Pierre Teilhand de Chardin: Das Tor in die Zukunft

Untertitel: Ausgewählte Texte zu Fragen der Zeit
Herausgegeben und erläutert von Günther Schiwy

Günther Schiwy hat sich den den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts ein besonders Verdienst erworben, Pierre Teilhard von Chardin im deutschsprachigen Raum wieder neu bekannt zu machen. Es war die zweite Welle der Rezension seiner Werke nach der ersten Welle in den 60-er Jahren. Günther Schiwy hat eine sehr beachtete zweibändige Biographie von Teilhard de Chardin zu dessen 100. Geburtstag herausgegeben (1981) und zwei Bände mit ausgewählten Schriften. Darüber hinaus hat ein Buch zum Verhältnis von Teilhard zum damals aufkommenden „New Age“ geschrieben.

Dieses Buch nun, das ich hier bespreche, macht den Leser mit Pierre Teilhard de Chardin als Prophet und Visionär vertraut. Die Auszüge betreffen weniger dessen theologischen oder wissenschaftlichen Schriften, sondern Schriften zu „Fragen der Zeit“.  Diese Schriften stammen aus den Jahren 1926 bis 1947, den Jahren der Verbannung von Teilhard in China.

Günther Schiwy hat seine Einleitung dem speziellen Zugang zu dem Werke eines Propheten gewidmet, dessen „‚prophetische‘ Texte notwendig in einer originellen Sprache jenseits der Fachsprachen abgefaßt sind.“ (S. 10)

Man wird, so scheint es, Teilhards Texten am ehesten gerecht, wenn man ihn liest wie einen originellen Schriftsteller: darauf gefaßt, daß er etwas Neues zu sagen hat, wozu er sich einer eigenen Sprache bedient, ‚gebastelt‘ aus der Alltagssprache, den Wissenschaftssprachen, den poetischen und den religiösen Sprachen je nach Spannweite der angezielten Synthese. (S. 10)

Günther Schiwy vereinigt in den Buch 53 Textauszüge von Teilhard, unterteilt in 10 Themen der Zeit:

  1. Aussteigen oder „Leidenschaft für das Ganze“? – Der Einzelne und die Gesellschaft
  2. „Liebt euch, oder ihr geht zugrunde!“ – Über die geheimnisvollste der kosmischen Energien
  3. „Schmerz und Schuld, Tränen und Blut“ – Das Übel, das Böse und der Tod
  4. „Unendlich nah und überall“ – Der Aufstieg Gottes und die Religion der Evolution
  5. „Die Kraft eingrenzen, das ist Sünde“ – Moral in einer sich entwickelnden Welt
  6. „Immer mehr suchen müssen“ – Die Krise der Wissenschaften und des Fortschritts
  7. „Nicht Absonderung, sondern Synthese“ – Möglichkeiten und Grenzen der politischen Systeme
  8. „Der Frieden ist möglich“ – Von der endgültigen Vernichtung des Krieges
  9. „Den Reichtum der Welt bewahren“ – Die ökonomische und ökologische Krise
  10. „Ein Gefühl, das überwunden werden muss: die Hoffnungslosigkeit“ – Das Ende der Welt und die außerirdischen Wesen

Ein paar Zitate von Theilhard selbst aus dem Buch:

Hat überhaupt ein anderer Autor ein so tiefes Verständnis der Liebe gehabt wie er?

Die aussagestärkste und zutiefst wahre Weise, die universelle Evolution zu erzählen, wäre wahrscheinlich, die Evolution der Liebe nachzuzeichnen. (S. 38)

Die ganze Evolution als eine Manifestation der Liebe! Das war für Teilhard aber nicht nur eine mystische Erfahrung. Er hat die Evolution wissenschaftlich neu interpretiert, so dass sie als „Evolution der Liebe“ zu verstehen ist.

Die Welt ist auf unserer Stufe, wie sie sich in der Erfahrung zeigt, ein unermeßliches Tasten, ein unermeßliches Suchen, ein unermeßlicher Angriff: sie kann ihre Fortschritte nur um den Preis vieler Mißerfolge und vieler Wunden erzielen. (S. 52)

So erklärt Teilhard Kriege und das Böse in der Welt. Es sind keine apokalyptischen Zeichen, sondern Wachstunskrisen. Auch die Natur kennt Katastrophen auf dem Weg der Höherentwicklung.

Um uns herum sagt ein gewisser Pessimismus immer wieder, unsere Welt versinke im Atheismus. Müßte man nicht viel eher sagen, sie leide an unbefriedigtem Theismus? (S. 56)

Genau diese Sichtweise Theilhards macht ihn im Grunde zum „Propheten einer neuen Spiritualität“ – jenseits einer Religion, die mit der Entwicklung der Zeit nicht mehr Schritt halten kann.

Und diese „neue Spiritualität“ nennt er „Religion der Evolution“ (S. 65)

Anbeten hieß früher, Gott den Dingen vorziehen, indem man sie mit ihm verglich und indem man sie ihm opferte. Anbeten heißt jetzt, sich mit Leib und Seele dem Schöpfungsakt weihen, indem man sich mit ihm verbindet, um die Welt durch Anstrengung und Forschung zu vollenden. (S. 63)

Die Schöpfung ist nicht zu Ende. Wir Menschen sind die bewussten Hände Gottes, um sie im Punkt Omega zu vollenden, was Theilhard in seinen mystischen und visionären Erlebnissen GESEHEN hat:

Das Universum vollendet sich in einer Synthese der Zentren, in vollkommener Übereinstimmung mit den Gesetzen der Vereinigung. Gott, Zentrum der Zentren. In dieser endgültigen Schau gipfelt das christliche Dogma. – Das trifft so genau den Punkt Omega, daß ich gewiss niemals gewagt hätte, auf rationale Weise die Hypothese von Omega ins Auge zu fassen und zu formulieren, wenn ich nicht in meinem gläubigen Bewusstsein sein ideales Bild vorgefunden hätte, ja noch mehr: seine lebendige Wirklichkeit. (S. 66)

Theilhard betont nicht nur die Rolle des Geistes und des Bewusstseins, sondern auch der Seele:

Doch diese Seele kann, wenn sie existiert, nichts anderes als die ‚Konspiration‘ der Individuen sein, die sich verbinden, um das Gebäude des Lebens um ein neues Stockwerk höher zu bauen. (S. 92)

Die Seele der Menschheit als „Konspiration aller Seelen“ – was für ein schönes prophetisches und poetisches Bild! Das ist Pierre Teilhard de Chardin! (Spüren wir noch seinen Atem?)

Alle 10 Kapitel des Buches sind von Günther Schiwy eingeleitet, so dass dem Leser die Auswahl und der Sinn der Texte von Teilhard unmittelbar einleuchtend ist.

Darüber hinaus eine Art Glossar der Grundbegriffe von Teilhard in dessen oft spezifischer Bedeutung. Innerhalb der Texte weisen (*) Sterne darauf hin, dass der Begriff im Anhang noch einmal präzise im Sinne Teilhards definiert wird. Manchmal sind es mehrere * in einem Satz.

Das Buch ist von einem großen Verehrer Teilhards zusammengestellt worden. Es würdigt nicht nur die prophetischen Aussagen von Pierre Teilhard de Chardin, sondern ist auch ein Denk-Mal für Günther Schiwy.

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