Paul Ferrini: Zusammen Wachsen

Irgendwann ist es so weit, da weißt du: Beziehungen funktionieren nicht „einfach so“. Im Gegenteil: „Einfach so“ funktionieren Beziehungen auf Dauer ganz und gar nicht. Förderliche Partner-Beziehungen brauchen Bewusstsein, brauchen ein Wissen um die Grundregeln, wie wir zusammen wachsen und zu einem WIR zusammenwachsen können.

„Eine Beziehung ist wie die Geburt eines neuen Wesens. Sie betrifft den Übergang vom gedanklichen Rahmen des ‚Ich‘ zum ‚Wir‘, ohne daß dabei Opfer gebracht werden müssen. So etwas geschieht nicht über Nacht. Es braucht Zeit und Geduld. Auch Klarheit ist vonnöten. Beide Partner müssen sich auf diese Erfahrung vorbereiten.“ (S. 9)

Ich kenne kein Buch, das dieses Thema dermaßen brillant und einfach, in wenigen und glasklaren Worten beschreibt wie Ferrinis kleines Brevier: Zusammen Wachsen. Ich liebe das Buch! Es begleitet mich nun schon über 10 Jahre, und immer wieder lese ich in ihm – und immer wieder fallen mir Schuppen von den Augen.

Das Buch unterteilt sich in drei Teile:

  • Vorbereitung einer Partnerschaft
  • Die sieben Schritte zu einer spirituellen Partnerschaft
    (der Hauptteil des Buches)
  • Veränderung der Beziehung

Das vielleicht größte Hindernis zu einer gesunden Partnerschaft ist unsere Beziehungssucht. Wir leben – ehrlich gesagt – in einer Suchtgesellschaft (siehe auch die Thematik von Anne Wilson Schaef). Ist es da ein Wunder, dass wir auch unseren geliebten Partner wie eine Droge missbrauchen? Ist es ein Wunder, dass missbrauchte Liebe verwelkt und zu einem Ort des offenen oder versteckten Partner-Krieges wird?

Im ersten Teil thematisiert Paul Ferrini diese vielleicht größte Falle für eine Beziehung (Beziehung als Sucht). Dieser Text ist dermaßen fundamental, dass ich ihn gerne und mit Dringlichkeit vorlese:

Der zweite Teil stellt die 7 Grundregeln und Schritte
einer gelungenen Partnerschaft vor:

Der erste Schritt: Verpflichtung.
Um in einer Beziehung über die Konflikte hinaus wachsen zu können, bedarf es einen RAUM DER SICHERHEIT. Das ist vor allem ein emotionaler Raum, dass ich alle meine Ängste, meine Wut und meinen Groll äußern darf, ohne dass ich Sanktionen von dir erwarten muss.

„Freiheit endet nicht dadurch, dass wir eine Verpflichtung eingehen. In Wahrheit müssen wir die Freiheit haben, unsere Verpflichtung jede Woche, jeden Tag und jeden Moment zu erneuern und zu überdenken, wenn sie echt sein soll. Ohne die Freiheit der Entscheidung können wir uns nicht verpflichten.“
(S. 59)

Der zweite Schritt: (Mit-) TEILEN
Nach der romantischen Phase, dem Verliebtsein (Verliebtsein ist wie eine Droge) beginnt die eigentliche Partnerschaft.

„In Wahrheit setzt der spirituelle Aspekt einer Beziehung erst dann ein, wenn das Paar das Ende der Romanze übersteht. Wenn sie einander dann (ohne Sterne in den Augen) anschauen, mögen sie das, was sie da vor sich haben? Können sie die dunkle Seite ihres Partners ansehen und sie ebenso mitfühlend annehmen, wie sie es bei sich selbst gelernt haben? Halten sie nach einem Menschen oder einem Heiligen Ausschau?“ (S. 63)

Der andere ist nicht mehr nur ein narzisstischer Spiegel meiner selbst, sondern ein ANDERES Wesen mit individuellen Eigenheiten. Das WIR entsteht, indem wir uns austauschen, miteinander teilen.

Der dritte Schritt: Wachstum
Die Beziehung kann als WIR nicht wachsen, wenn nicht jeder einzelne in der Beziehung einen eigenen Raum des Wachstums hat. Co-Abhängige Partner geben sich diesen Raum nicht. Sie klammern, vereinnahmen sich, überschreiten Grenzen des anderen.

„Grenzen sind in Beziehungen außerordentlich wichtig. Die Tatsache, dass wir ein Paar sind, bedeutet nicht, daß wir aufhören, Individuen zu sein. Paare, die zu sehr ineinander verstrickt und voneinander abhängig sind, legen die Saat für künftigen Streit. Keiner sollte sich selbst aufgeben, um mit einem anderen zusammenzusein. Tatsächlich kann die Stärke einer Beziehung daran gemessen werden, wie frei sich jeder der Partner fühlt, sich im Rahmen der Partnerschaft selbst zu verwirklichen.“ (S. 77)

Der vierte Schritt: Kommunikation
Die häufigste Form der Kommunikation in einer Partnerschaft ist der ANGRIFF: der Partner wird beschuldigt. Es findet dann auch kein offenes und mitfühlendes ZUHÖREN statt, sondern die VERTEIDIGUNG, die Rechtfertigung, der Gegenangriff.

„Eine gute Kommunikation vermeidet stets die Extreme, einen anderen entweder verärgert anzugreifen oder den Ärger zu unterdrücken. Weder Sadismus noch Masochismus tragen zum Frieden und zur Verständigung bei. Kommunikation ohne Schuldzuweisung ist eine Kunst, die jedes Paar lernen muss, wenn es sich wünscht, dass seine Beziehung wächst und gedeiht.“ (S. 98f.)

Der fünfte Schritt: Spiegelung
Der Weg in den Himmel führt durch die Hölle. Förderliche Beziehungen sind deshalb so heilsam, weil sie uns mit unseren inneren Dämonen konfrontieren. Wir können ihnen in einer Beziehung nicht ausweichen. Es geht um den Schmerz, die Wunden, das Leiden in einer Beziehung.

„Die Frage, die ich mir stellen muß, lautet nicht, ‚wer greift mich an?‘, sondern ‚warum fühle ich mich angegriffen?'“ (S. 111)

„Paare, die sich ihren Dämonen stellen und ihre Ängste überwinden, haben eine entscheidende Schlacht gegen die Ungewissheit gewonnen. Sie fallen auf den Boden der Tatsachen und erkennen, daß der einzige Grund für ihr Zusammensein darin besteht, einander zu lieben und anzunehmen. Das ist der Weg, der in den Himmel führt.
Es ist ein spirituelles Gesetz, daß alles, was uns an jemand anderem stört, der Teil von uns selbst ist, den wir nicht lieben und akzeptieren wollen.“
(S. 116)

Der sechste Schritt: Verantwortung übernehmen
Das WIR entsteht eigentlich erst in diesem Schritt. Jeder einzelne von uns wird wirklich ER-WACHSEN und so kann ein WIR WACHSEN. Wir müssen nicht nur unsere Eltern aus der Verantwortung für unser Leben entlassen, sondern auch unseren Partner (als Elternersatz). Jeder ist selbst verantwortlich.

„Wir sind niemals für die Erfahrungen unseres Partners verantwortlich, und unser Partner ist niemals für die unsrigen verantwortlich. Die Schönheit dieses spirituellen Gesetzes geht für diejenigen verloren, die ihre Partner für ihr Glück oder ihren Schmerz verantwortlich machen.“ (Seite 123)

„Das ‚Wir‘-Bewusstsein in eurer Beziehung ist entweder aus der Stärke und Integrität des ‚Ich‘-Bewusstseins entstanden, oder es ist eine Täuschung. Wenn du und dein Partner aufrichtig zueinander seid und die Verantwortung für eure eigenen Erfahrungen übernehmt, hat das ‚Wir‘ eine tiefgehende Bedeutung. Wenn Aufrichtigkeit oder Aufmerksamkeit fehlen, kann das ‚Wir‘ nur ein Verrat am Selbst sein.
Du kannst dir sicher sein, daß Gott Beziehungen nicht erschuf, damit wir uns selbst betrügen. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Der Zweck einer Beziheung ist es zu lernen, uns selbst treu zu sein.“ (S. 138f.)

Der siebte Schritt: Vergebung
Der Dünger für die Liebe ist die Vergebung. Ich mache Fehler. Du machst Fehler. Ich verletze dich. Du verletzt mich.

„Ihr seid beide Menschen. Das heißt, daß ihr zusammen die Höhen des Himmels und die Tiefen der Hölle erfahren werdet. In eurer Umarmung lieben Engel und Teufel und gehen gemeinsam mit euch auf eure beständige Reise in Richtung Selbstvergebung.
(S. 141)
„Um Vergebung zu bitten heißt nicht, zum anderen ‚Tut mir leid‘ zu sagen. Es heißt, dem anderen zu sagen, ‚das ist mit mir los. Ich hoffe, du kannst es akzeptieren und verarbeiten. Ich versuche mein Bestes.‘ Es geht darum, die eigene Situation zu akzeptieren, auch wenn es schwierig ist, und dem Partner die Möglichkeit zu bieten, sie zu akzeptieren, auch wenn es ihm oder ihr nicht leicht fällt. Wenn wir das, was uns geschieht, in dem Augenblick akzeptieren, in dem wir es bewerten wollen, vollzieht sich Selbstvergebung.“ (S. 146)

Der dritte Teil klärt „Veränderung der Beziehung“

Trennung in Würde und Liebe, Trauer (auch wenn ein Partner verstorben ist) und „Neu-Verpflichtung zur Liebe“ sind die Themen des letzten (dann nur noch sehr kurzen)  Teils.

„So schwer die Reise manchmal auch erscheinen mag, so gibt es doch Momente, die einfach atemberaubend sind. Der harte Panzer, der das Herz umgibt, beginnt aufzubrechen. Wo uns einst Furcht zurückhielt, lernen wir nun, kleine Schritte nach vorn zu machen. Wir gehen Risiken ein und überwinden unsere Ängste. Wir lernen, einander zu vertrauen.
Wir erleben eine Sanftheit, die aus dem Kampf geboren wurde, eine Süße, die aus Schmerzen entstand. In den Blicken, die sich begegnen, steht ein Funkeln, das über die Feierlichkeit des Begehrens hinausgeht. Es ist die innere Erkenntnis des Selbst und des anderen: eine Hingabe, die in das Herz und Anerkennung und Liebe führt.
Möge dir diese Gnade zuteil werden.“ (S. 14)

Mein Fazit: Wenn du dich mit deinem Partner der Liebe verpflichten willst (Was gibt es Höheres im Leben??!!), dann hast du in diesem Buch eine wundervolle Anleitung, die ans Herz geht und die Grundlage eures Liebesvertrags werden kann. (Gemeinsam lesen, bis ihr es auswendig kennt!)

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Zusammen Wachsen – Schritte zum liebevollen Miteinander

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