Stephen Hawking: Eine wunderbare Zeit zu leben

Bei dem Besuch einer Sylter Buchhandlung sind mir zwei kleinen Büchlein in die Hände gefallen, die das große Denken der heutigen Zeit in sehr einfachen Worten, also leicht verständlich vermitteln: von dem bekanntesten Flüchtling der Welt (dem Dalai Lama und seinem Appell an die Welt; > meine Buchbesprechung) und dem bekanntesten „Behinderten“ dieser Welt, Stephen Hawking. Zwei geistige Giganten unserer Zeit.


Das Buch von Stephan Hawkings erschien zu seinem 75. Geburtstag am 8. Januar 2017. Es enthält ein paar kleine Auszüge aus seinem Leben und seinen wissenschaftlichen Arbeiten: Vier Artikel erzählen aus seinem Leben und seiner Erfahrung mit seiner Erkrankung (Kindheit / St. Albans / Oxford / ASL, S. 11 – 47), drei Artikel sind wissenschaftlicher Art (S. 49 – 92) und am Ende des Buches eine Resümé seines bisherigen Lebens „Keine Grenzen“ (S. 137 – 140).

Der Exkurs von Bernd Schuh „Die Haare der schwarzen Löcher. Stephen Hawking und die Erforschung der kosmischen Monster“ (S. 93 – 135) ist sehr wertvoll, da er hilft, das ganze theoretische Gebäude der Kosmologie von Stephen Hawking zu umfassen und zu verstehen.

 

Die biografischen Artikel

Hier gefällt mir besonders der stille (vielleicht britische?) Humor von Stephan Hawkins. Das Lesen seiner biografischen Auszüge zaubern dem Leser ein Lächeln ins Gesicht. Es ist einfach packend zu erfahren, wie aus einem „ganz normalen Jungen“ dann der „zweifellos berühmteste Wissenschaftler unserer Zeit“ (S. 7) geworden ist.

Beispiel für diesen süffisanten Humor:

Ich bin nie über einen mittleren Platz in der Klasse hinausgekommen. Meine Arbeiten machte ich sehr unordentlich, und mit meiner Handschrift brachte ich die Lehrer zur Verzweiflung. Doch meine Klassenkameraden gaben mir den Spitznamen „Einstein“, also sahen sie offenbar irgendwo Anlass zur Hoffnung. (S. 26 f.)

Es ist ein Glück, dass ich kein Beamter geworden bin. Mit meiner Behinderung hätte ich das nicht geschafft. (S. 36)

Was schreibt er zu seiner Krankheit ALS (amyotrophe Lateralsklerose, eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems)?

Die Erkenntnis, dass ich an einer unheilbaren Krankheit litt, an der ich wahrscheinlich in ein paar Jahren sterben würde, war ein ziemlicher Schock. …
Bevor meine Krankheit erkannt worden war, hatte mich mein Leben gelangweilt. Nichts schien mir irgendeiner Mühe wert zu sein. Doch kurz nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen war, träumte ich, ich solle hingerichtet werden. Plötzlich begriff ich, dass es eine Reihe wertvoller Dinge gab, die ich tun könnte, wenn mir ein Aufschub gewährt würde. In einem anderen Traum, der sich mehrfach wiederholte, opferte ich mein Leben, um andere zu retten. Wenn ich schon sterben musste, konnte ich noch etwas Gutes tun. (S. 40 f.)

Die wissenschaftlichen Artikel

Von dem Artikel „Was ist Wirklichkeit?“ (S. 49 – 70) war ich hellauf begeistert! Mit dem populärwissenschaftlichen Missverständnis der Quantenphysik gibt es sozusagen keine „objektive Wirklichkeit“ der Realisten mehr, jeder erschaffe sich seine Wirklichkeit selbst, der pure Subjektivismus oder gar Solipsismus.

Hawkins Begriff ist der „modellabhängige Realismus“:

Modellabhängiger Realismus umgeht all diese Streitereien zwischen der realistischen und antirealistischen Schule. (S. 57)
Modellabhängiger Realismus entspricht der Art und Weise, wie wir Objekte wahrnehmen. (S. 58)

Alleine dieser Artikel ist das ganze Büchlein wert. Der Artikel „Schwarze Löcher und Baby-Universen“ (S. 71 – 86) ermöglicht es auch einem wissenschaftlichen Laien eine Ahnung von dem, mit dem sich Stephen Hawkins zweit seines Lebens beschäftigt hat. Der Artikel behält auch für einen Laien seine Faszination. Der Artikel „Informationserhaltung und Wettervorhersage für Schwarze Löcher“ (S. 87 – 92) ist eine Kurzzusammenfassung („Abstract“) einer wissenschaftlichen Arbeit für das Fachpublikum. Muss man nicht verstehen. Man bekommt nur eine Ahnung, wie Astrophysiker miteinander kommunizieren. Dagegen scheint mir Chinesisch leichter verständlich zu sein. Diese wenigen Seiten durften im Buch aber auch nicht fehlen.

Das Resümé: keine Grenzen

Der Abschlussartikel müsste eigentlich vollständig zitiert werden. Hier nur die wichtigsten Sätze:

Meine Behinderung hat meine wissenschaftliche Arbeit nicht wesentlich beeinträchtigt. Tatsächlich war sie in mancherlei Hinsicht eher von Vorteil … (S. 137)
Ich hatte ein gutes und erfülltes Leben. Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind. (S. 138)
Es war wunderbar in dieser Zeit zu leben und auf dem Gebiet der theoretischen Physik zu forschen. Falls ich etwas zum Verständnis unseres Universums beitragen konnte, wäre mein Glück vollkommen. (S. 140)

Mein Fazit: Ein Buch, das in jeder Oberstufe einer Schule und in der „Behinderten-Pädagogik“ gelesen werden sollte. Es führt leicht verständlich in die aktuelle Kosmologie ein – mit ihrer ganzen Relativität. Es gibt eine Ahnung davon, was wir wissen und was alles noch erforscht werden kann. Es ist sogar hilfreich für das „Alltagsbewusstsein“ und einer zentralen Grundfrage: „Was ist wirklich, was ist nur Schein?“ Das Buch macht vor allem Mut für die eigene Lebensvision und die Bestimmung im Leben. Wir Menschen haben ein dermaßenes Potenzial, dass die scheinbar größte körperliche Behinderung uns nicht davon abhalten muss, geistige Höchstleistungen zu erbringen.

 


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