Matthew Fox: Die verborgene Spiritualität des Mannes

Ich schätze, dass ich mich in der deutschsprachigen Männerliteratur ganz gut auskenne (angefangen bei Volker Elis Pilgrim, viel Sam Keen). Und deswegen erlaube ich mir das Urteil, dass das Buch von Matthew Fox das ist, das am tiefsten geht: Nachdem die Frauen in den letzten 20 Jahren in ihrer weiblichen Spiritualität uns Männer um „Lichtjahre“ abgehängt haben, präsentiert uns Matthew Fox jetzt den HEILIGEN MANN! Mit diesem Buch kommen wir endlich wieder wieder in Augenhöhe mit der Göttlichen Weiblichkeit.

Matthew Fox gehört schon lange zu meinen Lieblingsautoren. Mich haben vor allem seine „Schöpfgungsspiritualität“ (Kreuz 1993) und „Revolution der Arbeit“ (Kösel 1996). Jüngst fasziniert mich sein mit Rupert Sheldrake herausgegebenes Buch „Die Seele ist ein Feld“.
Und jetzt dieses spirituelle Männerbuch!

Viele Autoren versuchen dem „neuen Mann“ über männliche Archetypen zu Leibe zu rücken. So auch Matthew Fox. Die Besprechung von 10 männlichen Archetypen machen den I. Teil des Buches aus:

  1. Vater Himmel – der Kosmos lebt! (der kosmische Alchemist)
  2. Der Grüne Mann (der Schamane)
  3. Ikarus und Dädalus (die Tragik gestörter Vater-Sohn-Kommunikation)
  4. Jäger und Sammler (der Ernährer der Gemeinschaft)
  5. Spirituelle Krieger (die keine Soldaten sind, sondern machtvolle Mitschöpfer)
  6. Männliche Sexualität, Göttliche Sexualität (der Liebende)
  7. Unsere kosmischen und tierischen Körper (der Tempelpriester)
  8. Der Blaue Mann (der meditierende Mystiker, Künstler und Prophet)
  9. Erdvater: Das väterliche Herz (der präsente und liebevolle Vater)
  10. Großvater Himmel: Das großväterliche Herz (der mit allem „versöhnte“ Weise)

Das Buch ist an Weisheiten dermaßen dicht, dass es sich fast verbietet, daraus zu zitieren. Man kann dabei gar nicht anders, als Worte aus dem Zusammenhang zu reißen. Das ganze Buch ist EIN Zusammenhang. Es ist nicht leicht zu lesen, keine leicht verdauliche Kost. Es hat weder den Charakter eines „Manifestes“ noch den eines Ratgebers. Es lädt uns Männer auf eine Heldenreise in BEWUSSTHEIT und SEELENGRÖSSE ein, auch durch die „dunkle Nacht der Seele“ gegen männlich-gewaltsame Aggression, Beschämung und Scham zu unserer Heiligkeit zu erwachen.

„Es ist an der Zeit, dass Männer spirituell erwachsen werden.“ (S. 15) Es ist gut, wenn wir unsere Frauen „vergöttern“. Doch es ist für eine spirituelle Partnerschaft ebenso wichtig, in unsere Größe als Heilige zu kommen, das den WAHREN MANN ausmacht.

Die Vermählung des Männlichen und Weiblichen, die „Heilige Hochzeit“, ist Thema des II. Teils des Buches. Vielleicht haben wir zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Chance ohne Überbetonung des einen (Matriarchat) oder des anderen (Patriarchat) eine absolut gleichberechtigte Kooperation des Weiblichen und Männlichen herbei zu führen, um eine wahrhaft MENSCHLICHE Gesellschaft aufzubauen.

Für viele Männer ist ihre männliche Spiritualität etwas „Verborgenes“; sie bleibt ungesehen und unerkannt. Doch wenn wir die männliche Spiritualität auf angemessene Weise ehren und anerkennen, verlieren wir jede Furcht vor dem Weiblichen und können hoffentlich alle spirituellen, sozialen, persönlichen Merkmale (frei von Vorurteilen den Geschlechtern gegenüber) in Form eines gesunden Gleichgewichts in uns vereinigen.
Natürlich vollzieht sich dieser Prozess in jedem von uns anders, was unsere wunderbare Vielfalt zu erklären hilft. Aber wenn diese Hochzeit nicht auf irgendeine Weise stattfindet, geraten wir entweder als Individuen oder als Gemeinschaften in Schwierigkeiten, Tatsächlich steckt unsere ganze Spezies in der Klemme, wenn wir diese heiligen Hochzeiten nicht feiern.
(S. 266)

Die Heilige Hochzeit ist die von „Vater Himmel und Mutter Erde“, von „Grünem Mann“ und der „Schwarzen Modanna“, von Yin und Yang als Hochzeit des Gleichgewichts und der Harmonie.
Matthew Fox weist in diesem zweiten Teil darauf hin, dass das kommende Zeitalter auch andere Hochzeiten von scheinbar Widersprüchlichem feinern wird und als „das ultimative heilige Ehebündnis: Geist und Seele“ (S. 319 f)

Ich kann für dieses Buch nur dadurch werben, dass ich jetzt zwei längere Zitate aus der „Schlussfolgerung“ (S. 321 – 341) zitiere, um dem Leser, der Leserin eine Möglichkeit zu geben, mit der Quintessenz des Buches in Resonanz zu kommen:

Was ist ein echter Mann?

Echte Männer befassen sich mit ihrer eigenen verwundeten Männlichkeit, mit den männlichen Themen der Scham und der Aggression. Sie verinnerlichen die in diesem Buch genannten Archetypen und fragen: Wie läuft es bei mir? Welcher dieser Archetypen spricht mich am meisten an? Wo bin ich am stärksten? Wo mangelt es mir noch am meisten? Die große Heilung besteht darin, wieder dazuzugehören. Auf diese Weise wird die Scham in die Flucht geschlagen und mit ihr auch ein großer Teil des Zorns und der Frustration: wieder zum Universum zu gehören (Vater Himmel); zur Erde und ihren vielen Geschöpfen (der Gründe Mann); zur Gemeinschaft (Jäger und Sammler); zu einem Stamm mutiger Menschen, die die Erde sowie Frauen und Kinder beschützen (spiritueller Krieger); aktiv zuhören und kommunizierend zu den eigenen Söhnen und Töchtern (Ikarus und Dädalus); zu unserer eigenen göttlichen und freudvollen Sexualität (der Liebende); zu unserem heiligen und wunderbaren Körper (der Tempel); zu unserer Fähigkeit zu erweitertem Bewusstsein (der Blaue Mann); zu unserem väterlichen Selbst (Erdvater) und zu unseren Ältesten und zum großväterlichen Selbst (Großvater Himmel). All das lässt die Entwicklung von Männern und der Männlichkeit Realität werden. Dadurch werden Scham, Zorn und fehlgeleitete Aggression in die Flucht geschlagen, was zu einem inneren Frieden führt, der auch auf unsere Institutionen, unsere Politik und unsere Religion projiziert wird. (S. 339)

Was ist ein Heiliger?

Männer müssen das Mitgefühl in ihr Herz, in ihrer Arbeit, in Beziehungen, in das Bürgerrecht, in Politik, Wirtschaft, in die Geschäftswelt und in die Religion hineinbringen. Wenn wir das tun, werden wir schließlich die Essenz der Lehren des Buddhas, Jesu, Mohammeds und anderer leben. Jene, die sich diese Lehren zu Herzen genommen und im täglichen Leben umgesetzt haben, bezeichnen wir als „Heilige“. Sie sind viel zu selten. „Heiliger“ ist der wahre Name für „Held“ wie in dem Wort „Heldenreise“. Ein Heiliger ist ein Mensch, der sein volles Selbst lebt. Dabei ist er uns gar nicht so fern; die Reise des Heiligen hat ihre Höhen und Tiefen, und auch er ist nicht vollkommen unschuldig oder von Zorn, Scham, Aggressionen oder „Sünde“ unberührt. Er ist jemand, der sein Herz vollständig in jener Reise einbringt, die wir das „Leben“ nennen und den nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere lebt. Ein heiliger hat Großherzigkeit und Seelengröße geschmeckt und verbreitet diese. Ein Heiliger bringt seine Seele selbst inmitten von Leid und Enttäuschung zum Wachsen. Er schwingt sich hoch auf und weiß, dass die Begeisterung des Höhenflugs dennoch in der Gemeinschaft und dem Irischen verwurzelt bleiben muss. Ein Heiliger ringt mit allen in diesem Buch erwähnten Archetypen und vergisst dabei keinen einzigen von ihnen. Wie einst Jakob ringt auch eher mit den Engeln, um verwundet zu erwachen, aber zugleich auch Besuch vom Einen Heiligen und unseren Ahnen zu erhalten – jenen heiligen Ringern, die diesen Kampf vor uns geführt haben. Ein Heiliger gibt sich nicht mit Geringfügigkeit oder einer kleinen Seele zufrieden, sondern engagiert sich für die Erweiterung des Universums, der wahren Energie von Vater Himmel, um seinem sich erweiternden Herzen und seiner wachsenden Seele gerecht zu werden.

Die Heilige Männlichkeit hat sich erhoben und ist jetzt zur Rückkehr bereit. Vieles in unserem Leben und in unserer Kultur – einschließlich der Katastrophen, die uns täglich ins Gesicht starren – weist darauf hin, dass wir uns an einem Scheitel- oder Wendepunkt befinden. Sind wir bereit dafür, können wir die verzerrte Männlichkeit loslassen, um die Heilige Männlichkeit einzuladen? Die Zeit ist nicht auf unserer Seite. Aber unsere Ahnen sind es. Sie und die Schöpfung selbst feuern uns dazu an, die richtige Entscheidung zu treffen. Echte Männer zu sein – für selbst, für unsere Kinder und für zukünftige Generationen.
(S. 341)

Mein Fazit: Das Buch von Matthew Fox ist Programm und Landkarte unserer Heldenreise. Zu unserer Größe als Wahre Männer zu erwachen heißt auch, zur Größe (und Tiefe) dieses Buches zu erwachen. Es hebt unsere „verborgene“ Männerbewegung auf ein höheres Niveau und wird sie hoffentlich auch bald im Außen kraftvoll in Erscheinung treten lasse.

Oh, das heutige Veröffentlichungsdatum 3. Mai ist mein Geburtstag als Großvater! Mein Enkel Mika ist vor 4 Jahren auf die Welt gekommen. Das möge ein Zeichen sein! Ich möchte diese Buchbesprechung gerne ihm – heute zu seinem Geburtstag – widmen.

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