Thomas Berry: Das Wilde und das Heilige

Thomas Berry (1914 – 2009) ist einer der Hauptvertreter der „Tiefenökologie“. Dies ist eine spirituelle, ganzheitliche Umwelt- und Naturphilosophie, die ein Leben im Einklang mit der Natur anstrebt. Das Buch „The Great Work“ erschien 1999 in Amerika und ist das geistige Erbe von Thomas Berry. Endlich ist es jetzt 2011 auch auf deutsch erschienen!

Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes. Ich habe beim Lesen das Gefühl gehabt, die „Bibel der Erde“ zu lesen. Es geht nicht nur inhaltlich um das HEILIGE – beim Lesen erfasst es einen auch. Wenn wir durch DAS GROSSE WERK überleben, dann wird der Geist des Buches seinen Beitrag dazu geleistet haben.

Vielleicht das wertvollste Erbe, das wir künftigen Generationen mitgeben können, ist ein gewisser Sinn für die große, vor ihnen liegende Herausforderung, das menschliche Projekt von verwüstender Ausbeutung in ein wohltätiges Miteinander zu verwandeln. (S. 18)

Wir sollten hier feststellen, dass das große Werk eines Volkes das Werk all seiner Menschen ist. Niemand ist ausgenommen. Jeder von uns hat seinen individuellen Lebensrahmen und seine Verpflichtungen. Aber durch diese Beschränkungen hindurch hat jeder Mensch aufgrund seiner persönlichen Leistungen teil am großen Gesamtwerk. Die persönliche Arbeit bedarf einer Anbindung an das Große Werk. (S. 21)

Die Verwirklichung des Großen Werkes ist das Ziel nicht nur der menschlichen Gesellschaft, sondern des ganzen Planeten Erde. Ja, über die Erde hinaus. Es ist das Große Werk des Universums selbst. (S. 194)

Was für eine Perspektive! Es geht nicht nur um den Einzelnen, seinen Berufung in diesen Umbruchszeiten zu finden. Es geht um das „Projekt Menschheit“. Und es ist nicht nur wichtig für unseren Planeten Erde. Es ist der Kosmos selbst, der am Werk und am Wirken ist. Das ist doch HEILIG, oder?

Was ist denn das „Wilde“?

Um die Rolle des Menschen im Funktionszusammenhang der Erde zu verstehen, müssen wir die Spontanitäten erkennen, die sich in jeder Existenzform der natürlichen Welt wiederfinden lassen – Spontanitäten, die wir mit dem Wilden assoziieren, d.h. mit dem, was der menschlichen Verfügungsgewalt entzogen ist. Wir missverstehen unsere Rolle, wenn wir annehmen, unsere historische Mission bestünde darin, den Planeten zu „zivilisierten“ oder zu „domestizieren“, als ob Wildheit etwas Destruktives anstatt die ultimative schöpferische Seinsform jeglichen Wesens wäre. Wir sind nicht hier, um zu kontrollieren. Wir sind hier, um mit der größeren Erdgemeinschaft eine Ganzheit zu bilden. Die Gemeinschaft selbst und jedes seiner Mitglieder hat letztlich eine Dimension der Wildheit, eine kreative Spontanität als tiefste Realität und tiefstes Mysterium. (S. 55)

Wildheit können wir als Wurzel jeglicher authentischen Spontanität jedes Wesens ansehen. (S. 57)

Der Verlust der Seele

Wie können wir die existentielle Krise der Menschheit und des Planeten verstehen?

Die der Erde zugefügte Gewalt liegt jenseits des Akzeptablen. Sie kann nur als Konsequenz einer schweren kulturellen Fehlorientierung angesehen werden. Der Wandel, der vom Ökologen gefordert wird, besteht in einer drastischen Reduktion der Ausplünderung durch das kommerziell-industrielle Wirtschaftssystem. (S. 112)

Die entscheidende Frage hat letztlich mit der Seele der Zukunft zu tun, wie sie ihren Ausdruck im einzigartigen Lebenssystem des Planeten Erde ihren Ausdruck findet. Viel ist über die physikalischen und biologischen Überlebensmöglichkeit nachgedacht worden, aber nur ziemlich wenig über die Seele der Zukunft. Wir befassen uns hier vor allem mit der Seele als den formenden Geist-Prinzip innerhalb jedes Lebensprozesses. (S. 118)

„Störung der biologischen Integrität des Planeten“ lautet die Anklage, die gegen die Ökonomie der Ausbeutung vorzutragen ist. Nur eine Wiederherstellung der biologischen Integrität des Planeten mit seinen verschiedenen Bioregionen kann das ganzheitliche Überleben der erde in Zukunft sichern. Unsere primäre Aufgabe muss in der Wiederaufrichtung der organischen Ökonomie des gesamten Planeten bestehen. Alle werden gebraucht. (S. 149)

Den Menschen neu erfinden

Das ist für mich eines der aufregendsten Kapitel!

Die historische Mission unserer Zeit besteht darin, den Menschen neu zu erfinden – auf der Ebene seiner Art, unter kritischer Reflexion, innerhalb der Gemeinschaft der Lebenssysteme, im Kontext einer zeitlichen Entwicklung, vor dem Hintergrund der Geschichte sowie unter Aufnahme unserer Traum-Erfahrungen. …
Wir müssen den Menschen auf der Ebene seiner Art neu erfinden, da die Aufgaben, die vor uns liegen, über die Kompetenzen unserer gegenwärtigen kulturellen Traditionen, sowohl individuell als auch kollektiv, hinausgehen. Wir brauchen etwas, das unsere heutigen Tradition überschreitet und uns den grundlegendsten Aspekt des Menschseins wiederbringt: uns selbst zu formen. (S. 159)

In solcher Zeit bedürfen wir einen neuen Offenbarungserscheinung, einer Erfahrung, durch welche das menschliche Bewusstsein zum Erlebnis der heiligen und majestätischen Größe der Erde erwacht. Solches Erwachen kennzeichnet unsere menschliche Teilhabe am Traum der Erde, der in seiner Fülle nicht nur alle kulturellen Ausdrucksformen auf der Erde durchwaltet, sondern bereits in den Tiefen unserer genetischen Codierung angelegt ist. Dadurch funktioniert die Erde in einer Tiefenstruktur, die sich unserem bewussten Denken entzieht. Wir können lediglich für das empfänglich sein, was sich uns von selbst enthüllt. Wahrscheinlich haben wir seit uralten schamanischen Zeiten nicht mehr im Traume der Erde mitschwingen können, aber in ihm liegt unsere Hoffnung für unsere Zukunft und die der gesamten Erdgemeinschaft. (S. 164)

Wenn der Mensch der Mikrokosmos ist, dann ist der Kosmos ein Makro-Anthropos. (S. 174)

Thomas Berry spricht von der vierfachen Weisheit und ihren Traditionen:

  • Die Weisheit der indigenen Völker.
  • Die Weisheit der Frauen.
  • Die Weisheit der klassischen Kulturen.
  • Die Weisheit der Wissenschaften.

Es ist augenscheinlich evident, dass keine dieser Traditionen in unserer heutigen Situation ausreicht. Wir brauchen sie alle. Jede von ihnen hat ihre eigenen spezifischen Errungenschaften, Begrenzungen, Fehlorientierungen und leistet ihren eigenen Beitrag zu einer integralen Weisheitstradition, die im beginnenden 21. Jahrhundert Gestalt anzunehmen scheint. …
Zum ersten Mal beginnen wir auch einzusehen, dass das menschliche Projekt der Sorge und Führung von Frauen und Männern in gleicher Weise bedarf. (S. 194)

Und das Heilige?

Es ist das, wozu die Wissenschaft keinen Zugang hat: die GNADE.

Auch heute am Beginn des 21. Jahrhunderts erfahren wir einen Augenblick der Gnade, allerdings einen, dem in seiner Bedeutung kein vorangegangenr an die Seite gestellt werden kann. (S. 196)

Wir erleben nun einen Augenblick von Bedeutungsschwere, der weit über das hinausgeht, was sich irgendjemand von uns vorstellen kann. Es kann festgestellt werden, dass sich die Grundlagen einer neuen historischen Epoche, der ökozoischen Ära, in jedem Bereich menschliche Aktivitäten ausgebildet haben. Die mystische Vision hat stattgefunden. Der fehlgeleitete Traum von einem technologisch-industriellen Paradies oder ersetzt durch einen anderen, eher lebensförderlichen Traum von einem Dasein des Menschen zum Wohle der Erde innerhalb einer sich stets erneuernden, organischen Erdgemeinschaft. (S. 199)

Mein Fazit: Thomas Berry hilft uns nicht nur, uns auf der Erde heimisch zu fühlen, sondern im Kosmos. „Der Mensch ist die Menschheit.“ Dieses geflügelte Wort von Schiller/Goethe wird bei Thomas Berry zur greifbaren Vision des „Großen Werkes“.

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