Matthias Beck: Krebs

Untertitel: Körper, Geist und Seele einer Krankheit

Im Grunde ahnt es jeder: Jede Krankheit ist einzigartig und der Weg der Heilung genau so unvergleichbar und individuell. Doch „Einzigartigkeit“ ist natürlich ein riesiges Problem für eine naturwissenschaftliche Medizin. Hier zählt Vergleichbares, Normierbares, Statistik, allgemein gültige Therapie-Methoden. Die naturwissenschaftliche Medizin kennt bei Krebs bekanntlich nur 3 Therapien: Operation, Bestrahlung, Medikamente („Chemo-Therapie“).

Lange Zeit schien Krebs nahezu ausschließlich durch einen genetischen Defekt verursacht zu sein, genetisch determiniert. Das Aufkommen der Epigenetik hat die deterministische Sicht der Genetik auch in der Sicht und Behandlung von Krebs „über den Haufen geworfen“. Diese recht respektlosen Worte passen zum dramatischen „Paradigmenwechsel“ in der Genetik. Epigenetik hat inzwischen über 1,5 Millionen Faktoren unterschieden, die Einfluss auf das Abschalten und Aktivieren der Gene nehmen können. Gott sei Dank! War es doch beängstigend, dass wir 99% gleiche Gene wie Affen und sogar noch 95% gleiche Gene wie Mäuse haben. Da muss es doch noch etwas ganz anderes geben, als nur die Gene! Die Epigenetik öffnet uns die Welt des „ganz anderen“ als Menschen jenseits der Genetik. Die Epigenetik hat so auch das Verständnis von Krebs als Geisel der Menschheit grundlegend verändert: Epigenetik erweitert das Verständnis für die Ursachen der Krankheit Krebs, ermöglicht aber auch dem Patienten, den eigenen Beitrag zur Heilung aktiv mitzugestalten, einen grundsätzlich neuen Weg im Leben einzuschlagen.

Wir brauchen eine personalisierte Medizin   

Um nicht missverstanden zu werden: Der Autor Univ.-Prof., Dr. med., Dr. theol. Matthias Beck wirft nun die naturwissenschaftliche Krebs-Therapie keinesfalls „über den Haufen“, sondern erweitert die Sichtweise der Krankheit und ihrer Heilung weit über das Naturwissenschaftlich-Medizinische hinaus. Er macht mit der Forderung ernst, die Disziplinen müssen bei der Bekämpfung von Krebs zusammenarbeiten. Denn Krebs ist letztlich immer eine Krankheit von Körper, Geist und Seele – also bedarf auch der Heilungsprozess immer auch die Beachtung aller drei Dimensionen: Körper, Geist und Seele. Und so ist im Heilungsprozess nicht nur die Naturwissenschaft gefordert, sondern auch die Geisteswissenschaft wir Psychoonkologie, ja auch die Philosophie und die Theologie, wenn es um die Seele geht. Hier ist allerdings auch der Patient in hohem Maße selbst gefordert, sich auf den Weg der Heilung bis zur Heilung seiner Geist-Seele zu machen.Das Wichtigste des Weges der Heilung kann ihm letztlich niemand abnehmen.

Teil 1: Krebs – Naturwissenschaft und Philosophie im Dialog

Krebs ist mehr als eine persönliche Krankheit oder eine Zivilisationskrankheit. KREBS ist DAS Symptom für fehlgesteuertes Leben, für Lebensverweigerung. 

Auch Krebszellen sind lebendige Zellen, aber sie leben an der Ordnung des Gesamtorganismus vorbei. (S. 13)

Lebt nicht auch die Menschheit an der Ordnung der Schöpfung vorbei? KREBS als Symptom kann alles in Frage stellen … bis zu der Frage hin, ob die Menschheit sich zum Krebsgeschwür auf Mutter Erde entwickelt hat. (So weit geht der Autor nicht!)

Doch der Autor diskutiert in diesem Teil des Phänomen des Lebens, um diese „krankhafte“ Trennung zwischen LEIB und SEELE endlich in unserem Denken zu überwinden, auch die Trennung zwischen Natur- , Geisteswissenschaft und an der Seele orientierte Philosophie und Theologie:

Zur Beantwortung derartiger Fragen müssen Erkenntnisse der Medizin, Psychologie, Philosophie, Theologie, Spiritualität integrativ zusammengebracht werden. (S. 18)

Der Autor beschreibt die Seele als das Lebensprinzip bei Aristoteles und vor allem bei Thomas von Aquin, in dessen Theologie Körper, Geist und Seele noch eine Einheit waren:

Die Seele formt also in dieser Philosophie den Körper zum Leib. Nur in der Einheit von (Geist-) Seele und Leib kann der Mensch (sich) erkennen. Damit ist jeder Leib-Seele-Dualismus ausgeschlossen. (S. 29) …
Während in der Sichtweise des Thomas von Aquin die Seele noch als innerste Mitte des Menschen mit Vernunft, Verstand, Gefühl, Emotion, Intuition und den Blick auf Absolutes umfasste, beschreibt der Seelenbegriff Freuds und jeder der nachfolgenden Psychologie nur noch die Welt der Gefühle, des Erlebens und Verhaltens. (S. 32)

Unsere „moderne“ Psychologie ist sozusagen seelenlos geworden., hat ihre steuernde Mitte verloren. So wird die Krankheit des Denkens und unseres ganzen medizinischen Systems zur Krankheit der Seele in der Lebensverweigerung von Krebs. Krebs als unsterbliche Zelle erinnert darin nur noch an die Unsterblichkeit der Seele, ihre Ausrichtung auf Höheres als eine endliche Zeitspanne zwischen Leben und Tod.

Teil 2: Die Bedeutung von Geist und Seele bei Krebserkrankungen

Im zweiten Teil geht der Autor an das Wesen der Krebserkrankung als

  • Desintegration und Zerstreuung statt Integration
  • Isolation statt Kommunikation auch mit der eigenen Seele
  • Außensteuerung statt Selbsterkenntnis
  • mangelnde Abgrenzung statt Eigenstand

Genau genommen findet der Mensch nicht in sich selbst seinen Eigenstand, sondern in seinem Seelengrund. Je mehr er dort ankommt, desto mehr ist er bei sich. (S. 78)

Teil 3: Die Spirituelle Dimension des Menschen

Auch wenn das Buch eine klare theologische Ausrichtung hat, so ist es nicht auf eine bestimmte Religion orientiert, sondern allgemeiner auf Spiritualität, die persönliche Antwort jedes einzelnen auf die GOTTESFRAGE.

Auch wenn der Begriff der Spiritualität sehr vieldeutig geworden ist:

Es soll nur so viel angemerkt werden, dass Spiritualität … etwas mit der Ausrichtung des Menschen auf die Dimension des zugrunde liegenden Seins zu tun hat: sei dies eine kosmische Dimension, die Dimension der Natur, das Leerwerden des Menschen in asiatischen Meditationsmethoden oder der Bezug zu einem personalen Gott wie im Judentum, Christentum, Islam. Spiritualität hat also – wie der Begriff sagt – mit Geist zu tun, mit menschlichem und „göttlichem“. (S. 83)

Es ist dabei wichtig, ein Gefühl für „Unstimmigkeit im Leben“ zu bekommen. „Entscheidend ist, wie der Mensch von der Unstimmigkeit zur Stimmigkeit findet.“ (S. 90) Diese Unstimmigkeit kann bis zur „Verfinsterung der Seele“ (S. 92) gehen. Um diese Zerstreuung durch „finstere, dubiose Kräfte“ zu überwinden, gilt es sich einzustimmen auf die „innere Wahrheitsstimme“, die göttlichen Antriebe im Menschen.

Auf dieser Ebene geht es darum, dass der Mensch seine tiefste Wahrheit, Berufung und Identität findet und nicht an ihr vorbei lebt. (S. 96)

Krebs kann ein Weckruf zur Wende im Leben sein, doch die Krankheit ist nicht völlig zu enträtseln, und das Buch macht keine Heilsversprechen.

So ist nicht jedes Leiden und jede Krankheit ein Indiz für das Herausfallen aus der innersten Mitte und nicht jeder, der mit seiner Wahrheitsstimme im Einklang lebt, ist immer gesund und leidfrei. (S. 115)
Die offenen Fragen wollten nicht beantwortet werden, es sollte auch nicht der Eindruck erweckt werden, dass man Spiritualität oder christlichen Glauben instrumentalisieren kann, um gesund zu werden. (S. 122)

Letztlich geht es um „eine größere Resillienz, also eine bessere Widerstandskraft gegen die Herausforderungen der Zeit“ (S. 122). Ja, und das leistet das Buch!

Weit mehr als nur ein Buch über Krebs, ein Buch über das LEBEN

Der Autor schreibt selbst im Vorwort: Das Buch „ist aber kein Ratgeber, den denen gibt es genug.“ (S. 7) Das Buch steht über allen Ratgebern zum Krebs, ordnet sie quasi ein … und es geht viel tiefer – bis an das Wesentliche im Leben. Es ist an keiner Stelle ein trockenes Fachbuch, auch wenn es einen sehr ausführlichen Anhang zur fachlichen Vertiefung hat. Das Buch liest sich für einen Laien leicht. Ich kann es nicht nur Menschen empfehlen, die direkt oder indirekt als Angehörige von Krebs betroffen sind oder sich ernsthaft um eine Krebs-Prophylaxe bemühen. Das Buch ist empfehlenswert für Fachkräfte wie Seelsorger, die Krebs-Patienten begleiten. Das Buch ist sogar eine wunderbare Einführung in die theologisch orientierte Philosophie des Lebens am konkreten Beispiel der Krankheit Krebs. Jeder, der sich ernsthaft Gedanken über das Leben macht, über den Zusammenhang von Körper, Geist und Seele, kann das Buch mit großem Gewinn lesen.

 

Matthias Beck: Krebs: Körper, Geist und Seele einer Krankheit (Klick)

* Dieser Beitrag hatte seit Erscheinen bisher 55 Leser/innen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 × 5 =