Sheldrake / Fox: Die Seele ist ein Feld

Der Biologe und Autor Rupert Sheldrake wurde durch seine These der „morpho-genetischen Felder“ bekannt: Felder sorgen dafür, dass sich im Prozess des Lebens bestimmten FORMEN ausbilden. Die FORMEN (wie z.B. eines Eichenbaums) wachsen in das primäre (und unsichtbare) Feld des Eichen- baums.
Matthew Fox war (bis zum Ordens-Ausschluss durch den Vatikan) Dominikaner und ist Theologe. Er war einer der ersten, der die christliche Religion wieder auf ihre mystische Wurzeln zurückgeführt hat.
„Heute müssen wir die Religionen mehr denn je auf ihr Wesen zurück führen – und das ist nicht die Religion, sondern die Spiritualität.“ (S. 14) „Ein Mystiker ist jemand, für den nicht einmal ein Atemzug etwas Selbstverständliches ist – besonders ein Atemzug nicht.“ (S. 9)

Dieses Buch „Die Seele ist ein Feld“ (1996 – deutsch 1999) ist ein Dialog zwischen diesen beiden Giganten der aktuellen Naturwissenschaft (Sheldrake) und mystischen Spiritualität (Fox). Was dabei heraus kommt, ist ein Buch von atemberaubender Tiefe. Leider existiert es nur noch antiquarisch. Es scheint mir das erste Buch nach der „Entseelung der Psyche“ durch die moderne Psychologie zu sein, das wieder an dem Verständnis der Seele durch das Altertum und die Mystiker ansetzt und uns zu einem tiefen Verstehen der Seele führt.

Das Buch hat sieben spannende Themen:

  1. Lebendige Natur und schöpferische Spiritualität
  2. Gnade und Lobpreis
  3. Die Seele – ein weites Feld
  4. Das Gebet – ein kreativer prozess
  5. Die Finsternis – das große Mysterium
  6. Morphogenetische Resonanz und Ritual
  7. Die Wiederbelebung von Bildung und Erziehung

Im Vorwort heißt es:

Wir sind beide daran interessiert, die Grenzen der institutionalisierten Wissenschaft und einer mechanisch gewordenen Religion zu überschreiten, und wir glauben, dass beim Anbruch eines neuen Jahrtausends eine neue Sehweise erforderlich ist, die Naturwissenschaft, Spiritualität und einen Sinn für das Heilige zusammenbringt. Auf deren Trennung ist unsere gegenwärtige Krise, geprägt von Umweltzerstörung, Verzweiflung und Ohnmacht, zurückzuführen. Wie sonst lässt sich die Hoffnung auf ein neues Sinngefühl wecken, wenn nicht durch das Zusammenkommen jener beiden mächtigen Traditionen, die im 17. Jahrhundert voneinander getrennt wurden? Wir brauchen eine neue Kosmologie, die unser Herz ebenso wie unseren Verstand anspricht. (S. 7)

1. Lebendige Natur und schöpferische Spiritualität

Die Autoren wehren sich gegen die Vorstellung, die Welt, in der wir leben, sei ein mechanisches, seelenloses Universum, sondern vertritt die Auffassung, es ist ein lebendiger Kosmos. Das mechanische Universum ist seelenlos und sinnlos, d.h. ohne jeden Sinn und Zweck. Der lebendige Kosmos ist vor allem BESEELT.

Die Frage, was die Seele sei, hat mich lange beschäftigt. Vor mehreren Jahren habe ich ein Buch des Philosophen Charles Fair gelesen, der erklärt hat, wenn eine Zivilisation nicht mehr wisse, was Seele bedeutet, sei sie am Ende. …
Wenn wir zu neuen Bilder der Seele gelangen können, starten wir eine Zivilisation. Als ich mich auf die Suche nach der Seele begabt, ging ich zu den Mystiker zurück. … Die Mystiker befassen sich mit Bildern. Auf diese Weise rettet man die Sprache – man kehrt zur Erfahrung zurück. In der Mystik geht es daher darum, seine Erfahrung zu vertrauen. Und Erfahrung am nächsten komme nicht Worte, sondern Bilder. (Fox, S. 42)

Jesus hat einmal von einem Säen auf einem Feld gesprochen. Und Meister Eckhart hat einmal wie du, Robert, geredet, als er erklärte: „Die Seele ist ein Feld.“ (Fox, S. 42)

Sheldrake weist darauf hin, „dass (in der Wissenschaft) der moderne Begriff des Feldes den alten Begriff der Seele abgelöst hat“ (S. 44). JETZT kann der wissenschaftliche Begriff des Feldes wieder auf den alten Begriff der Seele zurück geführt werden – so können sich Wissenschaft und Spiritualität im Begriff der SEELE wieder finden.

2. Gnade und Lobpreis

GNADE hat etwas mit GOTT zu tun. Wenn Gott tot ist, dann ist das Leben auch gnadenlos. Die Wiederentdeckung der Spiritualität öffnet uns auch wieder für die GNADE.

Wir sind vor allem Anfang geliebt worden. Das ist Gnade, das ist bedingungslose Liebe. Schöpfung ist Gnade. Und sie kam nicht von uns. Jemand anderes hat den Tisch für uns gedeckt.
Und dann gibt es einen Zusammenhang zwischen Gnade und Dankbarkeit. … Dankbarkeit ist auf komplexe Weise mit Gnade verbunden. Meister Eckhart hat gesagt: „Wenn das einzige Gebet, das du in deinem ganzen Leben sprichst, ‚ich danke dir‘ lautet, dann würde das genügen.“ Gnadenbewusst zu sein heißt, dankbar zu sein. (Fox, S. 61)

Wenn wir weiterhin die Gnade verlieren, können wir in eine Gnadenlosigkeit fallen, was ein anderes Wort für Sünde sein mag. Rabbi Heschel definiert Sünde als „die Weigerung des Menschen zu werden, der er ist.“ Wir sind da, um begnadet und voller Gnaden und Instrumente der Gnade füreinander zu sein. (Fox S. 65)
Wir besitzen die Fähigkeit, aus der Gnade heraus zu fallen, und das traditionelle Wort dafür heißt Sünde. Wir sind die Spezies, die sündigt. (Fox, S. 67)

Lobpreisen ist doch nichts anderes als eine Reaktion, eine Äußerung, ein Ausdruck der inwendigen Freude, die man nicht unterdrücken kann. … Das Gegenteil von Lobpreisen wäre das Fluchen oder der Zynismus. (Fox, S. 68)

Wenn wir wieder begnadet leben, dann haben wir eine ganz andere Wahrnehmung der Natur, des Lebens, der Schönheit um uns herum. Wir nehmen die Welt wieder mit unserem Herzen war und erfreuen uns am Leben in all seinen Ausdrucksformen. Wir werden selbst zu Lebenskünstlern, die das SCHÖNE lobpreisen und kreieren.

3. Die Seele – ein weites Feld

Ich habe gerade zu diesem Abschnitt ein ausführliches EXZERPT erstellt, auf das ich an dieser Stelle verweisen möchte.

4. Das Gebet – ein kreativer Prozess

Gibt es unter dieser Sichtweise auch eine neue Art zu beten? Was bedeutet ein GEBET überhaupt? Gebet muss mehr sein als die „Bitte um Wunscherfüllung“, „Bestellung beim Universum“.

Beim Gebet geht es darum, dass man das, was man will, in einen höheren Kontext stellt. Gebete beginnen mit der Anrufung höherer Mächte, zum Beispiel: „Vater unser, der du bist im Himmel“, „Ave Maria“, Komm, Heiliger Geist, erwecke unsere Seelen“. In allen Traditionen beginnen Gebete mit Anrufungen.
In Bitt- und Fürbitten … richtet man sich bei dem, worum man bittet, bewusst nach dem höheren Zeck: „Dein Wille geschehe.“
(Sheldrake, S. 114 f.)

Das Gebet ist im Grunde eine radikale Reaktion auf das Leben. Es ist unsere Urreaktion auf das Leben. Es gibt eigentlich nur zwei Reaktionen. Die eine ist unser „Ja“, die andere unser „Nein“. Unsere radikale Reaktion auf das Leben besteht in der Dialektik von „Ja“ und „Nein“, und daher ist das Gebet sowohl unsere Mystik – unser „Ja“ – also auch unsere Prophetie – unser „Nein“. (Fox, S. 118)

Wenn ich es interpretieren darf: Das mystische JA erkennt in ALLEM das GÖTTLICHE und kann dazu nur JA sagen. Das prophetische NEIN erkennt unsere Schwächen (letztlich Sünden) und sagt „lauthals“ NEIN zum Bösen und wird zum Prophet des GUTEN. Im Gebet sagen wir JA („Dein Wille geschehe!“) wie auch NEIN zum Bösen und erbitten das Gute.

5. Die Finsternis – das große Mysterium

Mich selbst hat dieses Kapitel am meisten berührt und mir eine völlig neue Sichtweise der DUNKELHEIT, SCHWARZ, FINSTERNIS gegeben. Hier einige Kostproben der Sichtweise von Dunkelheit:

Das Zentrum der Pupille ist schwarz, und zwar, weil das Augeninnere schwarz ist. Du kannst Licht sehen, weil das, was Licht empfängt, finster ist. (Sheldrake, S. 137)

Wie sich herausgestellt hat, macht diese „fehlende Masse“ oder dunkle Materie neunundneunzig Prozent der Materie im Universum aus. Der Kosmos ist anscheinend auf dunkler Materie begründet, aber niemand weiß, was das für eine Substanz ist. (Sheldrake, S. 142)

Der Schöpfergott, der Erlösergott ist aktiv, und die Ergebnisse sind sichtbar. Aber die Gottheit, von der alle Dinge ihren Ausgang nehmen, ist zutiefst dunkel. Sie ist „eine nichtaktive, höhere Dunkelheit, die nie einen Namen haben wird und nie einen Namen bekommen wird.“ Sie ist das große Mysterium. (Fox, S. 143)

Stille verhält sich zu schall wie Finsternis zu Licht. (Fox, S. 144)

Falls wir uns in einer Art von Nichts befinden, unterscheidet sich mein Nichts vermutlich durch nichts von deinem Nichts und vermutlich auch nicht vom Nichts des Hundes, einer Katze oder einer Schlange – da gehen die Unterscheidungen und Grenzen verloren. …
Mystiker sind vielleicht die Menschen, die gesehen und verstanden haben, daß die Wirklichkeit, die wir erleben, auf der Dunkelheit beruht. (Sheldrake, S. 152)

Wir assoziieren mit Dunkelheit und SCHWARZ immer noch das Böse. Dabei ist der Urgrund allen Seins die Dunkelheit. Wenn Gott als erstes sprach: Es werde Licht!, dann war vorher Dunkelheit. Als Gott sprach „ES werde LICHT“, hat er sich selbst erschaffen! Finsternis ist nicht Gott (die EINS), sondern DIE GOTTHEIT (die NULL, das NICHTS). – Achtung! Das steht nicht im Buch, das ist jetzt MEINE Interpretation. Aber vielleicht wird deutlich, warum mich dieses Kapitel ERLEUCHTET hat!

6. Morphogenetische Resonanz und Ritual

Wir sprechen sehr gerne von GESETZEN, seinen es physikalische, biologische, geistige oder spirituelle Gesetze. Rupert Sheldrake ist dafür bekannt, dass er die Gesetzmäßigkeit der Welt in Frage stellt. Das, was wir als „ewige Gesetze“ verstehen, sind für ihn eher „evolutionäre Gewohnheiten“:

Im Prinzip besagt die Idee der morphischen Resonanz, daß die Regelung in der Natur eher Gewohnheiten als Gesetze sind und daß sie nicht von Anfang an für alle Zeit fixiert waren. (Sheldrake, S. 168)

Ich will hier nicht tief einsteigen. Durch solche morphischen Felder entwickelt die Natur nach Sheldrake ihr eigenes Gedächtnis. Ob diese morphischen Felder unsere Sicht der Gesetzmäßigkeiten ablösen wird, ist zweitrangig. Morphische Felder existieren (z.B. in Archetypen oder der der „Gemeinschaft der Heiligen“) und haben einen großen Einfluss auf die Evolution. Wichtig ist: Auch RITUALE sind morphische Felder und es gilt diese Felder durch RITUALE weiter zu nähren!

Unter dem Aspekt der morphischen Resonanz sind Rituale absolut sinnvoll. … All jene, die das Ritual bereits praktizieren, bilden eine unsichtbare Gemeinschaft, eine überzeitliche rituelle Gemeinschaft. (Sheldrake, S. 171 f.)

Das morphische Feld, die Gemeinschaft der Heiligen, die Ahnen und die zukunft – all diese Kräfte kommen an einem Ort zusammen, wenn wir das Ritual auf die richtige Weise miteinander vollziehen. Man könnte sogar sagen, daß dabei viele morphische Felder angezapft werden: die unserer Vorfahren, die der Engel, die unserer Jugend und sogar die der Zukunft. Mir scheint, daß es bei der Erziehung, die im Ritual stattfindet, um die neue Kosmologie geht. (Fox, S. 172)

Wenn unsere Seele ein FELD ist, dann gehören RITUALE zum Nähren dieses Feldes.

7. Die Wiederbelebung von Bildung und Erziehung

Wir brauchen für eine neue Zukunft auch eine neue Erziehung und Bildung.

Der Zusammenbruch, den wir um uns herum erleben, auch der der Erziehung, ist potenziell zugleich auch ein Durchbruch. Ich meine, wir sollten dem viel mehr Aufmerksamkeit widmen. Es liegt eine echte Chance darin, in den Schulen eine umfassende Definition von Lernen einzubringen, die den Körper und den ganzen Geist einbezieht. (Fox, S. 209)

 

Mein Fazit: Das Buch öffnet ein ganz neues „Feld“, in dem sich Wissenschaft und Spiritualität „wieder vereinigen“ können! Es ist das FELD DER SEELE.
Für mich ist es die Geburtsurkunde einer neuen Kosmologie der Welten-Seele.


Mein Exzerpt: Die Seele ist ein Feld (6 Seiten)

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