Lutz von Werder: Spirituelles Schreiben

Das Buch ist überaus faszinierend, der Titel deutet nicht annähernd die Tiefe des Buches an. Es geht um Mystik und Schreiben. Es gibt weit mehr mystische Poesie als Rumi oder Meister Eckhart. Das Buch sucht in der modernen Literatur die Mystiker heraus und würdigt sie. Doch das Buch stellt auch heraus, dass der Urgrund des Philosophierens selbst auf die Mystik zurückzuführen ist. Auch Philosophen sind „schreibende Mystiker“. Das Buch regt aber vor allem den Leser „auf dem direkten Weg“ an, zum Schreiben zu greifen, sich schreibend selbst zu heilen und ein mystisches Erleben in Worte zu fassen.

1. Teil: Die mystische Philosophie der Moderne und die Literatur

Das Buch greift bestimmte Autoren der modernen Literatur auf, die ihre Poesie mit Mystik verbinden:

Diese Philosophie ist im Kern die Mystik – und gemäß der heutigen Zeit – die gottlose Mystik. Was macht diese Mystik so geheimnisvoll? Sie spricht im Verborgenen. Sie spricht über das, worüber sich das Schweigen breitet. Sie wird von Dichtern und Dichterinnen geschaffen, die Inspiration besitzen. Diese Mystik ist oft pan-theistisch. Die Gottheit ist unbegreifbar. Jedoch ist die Seele nicht ganz von ihr getrennt. Schon Platon, der den Orphikern und Pytagoreern anhing, kennt die mystische Einheit von Gottheit und Seele: Die unio mystica. (S. 15)

Die „gottlose Mystik“ meint entweder den Pan-Theismus (Spinoza) oder das Unpersönliche Alleine, ähnlich dem Buddhismus. Der PERSÖNLICH „Gott ist tot“, wie Nietzsche schon sagte. Doch diese EINHEIT kann mystisch erfahren werden und „Ekstatiker müssen reden, das heißt dichten“ (S. 19)

Die Philosophie hat ihren Ursprung in der intuitiven Erfahrung der Einheit, aus der alle Vielheit erspringt. Allen Vertretern philosophischer Mystik ist die Erkenntnis eigen, dass die mystische Erfahrung schwer oder gar nicht zu artikulieren ist. So sagt Ludwig Wittgenstein: „Über das Mystische kann man nur schweigen.“ Aber kein Mystiker schweigt. Es werden viele Wege gesucht, über die mystische Erfahrung doch zu sprechen. Die hauptwege heißen: Negative Theologie, um alles zu verneinen, was Seiendes ist; Stufen-Mystik, die vom Konkreten zum Abstrakten aufsteigt; Intuition, die mit einer plötzlichen Einsicht und ihrer Verschriftlichung arbeitet. Ein weiterer wichtiger Weg ist die spirituelle Poesie, das heißt mystische Literatur. (S. 18 f.)

Übrigens: „In der Moderne beginnt das Philosophieren über die mystische Philosophie bei Hegel. (S. 19) Ihm war auch RUMI (gestorben 1273) schon bekannt, über den Hegel schreibt: „Der Dichter erblickt das Göttliche in allem und gibt sein eigenes Selbst dagegen auf. Damit erweitert er sein inneres Ich und eröffnet eine schwelgerische Seligkeit.“ (S. 19) Lutz von Werder bespricht dann Heidegger, Karl Jaspers und Martin Buber als mystische Philosophen und ihren Einfluss auf die Poesie.

Eines der Kersätze des Buches, um seinen (pädagogischen) Sinn zu verstehen:

In unserem Buch kommt es daher darauf an, das Lesen und Schreiben mystischer Texte so zu präsentieren, dass sie zum Schreiben spiritueller Texte anregen. (S. 29)

2. Teil: Dichter der spirituellen Philosophie in der Moderne

Dies ist der Hauptteil. Manche Poeten sind keine Überraschung, wie Rainer Maria Rilke oder Hermann Hesse. Andere wie Bert Brecht als „marxistischer Mystiker“ eine Offenbarung. Das Buch enthält eine geniale Zusammenfassung, die ich einfach nur zu zitieren habe (S. 363 f.):

Sehen wir uns den neuen Reichtum der Bilder an, die auch in der Moderne vom All-Einen als Quelle von Allem entwickelt worden sind:

Schon Friedrich Hölderlin spricht im Sinne Spinozas vom All-Einen als Natur, die jeden Streit aufhebt.

Walt Whitman fordert das starke Ich, das selbstbewusst vor Galaxien stehen kann, weil es Teil des All-Einen ist.

Rainer Maria Rilke lehrt, dass das All-Eine ein Lied ist oder das frischer Obst, das Orpheus reicht.

Hermann Hesse zeigt: Das All-Eine ist die Aufhebung des Ichs in der ewigen Flut.

Elsse Lasker-Schüler zeigt, wie das All-Eine in allen Stufen der jüdischen Mystik immer lebendiger wird.

Gottfried Benn führt uns mit C. G. Jung zur erfahrung des Selbst im kollektiven Unbewussten, das dem All-Einen am nächsten kommt.

Bertholt Brecht will, dass das All-Eine in der Zukunft eine Gesellschaft ist, wo der Mensch dem Menschen ein Helfer ist.

Albert Camus zeigt, dass der Heilige ohne Gott ein Heiliger des zärtlichen und zugleich gleichgültigen All-Einen ist.

Jack Kerouac macht klar, das All-Eine ist die Leeere, das Nirwana.

Rose Ausländer spricht vom All-Einen als einen Kristall aus Licht.

Ingeborg Bachmann macht klar, ist die Flucht aus dem Vielen.

Für Nelly Sachs ist das All-Eine das Universum, das in ihrer Küche kniet.

Hilde Domin kennt das All-Eine als eine Rose, die Halt gibt.

Thomas Tranströmer spricht vom All-Einen der zen-buddhistischen Lehre.

Paulo Coelho erkennt im All-Einen die universelle Energie, die nie vergeht.

Peter Handke begegnet, in der Natur wanderend, dem All-Einen am heutigen Tag.

Zusammenfassend: „Dieses Schreiben verhilft zur Ekstase und zur Erleuchtung. Oder? Seitdem Gott tot ist, spricht durch die Dichter das All-Eine. Religion wird durch Mystik und Spiritualität ersetzt. Die eigene Religion ist das Produkt des eigenen kreativen Schreibens.“ (S. 364)

Der 3. Teil ist kurz und zeigt den „Grundkurs des spirituellen Schreibens des Lehers H.“

Mein Fazit: Es gibt viele Methoden zu mystischen Erfahrungen, zur Erfahrung der EINHEIT: lieben, meditieren, …. Eine „verblüffende Methode“ ist DAS SCHREIBEN. Warnte Laotse doch: Das ausgesprochene und geschriebene TAO ist nicht das wahre TAO. Doch ein Mystiker kann nicht anders, als seiner Erfahrung Worte und Schrift zu verleihen. Die mystische Poesie und die Philosophie selbst beruhen darauf. Dieses bewusst zu machen, ist ein großes Verdienst des Buches. Doch es regt auch an, das SCHREIBEN als Methode des direkten Weges zur Mystik für sich selbst zu erproben.

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