Thomas Werner: Die Seele

Untertitel: Vorstellungen und Bekenntnisse der Philosophie

Der Autor Thomas Werner ist kein Berufsphilosoph, sondern ein Lebensphilosoph, dem die Philosophie wirklich zu einem Wegweiser zur Beantwortung der großen Fragen des Lebens geworden ist. Das ist für mich schon ein großes Plus des Buches. Es ist keine wissenschaftliche Philosophie, sondern Lebensphilosophie als „Liebe zur Weisheit“, wie sie jeden berühren sollte. Ich könnte dieses Buch als „Einführung in die Philosophie“ für jedermann (den „…mann“ verwende ich hier durchaus mit Bedacht) sofort empfehlen. Es geht um die Philosophie Platons und seinem Kerngedanken, der unsterblichen Seele.

Ich habe das Thema SEELE nirgends so differenziert und gleichzeitig ganzheitlich beschrieben gefunden wie in diesem Buch. Nachdem Aristoteles die Psyche entseelt hat, um sie wissenschaftlich handhabbar, begreifbar zu machen, ist sie in viele Facetten zersplittert. Da tut ein Buch „gut“, das die Seele wieder als GANZES sieht, so wie es bei dem Lehrer von Aristoteles noch der Fall war, bei Platon. Andere große Philosophen in der Tradition Platons werden „herbeizitiert“: Plotin, Jamblich, Cusanus, Marsilio Ficino, die als „Neoplatoniker“ noch einige wichtigen Differenzierungen vornehmen. Am Ende des Buches habe ich den Eindruck: Es ist alles Wesentliche und das verständlich zur Seele gesagt, was philosophisch zu sagen ist und gesagt werden kann.

Platon

Platon (428 – 348 v. Chr.) und sein Lehrmeitser Sokrates (469 – 399 v. Chr.) sind wohl die größten antiken Philosoph des Abendlandes. Ihre Philosophie will Gott erkennen und die unsterbliche Seele als göttlichem Teil in uns. Manche Philosophen sagen, nach Platon gäbe es „nichts Neues unter der Sonne im Bereich der Philosophie“, maximal noch Fußnoten. Es ist noch eine „göttliche Philosophie“ im Gegensatz zu der wissenschaftllichen Philosophie des Aristoteles, in der auch die Seele zu einer begreifbaren Psyche wird, eine unbeseelte Psychologie sozusagen.

Wer Philosophie im Sinne einer Wegweisung zu dem großen Fragen des Lebens studieren will, der kommt an Platon nicht vorbei. Er sucht die zeitlose WAHRHEIT, die WEISHEIT jenseits des Wissens, das GUTE, das SCHÖNE, das GERECHTE in himmlischer Klarheit.
Das Buch ist eine lebensnahe auf Lebenspraxis ausgerichtete Einführung in das Lehrgebäude des Platon, mit der SEELE als Schlüsselbegriff, dem Universalschlüssel, der erlaubt, auch die anderen großen Grundbegriffe der Philosophie „aufzuschließen“.

Die Grundfragen der Philosophie,
die Platon und seine Nachfolger beantworten, sind (S. 219):

  • Was ist der Ursprung von Welt und Menschheit?
  • Wie kann dieser Ursprung beschrieben und erklärt werden?
  • Was ist die Seele und welche Rolle spielt sie im Leben des Menschen?
  • Was ist Vernunft?
  • Von welchen Triebkräften wied der Mensch geleitet,
    und von welcher Natur sind diese Triebkräfte?
  • Selbsterkenntnis:
    Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

Perlen der Weisheit

Um einen „Geschmack“ des Buches zu geben, möchte ein paar, willkürlich zusammengetragene Zitate anführen. Es ist nicht als Exzerpt zu verstehen.

Die als erstes wahrnehmbare Ordnung betrifft die sichtbare Welt, hier gilt das Recht des Stärkeren und Anpassungsfähigeren, der Eigennutz steht vor dem Nutzen des anderen. Die zweite Ordnung betrifft eine nur mittels des Denkens erfassbare Welt, erfahrbar im Liebesgesetz (Johannes 13.34-35) und der Welt des Neuen Testaments sowie in der Idee des Guten. (S. 28)

Eine Seele, die ein ewig seiendes Gesetz befolgt und verinnerlicht, hat damit Anteil an etwas Ewigem. Das ewige Seelenleben ist also nur für solche Seelen gewährleistet, welche auch das dem Menschen gewährte und von ihm erkennbare Liebesgesetz befolgt. (S. 29)

Im Sokrates offenbarte sich der innere Mensch. Er nannte diese innere Stimme „Daimonion“ (griechisch: „göttliches Wesen“), die ihn leitete, dem Guten zu dienen und dessen Kraft anzuwenden. (S. 30) Der sokratische Daimonion, von Platon als innere Stimme des Philosophen dargestellt, erlaubte Sokrates, das Wesen „Mensch“ zu ergründen … und gelangte zu dem Schluss, dass die unsterbliche Seele, als des Menschen innerstes Wesen, der wahre Mensch sei und nicht die sichtbare vergängliche Persönlichkeit. (S. 31)

Der wesentliche Unterschied zwischen Wissen und Weisheit besteht darin: Wissen ist erlernbar und praktisch anwendbar in der äußeren Welt, es ist von einem zum anderen Menschen übertragbar. Weisheit, Einsicht in die Kreisläufe des Lebens zum Erkennen der Wahrheit, ist dagegen nicht übertragbar. Sie muss in der eigenen Seele erarbeitet und erkannt werden und in der Folge der eigenen Lebenspraxis angewandt werden. (S. 39)

Das Leben erfüllt sich in der eigenen Seele, und diese muss sich am Geist orientieren, denn dann wird sie sich ihrer Unsterblichkeit bewusst und kann nach den Gesetzen der Ewigkeit leben. (S. 40)

Die wahre Philosophie hat sich nie um das Äußere des Menschen gekümmert, sondern immer nach der Wahrheit gesucht und diese auch im Wesen des inneren Menschen gefunden, in seiner unsterblichen, an den höchsten Gott gebundenen Seele. (S. 47)

Wer ist Jesus der Christus? Er kann als Prototyp des wahren geistigen Menschen (Sohn und Erbe, entfaltet aus dem göttlichen Ursprung) verstanden werden. (S. 57)

Die Seele ist vertraut mit der Wahrheit, ist inzwischen aber vom Weg der Vernunft abgekommen und erinnert sich nun wieder an ihren Ursprung. Sie erkennt die ewigen Ideen  und damit das wahre Seiende wieder (Platon). (S. 64)

Viele Philosophen haben das Wesen Gottes beschrieben und dabei ein ziemlich einheitliches Bild gezeichnet. Platon spricht vom Guten. Ohne die Güte Gottes wäre überhaupt nichts, was ist. (S. 73)

Der Eros ist also eine sich im Menschen befindliche Kraft, die weisheitsliebend, das heißt philosophisch ist. (S. 79)
Im Heilungsprozess der Seele dient der Eros als begehrende Kraft für das Heilwerden. (S. 83)
Die Bewusstwerdung des Menschen, erkennbar im Werk Platons, ist der Weg vom Eros zur Liebe. (S. 86) Die Erkenntnis des Guten bewirkt nun eine neue Liebeskraft, die des Eros nicht mehr bedarf. (S. 87)

Die anderen Philosophen nach Platon

Philosophen, die auf Platon folgen, haben keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse vorgelegt. Wahrheit ist und kann nicht neu erfunden werden. Die platonische Philosophie bedarf keiner weiterführenden Erkenntnisse. (S. 97)

Die Neoplatoniker haben ein paar Nuancen anders gesetzt, die ich versuche hier kurz aufzuzeigen (auch zum besseren Einstieg ins Buch).

Plotin (205 – 270) sieht das Grundprinzip im EINEN. Er in interpretiert Gott nicht unter dem Aspekt der GÜTE (Platon), sondern des EINEN als Ursache von allem. Die Frage ist auch, wie dann das Böse durch Eigenwilligkeit der Seele in die Welt kommen kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt: die Ewigkeit des Göttlichen und das Leben der Seele in der Zeit.

Das Eine bedarf des Guten nicht, es ist der Ursprung des Guten und mit ihm identisch. (S. 104)

Also ist Gott, der gut ist, nicht Ursache von allem, sondern, was die menschlichen Angelegenheiten anbelangt, nur von wenigem. Beim Menschen aber überwiegt das Übel. Für das Gute liegt die Ursache bei Gott, für das Übel aber müssen die Ursachen gesucht werden, die nicht bei Gott liegen. (S. 104)

Plotin weist auch stärker noch als Platon darauf hin, dass es der GEIST ist, der über der Seele steht. Die Seele „ist vollkommen, wenn sie Geist hat“ (S. 113).

Die Fessel der Seele, der Körper, muss als das verstanden werden, was er ist: der Aufenthaltsort der Seele in ihrem aktuellen Bewusstseinszustand. (S. 115)

Falls jedoch der Körper als Diener der Seele eingesetzt wird, indem die im Kopf … verfügbaren Denktätigkeiten ausgeübt werden, wird die Seele zum Führer des Menschen. (S. 133)

Durch Individuation trennt sich die Seele von der All-Einheit. Sie verliert den Kontakt zum Einssein. … Die von der Ganzheit des Seins gelöste Seele verliert das Ewigkeitsbewusstsein, durch die Bindung an einen Körper vergisst sie ihren vormaligen Zustand und führt ein Leben in der Zeit. (S. 136)

Jamblich (ca. 240 – 320) aus Syrien greift auf Pythagoras zurück und stellt die Einheit der Lehre von Pythagoras und Platon heraus. Seine große Herausforderung ist das EINE als sowohl (unbeweglich ewiges) SEINENDES wie auch schöpferisch WERDENDES zu verstehen. Pythagoras war für ihn ein Weiser, der beide Gebiete kannte: „Weisheit ist Erkenntnis von den Gesetzen der Ewigkeit, und Wissen ist die Kenntnis von den in der sichtbaren Welt geltenden Gesetzen.“ (S. 151) Pythagoras lehrte auch die Reinheit des Körpers wie Abstinenz von Alkohol oder Fleischverzehr.

Cusanus (Nikolaus von Kues, 1401 – 1464) konzentriert sich darauf, aus der immer stärkeren Differenzierung des Göttlichen (GEIST, SEIN, WERDEN) wieder das EINE zu finden, die „Einheit der Gegensätze“ (etwas grob formuliert). Das „Nicht-Beschreibbare“ ist das „Nicht-Andere“. Mit andren Worten: Obwohl es nicht beschreibbar ist, ist es keinesfalls etwas ganz anderes. So ist der Mensch auch ein „zweiter Gott“ (S. 177). Es ist kein Wunder, dass Cusanus Pantheismus vorgeworfen wurde (Alles-ist-Gott). Er gehörte zu den ersten Humanisten und war auch dem Islam gegenüber wohlgesonnen.

Christus, der Sohn gegenüber dem Vater ist, ohne damit seine absolute Einheit mit ihm zu verlieren, ist zugleich auch Gott und Mensch in einem. … Zugleich aber ist Christus Gott selbst, in gleichsam absoluter Identität, die auch ihre Differenz zugleich ist. (S. 184)
In jedem Menschen ist also der noch eingefaltete Christus, der Prototyp des Menschen, enthalten (ebenda).

Erkennbar ist der Eine nur in seiner Entfaltung, das heißt in der Offenbarung außerhalb seiner selbst. Die Entfaltung bedeutet, dass ein Anderer aus dem Einen hervorkommt, der von gleicher Art ist, denn sonst könnte er den Einen nicht erkennen. (S. 189)

Wichtig für die Arbeiten von Cusanus ist, dass der die Arbeiten Platons mit dem neuen Testament in Verbindung bringt. Das Tragische des Menschen ist, dass er Teil beider Welten ist, die „ungöttliche“ Welt des Sichtbaren und Vergehenden und der „göttlichen Welt“ des Ewigen.

Der Zugang zu beiden Welten kann allein in der menschlichen Seele erfahren werden. (S. 203) Und damit besteht für die Seele „eine Wahlmöglichkeit“ (S. 207)

Marsilio Ficino (1433 – 1499) ist in der Runde der Neoplotoniker noch bedeutsam, da er Glück, Glückseligkeit und Liebe mit der Seele verband. Die Liebe der Seele ist für ihn „platonische Liebe“.

Glück und Seligkeit müssen vielmehr im Bewusstsein von der unsterblichen Seele gesucht werden. (S. 222)

Vom Ursprung geht also der Geist aus, er formt die Seele, um sich darin zu zeigen. (S. 233)

An diesem Grenzstein des Denkens setzt Ficino die Liebe ein, das umfassendste Merkmal des Einen und alles Seiende.
Der Kreis ist geschlossen, der Weg ist absolviert, die Seele ist wieder in das Gebiet zurückgekehrt, aus dem sie stammt, in ihr wahres Zuhause. … Dieses Leben findet seine Bestätigung im Tätigsein in Vernunft und Liebe für diese Welt. (S. 245)

Das Buch endet mit einer lehrreichen Zusammenfassung des Autors, die man auch als Einführung lesen kann: „Philosophie als Tätigkeit und angewandte Weisheit“ (S. 245 – 252), „Philosophisches Leben“ (S. 252 – 261), „Das Wesen der Seele“ (S. 261 – 263), „Weisheit und Wissen“ (S. 264 – 266) und „Die Ideenlehre als Grundstein der Weisheit“ (S. 266 – 267).

Not-wendiger Nach-Gedanke

Mein Nach-Denken nach dem ersten Studium des Buches muss mit einem DANKE an den Autor beginnen. Es hat dieses Feld der SEELE sehr umfassend dargestellt und sicher auch ganz im Sinne Platons und der besprochenen Neoplatoniker. Es scheint mir das zu sein, was als Seelen-Mystik philosophisch darstellbar ist.

Und doch bleibt mir der Eindruck und „Nach-Geschmack“: Es ist noch nicht der Gipfel selbst, sondern das letzte Plateau vor dem Gipfel. Das Buch durchzieht eine merk-würdige Dualität, die es trotz Philosophie des EINEN nicht transformiert. Und das ist PLATON „geschuldet“, nicht dem Autor. Hier die „göttliche Welt“, dort die „ungöttliche Welt“. Wenn Platon in Gott das GUTE sieht, dann ruft es das BÖSE regelrecht hervor. Es ist thematisch im Buch verdrängt, dann und wann taucht das Wort „Schlechtes“ auf. Der „Schatten des verdrängten Bösen“ macht sich jedoch überall in dieser durchgängigen Dualität breit, vor allem in der Missachtung des KÖRPERS. Die ganze Welt des Sichtbaren scheint die Welt des Unheils zu sein, unheilig, ungöttlich. Die Seele ist im Körper „gefangen“, muss sich aus diesen Fesseln „befreien“. Der „Befreiungsweg“ der Seele scheint vom Körper WEG zu gehen, statt sich VOLLKOMMEN als unsterbliches Prinzip in den Körper zu INKARNIEREN, um ihn zur Unsterblichkeit selbst zu transformieren.

Und vielleicht darf ich jetzt noch meine Empfehlung für „jeder Mann“ aufklären: Diese Art zu philosophieren ist „typisch Mann“. Entweder liebt er sexgierig missbrauchend oder platonisch göttlich. Der „wahre Mensch“ ist dann DER Philosoph. Nicht nur das „Böse“ ist verdrängt, sondern auch FRAU und SEX (klar, oder?). „Irgendwie“ ist diese Philosophie in allen Glieder „blutleer“. Böse Zungen interpretieren diese Worte als „impotent“.
Das ist eine Konsequenz dieser Dualität im zerrissenen Mann (der die Frau dann auch nur als Hure oder Heilige sehen kann). Es ist mir noch nie so bewusst geworden, wie durch dieses Buch. Es führt an eine Grenze, die es zu überschreiten gilt. DANKE!

Mein Fazit: Wer von der Philosophie eine Antwort auf die großen Fragen des Lebens erwartet, insbesondere die Themen „Seele, Unsterblichkeit, Göttlichkeit“, dem empfehle ich das Buch trotzt Nach-Gedanken uneingeschränkt. Der Autor erklärt alles in eigenen Worten (viele Zitate der Philosophen als Belege), doch es sind durchgängig seine Worte, so dass das Werk eine gewisse Geschlossenheit hat. Das Buch ist auch für christlich Suchende eine große Hilfe, die diesen christlichen Begriff der Seele mehr verstehen wollen. Die Verwandtschaft zwischen Platon und Paulus wird häufig heraus gestellt, Jesus als der Inbegriff des auch philosophisch „wahren Menschen“.

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