Ronald Engert: Der absolute Ort, Band 2 (2015)

Untertitel: Philosophie des Subjekts

Das Buch „Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts“ von Ronald Engert (Herausgeber der Tattva Viveka) ist bereits der zweite Band, eine Artikelsammlung des Autoren und Herausgebers aus der Tattva Viveka von 2008 bis 2014. Seine Artikel zwischen 1994 bis 2007 sind im ersten Band enthalten.

Dieses Buch ist mir mehr als ein anderes Buch in der letzten Zeit unter die Haut gegangen und in den Kopf gestiegen. Es ist meinem eigenen philosophischen Denken und meiner spiritueller Wahrnehmung sehr nahe (lies: sehr ähnliche Wellenlänge).

Ein Buch über den „subjektiven Faktor“ verbietet es regelrecht, es „objektiv“ zu besprechen, sondern fordert den Rezensenten dazu heraus, sich selbst als „subjektiven Faktor“ zu outen.

Was macht das Buch zu etwas Besonderem – für mich?


 

  1. Es ist für mich das erste Buch, das sich aus der neuen Spiritualität heraus in unmittelbarer Weise der Philosophie zuwendet, in die Richtung einer neuen „Seelen-Philosophie“ geht.
  2. Es ist keine Total-Darstellung eines komplexen philosophischen Systems, sondern „Philosophie im Work-Flow“ – und damit eine Philosophie als Lebensprozess im besten Sinne des Wortes: aus dem Leben für das Leben.
  3. Ich achte und schätze das Buch auch aus dem Grund ganz besonders, weil es nicht aus der Feder eines professionellen Fachphilosophen kommt, sondern eines spirituellen Menschen reinen Herzens, der „notwendigerweise“ philosophiert – und das sehr tiefgründig. Das Buch hat für mich etwas ansteckend Ehrliches und Mutiges.
  4. und nicht zuletzt: Viele dieser Thesen haben bei mir selbst mentale Knoten meiner eigenen philosophischen Themen gelöst. An anderer Stelle scheint mir, dass ich schon Lösungen für noch offene Fragen im Buch gefunden habe. Ich nehme das Buch als ein Angebot für einen philosophischen und inspirierenden Dialog auf Augenhöhe wahr. Es ist kein „Das ist die absolute Wahrheit: friss oder stirb“, sondern offen und einladend, zum Dialog herausfordernd.

Ich denke, mit diesen vier Zuschreibungen habe ich mein Gefühl der subjektiven Wertschätzung für das Buch schon ganz gut umschrieben (> ausführliche Einzelheiten in meinem philosophischen Blog). Diese Buchbesprechung ist mit Abstand die umfangreichste in meinem Buch-Blog und verrät damit auch, wie sehr mich dieses Buch anspricht, wie intensiv ich auf das Buch reagiere. Ich lese es als aktuell entfaltetsten Ausdruck wahrhafter Lebensphilosophie.

Ich möchte jetzt auf die großen Themen des Buches und die besonderen Aussagen eingehen:

  • der subjektive Faktor
  • das Männliche und Weibliche
  • eine neue, spirituelle Theorie der Gefühle
  • Suchtfaktor Religion und Sektenhetze
  • Spiritualität und Wissenschaft
  • die Illusion des Avaita und der Liebesdienst des Bhakti
  • Einzelbeiträge zu Sloterdjik,
  • zur Rechtsphilosophie,
  • die Geschichte der Tattva Viveka
  • und die spirituelle Bedeutung von Geld

 

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Der subjektive Faktor


Der Philosophie wird nachgesagt, sie sei abstrakt und blutleer, keine große Hilfe für den Alltag des einzelnen Menschen. Entweder hat sie das „Dogma der Objektivität“ von den Wissenschaften übernommen oder ist dermaßen „subjektivistisch“ geworden („Solipsismus“), dass man sich im Labyrinth des reinen Subjektivismus vollkommen verirrt (aktuell: Jeder schaffe sich sein Realität selbst).

Dieses Objektivitätsparadigma führt jedoch zu einer zunehmenden Verallgemeinerung und Abstrahierung des Wissens um den Preis des Verlustes an Wissen, das auf das einzelne Individuum anwendbar ist. (S. 7) …
Welche Faktoren dazu gehören, die eigene Subjektivität in klarer Weise in die philosophische oder wissenschaftlichen Ausführungen zu integrieren, wird in diesem vorlegenden Buch immer wieder von verschiedenen Seiten her untersucht. (S. 8)

Das Vorwort führt in dieses wirklich großes Programm des Buches ein: das Subjektive und das Objektive miteinander zu verbinden. Hier wird philosophisch gesehen weder ein Monismus noch ein Dualismus, sondern „eine triadische Lösung“ (S. 10) entwickelt.

Der Autor stellt im Vorwort sich selbst als „subjektiver Faktor“ dar, thematisiert auch seine eigene ehemalige Sucht und kommt zum Schluss:

Und gerade mit dem Zugang zu mir selbst, der erst mit dem Nüchternwerden und dem Fühlen meiner echten Gefühle wirklich möglich war, ist der Philosophie des Subjekts, der ich von Anfang meines philosophischen Lebens an bereits folgte, in das Stadium iher Verwirklichung getreten. (S. 15)

Diese Sichtweise, „nüchtern“ sein zu müssen, um das Subjektive und Objektive in angemessener Weise miteinander verbinden zu können, wird in dem Artikel S. 209 – 223 „Der subjektive Faktor. Innere Reife als Schlüssel zu objektiver Wissenschaft“ (zusammen mit Gabriele Sigg) hypothetisch und programmatisch formuliert – mit dem bahnbrechenden Satz: „Wir haben die These, dass nur in der radikalen Subjektivität maximale Objektivität möglich ist.“ (S. 210)

Der Schlüssel für diese ungeheure These liegt in der Seele als dem „einzig möglichen Referenzpunkt“ (S. 212):

Durch die individuelle Seele hat der Mensch, trotz aller gesellschaftlicher Verschränkungen, folglich die Möglichkeit, mit sich selbst in Wechselwirkung zu stehen und sich außerhalb der Geschenisse zu bewegen (hier ist auch innere Freiheit möglich). (S. 211)

In diesem Reifungsprozess liegt letztlich die Notwendigkeit der Integration von Spiritualität und Wissenschaft. Die (vom falschen Ego befreite) Seele ist die Domäne des Spirituellen (Intuition, Inspiration, SCHAUEN und SEHEN, …) und ist notwendig für objektive Erkenntnisse:

Objektive Erkenntnis wäre somit egofreie Erkenntnis. … Hier setzt unsere These vom „subjektiven Faktor“ und der radikalen, konkreten Subjektivität an. Radikalität bedeutet hier eine konsequente Offenlegung der eigenen Schattenanteile und emotionalen Zustände. (S. 222)

 

Das Männliche und Weibliche


Die Frage des Unterschieds zwischen Mann und Frau ist spirituell gesehen eine Frage des Bewusstseins und nicht des Körpers. (S. 293)

Zwei Artikel des Buches widmen sich diesem Thema ausdrücklich:

  • Ins and Outs. Zur Differenz männlicher und weiblicher Erkenntnis (S. 189 – 207)
  • Die Kunst des Nehmens. Das weibliche Paradigma der Erkenntnis (S. 293 – 301)

Um eine Ahnung für die Tiefe der Unterscheidung zwischen dem Männlichen und Weiblichen zu bekommen, möchte ich den Autor etwas ausführlicher zitieren:

Die Vagina ist ein Innenraum oder ein Hohlraum, ein Gefäß, ein Umschließendes und Aufnehmendes. Sie ist ein „in“, ein Eingang, eine Einstülpung im Körper. Sie empfängt und passt sich an. Sie ist rezeptiv und passiv. Sie ist Passion. Es kommt etwas hinein, ein Penis. Der Penis ist ein Etwas, aber die Vagina selbst ist kein Etwas, kein Ding. Sie ist das komplementäre Gegenstück zum Ding, ein Nicht-Ding. Dieses Nichts ist ein negativer Erkenntnismodus, nicht im Sinne von „schlecht“, sondern im Sinne von anziehend und aufnehmend, von einem Unterdruck, der Zug erzeugt. Es will gefüllt werden, denn die Natur kennt kein Vakuum. Es ist eine ziehende Kraft. Ein Modus, der keine Position einnimmt. Die Bewegung geht von außen nach innen. …
Der Penis ist ein Ding, ein Etwas, eine Position. Er dringt ein, er penetriert und gibt. Er hat eine steife Form und nimmt den Raum ein, den die Vagina darstellt. Er drückt und stößt. Er macht, er ist ein aktives Prinzip. Er ist Aktion. Der Penis ist das komplementäre Gegenstück zum Nicht-Ding, zur Vagina. Der Penis ist ein „out“, ein Ausgang, eine Ausstülpung am Körper Der Penis repräsentiert den positiven Erkenntnismodus, denn er ist eine Position. Weil er Raum einnimmt, macht er Druck. Und er drückt etwas heraus, in die Vagina hinein, den Samen. Die Bewegung geht von innen nach außen. (S. 192 f.)

Es sind zwei Prinzipien: „Beide Prinzipien sind essentiell und unerlässlich.“ (S. 194) und stehen im untrennbaren Wechselspiel zueinander. „Deshalb ist Gott männlich und die Schöpfung, die Materie ist weiblich.“ (S. 195)

Diese Erkenntnisse sind in meinen Augen fundamental und bahnbrechend, kaum noch in einer Buch-Besprechung weiter zu reduzieren. Ich will aus der Sichtweise der beiden Artikeln nur noch auf ein paar Highlights hinweisen:

  •  Mit der Feminisierung unserer Kultur darf es nicht zur Abwertung des männlichen Prinzips kommen. Der Mann ist Krieger: „Wir brauchen auch Herrschaft und Gewalt. … Wir brauchen auch die Zerstörung. Ohne Tod kein Leben.“ (S. 196) Ergänzend in der Fußnote: „Die Kraft der Zerstörung als männliche Domäne hat zu folgenschweren Missbräuchen in der gesamten Menschheitsgeschichte geführt.“ Wir brauchen auch das Trennende: „Das Trennen ist ein männliches Prinzip.“ (S. 197)
  • Nicht-invasive Erkenntnis: „Man stelle sich eine Erkenntnis vor, die nicht invasiv ist, die nicht eingreift, eindringt, zerteilt, bearbeitet, verändert. Eine Erkenntnis aus einem Unterdruck heraus, aus dem Nichts oder dem reinen leeren Raum heraus. Das ist die Erkenntnis des Nicht-Tuns, Nicht-Wertens, des Nicht-Beurteilens. Eine Erkenntnis ohne Ur-Teil.“ (S. 198)
  • Trennen und Vereinen als Alchemie des Lebens: „Teilen ist auch Mit-Teilen, ist Sprache (…). Indem wir teilen werden wir ganz.“ (S. 200) Das Männliche und das Weibliche sind dabei „zwei polare Teilkräfte“ (S. 202)

Aber es gibt eine besondere Alchemie der Geschlechter, die Hochzeit der polaren Teilkräfte, die das Leben und das Bewusstsein zu neuen Höhen erheben, zu anderen Tiefen bringen und zu ungeahnten Weiten führen kann. …
Diese Alchemie findet sich überall in er Natur, bei allen Pflanzen, Tieren und Menschen. Selbst in der göttlichen Sphäre ist es absolut notwendig, Göttin und Gott gleichermaßen zu ehren, denn auch hier findet sich die konstituierende Polarität. (S. 204)

  • Weibliche Erkenntnis und Wahrheit: „In der Tat ist ein Zugang zur Wahrheit nur in diesen Modi möglich. Es liegt eine eigene Qualität in diesen genuin weiblchen Formen des Geführtwerdens, des Genossenwerdens, der Hingabe und des Aufnehmens.“ (S. 294)
  • Geben und Nehmen – aktiv und passiv: „Es gibt ein aktives Geben, passives Geben, aktives Nehmen und passives Nehmen.“ (S. 294)
  • Die Schönheit des Nehmens: „Die wirkliche Liebe ist das Nehmen. Ich nehme dich so an, wie du bist, ich nehme Zuflucht, ich akzeptiere, ich unterwerfe mich sogar. Das wahre Subjekt ist dasjenige, das sich unterwirft.“ (S. 296)
  • Das Wechselspiel: „Es ist die Frau, die dem Mann die Form gibt. Ohne Frau ist der Mann formlose Energie. Ohne Mann ist die Frau indes ohne Richtung.“ (S. 299)

In diesem Spiel der weiblichen und männlichen Kräfte, in ihrem Miteinander-Tanzen und -Spielen kann alles entstehen. Es ist ein Erstaunen. Wer nichts tut, bewirkt alles. Wer nichts will, bekommt alles. Dies ist die höchste Stufe des Seins. Hier treffen sich Seelen. (S. 301)

 

Eine neue, spirituelle Theorie der Gefühle


Diesem Thema sind unmittelbar drei Artikel im Buch gewidmet (wenn das Thema auch in jedem Artikel stärker oder schwächer mitschwingt):

  • Fühlen und Denken. Ein gewaltiger Unterschied (S. 77 – 98)
  • Live Stream. Zur Eigenbewegung des Lebens und der Priorität der Gefühle (S. 99 – 112)
  • Entwirrung der Gefühle oder: Warum es lebensrichtig ist, bei dem Verlust eines Menschen Schmerz zu empfinden (S. 125 – 147)

Der erste Artikel „Fühlen und Denken“ ist „thesenhaft und roh“ (S. 79) aufgebaut. Er erinnert mich in seiner Funktion an die „Thesen über Feuerbach“ von Karl Marx, die später zur Geburtsurkunde seines theoretischen Gebäudes wurden. Dieser Artikel trägt auch die Aura einer Geburtsurkunde.

Die 10 Thesen sind:

  • Die Gefühle sind die Realität.
  • Die Gefühle sind die primäre Realität des Menschen, nicht die Gedanken.
  • Echte Gefühle entstehen nicht aus den Gedanken.
  • Es gibt zwei Arten von Gefühlen, die primären und die sekundären.
  • Echtes Denken ist Nach-Denken.
  • Denken kann Gefühle erzeugen.
  • Spiritualität ist nicht Fühlen.
  • Emotionen sind auch die Essenz der spirituellen Sphäre.
  • Das Leben selbst ist das Spirituelle.
  • Die Heilung der Gefühle führt zum spirituellen Erwachen.

Diese Thesen finden ihre Erläuterung in Bezug auf das 12-Schritte-Programm der Entsüchtigung, Anne Wilson Schaef, Eckhart Tolle, Jiddu Krishnamurti, Marshall Rosenberg, Daniel Barron und dem Buddhismus.

Der Artikel endet mit der Erkenntnis, dass die Gefühle die „vierte ontologische Sphäre“ (S. 96) darstellen, die „in den bisherigen spirituellen Traditionen praktisch durch die Bank übersehen“ wurden.

Der zweite Artikel „Live Stream“ legt das Fundament für das Primat der Gefühle:

Es geht um nicht weniger als „die Frage, wie wir die Realität erkennen und selbst real sein können“ (S. 99) Die Fußnote ist wichtig: „Ich mache in diesem Beitrag keinen Unterschied zwischen den Begriffe ‚Emotionen‘ und ‚Gefühl‘. Sie bedeuten hier das Gleiche.“ (Wichtig, weil es in der weiter differenzierten Erkenntnis durchaus Sinn macht, beide Begriffe zu unterscheiden.)

Die primäre Wirklichkeit des Menschen ist nicht physisch, mental oder spirituell. Sie ist emotional. (S. 100)
Betrachten wir das Gefühl als primäre Motivation des Menschen und unseren Emotionalkörper als primäre Wirklichkeit des Menschen, so wird eine emotionale Verletzung zu einem ernsten Problem. (S. 101)

Das hat entscheidende Konsequenzen für den Prozess der Heilung: Emotionale Verletzungen heilen wir nicht spirituell, sondern emotional – und das heißt vor allem: den Schmerz zu FÜHLEN. Es hat auch enorme Konsequenzen für das rechte Verstehen des Ich:

In der emotionalen Sicht hingegen ist das Problem nicht das Ich, sondern die Verletzung des Ich, seine Entwürdigung, sein Missbrauch, seine Nichtwahrnehmung.
Wir sind subjektive Wesen und unsere Subjektivität ist unsere Schönheit. (S. 109)

Zusammenfassend:

Mir wird nun immer klarer, was der Unterschied zwischen Denken und Fühlen ist. Der Unterschied ist gewaltig. Das Fühlen ist unsere authentische Natur, unser Wesen und Selbst. Das Denken ist eine strategische Methode, um in dieser Welt zu überleben, indem wir Muster erkennen und daraus Strategien zur Bewältigung entwickeln. Im Denken trennen wir uns schon von uns selbst. Im Fühlen sind wir bei uns. (S. 112)

Der dritte Artikel „Entwirrung der Gefühle“ präsentiert einen Durchbruch für die Theorie und Gefühlswelt menschlicher Beziehungen und eine neue Sichtweise auf die Dualität. 

Menschliche Beziehungen können nirgends anders stattfinden als in einer dualen Welt (zu jeder Beziehung gehören zwei). Können aber spirituelle, göttliche Maßstäbe einer bedingungslosen Liebe auch menschliche Liebe in der Welt der Dualität angelegt werden? Ist die Trauer um den Verlust einer geliebten Person, ist Eifersucht wirklich nur Ausdruck von Ego- und Mangel-Bewusstsein? Es gibt dabei durchaus pathologische Erscheinungen, doch dem Autor geht es um die „nicht-pathologische Phänomenologie dieser Gefühle“ (S. 125)

Bedingungslose Losgelöstheit in menschlichen Liebesbeziehungen zu fordern, wäre demnach eine unzulässige Vermischung der Sphären. (S. 129)
Für menschliche Beziehungen müssten andere Parameter gelten als für die reine spirituelle Sphäre. (S. 130)

Die Welt der Dualität ist nicht zu verteufeln! Sie ist die Welt unserer menschlichen Beziehungen. Wer nur in der Non-Dualität die einzige Wahrheit sieht, muss jede Beziehung als reine Illusion charakterisieren.

Ich behaupte, dass auch diese relative Welt genauso von Gott gewollt ist und nicht im Widerspruch zur spirituellen Sphäre steht. (S. 130)
Wir sollten davon Abstand nehmen, die Bedeutungsinhalte der Begriffe „Grenze“, „Bedingtheiten“, „Abhängigkeiten oder „Anhaftungen“ negativ zu konnotieren. Es gilt vielmehr zu schauen, wo Anhaftung, Abhängigkeit, Bedingtheit oder die Grenze positiv sind. (S. 132)

Der Autor weist darauf hin, dass es in der indischen Bhakti-Tradition im Mythos von Radha und Krishna sogar in der göttlichen Welt Trennungsschmerz gibt. „… diese Gefühle gehören zur reinen, göttlichen Liebe dazu“ (S. 141)

Ich möchte dafür plädieren, diese Gefühle des Schmerzens, der Verlassenheit, der Trauer als echte Gefühle anzunehmen. (S. 141)

Der Artikel endet mit einer „dreistufigen Betrachtung: bedingte Liebe – universale Liebe – romantische Liebe. Das ist These, Antithese und Synthese.“ (S. 144)

Die Seele ist keine abgeschlossene Monade. Sie hat Freude an der Verbindung mit anderen Seelen, am meisten an der Verbindung mit Göttin-Gott. (S. 145)

Der Höhepunkt dieser neuen, spirituellen Theorie der Gefühle ist der Artikel „Die Ekstasen der Gottesliebe“ (S. 277 ff.), die ich weiter unten in einem anderen Zusammenhang besprechen werde.

 

Suchtfaktor Religion und Sektenhetze 


Das Buch beginnt in seinem ersten Artikel mit einem Paukenschlag: „Religion als Sucht“ (S. 17 – 54).

Der Autor bezieht sich auf Arbeiten von Anne Wilson Schaef, die unsere Gesellschaft als „Suchtgesellschaft“ bezeichnet hat und die Sucht selbst als „spirituelles Leiden“ (S. 41)

„Wann immer wir die Religion missverstehen als Religiosität, entscheiden wir uns für ein suchterzeugendes System, mit seiner Struktur, seine Kontrollmechanismen und seinen Gesetzen. Diese äußere Abhängigkeit von ‚der Religion‘ kann uns weit entfernen von der inneren Suche, die man nur für sich fühlen kann, die Suche im tiefsten Inneren unseres eigenen Wesens.“ Anne Wilson Schaef zitiert im Buch  (S. 42)

Sowohl Schattenarbeit wie auch Meditation gehören zum „spirituellen Weg“, um sich von eigenen Suchtmustern zu befreien. Und diese Suchtmuster sind nicht nur bei Anhängern der „alten Religionen“ zu finden, sondern auch in der neuen „spirituellen Szene“. Dieser „spirituellen Sucht“ bewusst zu werden, ist entscheidend für den Fortschritt des Erwachens. Keine religiöse oder spirituelle Gemeinschaft darf als ursprüngliche Heimat verstanden werden:

Die Freiheit liegt vollständig im Inneren, in der Identität mit sich selbst, in der Selbstannahme und der ehrlichen und offenen Bereitschaft, sich zu zeigen. Alles andere ist eine Entehrung unserer Seele. … Wir erfahren echte Heimat und echte Geborgenheit in der Erfahrung unserer Seele, die zugleich ein Geborgensein in Gott ist. (S. 24)

Daraus ergibt sich als gesunder und heilsamer Prozess, „der subjektive Lebensprozess selbst“:

Echtes Tun ist menschlich gesehen grundlos. Es ist ein freies Spiel, freie Inspiration, die in der Führung Gottes geborgen ist. Es ist ein Geschenk in Schönheit und Wahrheit. Dies kann auch bedeuten, Bedürftigkeit offen zu legen und um Hilfe zu bitten, denn wir sind Menschen und keine Götter. (S. 27)
Indem wir uns so zeigen, wie wir sind, verlieren wir zwar unser Gesicht (das Maskenselbst, JS), aber wir retten unsere Seele. (S. 51)

Die gesellschaftliche Schattenseite einer Religion als Sucht ist die Sektenhetze, der sich der Artikel „Sektenhetze als spirituelles Phänomen“ widmet (S. 225 – 248). Der Artikel versteht sich als eine „Streitschrift für die Freiheit der Religionsausübung und den gesunden Menschenverstand“ (S. 225)

Ich möchte mich in diesem Aufsatz mit der Diskriminierung von neureligiösen Bewegungen auseinandersetzen. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch zweifelhafte Tendenzen in solchen exklusiven Gruppen gibt. Fundamentalismus, ideologische Verirrung, Elitedenken und geistige Abhängigkeit sind kein Privileg der öffentlichen Meinung, es gibt sie auch in den Sondergemeinschaften. (S. 228)

Es ist auffällig, wie eine demokratische Gesellschaft eine nahezu faschistoide „Teufelsaustreibung“ gegenüber den in Visier genommenen Sekten an den Tag legt. „Das Böse, der Teufel und schlimmste negative Energien werden hier evoziert und als Kübel über den Minderheiten ausgegossen“  (S. 234). Es handelt sich dabei in der Regel „um den Tatbestand der Verhetzung oder des Rufmordes.“ (S. 243)

Zwei Kernsätze des Autoren für eine neue Aufklärung und religiöse Freiheit:

Wie dir Wirtschaft im kapitalistischen System immer ein Heer von Arbeitslosen braucht, um die inhärenten wirtschaftlichen Defizite zu kanalisieren, so braucht die psychosoziale Struktur der bürgerlichen Gesellschaft immer ausgegrenzte Gruppen, um ihre geistige Ungesundheit zu kanalisieren. (S. 242)

Und:

Der Faschismus ist noch lange nicht erledigt. Das möchte ich als sozialkulturelle Warnung aussprechen. Er wird aber beim nächsten Mal aus einer Richtung kommen, die wir nicht erwartet haben werden. (S. 244)

Eine spirituell unreife Suchtgesellschaft kultiviert in der Sektenhetze fastistoide Ideologien und Co-abhängige Opferstrukturen. Gerade die religiösen Institutionen scheinen in spirituellen Gruppen eine ganz besondere Gefahr für die eigene Existenz zu sehen. Sokrates und Jesus, Hexen- und Judenverfolgung sind immer noch präsent als Auswirkungen einer Suchtgesellschaft, solange sie noch nicht zur spirituellen Reife gefunden hat. Und das gilt für jeden einzelnen. Der Autor hat diesen Prozess der „spirituellen Entgiftung“ (S. 247) selbst über Jahre vollzogen. Hieraus ist sein Konzept entstanden, dass innere Reife der Schlüssel zur objektiven Wissenschaft gefunden hat:

Interessant ist für mich, dass ich heute A) wesentlich weniger Dogmatismus in den Gruppenstrukturen sehe und B) wenn ich ihn sehe, er mir nicht mehr zusetzt. Ich bin bei mir und weiß, was ich will, es drückt nichts mehr meine Knöpfe. Also ist hier eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem sozialen Phänomen anhängig von der eigenen persönlichen Reife. (S. 247)

 

Spiritualität und Wissenschaft


Zu dieser Thematik direkt bespricht der Autor einen Kongress „Meditation und Wissenschaft“ 2010 in Berlin (S. 113 – 123) und ein Buch von Dr. med. Eben Alexander über Nahtoderfahrung „Blick in die Ewigkeit“ (S. 249 -276).

Der Autor Ronald Engert sieht in dem Kongress „Meditation und Wissenschaft“ ein deutliches Anzeichen, „dass die Integration von Wissenschaft und Spiritualität hier eine neue Qualität erreicht hat“ (S. 113)

Einerseits das alte Problem:

Wissenschaft ist jedoch mitnichten Glauben, und Spiritualität ist mitnichten objektivierbar. Dass die Subjekt-Objekt-Spaltung eines der fundamentalsten Probleme der abendländischen Kultur ist, ist keine Neuigkeit. (S. 114)

Aber immerhin:

Spiritualität und strenge Rationalität sind deckungsgleich. Intellektuelle Redlichkeit bedeutet die Bereitschaft, sich nichts in die Taschen zu lügen. Intellektuelle Redlichkeit ist somit das, was Religionen nicht haben können. Das sei der bedingungslose Wissen zur Wahrheit und zur Erkenntnis. (S. 119)

Wie diese Redlichkeit zur Wahrheit als „semantischer Kern eines philosophischen Begriffs der Philosophie“ (S. 118) bei einem Wissenschaftler zum spirituellen Erwachen führen kann, zeigt der Artikel „Blick in die Ewigkeit“ (S. 249 – 276). Der Neurowissenschaftler Eben Alexander lag 7 Tage im Koma und hat danach seine innere Erfahrung dieser Zeit sehr klar beschreiben können, ohne von „spirituellen Glaubenssystemen“ beeinflusst gewesen zu sein (S. 251).

Eben Alexander beschreibt die Erfahrungen seines Bewusstseins trotz Koma-Zustandes. BEWUSSTSEIN ist also Realität auch unabhängig von bestimmten Gehirnfunktionen. Und was der Nerowissenschftler beschreibt, sind ewige Erkenntnisse spirituellen Bewusstseins (LIEBE, ein Grundton OM usw.). Ein Neuro-Wissenschaftler kann seine Nahtoderfahrung nicht anders als spirituell beschreiben. Das alleine ist schon „Sensation“ genug, sein Buch ein Bestseller.

Der Autor Ronals Engert interpretiert jetzt wiederum das Buch in seiner teilweise Zweideutigkeit der „Letzten Erkenntnisse“: Ist das Göttliche ALLES IST EINS (Schöpfer und Geschöpf sind identisch, die Vorstellung des Avaita) oder die Erfahrung des Göttlichen als PERSON (die Unterscheidung des Schöpfers und des Geschöpfs im Sinne des Bhakti). Hier wieder ein längeres Zitat, da es fundamental für das Verständnis des Buches und seines Titels ist:

Dabei halte ich es für möglich, jenen Ort des spirituellen Bewusstseins zu erreichen, wo alle Verschiedenheit in eins fällt. Dieser Ort existiert. Es ist jedoch ein namenloser und sprachloser Ort, der keine Identifizierung und Benennung erlaubt, es ist ein Ort des Nichts, der nicht in irgendeiner Form oder kognitivem Verständnis gebracht werden kann und darf. Er ist nicht der Ursprung oder die Quelle einer Philosophie oder Erkenntnis. Alle Form, alles Existierende und alle Entfaltung des Universums muss durch die dialektische Prämisse des gleichzeitigen Eins-und-Verschieden-Seins betrachtet werden, in der das Individuum und die Person ewige spirituelle Kategorien sind. Dann ordnet sich sowohl die materielle als auch die spirituelle Welt neu und ergeben einen umfassenden Sinn. Wir sind reale, lebendige Personen in einer lebendigen Welt, die miteinander und mit Gott in Beziehung stehen. (S. 276)

Dies führt uns direkt zur letzten großen Thematik es Buches: die Tradition in der indischen Spiritualität des Avaita und Bhakti:

 

Die Illusion des Avaita und der Liebesdienst des Bhakti


Reflektiert wird dies insbesondere in den drei Artikeln:

  • Wir sind alle ewige Personen. Zur Existenz eines individuellen Selbst (S. 149 – 163)
  • Die Ekstasen der Gottesliebe. Liebe zu Göttin-Gott. Das höchste Ziel des Lebens (S. 277 – 292)
  • Da ist niemand. Begegnungen mit der non-dualen Erleuchtung (S. 319 – 330)

Diese Artikelreihe setzt sich mit der bekannten Lehre des Buddhismus und Avaita auseinander, dass „das Diesseits“, das Ich, die Persönlichkeit, die materielle Welt reine Illusion ist („maya“) und dass das „Jenseits“ der Leere die einzige Wirklichkeit. Der Autor greift auf die Bhakti-Tradition der indischen Spiritualität zurück, in der auch das Diesseits real ist mit Ich, Persönlichkeit und Materie. Mehr noch, sogar das Persönliche, das Individuelle bis in die göttliche Sphäre reicht. Diese Bhakti-Tradition in unsere spirituelle Wirklichkeit zu holen, ist in meinen Augen bahnbrechend. Was wäre, wenn sie unsere Achtung vor dem Buddhismus ablösen würde?

Folgender Satz in „Wir sind alle ewige Personen“ gehört zu den wichtigsten des ganzen Buches:

In der non-dualen Tradition des Avaita und des Buddhismus existiert kein Konzept des individuellen Selbst. Innerhalb des spirituellen Bewusstseins wäre demzufolge mit der Auflösung des Ich, beziehungsweise des Selbst zu rechnen. Die spirituelle Sphäre wird als formlos und leer betrachtet.
Innerhalb der indischen Tradition gibt es jedoch auch die Tradition der Bhakti (Liebe zu Gott), bei der zwischen dem falschen und richtigen Ego unterschieden wird. Das richtige Ego ist unser authentisches Selbst. Unsere spirituelle Realität ist die einer ewigen individuellen Persönlichkeit, die in einer ewigen, liebevollen Beziehung mit Göttin-Gott steht. (S. 149)

Dieser Artikel ist auch philosophisch grundlegend, komplex und in einer Rezension kaum „nachzuerzählen“. Hier nur die Themen selbst angedeutet:

  • das Dienen für Gott als Bestimmung aller Lebewesen
  • eine n-mehrwertige Logik für die Gesamtmanifestation (n = die Menge der natürlichen Zahlen)
  • die Unterscheidung der Welt der Form in materielle und spirituelle Form
  • das göttliche Paar im Spiel der Liebe und Freude
  • „Die individuelle Seele existiert ewig individuell.“ (S. 152)
  • Beziehung zu Objekten als Ausbeutungsverhältnis
  • Die Welt existiert. Es hängt von unserer Wahrnehmung ab, ob wir sie materiell oder spirituell sehen.“ (S. 155)
  • „Erst, wenn die Seele den Körper beim Tod verlässt, wird der Körper zu einem materiellen Phänomen.“ (S. 158)
  • „Jede Seele bildet eine Form. In der spirituellen Welt sind Inhalt und Form absolut identisch.“ (S. 158)
  • „Nach der Befreiung (Erleuchtung, JS) stellt sich also die Frage ‚Was nun?‘, BHAKTI, Liebe ist die Antwort. BHAKTI ist das reine, transzendentale, zeitlose Ziel.“ (S. 159)
  • die Soheit der Gefühle, die spirituelle Erfahrung der Hingabe als emotionale Erfahrung
  • eine echte, legitime Dreierbeziehung
  • „Nicht der materielle Körper ist das Problem, sondern das materielle Bewusstsein.“ (S. 161)

Folgender Satz bringt die Kritik am Avaita wohl am klarsten zum Ausdruck:

Die non-duale Traditionen sprechen in diesem Zusammenhang von Nicht-Selbst. Dieses Nicht-Selbst soll die höchste Realität sein. Ihnen entgeht damit die gesamte spirituelle Manifestation spiritueller Formen von ewigen, individuellen, spirituellen Lebewesen. (S. 159)

Und positiv formuliert:

Aus dem Gesagten resultiert, dass auch die menschliche Individualität und Existenz erstens keine Illusion ist, zweitens eine intrinsische Realität darstellt und drittens aus sich selbst heraus gut ist. (S. 160)

Eine weitere bahnbrechende Aussage auch zur Sexualität und zu Tantra:

Leider fehlt dem Tantra die originale Beziehungsstruktur zu Göttin-Gott, die wiederum in der Bhakti-Tradition zu finden ist. Eine zeitgemäße Spiritualität wäre demzufolge in einer Integration von Tantra und Bhakti zu sehen. Der Dienst für Gott (Bhakti), der die sexuellen Energien (Tantra) integriert. (S. 162)

Der zweite Artikel dieses Themas „Die Ekstasen der Gottesliebe“ gehen an die Substanz: Es hat mich zu Tränen gerührt. Es ist das Gefühl der Befreiung und Erlösung, das Tränen in die Augen treibt, insbesondere die Spiele von Radha und Krishna, das göttliche Paar in der Bhakti-Tradition. 

Der Artikel thematisiert das Höchste sowohl intellektuell (Was ist der Sinn des Lebens? Was bewegt unser Herz wirklich? usw.) wie auch mythologisch in Urbildern der Seele. „Wenn wir diese Geschichten hören und uns auf sie einlassen, können wir verstehen, was unsere Natur ist.“ (S. 292)

  • Gott
  • Liebe
  • Beziehung zu Gott
  • die Gottheit als Göttin-Gott
  • spirituelle Praxis
  • das göttliche Spiel
  • die höchste Form der Liebe

Das sind Gefühle, die in der Liebe zum Ausdruck kommen. Schmerz, Wut und Agonie sind ebenso Ausdruck dieser Liebe wie Schönheit, Freude und Glück. (S. 291)

Der letzte Artikel in dieser Thematik „Da ist niemand“ ist eine kritische Auseinandersetzung mit Avaita (der Satsang-Szene) – besprochen über den Kongress „Forum Erleuchtung“ 2014 in Berlin. Da, wo wir das Göttliche und die Liebe suchen, antwortet Avaita (und letztlich auch der Buddhismus): Da ist nichts und niemand. 

Mir ist nie so bewusst geworden wie an diesem ABSOLUTEN ORT, dass die Integration westlicher und östlicher Spiritualität nicht Christentum und Buddhismus ist, sondern Christus-Bewusstsein (in Gestalt des Jesus) und Krishna-Bewusstsein (in Gestalt der Bhakti-Tradition). 

Für beide gilt:

Am Ende steht dann ein integriertes Ich, dass sein niedriges Selbst (kleines Ich, Ego) überwunden hat. Dieses integrierte, geheilte Ich ist das höhere Selbst, das dann auf ganz natürliche Weise spirituell erwacht ist. Die Individualität bleibt erhalten. (S. 324)

Ich will an dieser Stelle noch auf das i-Tüpfelchen im Nachwort hinweisen. Dort spricht der Autor Ronald Engert vom „medialen Ich“, wo wir selbst zur SEHERIN und zum SEHER werden, Propheten im wohlverstandenen Sinne:

Das vollständige und gesunde Ich ist das mediale Ich. …
Das Ich bleibt bestehen, jedoch in einer höheren Einheit, wo es nicht im Konflikt mit sich und auch nicht im Konflikt mit anderen und erst recht nicht im Konflikt mit Gott steht. Dies ist die Ordnung, die es anzustreben gilt: die höhere und reine Ordnung des neuen integralen Zeitalters, indem das Menschenwesen in seinen erlösten, entschuldeten Zustand eintritt. (Letzte Seite 334)

Hinweisen möchte ich auf die Vermutung von Roland Engert über letztlich doch einfältige Formulierungen der Satsang-Szene wie „Da ist niemand.“, „Die Welt ist Illusion.“:

Hier rächt sich meines Erachtens eine fehlende philosophische Ausbildung, wie sie in der westlichen Philosophie erhältlich ist. (S. 326)

Mit anderen, meinen Worten: Die Große Integration der geistigen Supermächte Spiritualität und Wissenschaft bedarf auch der abendländischen Philosophie.

„Nichts-desto-trotz“ gilt es auch das Duale und Non-Duale zu integrieren. Voraussetzung dafür ist die volle Anerkennung der Dualität und Polarität im Göttlichen Plan. Es ist kein Teufelszeug. Im Gegenteil: Ihre Abwertung kann nur in Teufels Küche führen.

Wir brauchen meins Erachtens dringend eine dialektische Herangehensweise, wo also wirklich alle Gegensatzpaare bzw. Polaritätsteile wertfrei und gleichberechtigt als positive, konstruktive Bausteine der Gesamtrealität gesehen werden. Solange jemand glaubt, Dualität sei schlecht, ist er undialektisch und somit in einer minderwertigen Form von Dualismus gefangen. (S. 328)

Abschließend dieser programmatische Satz für ein neues Kapitel der Integration, was dann vielleicht im 3. Band der Reihe seine Fortsetzung findet:

Von dieser Position heraus entfalten sich alle Polaritäten in ihrer sinnvollen Konstruktivität – die zwischen Mann und Frau, zwischen Ich und Du, zwischen Innen und Außen, zwischen Aktion und Passion, zwischen Absicht und Absichtslosigkeit, zwischen Perspektive und Aperspektive, zwischen Zentrum und Non-Zentrum, zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen Denken, Fühlen und Wollen, zwischen Mensch, Welt und Gott. Es ist die Welt allseitiger, integraler Aktualität, in der es keine Illusionen mehr gibt und sich alles in seiner inneren Wahrheit manifestiert. (S. 330)

 

Die Einzelbeiträge


 

Der Artikel „Optimierung des Menschen?“ (S. 55 – 75) ist eine Auseinandersetzung mit dem Buch des Gegenwart-Philosophen Peter Sloterdijk „Du musst dein Leben ändern“ (2009). Dessen zentrale anthropologische Idee ist in den Worten von Roland Engert: „… der Mensch ist ein Übender, der durch Selbst- und Fremdtechniken an der eigenen Optimierung arbeitet.“ (S. 55)

Der Artikel wäre eine eigene Besprechung wert, geht es um die rechte Würdigung der Aufklärung. Hier ist vieles in Verwirrung und noch im Argen. Sloterdijk argumentiert im Sinne einer antireligiösen Aufklärung (ohne Gott): Die Krisen der Kultur erforderten eine ständige Selbstoptimierung des Menschen. Ronald Engert hält dem entgegen, dass der Mensch im SEIN immer vollkommen ist, doch der Drang nach Selbstoptimierung ein inneres gottgegebenes Programm selbst ist („Sich-selbst-Transzendieren“, S. 63). Es ist dabei wichtig, Religion und Spiritualität nicht zu verwechseln, ein Fehler der meisten Aufklärer. Doch es gilt kritisch den Religionen gegenüber zu sein, doch offen für die Spiritualität. (Hinweis von mir: Jean-Jacques Rousseau war in meinen Augen der einzige prominente Aufklärer, der diese Unterscheidung klar getroffen hat, damit aber kaum verstanden wurde.)

Der Autor schließt seinen Artikel mit den Worten, denen ich 100% zustimme:

Eine zukünftige Philosophie wird spirituell sein, oder sie wird nicht sein. (S. 75)

 

Ein spirituell sehr heikles Thema sind Ethik und Rechtsphilosophie. Die einfältige Parole „Alles ist gut, so wie es ist.“ ist dabei sicher nicht sehr hilfreich. So lautet die differenzierte Frage „Woher kommt das Recht?“ (S. 183 – 187). Der Autor reflektiert diese Frage anhand der Rede des Papstes Benedikt vor dem Bundestag am 22.9.2011. Die Schlussfolgerung des Autoren:

In der Anerkennung Gottes oder einer göttlichen Kraft enthüllen sich uns die Ethik und die Unterscheidung von Gut und Böse. … als inneres Gewissen, als Ge-Wissen, das aus der rechten Einordnung des Menschen in die Schöpfung resultiert. Insofern ist wahres Recht das Gesetz der Wahrheit, dessen, was wahr ist, was tatsächlich ist.

 

Der Artikel „Die Geschichte der Tattva Viveka. 50 Ausgaben, 18 Jahre engagierter Journalismus“ (S. 165 – 182) ist weit mehr als eine verdiente Selbstbeweihräucherung: „Was hier entsteht, ist eine Datenbank des ewigen Wissens, der philosophia perennis, ein Beitrag zum Erhalt des kulturellen Erbes der Menschheit.“ (S. 181)

Es ist auch die Geschichte eines erfolgreichen spirituellen Projekts. Die Tattva (Wahrheit) Viveka (Unterscheidung) beweist, dass Erfolg und Spiritualität vereinbar sind, wem dies noch eine ungeklärte Frage sein sollte.

Sich dessen bewusst zu sein ist auch ein guter Übergang zum nächsten GELD-Artikel, schreibt Roland Engert in diesem doch:

Durch mein eigenes Geschäft lernte ich, was real ist. Der Schlüssel ist die Verantwortung. Dadurch, dass ich ein Geschäft führte, lernte ich, was es bedeutet, mich selbst zu erhalten. (S. 318)

Der Artikel „Die spirituelle Bedeutung von Geld. Wie 4000 € eine Gruppe von Menschen an ihre Grenzen brachten“ (S. 303 – 318) ist im Nach-Denken über ein 5-tägiges Seminar von Daniel Stacey Barron im Mai 2010. Er reflektiert den Umgang mit den spirituell „unreinen und bösen Begriffen“ wie Geld und Macht: „Geld ist starke Energie, und nur starke Energien werden missbraucht, denn sie wirken.“ (S. 314)

Der erste Sieg der bösen Kräfte ist der, dass sie sich des Geldes bemächtigen. Aber es ist ein zweiter Sieg der bören Kräfte, dass die guten Kräfte das Geld diskreditieren. Denn Geld ist Kraft und so rauben sich die guten Kräfte in ihrer Dummheit selbst ihre Kraft. (S. 315)
Es geht darum, diese Kategorien, wie Geld und Macht, für das Leben wieder zu erobern, sie wieder zurückzuführen in die gesunde, heilige Ordnung. (S. 316)


 

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4 Kommentare

  • Lieber Jürgen,
    vielen Dank für diese überaus würdigende und inhaltlich sehr differenzierte Darstellung und Besprechung meines Buches. Es freut mich außerordentlich, dass die Botschaft des Buches offensichtlich bei dir angekommen ist. Ich fühle mich verstanden 🙂 und bin sehr froh!

    Viele liebe Grüße!
    Ronald Engert

  • Lieber Ronald, ich habe Lebensphilosophie immer geliebt. Und dein Buch ist für mich wirklich bahnbrechend auf dem Weg zu einer spirituellen Philosophie. Ich bin jetzt schon gespannt auf den Band 3 😉
    Herzliche Grüße

  • Ich habe mich eine ganze Weile damit herumgetragen, warum mich nach dem letztenTeil der Rezension immer mehr Unwohlsein beschlich.

    Ich denke, er ist eine Selbstrechtfertigung aus der Unsicherheit heraus, ob einen als Menschen, der sich versucht der Reinheit von Geist und Wahrheit anzunähern ein Umgang mit dem Mammon weiter möglich sein kann.
    Nicht nur das NT sagt klare Worte, auch im TAO ist vdas so.
    Das Geld ist eine starke Kraft aber nicht es selbst, es ist nur Symptom der Teilung und Täuschung, die unserer Welt zugrunde liegen, habe ich für mich verstanden. Nutze ich es entferne ich mich zwangsläufig vom Geist (Gott) ich kann dies minimieren, wenn ich versuche es nicht zu besitzen sondern lediglich zum Austausch zu nutzen, da es in dieser Getrenntheit von Liebe, Vertrauen und Wahrheit (unserer relativen Welt) die vordergründig legitime Form des Energieaustausches darstellt.
    Will ich aber der Führung Gottes folge leisten, so ist das unter Nutzung solcher „getrennter“ Energie zumindest schwer.
    Meiner Erfahrung nach ist das aberdann möglich, wenn der Einsatz von Geld (oder Macht eben auch) auf das Absolute Minimum des Notwendigen begrenzt bleibt.

    Das Problem solcher Energien ist der Suchtfaktor, sie verselbstständigen sich und werden zum Götzen … das zu verhindern sind wir nicht genug, was uns Jesus im NT konstatierte: Götter.
    Die Energie von Macht und Geld ist eine irdische und unterliegt dem „Herrn dieser welt“. Gottes Kraft ist Liebe, Vertrauen, Wahrheit … und dabei alles bedingungslos. Braucht es da Geld???
    Die Symbolik von Geld ist Misstrauen – warum bräuchte man diesen kleinsten gemeinsamen Nenner sonst.
    Somit werden wir weiter ein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn wir „zwei Herren“ zu dienen versuchen.

  • … und Euch, Dir Jürgen und Ronald genauso, habe ich dabei leider vergessen, ein Danke für diese ansonsten hoch interessante Lektüre aus Buch und Rezension zu sagen.
    So verwirrend es mir manchmal zu erscheinen begann, ich konnte mich fangen und am Ende doch sehr viel mitnehmen 🙂 … besonders die Unterscheidungen und Klärungsversuche beim Emotional-Gefühlhaften und im Bereich des Selbst sind spannend zu lesen für viele ein guter Einstieg denke ich.
    Ich für mich bin in Allem aber auf der Suche nach dem „Einfachen“ wo es in die Vielheit geht fühle ich mich immer wieder auf dem glatteis der Trennung … ich denke in all der Detailverliebtheit, die Gott uns im Kosmos zeigt, ist die Einfachheit das Prinzip aus dem (natürlich ;-)) alles gemacht ist und sich auch so ableiten lässt.

    Das hat mich ein Wenig bei der Lektüre angestrengt. Einfachheit ist zwar überall aber nicht so leicht zu finden … paradox wie alles was wahr ist.

    Der Wir-Prozess nach Scott Peck ist da auch so ein wundervolles Beispiel.

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