Lutz von Werder: Lehrbuch der philosophischen Lebenskunst

für das 21. Jahrhundert

Das Buch ist nicht einfach ein dröges Lehrbuch, eine Pflichtlektüre für Philosophie-Studenten, nein, das Buch ist eine Anleitung für jeden Menschen, der einen Verstand hat und mit Vernunft begabt ist, selbst zu denken. Was war noch der aufklärerische Aufruf Kants: „Hab Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Oder: „Selbstdenken heißt, auf keines Meisters Worte zu hören.“ Und das ist dringender denn je. Nie zuvor gab es so perfekte Manipulations-Instrumente wie heute im „digitalen Informatins-Kapitalismus“: „Wir ertrinken in der Informationsflut und dürsten nach Weisheit.“

Praktische Philosophie als Lebenskunst

Mich hat das Buch angesteckt, dazu animiert, ein philosophisches Tagebuch in der Form eines Blogs zu schreiben. Es hat mich nicht nur angeregt, selbst zu denken, sondern auch KRITISCH zu denken. Die Seele der Mystik ist das JA!-Sagen, die Seele der Philosophie ist das NEIN!-Sagen, die KRITIK. Das Buch hat mich an vielen Stellen selbst zur Kritik herausgefordert. So ist es für mich nahezu unverständlich, dass Lutz von Werder von „philosophischem Selbstmanagement“ statt von philosophischer Selbstbildung spricht. Wie dem auch sei, ein großartiges Lehrbuch zum „Selberdenken“.

Die große Frage, die das Buch stellt und zu beantworten sucht, lautet:

Wie kann das Individuum, das Ich, in Zukunft seine Autonomie behaupten und Lebenskunst entwickeln? (S. 11)

Praktische Philosophie entfaltet sich heute als Ethik, Selbsterkenntnis, Weltbildanalyse, sokratische Hebammenkunst, Hermeneutik, Dialogik und geistige Übung. Sie setzt sich ab von Esoterik, Psychoboom und Totalitarismus. Ihr Anspruch der Ich-Rettung ist keineswegs bescheiden. Allerdings fehlt der praktischen Philosophie und der philosophischen Lebenskunst für das 21. Jahrhundert bisher ein gründliches Lehrbuch. Diese Lücke versucht dieses Buch zu schließen. (S. 12)

Teil A: Grundlagen praktischer Philosophie und Lebenskunst (S. 17 – 109)

1. Dreh- und Angelpunkt des Buches ist das Selberdenken: „Praktische Philosophie muss zum Selberdenken anregen.“ (S. 23)

Die Philosophen haben die Welt zur Genüge totalitär interpretiert, es kommt darauf an, dass das Ich selber denkt. (S. 23)

2. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die „Vermittlung von praktischer Philosophie und Lebenswelt“ (S. 26 ff) Niemand kann ohne Philosophie leben, sie ist den meisten unbewusst.

Durch die Bewusstmachung unserer unbewussten Lebensphilosophie können wir im Selbstdenken als Lebenskunst erheblich voran kommen. (S. 27)

3. Das ICH ist der Ausgangspunkt praktischer Philosophie.

Das Ich kann sich für seine Rettung nur auf sich selbst besinnen, auf das Prinzip „Selbst-Sein“. Zu dieser Rattung braucht das Ich praktische Philosophie. (S. 35)

Die Fragen zur eigenen Lebensphilosophie (S. 71)

Kosmologie:

  • Wie entstand das Weltall?
  • Welche Zukunft hat der Kosmos?
  • Wie erklären Sie sich die Evolution?

Metaphysik:

  • Was ist Gott?
  • Wie verhält sich die Schöpfung zu Gott?
  • Wie erklärt sich das Böse?
  • Warum gibt es den Tod?

Erkenntnistheorie:

  • Was ist Wahrheit?
  • Was ist zweifelsfrei sicher?
  • Wie sind Ihre Glaubenssätze entstanden?

Ethik:

  • Welches sind Ihre Werte?
  • Was sollen Sie tun?
  • Was ist das Ziel Ihres Lebens?

Anthropologie

  • Was ist der Mensch?
  • Wie ist er entstanden?
  • Was ist seine Zukunft?

Teil A zeigt, wie man Philosophieren lernt, die praktische Philosophie in Umrissen, die Abgrenzung von anderen Disziplinen und Strömungen, die berufliche Möglichkeit des praktischen Philosophen und „wie die praktische Philosophie laufen lernt“.

Teil B: Praktische Philosophie und Lebenskunst des 19. und 20. Jahrhunderts (S. 112 – 559)

Teil B ist der Kern des Buches und bespricht insgesamt 43 Philosophen der „Vormoderne, Moderne und Postmoderne“ – gemessen an Ausschwitz. Jeder Philosoph wird befragt und gemessen an dem, 1. wie er das ICH erklärt, 2. was er zur Überwindung von Befindelichkeitsstörungen zu sagen hat und 3. was er zur Transzendenz zu sagen hat.

Die Philosophen werden nach den Weltanschauungs-Typen eingeordnet:

  • Die Nihilisten verachtet die Welt. Sie halten sie für Schwindel. Alles ist für sie Täuschung.
  • Der Zyniker vertritt eine Mischung aus Nihilismus und Skepsis.
  • Der Dogmatiker weiß sich im Besitz der Erkenntnis der Objektivität und der bestimmenden Gesetze. Der Dogmatiker kennt nur die Autorität des Dogmas an.
  • Die Humanisten stellen den Menschen in den Mittepunkt.
  • Der Agnostiker oder Skeptiker weiß, daß er über die Dinge und die Welt nichts Sicheres wissen kann.
  • Die Mystiker streben über die Welt hinaus, um die „unio mystica“ zu erreichen.

Jedem Philosophen wird ein bestimmter Kernsatz zugeordnet, wie beispielsweise

  • Marx Stirner (1806 – 1956): Als Einziger dem Nichts trotzen
  • T. W. Adorno (1903 – 1969): Im Zerfall des Kapitalismus sich behaupten
  • A. Watts (1915 – 1974): Das weibliche Nichts suchen
  • S. de Beauvoir (1908 – 1989): Das weibliche Ich stärken
  • R. Steiner (1861 – 1925): Höhere Welten erkennen
  • M. Buber (1878 – 1965): Philosophische Dialoge führen

Die durch praktische Philosophie auzulösenden Befindlichkeitsstörungen sind:

  • Aggressivität
  • Alkoholmissbrauch
  • Angst
  • Depression
  • Eheprobleme
  • Frigidität
  • Frustration
  • Kommunikationsstörungen
  • Konzentrationsmängel
  • Krebs
  • Nervosität
  • Perfektionismus
  • Phobien
  • Schlafstörungen
  • Schmerzen
  • Schüchternheit
  • Stress
  • Süchte
  • Überempfindlichkeit
  • Vereinsamung
  • Versagungen
  • Negative Vorstellungen
  • Willensschwäche

Dieser Teil ist gespickt mit Übungen und bestimmten Analyse-Modellen und Methoden.

Teil C: Philosophisches Selbstmanagement für das 21. Jahrhundert (S. 561 – 598)

Das neue Paradigma der Philosophie im 21. Jahrhundert könnte das philosophische Selbstmanagement werden. (S. 563)

Mit anderen Worten, dass jeder erwachte Mensch auch ein Philosoph ist – mit der „Entwicklung einer eigenen Weltanschauung als Kern der eigenen Lebensphilosophie“ (S. 577). Eine ganz wesentliche Rolle spielt dabei die Standordbestimmung zwischen Lebensverneinung (Nihilismus) und Lebensbejahung (Mystik).

Dabei können die großen Themen der über das Ich hinaus gehende Transzendenz geklärt werden:

  • das Wir
  • der Staat
  • die Gesellschaft
  • die Natur
  • die Evolution
  • das Nichts
  • das EINE

Als „Settings für das philosophische Selbstmanagement“ (S. 597 f.) empfiehlt Lutz von Werder:

  • die Selbstanwendung männlicher und weiblicher Ich im Alltag
  • die philosophische Beratung
  • die philosophische Gruppenarbeit
  • philosophische Cafés
  • die Ausbildung zum praktischen Philosophen

Mein Fazit: Wir waren als Kinder schon Philosophen und sollten es als reif gewordene Erwachsene erst recht sein. „Selbst-Bildung“ ist eine Art praktische Lebensphilosophie, ein bewusstes Wählen eines Weltbildes, die bewusste Gestaltung unseres Lebens. Unsere historische Aufgabe ist es, das bestehende Weltsystem zu transformieren in eine wirklich humane Gesellschaft. Und diese Transformation zum „wahren Menschen“ beginnt bei jedem einzelnen. Das Buch gehört in die Bibliothek eines jeden Menschen, der sich der Manipulation entziehen will, um selbst zu denken.

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