungs-Reisen „die Bahn geschaffen, auf der andere, Schwächere, ihm nachfolgen konnten.“ (S. 69)

Er baute eine Mysterienschule auf und leitete sie, eine spirituelle Schule, eine Philosophenschule, wie man es auch nennen will: eine Institution, in der Menschen, die das wollten und die geeigneten Voraussetzungen mitbrachten, unter seiner Anleitung und unterstützt von seinen Kräften ihrerseits ihr wahres, spirituelles Selbst entfalten konnten.
Im Rahmen des Weltbildes und der Erfahrungen des Pythagoras und der Alten sind Einrichtungen wie Mysterienschulen etwas sehr Folgerichtiges, Selbstverständliches, ja Notwendiges. (S. 69)

Es brauchte seine Zeit, bis Pathagoras in Kroton (einer griechischen Kolonie in Süditalien) mit seiner Schule Fuß fassen konnte. Er hielt vier programmatische Reden an die jungen Männer, an den Senat, an Knaben und Frauen und wurde in Kroton mit Begeisterung aufgenommen. Hier fiel der Samen auf fruchtbaren Boden.

Es gab einen „inneren Kreis“ der Eingeweihten (die „Esoteriker“) und einen „äußeren Kreis“ der Novitzen (die „Exoteriker“). In diesem Sinne ist Pythagoras auch die Gründer der Esoterik, die eigentliche Mysterienschule. Es gab für die Schüler bestimmte Rituale und Lebensregeln, Weisheitssprüche (die Akusmata zum Hören und Einschwingen) und Lehrsätze (die Mathemata zum Lernen und Wiedererinnern der Seele) –  über Arithmetik (Zahlen), Geometrie, Astronomie, Musik und Heilkunde. Das waren sozusagen die „Hauptfächer“ der Schule des Pythagoras.

3. Die Goldenen Verse

Die Interpretation der 71 „Goldenen Verse“ sind der Hauptteil des Buches. Hierin ist die Essenz der Lehre und der Lebenspraxis der Pythagoräer zu finden. Es ist sozusagen das Programm der Selbst-Bildung zum spirituellen Menschen zur Erreichung seiner „Seelenharmonie“. Auch wenn der Autor zugeben muss:

Damit ist nicht gesagt, dass die Goldenen Verse in genau der Formulierung, wie sie uns überkommen sind, von Pythagoras artikuliert wurden, auch nicht, dass Pythagoras sie selbst schriftlich niedergelegt hätte. (S. 167)

Diese 71 Verse stellen eine „Landkarte der geistigen und seelischen Welt“ dar und empfehlen „didaktisch aufgebaute Schritte“, den Seelenweg zu gehen. Sie enthalten zwei Teile (Vers 1 – 46 / Vers 48 – 71) und in der Mitte (Vers 47) steht der „Eid des Pythagoras“, der Schwur der verschworenen Gemeinschaft auf den Tetraktys (die Vierheit der Seele).

In ersten Teil der Verse geht es darum, dass der „Schüler“ seine Stellung in der Welt als spirituelles Wesen versteht: die Struktur der geistigen Welt mit Göttern, dem Jenseits und der Heroen; die Struktur der irdischen Welt mit „Eltern“ und Freunden und die neue Lebensführung mit ihren Tugenden und gewissen Lebensregeln.

Der Eid des Pythagoras stellt nach dieser Vorbereitung den Wendepunkt dar, um jetzt den Seelenweg gehen zu könne.

Eine totale Schwerpunktverlagerung also: Zuerst war die irdische Persönlichkeit führend und bereitete den Weg für die spirituelle Seele. Dann tritt die spirituelle Seele bewusst ins Dasein und ermöglicht dem Schüler die direkte Erfahrung der geistigen Welt, wodurch sich seine Persönlichkeit weiter verändert. (S. 228 f.)

Diese Umkehr kommt einer Neugeburt gleich, der „göttliche Mensch“ ist geboren. Die Verse gehen bis 71 bis zur „Auferstehung des Fleisches“, wie wir dies christlich formulieren:

Deshalb wird zum Abschluss der Goldenen Verse so sehr betont, dass der Mensch am Ende des spirituellen Weges „nicht mehr sterblich“ ist. (S. 255)

4. Gemeinschaftsleben und
Schicksal der Schule des Pythagoras

„Die Schüler des Pythagoras bildeten eine verschworene Gemeinschaft.“ (S. 260) Und der Begriff der „verschworenen Gemeinschaft“ hat heute noch die Aura eines unverbrüchlichen Freundschaftsbundes. Neben Kosmos, Harmonie und Esoterik führt die Verwendung des Wortes „Freundschaft“ auf Pythagoras zurück. Die in solchen spirituellen Gemeinschafen freundschaftlich verbundenen Menschen repräsentieren die GESUNDHEIT des Menschen im fünfzackigen Stern. Die vierfältige Seele hat in der Gemeinschaft ihre fünfgliedrige, ganzheitliche Seelenverfassung erfahren.

Diese Geheimhaltung war ein Schutz der Gemeinschaft und ein Schutz der Lehre, in der Spiritualität und Wissenschaft noch unverbrüchlich miteinander verbunden waren. Schon zu Lebzeiten des Pythagoras gab es Neider, die in den Bund nicht aufgenommen wurden und dann gegen die Pythagoräer hetzten. Pythagoras musste nach 2o auch politisch einflussreichen Jahren mit seiner Schule Kroton verlassen, begab sich nach Tarent und Metapont (beides noch in Süditalien).

Nach seinem Tod in hohem Alter von ca. 90 Jahren entzweiten sich die Pythagorärer in die Spirituellen und Wissenschaftler (um es grob zu sagen) und die heilige Einheit von Weisheit und Wissenschaft war entzweit. Trotzdem gab es immer wieder herausragende Persönlichkeiten, die sich auf Pythagoras beriefen – nicht zuletzt der große Astronom Johannes Kepler, der als „wiedergeborener Pythagoras verehrt wurde.

Mein Fazit: Wenn ich nur ein einziges aktuelles Buch von Pythagoras empfehlen dürfte, wäre es zweifellos dieses. Der Leser darf sich dabei auch auf eine spirituelle Abenteuerreise gefasst machen. Er sollte sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass „die Alten“ (zumindest die Meister) in ihrem Bewusstsein höher entwickelt waren als wir es heute sind. Und es ist kein Zufall, dass Pythagoras heute wieder in unser Bewusstsein drängt. Denn es wäre seine Botschaft bei der Lösung der Probleme unserer heutigen Zeit, Spiritualität und Wissenschaft wieder miteinander zu versöhnen und da anzusetzen, wo die Wissenschaft noch nicht vom Göttlichen getrennt war, sondern Ausdruck, eine höhere geistige Ordnung zu verstehen, wie es seine Lehre im 6. Jh. v.Chr. noch war.

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3 Kommentare

  • Vielen Dank für diese Buchvorstellung, die mich sehr neugierig gemacht hat, allen voran folgender Worte wegen, mit denen Sie das Unterfangen des Autors beschreiben:

    “Wenn man Pythagoras gerecht werden will, so muss man ihn aus dessen Bewusstseisstand heraus interpretieren. Und das ist Konrad Dietzfelbinger meisterhaft gelungen. All diese Rätsel um Pythagoras, seine Abstammung von Appolon und die jungfräuliche Geburt durch seine Mutter werden in der Symbolik des damaligen Zeitgeistes interpretiert.“

    Diese Betrachtung eines Bewusstseins, welches dergestalt heute nicht mehr vorliegt, bringt es auf den Punkt. So, wie nur allzu oft Mythen als Märchen, als Spinnerei gar, geringschätzig von jenen abgetan werden, die mit heutigem Bewusstsein sich ein Bild von der Vergangenheit machen. Gleiches gilt übrigens auch für Mutationen im Genom von Lebensformen, ein Thema, welches ich mittels Rechtschreib“fehlern“ in meinem Roman ‚Ich LIEBE meinen Tumor‘ thematisiere:

    https://ichliebemeinentumor.wordpress.com/2015/06/27/ein-armutszeugnis-voller-metaphern/

  • Vielen Dank für diese interessante und ausführliche Rezension!

    „Es ist eine holistische und integrale Weltsicht, wie es wohl keine mehr nach Pythagoras in dieser Breite und Tiefe gegeben hat.“
    Und ich kann nur zustimmen, dass wir diese Weltsicht heute mehr denn je brauchen.

    Das Buch kommt auf meine Bestellliste und ich freue mich darauf, es zu lesen.

    • Jürgen Schröter

      Danke Angelika
      … ja, das scheint mir auch der Kernsatz zu sein.
      Pythagoras repräsentiert noch die „heilige Einheit“ von Esoterik
      und Wissenschaft. Es ist heute wichtiger denn je, diese „heilige
      Einheit“ wieder herzustellen, so dass unsere „heillose Wissenschaft“
      wieder zu einer heiligen Wissenschaft werde.
      Es ist der Grund, weshalb Pythagoras immer präsenter wird.

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