Konstantin Wecker: Mönch und Krieger

Untertitel: Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt

Ich habe die LP von Konstantin Wecker „Genug ist nicht genug“ Ende der Siebziger Jahre – selbst knapp 30 – zum ersten Mal bei einem Freund in Berlin gehört. Ich war sofort Wecker-Fan. Und kein deutsch-sprachiger Liedermachen ist mir so an mein Männerherz gegangen wie Konstantin Wecker. Erst das Buch macht mir bewusst, wie viel eigene Lebensgeschichte ich als „erwachender Mann“ darin wieder finde und in klaren Worten ihren Ausdruck findet. Angefangen als Revoluzzer (dem politischen Krieger) bis zum Erwachen als spirituellem Mann
(ja, auch ein Stück selbstgenügsamer Mönch) finde ich so viel meiner eigenen Seele in diesem Buch wieder.

„Philosoph und geiles Tier“, das ganze Spektrum unseres Mannseins philosophisch und poetisch „aufgehoben“, ist in diesem Buch wiederzufinden. Ich habe während des Lesens die ganze Zeit feuchte Augen vor Berührung. Da schwingt so vieles meiner Männerseele mit: „Das Buch ist ein Teil von mir, das ist ein Teil auch meines Seelen-Lebens.“

Die Spiritualität des Mannes

Frauen fällt der Zugang zur Spiritualität leichter. Eine Spiritualität des „Ganz-einfach-Sein“ liegt in der Natur des Weiblichen. Ein Mann lebt eher in der Welt des Werdens und Tuns. Ein männlicher Zugang zur Spiritualität kommt in diesen Tanz zwischen SEIN und WERDEN, zwischen MÖNCH und KRIEGER.
Und diesen Tanz zwischen NICHTS und ALLEM, zwischen den POLEN darzustellen, ist Konstantin Wecker vorbildlich gelungen. Er bringt diesen männliche Zugang zur Spiritualität auf sehr klare und lebendige Weise zum Ausdruck. Es ist stiller Rückzug aus der Welt (der Mönch) und vehementes Einbringen in die Welt (der Krieger). Diesen Spagat als spirituellen Mann zu leben, lässt das Buch mitfühlend und mitreißend erleben. Das macht es für mich so wertvoll, so unvergleichlich, so richtungsweisend, ja bahnbrechend. Konstantin Wecker war in Kultur und Politik immer ein bahnbrechender „Rammbock“, einer, der Mauern eingerissen, neue Zeichen gesetzt hat. Und mit diesem Buch offenbart er auch sein Leuchtgestalt als spiritueller Mann, ohne sich dabei als „erleuchtet“ hinzustellen. Ich empfehle dieses Buch jedem Mann, der auf der Suche ist. (Ich glaube, auch Frauen werden davon begeistert sein, hier etwas aus dem vielfältigen Leben eines „archetypisch spirituellen Mannes“ in der heutigen Zeit zu lesen.)

Authentische Spiritualität

Konstantin Wecker hat alle Höhen und Tiefen der Seele erlebt, den Himmel und die Hölle, das Gute und das Böse, Licht und Schatten, Engel und Teufel eines in seinem ganzen Potenzial und bis an die Grenzen gelebten Lebens. Merke: Mann kann nur Grenzen überschreiten, wenn man bis an die Grenzen geht.

Er versteckt nichts, beschönigt nichts (und heiligt sein Ego) – einfach grundehrlich. Und das tut soooo gut. Es nimmt die Angst vor den eigenen „Leichen im Keller“: Ich bin nicht schlecht, kein „hoffnungsloser Fall“, wenn ich auch Böses in mir entdecke. Selbst „den Teufel“ herauszufordern, das Satanische, zeigt nicht nur Mut, sondern auch das tiefe Wissen der Seele, dass alles Teuflische und Böse letztlich auch nur eine „Illusion“ ist, die letzte spielerische Prüfung und Transformation vor dem Fallen in die EINHEIT.

Es gibt viele Wegweiser in die Tiefen der Männerseele. Doch EHRLICHKEIT, WAHRHAFTIGKEIT sind sicher die großen Leuchtfeuer. Und dafür steht Konstantin Wecker als aufrüttelnder Er-Wecker: authentisch leben, sich selbst treu sein. Das ist nahezu „atemberaubend“. Natürlich geht es nicht darum, Konstantin Wecker zu bewundern. Es geht darum, sich durch die Botschaft des Buches zu einer authentischen Spiritualität selbst er-wecken zu lassen.

Politische Spiritualität und spirituelle Politik

Als „Alt-Revoluzzer“ (was immer das heißen mag) hatte ich ein ewig „schlechtes Gewissen“, mich vom Politischen nahezu völlig zurückgezogen zu haben. Je mehr mann sich zu seiner eigenen Wahrhaftigkeit durchringt, desto mehr ekelt einen die Politik an (inklusive Medien und Wirtschaft), als Inbegriff der Lüge, des Betrugs, der Täuschung – das Reich des „Fürsten dieser Welt“. Hände weg, um sich nicht selbst zu beschmutzen, „weiße Weste“ behalten. (Wir Spirituellen sind ja Lichtgestalten in Weiß – HAHAHA!!)

Ich habe mich mit „oberspirituellen Sätzen“ wie „alles ist gut, so wie es ist“ nie anfreunden können (ich weiß natürlich, was im Sinne „göttlicher Ordnung“ gemeint ist). Der einlullende Spruch – im Gegensatz zum Wecker-Sinn des Spirituellen –schießt sich letztlich nur selbst ins Knie: „Alles GUT“, ist gar nicht zu haben, wo es GUT gibt, gibt es auch BÖSE, das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Das ist das Gesetz.

Wie aber Spiritualität mit einer „Politik reinen Herzens“ verbinden?
Okay, ich erschaffe mir nach meiner Möglichkeit eine „private Welt“, die ich mir für den ganzen Planeten wünsche: als fürsorglicher Großvater in meiner Familie, als permakultureller Gartenbauer, als Hüter unserer Pflanzen und Tiere, als Liebhaber der Frauen, als erweckender Mann, als Dorfoberhaupt einer Internet-Gemeinschaft „Berufener“. „Alles schön und gut“ – doch Politik ist mehr. Sie muss so global sein wie die „Anti-Schopfung“ der Machthaber dieser Welt. Und da ist Weckers Buch auch für mich erweckend: Sich wieder einzumischen – auch von meiner Seite mit der Kraft meiner Worte. Beizutragen zu einer authentischen Spiritualität, männlicher Spiritualität die weltbewegende Kraft ins Bewusstsein zu führen, die ihr zusteht.

Was mir in dem Buch von Konstantin Wecker bewusst geworden ist: Spirituelle Politik ist anarchistisch! Wir predigen das „Loslassen!“ und haben Angst vor der Anarchie. Eines der Merk-Würdigkeiten unserer spirituellen Szene. Lasst uns die Schwarze Fahne hissen, das Licht ist aus der Finsternis geboren. Es ist Zeit, Spreu vom Weizen zu trennen, damit unsere spirituelle Bewegung nicht in sich selbst vermodert, sondern reichlich Ernte trage, die Saat einer neuen Welt werde.

Ein Künstler erklärt sein Werk – soweit es erklärbar ist

Ich will auch diesen Aspekt hervorheben, weil auch er ungewöhnlich zu sein scheint. Jeder begnadete Künstler weiß, dass das, was er erschafft, aus einer höheren Sphäre kommt und letztlich nicht erklärbar ist, dass selbst ihm als dem Erschaffenden Grenzen der Interpretation auferlegt sind. Jede himmliche Kunst hat etwas TAO-mäßiges: das Unaussprechliche. Und Laotse hat zurecht davor gewarnt: Das ausgesprochene TAO ist nicht das ewige TAO. Jetzt übersetzt: Das selbst vom Künstler interpretierte Kunstwerk erfasst nicht das Wesen des Kunstwerks. Jeder begnadete Künstler weiß das, enthält sich eigener Interpretationen, lasst das Werk sich selbst offenbaren.

Doch hier bricht Konstantin Wecker wieder ein Tabu: Er übernimmt auch die Verantwortung für sein künstlerisches Schaffen und interpretiert sein Werk, soweit es ihm möglich ist. Wenn ich das Buch richtig verstehe (ich kenne die anderen Bücher von Konstantin Wecker leider noch nicht): Es erklärt und interpretiert den „roten Faden“ seines Lebens als Künstler und seines Werks. Jedes Kapitel ist mit einem (Lied-) Gedicht eröffnet. Ich habe in meinem Leben noch nie so achtsam und aufgeschlossen Gedichte gelesen wie in diesem Buch – und ich glaube, mir hat sich auch jede Zeile erschlossen.

Das Buch ist nahezu „Pflichtlektüre“ für jeden Wecker-Fan, um in die Tiefe seines Schaffens einzudringen (was für ein männliches Wort!) – die Resonanz unserer Seele mit Weckers Schaffen bewusster aufzunehmen (welch weiblicher Klang!). Für einen, der den Liedermacher Konstantin Wecker noch nicht wirklich kennt, mag das Buch ein Öffner in die poetisch-philosophisch-politische Musik von Konstantin Wecker sein.

Nach-Ge-danke!

Als ich das Buch las, wusste ich gleich, dass ich es anders besprechen musste als alle bisherigen. Ich bespreche nur Bücher, die mich begeistern. Wie soll ich meine Begeisterung mit der Besprechung dieses Buches  noch toppen können? Ich wusste es nicht, habe einfach angefangen zu schreibe, wie es mir in den Sinn kam.

Jetzt fällt mir etwas Verblüffendes auf: Ich habe nicht einen einzigen Satz aus dem Buch zitiert. Obwohl es voll zitierenswerter Sätze ist, sprachlicher Höhepunkte, das Buch hat einen ganzen Textmarker verbraucht. Es ist auch als Perlenkette von Weisheits-sprüchen zu lesen, nahezu verführerisch für Zitate aus dem Buch. TROTZDEM nichts zu zitieren, ist neu für mich! Meistens besteht meine Besprechung aus 50% Zitaten und mehr (ich lasse gerne den Autor selbst zu Wort kommen).
Langsam verstehe ich, was dabei herausgekommen ist: in der Rezension nicht ÜBER das Buch zu schreiben, sondern das zur Sprache bringen, was es in mir an Mitschwingen ausgelöst hat. Und so soll es ja sein, sich seines eigenen Mitschwingens mit der Seele des Buches bewusst zu werden. Nach-Denken im besten Sinne des Wortes.

DANKE an meine Männerseele, dass sie mich bei der Buchbesprechung in diesem Sinne geführt hat.  DANKE an Konstantin Wecker: Ich glaube, ich habe noch nie so klar begriffen, was es heißt, als spiritueller Mann auch ein Krieger der Liebe zu sein:
TÄTIGE MACHT der LIEBE. „Power of Love“. Friedliebende und machtvolle Gewalt der Liebe, die gegen die Anti-Schöpfung wieder DIE EINHEIT mit der Herrlichkeit der Schöpfung erschafft.

Mein Fazit: Ich kann das Buch jedem Mann empfehlen, der sich Gedanken über sich selbst macht, eingebettet in der Entwicklung einer deutschspra-chigen Kultur der letzten Jahrzehnte. Konstantin Wecker hat das Mann-Sein in seiner ganzen Polarität gelebt wie kaum ein anderer in unserer deutschsprachigen Welt – und es wie kaum ein anderer in sprachlich gewaltige Worte gebracht.
Das Buch ist kaum einem Genre zuzuschreiben. Für mich ist es am ehesten ein philosophisch-poetisches Nachdenken eines Mannes über sein Erwachen über das Medium KUNST: eines Mannes, dessen Einfluss auf uns Männer, die Liebe, auf unsere Kultur kaum zu überschätzen ist, eine ausdrucksstarke Fleischwerdung („Inkarnation“) männlicher Spiritualität.

Ich wünschte, jeder Leser dieser Rezension würde das Buch daraufhin sofort selbst lesen. Wenn meine Besprechung dieses Überspringen des Funkens auf das Buch nicht ausreichend leistet, dann liegt es in meinem Unvermögen und nicht am Buch selbst.
Lass dich vom Wecker er-wecken!

Am besten, ich lasse Konstantin Wecker (>> hier der Link zu seiner Hompage)
über 2 YouTube-Videos selbst noch zu Wort kommen:

 

 

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Notwendiger Nachtrag:


„Der Krieger“ ist ein alter männlicher Archetyp, sehr klar vom „Soldaten“ zu unterscheiden, der im Auftrag und für Bezahlung tötet. Der „spirituelle Krieger“ hat etwas von einem Samurai.

Gegen was führt ein „spiritueller Krieger“ heute Krieg?

Das folgende Buch von Konstantin Wecker gibt die Antwort darauf: Er führt keine Kriege mehr, er ist eigentlich auch kein Krieger mehr. Er ist Widerstandkämpfer, Friedenskämpfer. Er steht für den gewaltfreien Widerstand. Er ist ein Ghandi, ein Martin Luther King, ein Nelson Mandela.

Ich empfehle unbedingt dieses Buch „Entrüstet euch!“ von Konstantin Wecker und Margot Käßmann zur Ergänzung. >> Hier meine Buchbesprechung.

* Dieser Beitrag hatte seit Erscheinen bisher 47 Leser/innen [gezählt seit 1.1.2016].

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