Pierre Teilhard de Chardin: Briefe an Frauen

Herausgegeben und erläutert von Günther Schiwy

Das Buch ist die beste Einführung in die besondere Thematik, der Rolle der Frauen im Leben des Pater Teilhard. Es drückt sich in den Hunderten von Briefen an Frauen aus. Zur Zeit der Herausgabe des Buches 1988 gab es schon die sehr depersonalisierten „Tagebücher“ 1926 – 1952, aus den Briefen an Ida Treat (die Marxistin) und Rhoda de Terra (die Nicht-Christin) extrahiert, 1971 deutschsprachig veröffentlicht. (> Mehr in meiner Buchbesprechung) Der Autor Günther Schiwy hatte 1981 zum hundertsten Geburtstag von Pierre Teilhard de Chardin eine 2-bändige Biographie heraus gegeben (> mehr in meiner Buchbesprechung). Dieser Band nun fokussiert das Thema auf die Rolle der Frauen in der Entwicklung Pater Teilhards, gespiegelt in seinen Briefen an Frauen. 2005 wird der Autor dann als Höhepunkt zum Thema das Buch „Eine heimliche LIebe. Lucile Swan und Teilhard de Cardin“ heraus bringen (> Mehr in meiner Buchbesprechung).

Das Motto des kleinen Briefbändchen ist sind die Worte Pater Teilhards:

„Nichts hat sich in mir entwickelt
es sei denn unter dem Blick
und dem Einfluss einer Frau.“
(Das Herz der Materie, 1950)

Pater Teilhard und das Ewig-Weibliche

Eine der großen Botschaften Teilhard de Chardins würden wir heute „christlichen Feminismus“ nennen. Das Ewig-Weibliche steht bei ihm im Mittelpunkt. Stark geprägt hat ihn dabei eine der führenden Feministinnen in Paris: Léontine Zanta.

Seine Hymne an „Das Ewig-Weibliche“ ist 1918 nach dem Erwachen als Mystiker geschrieben, in starkem Einfluss seiner „Liebe“ zu seiner Cousine Marguerite Teillard-Chambon. Wenn der Begriff „Dual-Seelen“ einen Sinn macht, dann trifft dies sicher auf Pierre und Marguerite zu. Der Urgrund allen Seins, der kosmische Mutterschoß, die Gebärmutter allen Lebens ist Mutter Natur. Mater = Materie. Das christliche Gebet sollte nicht „Vater unser …“ heißen, sondern „Mutter unser …“

Die Frau ist bei Pater Teilhard schon die „Versuchung“, das Verführerische, als Mann sich am „Fleisch der Frau“ zu berauschen. Das ist der eine Weg zwischen Mann und Frau, der andere ist der Weg der Vergeistigung ihrer Liebe. Und hier hat Pierre in Marguerite eine geistige Gefährtin, die sein zölibatäres Versprechen achtet. Beide befruchten sich intensiv in ihrer Entwicklung. Der Motto-Satz bezieht sich sicher vor allem auf Marguerite Teillard, die auch nach dem Tod Pierrs (1955) nach seine Reisebriefe und Kriegsbriefe an sie veröffentlicht.

Bei der Kommunistin Ida Treat, die mit dem Zölibat des Pater Teilhard, „nichts am Hut“ hatte, war er sinnlich wohl am meisten herausgefordert. Er musste einer Atheistin die Vision des Christentums näher bringen, war damit aber auch von der Vision der „klassenlosen Gesellschaft“ von Karl Marx konfrontiert, was ihn faszinierte. Unter dem „verführerischen Einfluss“ Ida Treats und vielleicht auch der Künstlerin Lucile Swan (die den Kopf des „Peking-Menschen“ modellierte) schrieb Pater Teilhard seine „Evolution der Keuschheit“ (1934), der nicht wirklich stimmige Versuch, die „platonische Liebe“ zwischen Mann und Frau als den höheren Weg zu verherrlichen. Auch die Geologin Roda de Terra war gerade in sein Leben getreten, mit der er später Expeditionsreisen unternehmen würde. Pater Teilhard starb 1955 in ihrer Wohnung in New York.

In seiner autobiographischen Skizze „Das Herz der Materie“ (1950), seinem „geistigen Erbe“ schrieb Pater Teilhard im Schlusskapitel wieder über „Das Weibliche oder das Einigende“.

Die in Paris lebende Jeanne Mortier, die selbst Theologie am Institut Catholique von Paris studiert hatte, war nach dem gegenseitigen Kennenlernen 1939 von der Berufung ergriffen, Pater Teilhard als Sekretärin zu dienen, seine Manuskripte in Paris zu veröffentlichen und unter die Leute zu bringen. Sie wurde von Pater Teilhard 1951 testamentarisch zur Nachlassverwalterin seiner philosophisch-theologischen Manuskripte eingesetzt. Sie sorgte dafür, dass nach dem Tod Pater Teilhards (der damals außer in Fachkreisen kaum bekannt war), nun der Öffentlichkeit bekannt wurde.

Die in der kleinen Sammlung ausgewählter Briefe

Teilhard de Chardins an Frauen richten sich an

  • seine Mutter
  • Marguerite Teillard-Chambon (seine Dual-Seele)
  • Léonite Zanta (die Feministin)
  • Ida Treat (die Marxistin)
  • Rhoda de Terra (die Geologin)
  • Jeanne Mortier (seine „Sekretärin“)

Der Vollständigkeit halber sei noch einmal betont, dass die später erst veröffentlichten Briefe Teilhard de Chardins an die Künstlerin Lucile Swand von Günther Schiwy gewürdigt werden in dem Band „Eine heimliche LIebe“ (2005)

Das Buch ist heute noch im Herder-Verlag „Frauenforum“ erhältlich:

Teilhard de Chardin: Briefe an Frauen (Klick)
Herausgegeben und erläutert von Günther Schiwy

Pierre Teihard de Chardin: Entwurf und Entfaltung

Unter dem Titel „Entwurf und Entfaltung“ sind 150 Kriegsbriefe Teilhard de Chardins aus den Jahren 1914 – 1919 an seine Cousine Marguerite Teillard Chambon zusammen gefasst. Der Band ist nicht vollständig: Sicher mehr als 100 Briefe von Pierre an Marguerite fehlen. Dann ist es kein wirklicher „Briefwechsel“, denn die Briefe Marguerites an Pierre fehlen gänzlich. Doch immerhin:

Dies ist wohl der bedeutendste ins Deutsche übertragene Briefband Pater Teilhards. Er schildert eine sehr entscheidende Zeit in seinem Leben, seine Zeit als Soldat bei der französischen Armee gegen die deutsche Armee. Es sind die Jahre seines Erwachens. Mit den in der Zeit geschriebenen 16 Essays legt er die Grundlage „als ersten Entwurf“ seiner späteren Lehre.  Die Zeit danach ist im Wesentlichen dann die Zeit der Entfaltung.

Wenn Pater Teilhard von dem „Mysteriem des Krieges“ spricht, den Krieg als evolutionäre Kraft nahezu verherrlicht, dann ist das nur schwer nachzuvollziehen. Er wird sogar von der „Heimweh nach der Front“ („La nostalgie du Front“) sprechen. Er wird an Marguerite schreiben: „Ich versichere dir, mir wäre es tausendmal lieber, Granaten zu werfen oder ein Maschinengewehr zu bedienen, als so zum Überschuss zu gehören.“

Sei Biograph Günther Schiwy interpretiert diese Sehnsucht so:

Teilhard begreift sich an der Front des Ersten Weltkrieges als einer, der sein Leben lang an der vordersten Front Gottes stehen wird, die für ihn identisch ist mit der Linie des Fortschritts für die Menschheit. Das ist seine Berufung, die er sich nicht ausgedacht hat, sondern die ihm zuteil geworden ist wie dem Moses: im brennenden Dornenbusch. An der „Front“ hat Teilhard „gesehen“, deshalb wird ihn die „Sehnsucht nach der Front“ nie mehr verlassen. (Schiwy, Biographie Bd. 2, S. 262)

Sehr beachtlich finde ich die Worte der Herausgeber des Bandes Alice Teillard-Chambon (die ‚Schwester von Marguerite) und Max Henri Begouen (ein Freund Pieres):

Auf dieser Weise war er eins mit der im Krieg befindlichen Menschheit, konnte jedoch gleichzeitig sehen, daß das Chaos, in dem sich die menschlichen Zellen herumstritten, nur scheinbar war und daß unter diesen Phänomenen der Umwandlung eine Ordnung verborgen lag.
Jenseits der irdischen Horizonte erschienen ihm die Schlachtfelder, auf denen der Tod zu triumphieren schien, als der lebendigste Schmelztiegel, als die Gebärmutter einer neuen Welt. Zweifellos wühlte der menschliche Pflug des Krieges die alte Nährmutter Erde, auf der die althergebrachte Saat nicht mehr keimen konnte, bis in die Tiefen auf. Aber ein neuer Humus, in dem sich das Blut und die Tränen und selbst das Fleisch der geopferten Männer mit der verwüsteten Erde vermischten, würde wieder fruchtbar werden für ein Samenkorn, das neu – und dennoch seiner Substanz nach ewig wäre.“ (S. 11)

Im Grunde könnte das Thema der Kriegsbriefe auch VERSÖHNUNG heißen, nicht nur die Versöhnung der Franzosen und Deutschen, sondern die Versöhnung der ganzen Menschheit, auch die Versöhnung der weltfremd gewordenen Kirche mit der Wirklichkeit. (Ida Friederike Görres bringt ihren „Versuch über die Kriegsbriefe“ unter diesen Titel: Versöhnung. > Meine Buchbesprechung)


Bei alledem darf aber eine Frau nicht vergessen werden: Marguerite Teillard-Chambon, die Cousine Pierrs, die Empfängerin der Briefe. Sie hat die Veröffentlichung noch vorbereitet, starb vor der Veröffentlichung 1959 bei einem Autounfall.

Die Briefe aus den Jahren 1914 – 1919 (Entwurf und Entfaltung) sind auch nur der erste Teil einer Brief-Trilogie, die sie herausgegeben hat. Die beiden anderen tragen den Titel „Geheimnis und Verheißung der Erde“ (Reisebriefe 1923 – 1939) und „Pilger der Zukunft“ (Neue Reisebriefe 1939 – 1955).

Marguerite (viereinhalb Monate älter) und Pierre verband eine lange Kinderfreundschaft, bevor Pierre elfjährig ins Internat des Jesuiten-Kollegs kam. Sie verloren sich einige Jahre aus den Augen. 1912 – 33-jährig – wurde Pierre von seinem Orden nach Paris zum Studium der Paläontologie geschickt. Marguerite ist bereits seit 10 Jahren Instituts-Leiterin einer katholischen Schwesternschule in Paris. Sie treffen sich in Paris wieder und es beginnt eine langjährige Freundschaft zweier Seelengefährten.

Günther Schiwy schreibt in der Biographie:

Pierre hat in Marguerite die Frau gefunden, die seine Probleme aus eigener Erfahrung kennt und teilt, mit der er sich aussprechen kann, die ihn bestätigt und beflügelt, die ihn hochschätzt und die bereit ist, ihn auf seinem Weg so nahe zu begleiten, wie es sein ordensgelübde und sein Zölibatsversprechen und ihr gläubiger Respekt davor nur immer erlauben. Daß sie die erste Frau ist, die ihn liebt, steht außer Zweifel. Sie hält ihm auch die Treue, als später andere Frauen sie aus ihrer Vertrauensstellung verdrängen. Teilhard wird es ihr bis an sein Lebensende danken. Er wird nie vergessen, daß er durch sie eigentlich er selbst geworden ist. (Bd. 1, S.  243)

Die beiden Herausgeber des Bandes enden ihrer Hommage an „Marguerite Teillard-Chambon (1880 – 1959) Schriftstellername: Claude Aragonnès“ (S. 15 – 25) mit den Worten:

Wir hoffen, daß die Menschen, die in diesem Leben so nahe waren, im Tode endgültig vereint sind. Wir sind überzeugt, daß sie auch im Andenken der Menschen nicht voneinander getrennt sein werden. Es liegt darin gleichsam ein geheimnisvolles Gesetz unserer Natur, daß sich fast immer in der Nähe eines großen Mannes eine große, ein wenig verschleierte weibliche Gestalt findet; und dieses Gesetz hat sich wiederum bestätigt in Pierre Teilhard de Chardin und Marguerite Teillard-Chambon. (S. 25)

 

Briefe als Tagebuch Pierre Teilhard de Chardins

Das Hauptschrifttum von Pierre Teilhard de Chardin liegt neben vier Büchern und vielen Essays (gesammelt in seinen Werkausgaben in 10 Bänden) sicher in seinen Briefen vor, hauptsächlich an Frauen gerichtet.

Dazu gehört auch das „Tagebuch Pierre Teilhard de Chardins“, das 1969 als „Letters to Two Friends“ im englischen Original  und im Französichen in der Parallel-Ausgabe unter dem Titel „Accomplir l’homme – Letters inédites (1926 – 1952)“ erschien. Die deutsche Ausgabe erschien dann 1971 im Walter-Verlag in zwei Bänden getrennt: „Briefe an eine Marxistin“ und „Briefe an eine Nicht-Christin“.

Diese Briefe wurden so editiert, dass alles Persönliche gestrichen wurde, selbst die Adressatinnen einer strengen Diskretion unterzogen. Solange es noch keine detaillierten Biographien von Teilhard de Chardin vorlagen, hatten diese Editionen und Übersetzungen sicher ihre Berechtigung. Am Ende dieser „unveröffentlichten Briefe“ blieb ein zum sachlichen „Tagebuch vom 24. April 1926 bis 16. Januar 1952“ editierte Version übrig, Auszüge aus Briefen von Teilhard de Chardin an Ida Treat (die Marxistin) und Rhoda de Terra (die Nicht-Christin), beides Amerikanerinnen. Heute ist das „Geheimnis“ um die beiden Adressatinnen längst gelüftet – und es gibt weiter gehende Auszüge aus dem Briefwechsel an diese beiden Frauen.

Mit Ida Treat, einer amerikanischen Geologin und überzeugten Kommunistin, hat Teilhard de Chardin im Laufe von ca. 30 Jahren – gemäß Günther Schiwy – 1929 Briefe gewechselt, im Durchschnitt mehr als wöchentlich einen. Der Band „Briefe an eine Marxistin“ enthält „Tagebuch-Auszüge“ aus 78 Briefen.

Brief an eine Marxistin

So schreibt Pierre Teilhard de Chardin in einem Brief an Ida Treat, die er im Winter 1924/25 kennen gelernt hatte, im Dezember 1933:

Meine großartige Freundin, Du bist gerade abgereist und hast mit Dir einen Teil meiner Pekinger Sonne mitgenommen. Aber mir blieb vor allem eine Kraft und Leichtigkeit für den Lebenskampf, die Du mir mitgeteilt hast. Während dieser drei Wochen habe ich in langen Zügen Deine Gegenwart genossen. Und ich bin tief glücklich, weil ich begriffen habe, daß Du […] für mich die wahre Kampfgenossin geworden bist, mit allem, was eine ähnliche Verbindung haben kann an Reichtum und Tiefe zwischen einem Mann und einer Frau, die sich nur deshalb aufeinander stürzen, um voranzuschreiten. Einer meiner Lebensträume … Mehr denn je werde ich Dich auf dem laufenden halten über das, was mir äußerlich und innerlich geschieht. Gut Glück! Und für immer. Pierre.“
(zitiert nach Günther Schiwy: Eine heimliche Liebe, S. 41)

Im unpersönlichen „Tagebuch“ als Brief an eine Marxistin klingt ein anderer Auszug aus dem Brief vom 21. Dezember 1933 ganz anders:

Etwas, was sehr wichtig sein könnte, nämlich ein Brief aus Frankreich […], scheint darauf hinzuweisen, dass man ernsthaft daran denken soll, mir ein Gespräch mit meinem General in Rom zu vermitteln. Ich werde die Einladung nicht zurück weisen, wenn man positiv die Initiative ergreift. Doch Sie kennen meinen Eindruck: Ich habe Angst, ein solches Gespräch würde schließlich nur definitive Meinungsverschiedenheiten offenbar machen.“ (Brief an eine Marxistin, S. 109)

In einem Brief vom 7. Juli 1933 hatte Pater Teilhard an Ida Treat noch geschrieben, dass er diese relative Ungebundenheit von seinem Ordnen schätzte. Ihm drohte wieder ein Verbot, in Paris aufzutreten:

Je mehr ich an dieses Verbot denke, um so weniger berührt es mich [ich glaube wirklich, es hat mich ernstlich keine Minute lang geärgert.] Ich schätze im Gegenteil die Vorteile, nach vornehin klarer zu sehen und keinerlei Bindungen zu haben, bei denen man mich zu fassen versuchen könnte. … Mir bleibt nur eines zu tun: intensiver als je zuvor das entwickeln, was ich glaube, und mich inniger als je in das Blut hineinmischen, das ich zu verbessern träume. eine Frage der größeren Liebe, nicht der Revolte. Ich weiß nicht, ob das möglich ist. Ich will es aber versuchen. Eines scheint mir klar. Im Einsatz für eine Sache wie diese fürchte ich nichts.“ (Briefe an eine Marxistin, S. 108)

Durch den intensiven Austausch mit Ida Treat war Teilhard de Chardin gezwungen, sich mit dem Kommunismus auseinander zu setzen. Das führte ihn zu der klaren Äußerung:

Meiner Meinung nach ist es mehr und mehr der Kommunismus, der gegenwärtig das wahre menschliche Wachstum repräsentiert und monopolisiert. (Schiwy, Bd. 2, S. 150)

Also nicht das Christentum! So wundert es einen nicht, dass Teilhards Vision der Menschheit am Punkt Omega an die „klassenlose Gesellschaft“ von Karl Marx erinnert.

Briefe an eine Nicht-Christin

Pierre Teilhard de Chardin hat Roda de Terra und ihren Mann Helmut de Terra bei einem Internationalen Geologenkongress 1933 in Washington kennen gelernt, 1935 sind sie zusammen auf einer Indienreise. Roda de Terra, die sich von ihrem Mann im Dezember 1935 scheiden ließ, wird in den letzten 10 Jahren des Lebens von Pater Teilhard dessen wichtigste Begleiterin auf Expeditionsreisen wie auch privat in Amerika. Pater Teilhard starb am Karfreitag 1955 in ihrer Wohnung in New York.

Die hier dokumentierten Briefe Pierrs an Rhoda beginnen am 5. Juni 1938 mit den Worten „Seit meinem letzten Brief …“ (S. 9). Es ist also keinesfalls der erste. Der letzte Brief stammt vom 8. September 1950.

Laszlo / Peake: Unsterbliches Bewusstsein

Untertitel: Kontinuität des Selbst jenseits des Gehirns

Das Buch beginnt im Prolog im ersten Satz gleich mit der „großen Frage“:

„Endet unser Bewusstsein – unser Geist, unsere Gedanken, unsere Seele – mit dem Tod unseres Körpers?“ (S. 9) Und als wichtige Endnote zu diesem Satz: „Wir sollten Bewusstsein und Gedanken synonym verwenden, von Geist und Seele aber nur im spirituellen und/oder religiösen Kontext sprechen.“ (S. 10)

Das Buch sucht also nicht die „Unsterblichkeit von Geist und Seele zu beweisen – möglicherweise ist es im streng wissenschaftlichen Sinne nie zu „beweisen“. Es geht vielmehr um einen auch in der Wissenschaft gängigen Begriff des „Bewusstseins“. Das Buch hält sich streng an wissenschaftliche Kriterien – und das macht es so spannend und für wissenschaftlich denkende Menschen so attraktiv! Dieses Buch könnte die Geburtsurkunde eines neuen „Paradigmas“ in der wissenschaftlichen Bewusstseinsforschung sein, insbesondere in welchem Verhältnis Gehirn und Bewusstsein stehen. Das alte (materialistisch-mechanische) Paradigma geht davon aus, dass zuerst das Gehirn da ist und das Bewusstsein ein Epiphänomen ist.

1. Teil: Die Evidenz

Es heißt, die Wissenschaft beginne mit der Erhebung empirischer Daten. Genau dem dient dieser erste Teil, der drei Viertel des Buches umfasst (120 von insgesamt 180 Seiten). Hier werden Belege zusammengetragen zu den Themen

  • Nahtoderfahrung
  • Nachtod-Kontakte
  • Kommunikation über Medien
  • Instrumentelle Transkommunikation
  • Erinnerung an frühere Leben
  • Reinkarnation

Jedes der zusammengetragenen empirischen Belege werden dabei von den Autoren einzeln in der Bedeutung gedeutet, als erste Schlussfolgerung zusammenfassend unter „Bewusstsein jenseits des Gehirns“ (S. 126 f.):

Offenbar wird bei Nahtoderfahrungen, Erscheinungen und Visionen, nachtodlicher Kommunikation, medial bzw. instrumentell vermittelter Kommunikation, bei Erinnerungen an frühere Leben und reinkarnationstypischen Erlebnissen ein „Etwas“ kontaktiert, bei dem es sich um ein menschliches Bewusstsein zu handeln scheint. Die vorhandenen Beweise zeigen, dass dieses „Etwas“ nicht nur eine passive Aufzeichnung der Erfahrungen einer verstorbenen Person ist, sondern eine dynamische, intelligente Wesenheit, die kommuniziert, Informationen austauscht und mitunter sogar den Drang verspürt, sich mitzuteilen.

Also: Das Bewusstsein überdauert empirisch offensichtlich das Gehirn. Die anschließende Frage ist natürlich: „Doch wie ist der möglich?“ Der zweite Teil des Buches stellt einen Erklärungsansatz vor, „der weder improvisiert ist noch sich auf esoterische Konzepte stützt, sondern auf den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft und der Bewusstseinsforschung basiert.“ (S. 127)

2. Teil: Die Wissenschaft: Kosmos und Bewusstsein

In der (materialistischen) Wissenschaft selbst ist ein „Paradigmenwechsel“ festzustellen, die nicht Materie, sondern Information(sfelder) „als Urgrund der Realität begreift“. (S. 131).

Hier greifen die Autoren auf den alten westlichen Begriff des „Äthers“ bzw. „Spiritus“ (Gordano Bruno) zurück bzw. dem östlichen Begriff des „Akasha“ zurück und sehen diese intuitiven Ansätze der Prämodernen in der modernen Theorie des Informations-Hologramms wissenschaftlich bestätigt:

Wenn die Raumzeit ein Hologramm und jeder Quant mit sämtlichen anderen Quanten verschränkt ist, dann muss sich jede Zustandsänderung eines beliebigen Quants auch im Zustand aller Quanten niederschlagen. (S. 140)

Es gibt offensichtlich als naheliegende Schlussfolgerung eine Dimension jenseits dieser allumfassend verschränkter (alles interagiert mit allem) „Raumzeit“:

Dieser der wahrnehmbaren Welt zugrunde liegende Dimension bildet ein vollständiges Ganzes, eine holographische Gesamtheit ohne Raum und Zeit. Die A-Dimension des Akasha stellt den eigentlichen LOGOS des Kosmos dar. (S. 142)

Und was hat diese „verborgene A-Dimension“ mit Bewusstsein zu tun? Kurz: Diese Dimension IST das EINE Bewusstsein, die in-formiert, in Form geht. Und jedes „individuelle“ Bewusstsein ist „untrennbarer Teil“ des allgemeinen, kosmischen Bewusstseins.

Diese grundlegende Erkenntnis, dass das Bewusstsein nicht vom Gehirn hervorgebracht wird, dürfte durch künftige Forschungsergebnisse kaum mehr umgestoßen werden. Bewusstsein ist ein kosmisches Phänomen, das vom Gehirn lediglich vermittelt und zur Entfaltung gebracht wird. (S. 148)

3. Teil: Die Erklärung

Der dritte Teil bringt den ersten (Empirie) und den zweiten (moderne wissenschaftliche Theorien) zu einem einheitlichen Erklärungsansatz zusammen und kommen zu der Schlussfolgerung:

Nachdem wir das vorhandene Beweismaterial ausgiebig gesichtet haben, können wir diese Frage („die große Frage“, s.o., JS) jetzt positiv beantworten: Mit dem Ableben unseres Körpers hört unser Bewusstsein nicht auf zu existieren, sondern lebt in einer anderen Dimension des Kosmos fort – in jener geheimnisvollen Sphäre, für den wir den alten Namen Akasha aufgegriffen haben.“ (S. 167 f.)

 

Ein neues Paradigma wäre keines, wenn es nicht auch eine neue VISION hätte. Dies ist nahezu „atemberaubend“ (doch nicht im tödlichen Sinne zu verstehen) 🙂 das Zeitalter der bewusst angenommenen Unsterblichkeit!

Mein Fazit: 

Das Buch verbindet die aktuell aufregendsten Bereiche der Wissenschaft – Neurophysiologie, Quantenfeld und Kosmologie – mit spiritueller Weisheit. Selbst wenn man Buch nur als stringent durchgezogene wissenschaftliche Hypothese mit großem Wahrscheinlichkeitswert erkennen kann, es ist ein großer Wurf mit der Vieion eines neuen Zeitalters der Unsterblichkeit. Bekanntlich sind Menschen sterbliche Götter und Götter unsterbliche Menschen. Das Buch baut auch eine Brücke zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen.

Teilhard de Cardin: Das Herz der Materie

Untertitel: Kernstück einer genialen Weltsicht

Keiner hat behauptet, Teilhard de Chardin zu lesen, sei einfach. Doch Kant, Hegel, Heidegger oder andere zu lesen, ist auch nicht einfach. Teilhards Sprache als Jesuitenpater ist zudem keine rein philosophische, sondern eine eigenartige Mischung aus philosophischer, poetischer, theologischer, profetischer und wissenschaftlicher Sprache. Dazu kommt die Problematik der Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche.

Schriften von Teilhard de Chardin sind keine Lehnstuhl-Lektüre. Sie wollen studiert werden, Kersätze können nur meditativ erfasst werden. Wie wäre es beispielsweise hiermit: „Sich vergeistigen = sich entmaterialisieren“ (S. 68) Dieses Buch ist vom Autor 1950 verfasst worden, 5 Jahre vor seinem Tod (1881 – 1955), eine Art Testament seines Lebens-Werkes. Es bringt darin die „Evolution seines Denkens“ und den Kern seiner neuen „Religion der Evolution“ oft formelhaft (im Sinne einer wissenschaftlichen Formel) auf den Punkt.

Was mich an diesem Buch am meisten fasziniert: Der Autor meint es mit der Liebe ernst! Heute sagen die einen „Alles ist Energie“, die anderen „Alles ist Bewusstsein“. Und was ist mit LIEBE? Unsere Intuition und unser religiöses Empfinden sagen uns: „Alles ist Liebe“. Doch in welchem Zusammenhang stehen dann Liebe, Energie und Bewusstsein? (Keine schlechte Frage, oder?)

Pierre Teilhard de Chardin hat diese Frage beantwortet, ohne dass es viele mitbekommen hätten, sonst wären wir heute in unserem Bewusstsein weiter. Und damit ist er aktueller denn je, vielleicht schließen wir langsam auf seine Bewusstseinshöhe auf. Das Entscheidende für ihn ist die Liebe, die evolutiv wachsende Durchseelung der Materie und des Kosmos. Er nennt dies im Sinne eines wissenschaftlich neuen Begriffes: AMORISATION. (Amor = Gott der Liebe) 

Nun wird man den Begriff der „Amorisation“ wohl in keinem wissenschaftlichen Wörterbuch finden. Also ist Teilhards Theorie keine wissenschaftliche … Zu dieser Schlussfolgerung könnte ein einfältiges Denken kommen. Ein visionäres Denken dagegen könnte zu einer ganz anderen Schlussfolgerung kommen: Solange der Begriff der „Amorisation“ nicht das Herz der Wissenschaften ist, sind wir noch weit von einer „Heiligen Wissenschaft“ entfernt. NUR EIN WORT, und unsere Wissenschaft wird ist heil und heilig.

Ich will aus diesem Buch noch eine andere Teilhardsche zentrale Formel kurz besprechen: „Gott über uns“ = „Gott vor uns“ (S. 79) „Gott über uns“ – ist ja noch zu verstehen: „Gott im Himmel“, der Gott aller traditioneller Religionen. Aber „Gott VOR uns“? … Das ist nach Teilhard der Gott der ZUKUNFT, der Gott am „Punkt OMEGA“. Dann wird die Menschheit völlig vergöttlicht sein. Dann ist aus dem EINEN JESUS von Nazareth ein KOSMISCHER CHRISTUS geworden. Das kann man allerdings nur meditativ in seiner mystischen Tiefe erfassen.

Das Buch hat drei Teile, „eigentlich“ sogar vier:

  • Das Kosmische oder das Evolutive
  • Das Menschliche oder das Konvergierende
  • Das Christliche oder das Zentrische
  • Das Weibliche oder das Einigende (als Schlussakkord)

Alleine das Inhaltsverzeichnis ist ja schon Poesie!

Das Buch hat einen Anhang mit drei mystischen Schriften von Pierre Teilhard de Chardin:

  • Christus in der Materie
  • Die geistige Potenz der Materie
    mit: Hymne an die Materie
  • Die Messe über die Welt

Eine Wohltat in Zeiten des Wahnsinns „Es gibt keine Materie.“ (Als ob es auch nur einen Menschen ohne MUTTER gäbe; wir sind alle Kinder von Mutter Erde – als das Ewig-Weibliche.)

Das Buch ist wirklich das Herz der Weltsicht Pierre Teilhard de Chardins. Wenn man genügend „Einführungs-Literatur“ (wie seine > Biographie von Günther Schiwy) gelesen hat, dann kann man sich an dieses konzentrierte Werk (die Essenz) heran machen. Wer tiefer einsteigen will, der lese dazu sinnigerweise das „Teilhard de Chardin Lesebuch“ herausgegeben und erläutert von Günther Schiwy (> meine Buchbesprechung). Die ausgewählten Teilhard-Texte von Günther Schiwy entsprechen dem Aufbau von „Das Herz der Materie“. Beide Bücher lassen sich gut „parallel“ lesen.

Günther Schiwy: Das Teilhard de Chardin Lesebuch

Ein Wort zu dem Herausgeber des Buches: Günther Schiwy. Er war wie Teilhard de Chardin Jesuit und Priester. Er ist nicht nur ein großer Kenner Teilhard de Chardins und durch deine zweibändige Teilhard-Biographie (> meine Buchbesprechung) zu dessen 100. Geburtstag 1981 bekannt geworden, sondern hat über 10 Jahre intensiv daran gearbeitet,  Teilhard de Chardin im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Der Werkausgabe in Frankreich waren beendet, das meiste ins Deutsche übertragen, zu dem der Herausgeber des Buches selbst seinen Beitrag geleistet hat. Das sehr autobiographische Buch „Das Herz der Materie“ (1950 im französischen Original abgeschlossen, erst 1976 in Frankreich veröffentlicht) fand erst 1990 eine erste deutsche Übersetzung, an dem Günther Schiwy selbst mitgewirkt und das Vorwort verfasst hat.

Dieses Lesebuch, 1987 erstmals erschienen,  aus Texten von Teilhard de Chardin ist aus wirklich sehr kompetenter Redaktion. Günther Schiwy geht in der Abfolge ganz konsequent dem letzten großen Werk Teilhard de Chardins nach, dem „Herz der Materie“, und liefert sozusagen das Textmaterial zu diesem Buch. Darüber hinaus ist das „Lesebuch“ reichlich von ihm im Ganzen und in den acht Kapiteln eingeführt.

Die insgesamt 59 Texte sind in acht Kapitel eingeteilt:

  1. Das Herz der Materie
  2. Der Aufstieg der Menschheit
  3. Die Entwicklung des Bewusstseins
  4. Die Allgegenwart der Liebe oder das Ewig-Weibliche
  5. Die Mystik der Wissenschaft
  6. Die Krisen des Wachstums
  7. Die Religion von morgen
  8. Das neue Zeitalter

Nicht zu vergessen ist das zum Glossar ausgebaute Register, das ein leichteres Verständnis des Teilhardschen Vokabulars und „Jargons“ ermöglicht

Beide Bücher zusammen, Teilhards „Das Herz der Materie“ und dieses Lesebuch sind eine abgerundete Einführung in das Denken dieses großen Visionärs einer spirituellen Evolutionstheorie.

Günther Schiwy: Teilhard de Chardin (2 Bände)

Untertitel: Sein Leben und seine Zeit

Das zweibändige Werk ist eine herausragende Biographie Pater Pierre Teilhard de Chardins, die zu dessen 100. Geburtstag 1981 erschien. Der Autor war seit 1979 auf den Spuren Teilhards in Frankreich, ihm wurden alle Türen geöffnet, nicht nur um diese Biographie zu schreiben. Ihn sollte Leben und Werk von Teilhard de Chardin mehr als die nächsten 10 Jahre intensiv beschäftigen. Er hat ausgewählte Texte von Teilhard aus den Essays und Briefwechsel zum Teil neu übersetzt, kommentiert  und herausgegeben, wie „Das Herz der Materie“. Günther Schiwy hat sich nicht nur mit dieser Biographie große Verdienste erworben, das Interesse an Teilhard de Chardin in den 80er im deutschsprachigen Raum wieder aufleben zu lassen. Der Autor hat seinen Beitrag dazu geleistet, dass nach der vollendeten deutschsprachige Werkausgabe von Teilhard de Chardin Anfang der 70er Jahre mit der Biographie abgerundet werden konnte.

Wenn jemand den Jesuitenpater Teilhard am besten verstehen sollte, dann selbst ein Jesuit und Priester wie der Autor. Doch mehr noch. Teilhards größtes Problem war wahrscheinlich nicht der Konflikt mit seiner Kirche und seinem Orden, sondern der Konflikt in seiner Liebe zum Weiblichen und zu Frauen. Der Biograph Günther Schiwy selbst hat diesen Konflikt erlebt und nicht anders lösen  können als aus dem Jusuitenorden auszutreten, das Priesteramt niederzulegen und seine geliebte Frau zu heiraten. Das spricht für ihn als DEN deutschsprachige Biograph, der sich in das Innenleben Teilhards einfühlen konnte wie kein anderer. Als später weitere Briefe auftauchten, gab Schiwy einen die Biographie ergänzenden Band heraus „Eine heimliche Liebe. Lucile Swan und Teilhard de Chardin“ (2005) – zu Teilhards 50. und Luciles 40. Todestag, sehr mitfühlend für dies erotische, aber sexuell unerfüllte Liebe.

Wenn man sich tiefer mit Teilhard de Chadin beschäftigen will, kommt man an dieser Biographie nicht vorbei. Der erste Band endet 1923 vor Teilhards ersten Reise nach China: Er ist als Mystiker an der Front des ersten Weltkrieges erwacht, war tief berührt von der Liebe zu einer Cousine, hatte das erste Essay zum „Ewig-Weiblichen“ verfasst, seine auch wissenschaftliche Ausbildung in Paris beendet, war zum Propheten einer Neuen Menschheit, aber auch einer Neuen Theologie gereift. Der Autor geht den vielen Einflüssen nach, die Teilhard und seine „prophetische Sprache“ geprägt haben.

Den zweiten Band ab 1923 bis zu seinem Tod 1955 stellt vor allem die Gespräche, die Teilhard gesucht hat, auch und gerade mit Andersdenkenden, dabei auch in sehr intimen Gesprächen mit Frauen. Dem Biographen Günther Schiwy ist es gelungen, dem Leser das innere Leben von Teilhard de Chardin zu öffnen.

Beide Bände zusammen genommen haben einen Umfang von ca. 650 Seiten und sind reichlich bebildert. Ich will seine Hommage an den französischen Biographen zitieren: „Für hilfreiche Anteilnahme danke ich vor allem Claude Cuénot, dem ersten und unüberholbaren Biographen Teilhards, ferner den Freunden Teilhards, die mir Erinnerungen und Bildmaterial überlassen haben.“ (Bd. 2, S. 290)

Zu erwähnen ist, dass es dazu auch eine gekürzte Taschenbuch-Ausgabe (dtv) aus dem Jahre 1985 gibt, ohne Bildmaterial und um ca. die Hälfte gekürzt.

 

Günther Schiwy: Der kosmische Christus

Untertitel: Spuren Gottes ins Neue Zeitalter

Zunächst ein paar Worte zum Autor: Er hat sich als deutscher Biograph von Teilhard de Chardin einen Namen gemacht. 1981 erschien zu dessen 100. Geburtstag die zweibändige Biographie „Teilhard de Chardin. Sein Leben und seine Zeit“. Doch seine Arbeit für das Bekanntwerden von Teilhard im deutschsprachigen Raum ging weit über die Teilhard-Biographie hinaus. Er veröffentliche ausgewählte Werke von Teilhard und war zum Teil mit verantwortlich dafür, dass Bücher oder Briefwechsel überhaupt ins Deutsche übertragen wurden.

Er hatte mit den Vorbereitungen „auf den Spuren Teilhards in Frankreich“ 1979 begonnen und mit diesem Werk „Der kosmische Christus“ nach 10 Jahren den Höhepunkt seiner Arbeit der Öffentlichkeit vorgelegt. 1989: als der Ostblock durch Gorbatschows „Peristroika“ zusammenbrach und ich die Mauer in Deutschland fiel.

Günther Schiwy war – wie Teilhard de Chardin – selbst Jesuit und Priester, im Gegensatz zu ihm hat er 1970 seinen Orden verlassen, um seine geliebte Frau heiraten zu können. Ihm ging die Liebe vor der Ordensdiziplin des Zölibates. Als dann 1982 die ersten New-Age-Bücher vom „Neuen Wassermann-Zeitalter“ kündeten, zeigte er dafür Sympathie. Er wusste darum (wie Teilhard de Chardin), dass sich das Christentum erneuern musste – und sah in der New-Age-Bewegung das Aufkommen einer „Neuen Spiritualität“. Der Gest des neuen Zeitalters würde aber der GEIST GOTTES sein. Ja, er fand immer mehr Zugang auch zu der Vorstellung, dass diese „Neue Spiritualität“ und das erneuerte Christentum im Kern weiblich sein müsste.

Von seinen Kritikern, den christlichen Theologen, wurde er (krass ausgedrückt) als Verräter angesehen und nur noch als „New-Age-Anhänger“ gewertet. Zwei Jahre vor „Der kosmische Christus“ war sein Buch „Der Geist des Neuen Zeitalters“ (> meine Buchbesprechung) noch der Aufruf zu lesen, dass diese beiden Strömungen im Sinne einer „Neuen Spiritualität“ zusammenarbeiten sollte.

Dieses Buch von 1989 lässt diesen Streit jetzt fallen (es ist keine Streitschrift mehr), sondern ist ein offenes Bekenntnis von Günther Schiwy für den Kosmischen Christus. „Ich schreibe das Buch als Zeugnis meines eigenen Glaubens an den Kosmischen Christus, eines Glaubens, der sich als Niederschlag meines religiösen Lebens mit der Zeit herausgebildet hat.“ Hier zeigt er sich als Schüler Teilhards zur Entwicklung von dessen Lehre.

Die „schönste Entdeckung“ bei Teilhard de Chardin ist für ihn „Das Ewig-Weibliche“, in den Worten Teilhards: „Eines Tages wird nur noch ‚das Ewig-Weibliche‘ bleiben, der einende Zauber des totalen Christus.“ (15. März 1918), im Buch S. 32.

Und Günther Schiwy schreibt für sich selbst:

Für mich gab es da erstaunlicherweise keine Widersprüche: die Liebe zu meiner Frau erfuhr ich zugleich als Liebe zum Ewig-Weiblichen und darin zum Kosmischen Christus – heute kann ich es so formulieren. (S. 33)

Als Liebender hat er so auch einen tieferen Zugang zu Teilhard:

Er, auch Priester und Jesuit, ist es zwar bis an sein Lebensende geblieben. Nichtsdestotrotz hat er auch erlebt, wie die gleiche Anziehungskraft, die man als Priester dem Kosmischen Christus gegenüber verspürt, durch die Liebe zu einer Frau verstärkt wird. Teilhard hat sogar den Kosmischen Christus erst durch die Liebe einer Frau für sich entdeckt, und hat sein Leben lang nicht ausgehört, über das Verhältnis des Kosmischen Christus zum Ewig-Weiblichen nachzudenken, mit dem Ergebnis, daß er das Ewig-Weibliche sprechen läßt: „Ich bin der anziehende Reiz Christi; ich bin Christus.“ (S. 33 f.)

Der Autor geht diesem „Ewig-Weiblichen“ auch im Alten Testament nach und findet in SOPHIA des Gottes Geistin. Die Weisheit des Göttlichen ist weiblich. Hier wird seine Christologie feministisch.

Jesus ist die Offenbarung der Geistin Gottes, der Gegenwart Gottes in der Schöpfung. Jesus ist als „der Herr“ auch „der (das) Geist(wesen)“ selbst, er ist die menschlich und kosmosgewordene Liebe Gottes.“ (S. 57)

Das Buch geht der Idee des Komischen Christus bei Mystikern, Religionen, Philosophen und Dichtern nach. Er stellt die Frage:

Wenn Gott als der Kosmische Christus, der wiederum die Weltwerdung der göttlichen Sophia, der Weisheit, ist, die Welt erfüllt: Muß dann nicht der menschliche Geist, wenn er sich in letzter Anstrengung um den letzten Grund dieser Welt bemüht, auf den Kosmischen Christus stoßen? (S. 107)

Er findet in dieser Frage auch Berühungspunkte von Teilhard de Chardin (über Edouard Schuré) zur Esoterik der theosophischen Gesellschaft und zur Christologie von Rudolf Steiner bis hin zur Findhorn-Bewegung und zitiert die Christosophie von Arthur Schult.

Als „Finale“ zum Buch möchte ich noch den Satz zitieren:

Die Spuren Gottes, die wir als Spuren des Kosmischen Christus in Geschichte und Gegenwart ausfindig gemacht haben, weisen in die Zukunft, in ein Neues Zeitalter, das mehr als andere vor ihm ein mystisches Zeitalter sein wird. (S. 148)

Es erinnert mach an den Satz: „Die Zukunft der Menschheit wird spirituell sein, oder sie wird nicht sein.“ (Den Urheber weiß ich aber nicht mehr.)

Günther Schiwy: Der Geist des Neuen Zeitalters

Untertitel: New-Age Spiritualität und Christentum

Das Buch ist aus dem Jahre 1987. Der Autor Günther Schiwy ist keinesfalls ein „New-Age-Anhänger“, der mit Aussagen zu Teilhard de Chardin flirtet (wie es in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts häufig der Fall ist), sondern ein ausgewiesener Kenner Teilhard de Chardins im deutschsprachigen Raum, der Sympathie für das New-Age empfindet.

Schiwy selbst ist Theologe, hat an der Jesuitenhochschule St. Georgen (Frankfurt a.M.) sein Theologiestudium abgeschlossen und sich als Jesuit und Priester verstanden. Er trat 1970 aus dem Orden aus, um seine geliebte Frau heiraten zu können und ging nun seinen eigenen, freien Weg, der ihn dann in den 80er Jahren zu einem Kenner Teilhard de Chardins werden lies. Bekannt wurden seine beiden Bände zur Biographie Teilhards zu dessen 100. Geburtstag 1981.

In den Anfängen des New-Age sieht der Autor ein ganz deutliches Wiederbeleben der kosmischen und evolutionären Ideen Teilhard de Chardins, mit denen er sehr sympathisiert. Das Buch versucht, das Christentum für die „New-Age-Spiritualität“ zu öffnen. Es war auch die Zeit reif geworden, dass die Katholische Kirche sich den Gedanken und dem Geist Teilhards immer mehr öffnete. Schiwy sah in dem „Neuen Zeitalter“ der New-Age-Anhänger das Neue Zeitalter des Heiligen Geistes und wies in diesem Buch auf die Verwandtschaft hin, eine wirklich mutige Brücke zwischen New Age und Christentum! Das Buch endet mit den Worten:

Der Geist des Neuen Zeitalters ist der Geist Gottes. Das lässt uns hoffen und fordert uns auf, an der „sanften Verschwörung“ mitzuwirken. (S. 109)

Die „safte Verschwörung“ bezieht sich auf die „Bibel“ des New Age von Marilyn Ferguson: „Die sanfte Verschwörung. Persönliche und Gesellschaftliche Transformation im Zeitalter des Wassermanns“ mit einem Vorwort von Fritjof Capra. Günther Schiwy war wie Teilhard ein Prophet und Visionär. Er ahnte, wie wichtig die Kon-Spiration in LIebe (ein zentraler Begriff von Teilhard) als „Zusammen-Atmen“ zwischen New-Age und Christentum für die Erneuerung einer wirklich authentischen Religion der Liebe, einer „Neuen Spiritualitär“ sein würde.

Das Buch ist ein Schatz! Schätze sind alt, müssen vor dem ewigen Verschwinden und Vergessen bewahrt und wieder ausgegraben werden. 70% des Textes sind wichtige Zitate aus der damaligen Zeit, die der Autor erläutert und in einen Zusammenhang stellt. Es ist ein extrem wichtiges Büchlein zum Zeitgeist in den 80er Jahren. (Ich habe vieles aus meinen 30ern wiedererkannt und neu integrieren können.)

Ich will hier nur erwähnen, dass der Autor nur 2 oder 3 Jahre später seine eigene Vision des „Kosmischen Christus“ schreibt. In diesem Buch) (> meine Buchbesprechung) geht er selbst an das Werk heran, die Theologie Teilhards und die Neue Spiritualität des New-Age (mit großen autobiographischen Zügen) miteinander zu integrieren. Ich wundere mich gar nicht, dass sich die Rezension dieses Buches kurz vor Pfingsten 2018 schreibt!

Thomas Broch: Pierre Teilhard de Chardin

Ich muss zur angemessenen Besprechung dieses Buches etwas ausholen. Ich habe mein erstes Buch von Teilhard de Chardin nicht im Rahmen meiner katholischen Erziehung etwa zu meiner ersten Heiligen Kommunion geschenkt bekommen … Nein, als ich 30 wurde (1981), kamen die ersten Bücher des „New Age“ auf, die ich aufsog wie ein Schwamm. Ich bin vom Tierkreiszeichen selbst Wassermann und hatte zum „New Age“ als Wassermann-Zeitalter gleich eine besondere Affinität. In den Büchern war immer wieder die Rede von einem renitenten Jesuiten-Pater, und irgendwann wollte ich wissen, was Teilhard mit seinem „Punkt Omega“ denn wirklich geschrieben hat. Ich kaufte mir eine Biographie von ihm (von Johannes Hemleben) bei rororo und die beiden Bücher „Der Mensch im Kosmos“ und „Die Entstehung des Menschen“ im dtv, zumal mich Evolution und Anthropogenese sowieso schon lange interessierte. Das war also meiner erster Zugang zu Teilhard de Chardin – als New-Age-Jünger, ja das „New Age“ war noch sehr jung, in seiner „Sturm- und Drang-Periode“, später hat sich in der Szene viel Spreu vom Weizen getrennt. Damit habe ich also einen besonderen Zugang zum Buch von Thomas Broch, weil ich von meiner eigenen Vergangenheit den Weg über das „New Age“ zu Teilhard de Chardin gefunden habe:

Das Buch ist Teil einer Reihe, die sich „im religiösen Pluralismus“ mit Strömungen auseinandersetzt, die mit dem traditionellen Christentum nicht zu vereinbaren sind: Okkultismus, Reinkarnation, Mystik, Satanismus – und in dieser Reihe nun auch: Teilhard de Chardin. Das Buch ist vor allem eine kritische Aus- und Abgrenzung gegenüber Teilhard. Erst im Innenteil erfährt der Leser, dass sich das Buch auch zweitrangig mit der Frage beschäftigt: „Wegbereiter des New Age?“ Damit ist auch schon das ganze Dilemma des Buches angedeutet: Es will kritisch mit Teilhard de Chardin umgehen, ihn aber nicht – sozusagen – komplett an das New-Age verlieren (abgesehen davon, dass das „New Age“ schon im Abklingen war und keiner der ursprünglichen Autoren sich damit noch identifizieren konnte). Der Autor schreibt in seiner Zusammenfassung:

Ich sehe mich in einem gewissen ‚Dreiecksverhältnis‘ zu Teilhard einerseits und dem New Age andererseits, das nach beiden Seiten Anerkennung und Kritik beinhaltet. Ich manchen Punkten halte ich die Kritik an Teilhard für notwendig, wo den Anliegen des New Age recht zu geben ist  – und natürlich auch umgekehrt. Wobei bei mir im Hinblick auf New Age die Kritik der Anerkennung überwiegt, im Hinblick auf Teilhard die Hochschätzung deutlich bei aller Kritik zu betonen ist. (S. 175 f.)

Das Buch ist intellektuell sehr anspruchsvoll. Es ist im besten Sinne ein philosophisch-kritisches Buch, ganz im Geiste von „Kritischer Theorie“ oder „Kritischem Rationalismus“. Die Quellenverweise und vielen Zitate sind eine Schatzkammer. Die große Schwäche des Buches liegt darin, dass der Mystik (weder die von Teilhard noch die des „New Age“) rational und intellektuell beizukommen ist. Der Autor ist katholischer Theologe und kritischer Philosoph, doch kein Mystiker.

Das Unterthema des Buches, der Vergleich zwischen Teilhard und New Age, war schon zum Zeitpunkt der Herausgabe 1989 nicht mehr aktuell. Das New Age begann sich (grob gesagt) in zwei Strömungen zu unterscheiden, die „prärationale“ der Esoterik mit der Tendenz zum magischen Denken und die „transrationale“ Strömung der Neuen Spiritualität mit der Vision, Wissenschaft und Spiritualität wieder miteinander zu versöhnen.

Mir scheint jedoch bei dem Unterfangen der Neuen Spiritualität, Schöpfungs-Mythologie und wissenschaftliche Evolutionstheorie miteinander zu versöhnen, immer noch kein Weg an Teilhard de Chardin vorbei geht, sein Werk nach wie vor aktuell ist. In diesem Zusammenhang ist das kritische und wohlwollende Buch von Thomas Broch als Schatzkammer immer noch sehr wertvoll.

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