Pierre Rabhi: Manifest für Mensch und Erde

Untertitel: Für einen Aufstand des Gewissens

Pierre Rabhi (geboren 1938) ist ein in Frankreich bekannter „Öko-Agrar-Rebell“, Begründer der ökologischen Landwirtschaft in Frankreich. Er kam als Emigrant („Flüchtling“) mit dem Algerienkrieg 1954 aus der algerischen Wüste nach Paris, um später im Süden Frankreichs als Landwirt eine ökologische Landwirtschaft zu erproben und bekannt zu machen. Er „exportiert“ sein Landwirtschafts-Modell „Oasen an allen Orten“ an die armen Bauern in der „Dritten Welt“. 2007 gründete er die „Bewegung für die Erde und den Humanismus“ (mit einem Kolibri als Symbol).

Mich hat es schon überrascht, dass das Vorwort zu diesem Manifest vom ehem. Umweltminister Frankreichs, Nicolas Hulot, formuliert wurde (hier in Deutschland sicher undenkbar). Er schreibt:

„Es kommt auf jeden Einzelnen an. Ohne die Werte der Nüchternheit und des Maßhaltens, ohne Verantwortungsbewusstsein, ohne eine Revolution des Geistes; kurz: ohne die innere Verwandlung des Einzelnen wird die Verwandlung der Welt scheitern. …
Ich glaube wie Pierre, dass der „Aufstand“ des individuellen Gewissens gegen alles, was dem Leben fremd ist und die Lebenswelt zerstört, eine notwendige Bedingung dafür ist, dass die Menschheit dem Schlimmsten entgeht und gleichzeitig die Grundlagen für eine neue Zeit mit einem besseren Leben legt.“ (S. 7)

Die Erde krankt an der Menschheit

Der Planet gehört uns nicht, wir gehören ihm. Wir vergehen, er bleibt. (S. 13)

Der außer Rand und Band geratene Mensch („immer mehr!“) wird die Erde niemals zerstören können. Er zerstört nur sich selbst, doch reißt er viele Arten mit sich, zerstört selbstsüchtig die Natur mit seiner EGO-Kultur. Die Geisteskrankheit, Ignoranz und Zynismus des Menschen bestehlt darin, die Erde nicht als Nährerin allen Lebens, als „Große Mutter“ zu versteht, sondern als „Lagerstätten von Ressourcen“ (S. 43), die er hemmungslos ausbeuten darf. Dazu gibt er sich selbst das Recht! Diese Entfremdung von Mutter Erde, von der Natur, der Schöpfung ist es, das den Menschen in den Wahnsinn der Selbstzerstörung treibt.

Denn die Erde, das Wasser, die tierische und pflanzliche Vielfalt sind keine Ressourcenstätten, sondern stellen ein Gemeingut dar, welches das Leben und Überleben von uns allen garantiert. Dringend muss dieses Gemeingut von jeglicher Finanzspekulation befreit werden, die es verschleudert und den Geldverdienen überlässt. (S. 42)

Pierre bringt vieles auch sprachlich schön auf den Punkt, als Beispiel: Was für uns früher noch eine „Speise“ war (wie sprachen gar von „Götterspeise“), ist inzwischen schon zum „Fraß“ geworden (ein zutreffendes Wort!): Müll, den wir uns tagtäglich „einverleiben“ und so unseren Leib vermüllen (wie außen, so innen).

Die Erde erblüht am Menschen 

Die Frage ist, warum die Erde dieses „missratene Geschöpf Mensch“ nicht einfach beseitigt, den KREBS MENSCHHEIT einfach operativ rausschneidet. Eine solche „Rache Gaias“ (James Lovelock) würde doch viele ihrer Kreaturen vor diesem Monster Menschheit retten.

Doch Mutter Erde, GAIA, ist eine liebende Mutter, sie ist keine Rachegöttin. Ihre ganze Hoffnung auch auf ihre eigene Bewusstwerdung lag in den Menschen, der Krone aller ihrer Kreaturen. Sollte sie es vernichten, dann wäre es ihr eigen „Fleisch und Blut“. Eine liebende Mutter würde dies nie übers Herz bringen, ist ihr Kind auch noch so im Wahn der Omnipotenz. Sie gibt uns immer und immer wieder die Chance der Besinnung. Und Pierrs Manifest ist eine solche eindringliche Besinnung.

Die Menschheit muss zum wahren Humanismus wiederfinden, ein Humanismus, der im Punkt OMEGA (Teilhard de Chardin) auf den Menschen als „Gottmenschen“ (wie Buddha, Jesus, Mohamed und andere) ausgerichtet ist. Das ist auch der Plan von Mutter Erde. Dieser wahre Humanismus ist ein Teil ihrer Seele als Erdenmutter. Ihre Seele kann uns nicht aufgeben; es wäre ein Stück Selbstaufgabe! 

Das ist eine der Kernbotschaften von Pierre: Ein wahrer Humanismus entfremdet uns nicht, sondern verbindet uns immer mehr mit Mutter Erde, weil wir so unserer Berufung „wahrer Mensch zu werden“ in ihrem Sinne gerecht werden.

Das ist die immer wiederkehrende Botschaft: Es liegt in jedem einzelnen, es liegt in DEINER Verantwortung, „wahrer Mensch“ zu werden. Nichts anderes ist DEINE Lebensaufgabe.

„Die Sinfonie der Erde“

Das Buch von Pierre wiederholt sicher viele Anklagen an die Menschheit (Genügsamkeit statt „immer mehr!“ usw.), doch es ist wichtig, dass wir uns auch nicht in Selbstanklagen weiter zustören. Was mir an diesem Manifest am meisten ans Herz geht: Pierre hat sich als Mensch mit Mutter Erde längst „versöhnt“. Sein „Aufstand des Gewissens“ kommt nicht aus Selbstanklage, sondern aus Liebe: Liebe zur Erde, zur Natur, zur Schöpfung. Sein Gewissen erwacht aus einer tiefen Verzauberung an der Schönheit und Harmonie der Schöpfung.

Ehe die Welt verändert wird – muss sie nicht vielmehr wiederverzaubert werden? Sollten wir sie nicht vielmehr lieben und bewundern, um so die Energie zu finden, uns um sie zu kümmern? Es ist diese tiefe Liebe zu dem, was ich die „Sinfonie der Erde“ nenne, die mich unabhängig von alarmierenden Befunden über gegenwärtige und zukünftige Katastrophen dazu veranlasst, an der Umsetzung von Lösungen zu arbeiten. (S. 57)

Das Buch gehört im Grunde zur Pflichtlektüre der höheren Klassen unserer Schulen, denn unsere Jugend kann nichts Wichtigeres lernen als das, wozu das Manifest aufruft. Sie sind die letzten Zerstörer der Menschheit oder die ersten Erbauer einer neuen Menschheit im Einklang mit der Erde. Und es IST leider so dramatisch, wie es kling.

Es ist gar nicht einmal so schlimm, dass dies wahrscheinlich reine Illusion ist (ich hoffe, es ist in Frankreich anders!). Schlimmer noch ist, dass man es sich nicht einmal „vorstellen“ kann, dass unser Bildungssystem solche gesellschaftlichen Impulse aufnimmt und sich verantwortlich für die Zukunft der Menschheit fühlt. Das „Humankapital“ hat unsere Pädagogik, unsere Bildungseinrichtungen, unsere Kinder und Jugend längst im Griff des seelenlosen Mythos „immer mehr!“. Und wenn eine Gesellschaft ihre Seele verloren hat, dann ist sie verloren. Doch im Sinne des Manifestes: Die Seele der Erdmutter und unsere Seele mögen wieder EINS werden!

 

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Thomas Schmid: Europa ist tot, es lebe Europa!

Untertitel: Eine Weltmacht muss sich neu erfinden

 

Ich fühle mich schon lange mehr als Europäer denn als Deutscher, lebe mehr in Südfrankreich als in Deutschland. Deshalb hat mich das Buch vom Titel her sehr angesprochen. [Aktuell finde ich die neue Europa-Initiative des französischen Präsidenten Macron gut – und die Zustimmung der neuen Deutschen Regierung, Europa eine höhere Priorität einzuordnen, auch dringlich. Ich hätte mir – ehrlich gesagt und ohne SPD-ler zu sein – Martin Schulz deswegen in der neuen Regierung gewünscht, sogar als „Europa-Außenminister“.]

Natürlich haben mich auch die aktuellen Ereignisse in Europa „betroffen“ gemacht: die Krise um Griechenland, Brexit, Flüchtlingskrise, die Haltung der osteuropäischen EU-Länder, die (anti-europäische) Großmachtpolitik Putins und Trumps. Europa kann auf all das mal wieder nur re-agieren. Europa ist eine Weltmacht, verhält sich aber nicht so.

Das Buch ist sehr kenntnis- und geistreich geschrieben, doch es hinterlässt bei mir ein gemischtes Gefühl. Ich habe viele Zusammenhänge besser verstanden, verstehe sogar die Briten und Osteuropäer besser, den Interessenskonflikt zwischen Frankreich und Deutschland. – Ich weiß aber nicht einmal, ob ich das Buch richtig verstanden habe. Denn Titel und Untertitel passen für mein Verständnis gar nicht recht zum Buchinhalt. Der Titel hat etwas Aufrüttelndes, der Inhalt nicht, ist eher seelenlos „durchrationalisiert“.

Der Autor schreibt doch selbst:

Die Europäische Union täte gut daran, in dieser Spur zu bleiben (Hervorhebung JS): Teilung der Macht, verschiedene Gravitationszentren und Gemeinschaftshandeln nur dort, wo es … zwingend geboten oder … eindeutig von Vorteil ist. (S. 223)

Das waren die Stärken Europas (sie werden gut herausgestellt). Wieso ist das tot und warum muss sich Europa neu erfinden? An anderer Stelle (S. 206) schreibt der Autor selbst, wie problematisch es ist, etwas „neu erfinden zu wollen“. Kapiere ich einfach nicht.

Ich fühle mich als Leser zwar gut informiert – Zusammenhänge sind klarer geworden. Doch ich fühle mich von dem Buch gar nicht wirklich als europäischer Bürger angesprochen, der Intellekt mit Mühe noch, in der Seele überhaupt nicht. Das Buch ist mir eher ein „Sekten-Buch für Intellektuelle“ (um den Sektenbegriff des Autors S. 111 zu verwenden). Es scheint mir eher ein Buch für das Selbstverständnis einer Medien- und Politelite zu sein. Ich gehöre nicht dazu. Das Buch geht über meinen Kopf. TROTZDEM: ein aufklärerisches Buch über Europa, das notwendig ist und gut tut, weil Europa in der Öffentlichkeit fast immer noch ein Tabu-Thema ist. Ich bin heilfroh (…), dass ich es gelesen habe.

Thomas Schmid:  Europa ist tot, es lebe Europa!: Eine Weltmacht muss sich neu erfinden

 

Beise / Schäfer: Deutschland digital

Untertitel: Unsere Antwort auf Silicon Valley

Das Buch ist von zwei Journalisten und Wirtschaftsexperten geschrieben, Wirtschaftsredakteure der Süddeutschen. Das ist ein wirklich eine Stärke, da sie den nötigen Abstand für eine globale Einschätzung haben. Herausgekommen ist ein Buch, das kein Fachwissen voraus setzt, sondern im Grunde die ganze Bevölkerung aufrütteln kann. Es setzt am gesunden Menschenverstand an, um den notwendigen „change auf mind“, den Bewusstseinswandel für das neue digitale Zeitalter durchführen zu können. Okay: Unser Wortschatz wird mit dem Buch auch „upgedatet“: Es gibt Begriffe, die wir für das neue Denken auch neu lernen müssen.

Überrascht hat mich im Buch auch, welch positive Rolle führende deutsche Politiker wie Angela Merkel oder Günter Oettinger und deutsche „Wirtschaftskapitäne“ bei dieser digitalen Veränderungen unseres Lebens schon spielen. Und: Wie viele junge Deutsche bei der ursprünglichen digitalen Revolution aus dem „Silicon Valley“ (südlich von San Francisco / Kalifornien, der Heimat der „Blumenkinder“) mitgemischt haben. Ist es ein Zufall, dass die „Digitale Revolution“ in einem der Zentren der „68er-Revolution“ in ihrer Hippie-Variante gestartet ist?

Das Buch liest sich spannend, große Macher sind interviewt, von denen der Leser über das Buch vielleicht das erste Mal überhaupt etwas hört. Das ist ja die Kunst von Journalisten, persönliche Bezüge durch „Storytelling“ herstellen zu können. Mir ist die Welt durch das Lesen des Buches irgendwie vertrauter und menschlicher geworden.

Ein neues deutsches Wirtschaftswunder?

Ist an dem deutschen Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg (Ludwig Erhard) wieder anzuknüpfen? Oder hat Deutschland (und Europa) den Zug ins digitale Zeitalter schon verpasst? Die Meinung der Autoren: Der Zug des privaten Internets ist bereits abgefahren. Google, Apple, HP, Facebook, Microsoft, Amazon, Uber, Airbnb und wie sie alle heißen, sind da nicht mehr einzuholen. Die erste Etappe hat Silicon Valley gewonnen. Doch was ist wahrscheinlicher? Dass Google das digitale Auto erschafft oder das die deutschen Autobauer ihr Produkt und Produktion digital neu erfinden?  Die Frage ist schon die Antwort. Die Autoren sehen klar die Stärken der deutschen Wirtschaft und des Mittelstandes. Und wenn hier die Digitalisierung als neue Herausforderung verstanden ist, dann kann Deutschland (und Europa) in der zweiten Runde wieder ganz vorne mitspielen: bei der digitalen Fabrik, dem „Internet der Dinge“, dem  „Internet of Everything“.

Die Autoren zitieren den Siemens-Chef Joe Kaeser (S. 34)

„Man muss das Silicon Valley nicht kopieren, aber man muss es kapieren.“

Das Buch will einen Beitrag dazu leisten.

„Disruption“ – Zusammenbruch und Neu-Aufbau

Weltmarktführer brechen zusammen, weil sie den Wandel verschlafen. Was ist aus IBM geworden? Eine kleine „Garagenfirma“ (der Mythos) hat als David (Microsoft) den Riesen Goliath (IBM) geschlagen, eine Mythos, dem wir in der heutigen Zeit heute immer wieder begegnen können: Entweder du erfindest dich für das digitale Zeitalter neu, oder du bist „weg vom Fenster“. 

„Wer sich nicht verändert, der wird verändert.“ Und das bedeutet, sich ständig neu zu erfinden.

Alle fünf Jahre, sagt er (John Chambers von Cisco, JS), habe er seine Firma neu erfunden, aber das reiche nicht mehr, jetzt müsse das alle drei Jahre sein, so schnell ticke das Silicon Valley. (S. 83)

Erfolgsfaktoren dieser neuen Zeit sind (S. 48):

  • Kreativität
  • Innovation
  • Durchsetzungskraft
  • (Förder-) Geld

Drei Wesensmerkmale dieser digitalen Revolution. Sie ist:

  • expotenziell (nicht mehr linear)
  • digital
  • vernetzt

Die große Frage ist: Werden wir es schaffen, uns digital neu zu erfinden?
Die Frage geht nicht nur an „Deutschland“, sondern jeden einzelnen.

Chance oder Fluch?

Die Autoren diskutieren das Thema durchaus ernsthaft. Wird die Maschine einst den Menschen beherrschen? Werden Maschinen die besseren Menschen sein? (S. 210) Es war einst eine kommunistische Vision, dass Maschinen den Menschen die Arbeit abnehmen. Die Digitaliserung macht es möglich!

Die Autoren sind keine bornierten Mahner, sondern halten die digitale Revolution „für etwas Gutes“. Die Autoren diskutieren sogar die alte Frage von Norbert Wiener(1948), was gefährlicher sei, der Computer oder die Atombombe. Nebenbei gemerkt: Kein Mensch der Welt wird diese Revolution aufhalten können. Es ist kein „Teufelszeug“, sondern ein Werkzeug, das so oder so genutzt werden kann. Am besten ist natürlich: Immer mehr Menschen nutzen es in dem Sinne, dass es die Demokratisierung fördert, den flexiblen Umgang mit Arbeit und Arbeitszeit, den wachsenden Wohlstand für alle.

Die digitale Revolution wird wohl mehr „Jobs“ vernichten als neue Jobs schaffen. Es wird „Verlierer“ geben. Es kommt für jeden einzelnen darauf an, sich vorzubereiten, sich ganz persönlich neu zu erfinden.

Das Buch ist für mich grundlegende Aufklärung, und ich denke, dass es nicht schwer ist, für sich selbst die Frage zu stellen: „Was bedeutet das für mich?“ Was verändere ich, um diesen Herausforderungen gewachsen zu sein.

Eines meiner spirituellen Lieblingsbücher von Neal D. Walsch („Gespräche mit Gott“) heißt: „Wenn alles sich verändert, verändere alles!“  Das gilt nicht nur für die „Nerds“ und „Disrupter“ der digitalen Revolution, sondern auch für die „Spirituellen“. Es war ja schon immer das Problem, dass „die Bösen“ die Oberhand hatten, weil „die Guten“ sich im „Nichts-Tun“ übten (…). Ich finde, es ist eine großartige Zeit, dass „die Guten“ die Chancen der digitalen Revolution verstehen und ihren Beitrag für ihre segensreiche Nutzung leisten.

Ich bin zwar weit über die reine Besprechung des Buches hinaus gegangen, doch es hat mich sehr ernsthaft angeregt, mich auch als „Spiritueller“ neu zu erfinden. DANKE den Autoren dafür.

Dräger / Müller-Eiselt: Die digitale Bildungs-Revolution

Untertitel: Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können

Die Autoren schreiben gleich im Vorwort: „Die digitale Bildungsrevolution hat bereits begonnen und wird nicht aufzuhalten sein. In Deutschland, dem Land der Reformpädagogik und des Humboldtschen Bildungsideals, ist davon allerdings noch wenig zu spüren.“ (S. 7)

Bildung gehörte in Deutschland im Grunde immer zu den konservativsten Bereichen, ziemlich reformresistent. „… Kein Wunder also, dass die digitale Bildungsrevolution bei uns noch schläft.“ (S. 29) Doch die längst diagnostizierte „Bildungskatastrophe“ (Picht) und die aus den Nähten platzende Massenabfertigung in Schule und Universität zwingen zum Umdenken. Der Bildungshunger ist da, doch die Bildungsinstitutionen kommen den Ansprüchen nicht nach.

Die Autoren sehen in der „Digitalisierung des Lernens“ eine große Chance, das Bildungsideal Humboldts „Bildung für alle“ zu realisieren. „Denn so wie die Digitalisierung binnen weniger Jahre Industrie und Handel revolutioniert hat, wird sie auch das Bildungswesen umwälzen.“ (S. 9)

Die große Chance dieser digitalen Bildungsrevolution besteht darin, dass „Zugang für alle“ und „Personalisierung für jeden“ verbunden werden können, bzw „massenhaft günstig und individuell zugeschnitten“ (S. 22)

Das Buch hat 3 Teile: a) den Auftakt, b) Szenen (Beispiele) und c) den Ausblick. Die kommentierten Beispiele, der Hauptteil des Buches S. 47 – 129, ist vollgespickt mit einzelnen Initiativen, die viel Anregung geben, hier auch selbst initiativ zu werden, sein eigenes Lernen zu überdenken und in die digitale Spur zu bringen.

Im Teil Ausblick (S. 133 – 183) weisen die Autoren durchaus darauf auf Gefahren hin: „Wenn aber Datenanalysen missbraucht werden, um die Schwächeren auszusortieren anstatt sie zu fördern, dann wird das Bildungssystem noch ungerechter, als es heut schon ist.“ (S. 148) Denn das ganze System funktioniert nur im Tauschhandel „Daten gegen Zugang zur Bildung“. Und hier ist die Politik gefordert:

Um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und zugleich unsere Kinder zu schützen. brauchen wir eine politische Debatte, verbindliche Regeln, mehr Datensouveränität statt mehr Datenschutz und eine Selbstverpflichtung aller Beteiligter. (S. 151)

Die Autoren kommen zum Schluss:  Im Bildungssektor und in der Pädagogik bleibt kein Stein auf dem anderen – und Aussitzen ist keine Lösung.

Das Buch ist ein flammender Appell der Autoren an die alte Bildungsnation Deutschland, diese Revolution nicht zu verschlafen und die alten Bildungsideale mit den Potenzialen des digitalen Zeitalters wiederzubeleben. Deutschland darf den Anschluss nicht ganz verpassen, hat im Gegenteil noch gewaltig aufzuholen.

Wie immer man zum „lebenslangen Lernen“ steht: Die digitale Bildungsrevolution ist eine große Chance für denjenigen, der sie nutzen kann – und dafür ist das Buch ein guter Wegweiser.

Klaus Schwab: Die vierte industrielle Revolution

Jeder, der sich Gedanken über die Zukunft der Gesellschaft und Menschheit macht, sollte heute über die „Grundlagen“ der vierten industriellen Revolution Bescheid wissen. Es kann einen davor grauen, was da auf uns zukommen kann. „Nie hat es eine Zeit gegeben, die so große Möglichkeiten und zugleich so große Gefahren bereithielt.“ (Klaus Schwab) Es ist auch für einen spirituellen Menschen wichtig, Licht in die Dunkelheit zu bringen, die Potenziale des Neuen im Sinne der Schöpfung zu nutzen. Für mich ist dieses Buch von Klaus Schwab eine wunderbare Einführung auch und gerade für „spirituelle Menschen“, die mehr im Himmel leben und sich mit realen gesellschaftlichen Entwicklung etwas schwer tun. Und deswegen mag ich das Buch sehr, weil es über eine wichtigen Aspekt des Wassermann-Zeitalters aufklärt.

Um kurz die „historische Einordnung“ zu klären (S. 16 – 20): die erste industrielle Revolution war der Bau von Eisenbahnen und die Erfindung der Dampfmaschinen (1760 – 1840), die Ära der mechanischen Produktion. Die zweite industrielle Revolution nutzte Elektrizität und das Fließmand. Die dritte industrielle Revolution ist die Computer- und digitale Revolution (ab der 1960er Jahre). Doch wir sind bereits schon im Übergang zur vierten industriellen Revolution, die auf der digitalen Revolution basiert. Stichworte hierbei sind: Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, intelligente Fabriken (On-Demand-Economy), Gensequenzierung, Nanotechnologie, erneuerbare Energien, Quanten-Computer. Die physische, digitale und biologische Sphäre gehen immer mehr in Wechselwirkung.

Wir müssen unsere Wirtschafts- Gesellschafts- und politischen Systeme überdenken, um sie für die Vierte Industrielle Revolution fit zu machen. (S. 20)

Zu den Triebkräften dieser Revolution zählt der Autor:

  • selbstfahrende Kraftfahrzeuge (wie Drohnen)
  • 3D-Druck (wie medizinische Implantate)
  • fortgeschrittene Robotik (eine neue Maschine-Mensch-Schnittstelle)
  • neuartige synthetische Materialen
  • das „Internet der Dinge“ (Geräte kommunizieren miteinander)
  • die Blockchain (Dezentralisierung und Entmächtigung)
  • „Big Data“ (gigantische Datenbanken)
  • Gentechnologie („Editieren von Genen“)
  • synthetische Biologie
  • „Designer-Babys“
  • rasante Weiterentwicklung der Neurowissenschaften

Wohin entwickelt sich der Mensch und WER BIN ICH?

Das alles kann Horrorvorstellungen wachrufen, für die Menschheit aber auch große Chancen bereitstellen. Das Autor weist zurecht darauf hin, dass wir immer verschärfter mit der Frage konfrontiert sind „was es bedeutet, Mensch zu sein“ (S. 41) Die Möglichkeit in Evolution und Schöpfung einzugreifen, „Antischöpfung“ zu bewirken, war noch nie so groß. In der 1. Tabelle (S. 45) des Buches nennt der Autor 20 Trends, die in den nächsten 10 Jahren realisiert sein werden von „10% der Menschen tragen Kleidung, die mit dem Internet verbunden sind“ bis „Ki-Maschinen, die im Vorstand eines Konzerns arbeiten“. Im Anhang (S. 171 – 228) werden 23 „tiefgreifende Veränderungen“ in ihren Chancen und Problemen diskutiert.

Als eine der wichtigsten Auswirkungen nennt der Autor das Empowerment: „die Ermächtigung beziehungsweise Befähigung zur Selbstbestimmung“ (S. 46) nun für einen Großteil der Menschen. Oder die Möglichkeit, „ein längeres, gesünderes und aktiveres Leben zu führen“ (S. 51) „Neue Technologien werden das Wesen der Arbeit in sämtlichen Branchen und Berufen tiefgreifend verändern.“ (S. 57) Das ist zweischneidig. Ca. 50 % der Arbeitsplätze sind durch digitale Automatisierung gefährdet. Die Automatisierung schafft weniger neue Arbeitsplätze als jede frühere industrielle Revolution mit neuen Arbeitsplätzen kompensiert hat. (Tabelle 2, S. 61)

Doch eines ist klar: Gerade die Berufe haben Zukunft, die kreativ sind. Kreativität lässt sich nicht automatisieren. Und Kreativität ist Seele.

In diesem Sinne diskutiert der Autor die jetzt schon abzusehenden Auswirkungen dieser vierten industriellen Revolution bis hin zu Cyberkriegen und einem total entmündigten Bürger. Katastrophe und Chance liegen ganz nahe beieinander, ebenso die Polarisierung von Gut und Böse nicht nur der einzelnen Gesellschaften, sondern des ganzen Globus. Eine Aussicht dieser Entwicklung könnte sein, dass die Menschheit zur egozentrischsten Gesellschaft wird, die es je gab.

Wie es weitergeht
(und warum ich das Buch dringend ans Herz lege):

Der Autor schreibt (S. 156):

Effektiv können wir diese Herausforderungen nur angehen, wenn wir die kollektive Weisheit unserer Herzen, Seelen und unseres Verstandes mobilisieren.

Um diese vierte Industrielle Revolution zu meistern, empfiehlt der Autor, die vier Haupt-Arten der Intelligenz zu kultivieren und zu praktizieren:

  • die praktische (oder kontextuelle) Intelligenz (den Verstand)
  • die emotionale Intelligenz (das Herz)
  • die spirituelle Intelligenz (die Seele)
  • die physische Intelligenz (den Körper)

Ich will den Autor vor allem zur spirituellen Intelligenz zitieren:

Abgeleitet vom lateinischen Verb spirare, atmen, bezieht sich spirituelle Intelligenz auf die fortgesetzte Suche nach Sinn und Zweck. Sie zielt auf die Förderung kreativer Impulse und darauf, Menschen ein neues kollektives und moralisches Bewusstsein auf der Grundlage eines gemeinsamen Schicksals zu vermitteln. (S. 160)
In einer Welt, in der nichts bleibt, wie es ist, wird Vertrauen zu einer der wertvollsten menschlichen Eigenschaften. (S. 161)

Zusammenfassend schreibt der Autor:

Die Vierte Industrielle Revolution kann sich für die Menschheit als Fluch oder Segen erweisen: Sie hat das Potenzial, uns zu roboterisieren und so unsere traditionellen Sinnquellen – Arbeit, Gemeinschaft, Familie, Identität – infrage zu stellen. Sie hat aber auch das Potenzial, die Menschheit auf eine neue kollektive moralische Bewusstseinsstufe zu heben, die auf der Erkenntnis unseres gemeinsamen Schicksals beruht. Es liegt an uns allen sicherzustellen, das Letzteres geschieht. (S. 166)

 

Ich glaube, dass hier vor allen „die Spirituellen“ gefordert sind, „dass Letzteres geschieht“, wenn unsere Stärke tatsächlich in unserer „spirituellen Intelligenz“ liegt.

Es wird – im polarisierenden Wassermann-Zeitalter – immer „Gute und Böse“ geben. Das gesellschaftlich Problem ist, dass „die Guten den Bösen“ das irdische Feld überlassen. Diese Entwicklung stellt die Spirituellen aber auch vor Herausforderungen, an denen sie wachsen können, um mit ihrem Bewusstsein und ihrer Ethik die Menschheit im Sinne der Schöpfung in das „Paradies auf Erden“ führen zu können.

 

 

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Fritjof Capra: Verborgene Zusammenhänge

Vernetzt denken und handeln – in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft

 

Das letzte Buch von Fritfof Capra, das ich hier bespreche, wendet seine Erkenntnisse aus einem Systemdenken des Lebens aus auf die Gesellschaft an. Das Ziel Capras ist hier, „eine einheitliche sys­temische Theorie für das Verstehen biologischer und sozialer Phänomene zu entwickeln“ (S. 100)

In der Einleitung zum Buch heißt es:

„In diesem Buch lege ich dar, wie sich das auf die Komplexitätstheorie zugrundeliegende neue Verständnis vom Leben auf den Bereich der Gesellschaft übertragen lässt.“ (S. 11) …

„Meine Ausweitung der systemischen Methode auf den Bereich der Gesellschaft schließt aus­drücklich die materielle Welt mit ein. Das ist ungewöhnlich, denn traditionellerweise interessie­ren sich Sozialwissenschaftler nicht sehr für die Welt der Materie. Unsere akademischen Disziplinen sind nun einmal so organisiert, dass sich die Naturwissenschaft mit materiellen Strukturen befasst, die Sozialwissenschaften hingegen mit sozialen Strukturen, die im Prinzip als Verhaltensregeln verstanden werden. Künftig wird diese strikte Trennung nicht mehr möglich sein …“ (S. 15 f.)

 

„Mit anderen Worten: Die Konstruktionsprinzipien unserer künftigen sozialen Organisationen müssen mit den Organisationsprinzipien vereinbar sein, die die Natur entwickelt hat, um das Lebensnetz zu erhalten. Unabdingbar ist hierfür ein einheitliches begriffliches System zum Verständnis der materiellen und sozialen Strukturen. Dieses Buch will einen ersten Entwurf für ein derartiges System liefern.“ (S. 16)

Zunächst fasst das Buch noch einmal die wesentlichen Erkenntnisse der früheren zusammen als „das Wesen von Leben“ und „Geist und Bewusstsein“. Hier sind alte Erkenntnisse z.B. noch präziser auf den Punkt gebracht. Lebenden Systemen eigen ist nicht nur die Kognition, sondern ihre Fähigkeit zum Neuen:

„Dieses spontane Entstehen von Ordnung an entscheidenden Punkten der Instabilität ist eines der wichtigsten Konzepte des neuen Verständnisses von Leben. Fachlich nennt man es Selbst­organi­sation, oft spricht man einfach von ‚Emergenz‘. Dieses Phänomen der Emergenz ist eines der Kennzeichen von Leben. Es gilt als der dynamische Ursprung von Entwicklung, Lernen und Evolution. Mit anderen Worten: Kreativität – die Erzeugung neuer Formen – ist eine Schlüssel­eigenschaft aller lebenden Systeme.“ (S. 32)

Capra sieht die Überwindung der kartesischen Trennung von Geist und Materie gekommen:

„Geist und Materie gehören nicht mehr zwei separaten Kategorien an, sondern können als zwei komplementäre Aspekte des Phänomens Leben verstanden werden – als Prozessaspekt und als Strukturaspekt. Auf allen Ebenen des Lebens, angefangen bei den einfachsten Zellen, sind Geist und Materie, Prozess und Struktur untrennbar miteinander verbunden. Zum ersten Mal haben wir eine wissenschaftliche Theorie, die Geist, Materie und Leben vereinigt.“ (S. 60 f.)

Capra unterscheidet vier Schulen der Bewusstseinsforschung (S. 67 ff.):

  1. „neuroreduktionistisch“ (Geist = Neurowissenschaften)
  2. „funktionalistisch“ (Geist sogar im Sinne künstlicher Intelligenz)
  3. „mystisch“ (Geist als nicht erkennbares Mysterium)
  4. „neurophänomenologisch“ (Gehirnphysiologie und bewusstes Erleben sind gleichberechtigt und wechselseitig voneinander abhängig)

Ich will hier Capras Kritik an der mystischen Sicht des Bewusstseins ausführlich darlegen:

„Weniger bekannt ist eine kleine Schule von Philosophen, die sich ‚Mystiker‘ nennen. Sie behaupten, das Bewusstsein sei ein tiefes Mysterium, das von der menschlichen Intelligenz aufgrund von deren immanenten Grenzen nie zu ergründen sei. Diese Grenzen wurzeln, aus ihrer Sicht, in einer nicht reduzierbaren Dualität, die sich als die klassische kartesianische Dualität von Geist und Materie erweist. Während uns die Introspektion nichts über das Gehirn als physikalisches Objekt vermittle, könne uns das Studium der Gehirnstruktur keinen Zugang zum bewussten Erleben verschaffen. Da die Mystiker das Bewusstsein nicht als Prozess betrachten und das Wesen eines emergenten Phänomens nicht erkennen, sind sie nicht in der Lage, die kartesianische Kluft zu überbrücken, und gelangen zu der Schlussfolgerung, dass das Wesen des Bewusstseins für immer ein Mysterium bleiben werde.“ (S. 69)

Trotz dieser Kritik an der mystischen Sichtweise des Bewusstseins als „Mysterium“, fasst Capra die Einführungskapitel zusammen nach der Frage der Spiritualität des Lebens.

„Da die Atmung in der Tat ein zentraler Aspekt des Stoffwechselprozesses bei allen Lebens­formen – außer den einfachsten – ist, ist der Atem des Lebens offenbar eine vollkommene Metapher für das Netzwerk von Stoffwechselprozessen, das das definierte Merkmal aller lebenden Systeme ist. Geist – der Atem des Lebens – ist das, was wir mit allen Lebewesen gemeinsam haben. Er nährt uns und hält uns am Leben.“ (S. 97 f.)

 

„Ja, wir gehören dem Universum an, wir sind darin zu Hause, und die Erfahrung des Zugehörigseins kann unser Leben zutiefst sinnvoll machen.“ (S. 99)

Capra bringt den An-Satz seiner Synthese in einen Satz und in die Darstellung eines Dreiecks:

 „Wenn wir lebende Systeme aus der Perspektive der Form untersuchen, stellen wir fest, dass ihr Organisationsmuster ein selbsterzeugendes Netzwerkmuster ist. Aus der Perspektive der Materie ist die materielle Struktur eines lebenden Systems eine dissipative Struktur, d.h.- ein offenes System fern vom Gleichgewicht. Aus der Prozessperspektive schließlich sind lebende Systeme kognitive Systeme, bei denen der Kognitionsprozess eng mit dem Muster der Auto­poise verknüpft ist. Dies ist, kurz gesagt, meine Synthese des neuen wissenschaftlichen Verständnisses vom Leben.
In der Darstellung unten habe ich die drei Betrachtungsweisen als Punkte in einem Dreieck wiedergegeben, um hervorzuheben, dass sie auf grundlegende Weise miteinander verbunden sind. Die Form des Organisationsmusters lässt sich nur erkennen, wenn sie in Materie ver­körpert ist, und in lebenden Systemen ist diese Verkörperung ein fortlaufender Prozess. Somit muss ein vollständiges Verstehen irgendeines biologischen Phänomens alle drei Perspektiven umfassen.“ (S. 101)

„Wenn wir versuchen, das neue Verständnis des Lebens auf den Bereich der Gesellschaft zu übertragen, stoßen wir auf eine verwirrende Vielzahl von Phänomenen – Verhaltensregeln, Werte, Intentionen, Ziele, Strategien, Konstruktionen, Machtverhältnisse, – die in der nicht­mensch­­lichen Welt größtenteils keine Rolle spielen, aber für das Sozialleben des Menschen von wesentlicher Bedeutung sind.“ (S. 103)

Doch mit diesem Übergang zur Selbstrefelexion und Kultur in der menschlichen Gesellschaft erhält das „Dreieck des Lebens“ eine vierte Dimension:

„Sozialwissenschaftler bezeichnen dies oft als die ‚hermeneutische‘ * Dimension, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass in der menschlichen Sprache, die ihrem Wesen nach symbolisch ist, die Sinnvermittlung von zentraler Bedeutung ist und dass menschliches Handeln aus dem Sinn hervorgeht, den wir unserer Umwelt zuschreiben.
Folgleich behaupte ich, dass sich das systemische Verständnis des Lebens auf den soztialen Bereich ausdehnen lässt, indem man den anderen drei Betrachtungsweisen des Lebens die Perspektive von Sinn hinzufügt. Dabei verwende ich ‚Sinn‘ als Kürzel für die Innenwelt des reflexiven Bewusstseins, die eine Vielzahl von miteinander zusammenhängenden Merkmalen aufweist. Ein vollständiges Verständnis sozialer Phänomene muss daher die Integration von vier Perspektiven umfassen – das Studium von Form, Materie, Prozess und Sinn. (S. 104)

Capra-Fußnote: * Vom griechischen hermeneuein = erklären, auslegen

Capra entwickelt diese Begriffe weiter für ein Verständnis von Kultur und Technik.

Das Buch geht im Teil II ein auf die „Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ mit vielen Ideen für ein nachhaltiges Wirtschaften statt der kurzfristigen Profitorientierung des Globalen Kapitalismus.

Sehr lesenswert ist der Epilog „Die nachhaltige Welt“. Es gibt zwei Trends, die auf Kollisionskurs sind: „Das Ziel der globalen Wirtschaft ist die Maximierung von Reichtum und Macht ihrer Eliten – das Ziel des Ökodesigns ist die Optimierung der Nachhaltigkeit des Lebensnetzes.“ (S. 338)

„Der sogenannte ‚globale Markt‘ ist eigentlich ein Netzwerk von Maschinen, die nach dem Grundprinzip programmiert sind, dass das Geldverdienen den Vorrang vor Menschenrechten, Demokratie, Umweltschutz oder irgendeinem anderen Welt haben sollte.“ (S. 338)

 

„In der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft geht der zentrale Wert des Geldverdienens Hand in Hand mit der Verherrlichung des materiellen Konsums. Ein nicht enden wollender Strom von Werbebotschaften verstärkt die Wahnvorstellung der Menschen, die Anhäufung materiel­ler Güter sei der Königsweg zum Glück, der wahre Sinn unseres Lebens.“ (S. 339)

 

„Diese Verherrlichung des materiellen Konsums hat tief reichende ideologische Wurzeln, die über Wirtschaft und Politik hinausgehen. Seine Ursprünge liegen offenbar in der universellen Verbindung von Männlichkeit und materiellem Besitz in den patriarchalischen Kulturen.“
(S. 340)

Auch in diesem Wahn nach materiellem Besitz erkennt Capra das patriarchalische Weltbild und seine Verwurzelung in unserem Konsumverhalten. Er wiederholt seine Hoffnung, dass die „Erlösung“ aus diesem Paradigma und Wirtschaftsmuster in der feministischen und ökologischen Bewegung liegt.

„Unter den vielen basisdemokratischen Bewegungen, die sich heute um einen gesellschaft­lichen Wandel bemühen, befürworten die feministische und die ökologische Bewegung den tiefgrei­fend­sten Wertewandel, Erstere durch eine Neudefinition der Geschlechterbeziehungen, Letztere durch eine Neudefinition der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Beide können erheblich zur Überwindung unserer Besessenheit vom materiellen Konsum beitragen.“
(S. 341 f.)

 

„Dementsprechend sucht feministisches Bewusstsein Erfüllung in nährenden Beziehungen und nicht in Anhäufung materieller Güter. Die Ökologiebewegung gelangt zur gleichen Position auf einem anderen Weg. Ökologisches Bewusstsein erfordert systemisches Denken – ein Denken in Beziehungen, Zusammenhängen, Mustern und Prozessen –, und Ökodesigner befürworten den Übergang von einer Güterwirtschaft zu einer Dienstleistung-und-Fluss-Wirtschaft. In einer solchen Wirtschaft zirkuliert die Materie ständig, so dass der reine Konsum von Rohstoffen drastisch reduziert wird.“ (S. 342)

Auch in diesem Buch geht es Fritjof Capra ausschließlich um Geist, Kognition und Bewusstsein, nicht um die Seele. Umso schöner sein Schlussabsatz des Buches, in dem er Václav Havel zitiert, dem tsche­chischer Dramatiker, Essayist, Menschenrechtler und Politiker:

„Die Hoffnung, an die ich oft denke …, verstehe ich vor allem als einen Geisteszustand, nicht als einen Zustand der Welt. Entweder haben wir Hoffnung in uns, oder wir haben keine Hoffnung – sie  ist eine Dimension der Seele und im Grunde nicht von einer bestimmten Beobachtung der Welt oder einer Einschätzung der Lage abhängig … [Hoffnung] ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgehen wird, sondern die Gewissheit, dass etwas sinnvoll ist, egal wie es ausgeht.“ (S. 345)

 

Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Konsequenz Fritjof Capra sein Lebenswerk über 30 Jahre vom „Tao der Physik“ (1975) über „Verborgene Zusammenhänge“ (2002) hinaus verfolgt hat. Jedes Buch ist ein Meilenstein der Analyse, der Vision und der konkreten politischen  Programme weiter auf dem Weg der Umkehr, der Wende, des Neubeginns für eine meschliche Kultur. Längst geht es nicht mehr darum, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität zu bauen, sondern das globale Leben wieder einer auf eine nachhaltige Welt auszurichten. Capra ist nicht nur ein Mahner und Visionär, sondern auch ein Prophet und Wissenschaftler, wie wir viele seiner Art brauchen.

 

Capra: Verborgene Zusammenhänge: Vernetzt denken und handeln – in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft (Klick)

 

Robert Scheinfeld: Raus aus dem Geldspiel

Untertitel: Ihr Wegweiser für den täglichen Kampf ums liebe Geld. Ändern Sie die Regeln, dann gewinnen Sie!

 

Das Buch verspricht viel, die Lösung aller finanzieller Probleme! Ich will es einmal so auf den Punkt bringen: Das Geldspiel auf unserem Planeten ist so „geregelt“, dass nur wenige gewinnen können und die allermeisten verlieren – und am Ende der ganze Planet verliert. Es ist das Spiel nach den Regeln des Egoismus, letztlich des Finanzkapitals. Der Autor ist übrigens kein „Kapitalismus-Kritiker“. Er ist überhaupt kein Kritiker, sondern weist einfach den Weg zum Ausbruch aus dem alles beherrschenden „Geld-Spiel“ des Kapitals. Doch das Leben ist tatsächlich ein Spiel. Der Autor nennt es „das Menschen-Spiel“. Es ist ein göttliches Spiel als Menschen, das unter anderem dazu gedacht ist, dass jeder in natürlichem Reichtum leben kann. Eigentlich sollte jeder spirituelle Mensch, der sich als „Schöpfer“ versteht, seinen Reichtum doch mit einem Fingerschnippen „manifestieren“ können: Alles sei doch möglich! Doch gerade viele spirituelle Menschen scheitern am Thema Geld. Was wäre, wenn „das Geld-Thema“ die Prüfung für spirituelles Manifestieren ist? Der spirituelle Umgang mit der Materie? Was wäre, wenn gerade der spirituelle Umgang mit Geld erst die spirituelle Meisterschaft zeigt?

Das Buch richtet sich dabei durchaus „gegen“ große „esoterische Strömungen“ („The Secret“, Gesetz der Anziehung usw.), die die Lösung aller Probleme „über Nacht“ versprechen. „Du musst nur …“ Nein, alles ist ein Spiel, sogar das Geld-Spiel ist ein Spiel, das dazu gedacht ist, das Erwachen zu erleichtern, spirituelle Meisterschaft zu erringen.

Der Autor schreibt, dass dieses „Menschen-Spiel“ zwei Phasen hat: In Phase 1 hat der Mensch vergessen, wer er ist und „funktioniert“ nach gesellschaftlichen Konditionierungen. In Phase 2 erwacht er, bricht aus den gesellschaftlichen Illusionen aus und beginnt sein wahres Leben als Schöpfer. 

Das ist ja eigentlich nichts Neues, das Erwachen aus der Trance des Egos in das selbst bestimmte Schöpferbewusstsein. Was macht das Buch so faszinierend? Wo geht es über „The Secret“ hinaus?

  1. Es fokussiert sich auf das Thema Geld; das ist eine wichtige spirituelle Prüfung zur Selbstheilung und Heilung des Planeten
  2. Es zeigt, wie die Illusionen über das Geld funktionieren (holographische Täuschung) und diese diese falschen Gedanken „kollabieren“ können (Quantenphysik)
  3. Es macht aus reinen verbalen Affirmationen einen emotional-energetischen „Ausbruchs-Prozess“ (energetische Transformation)
  4. Es akzeptiert einfach, dass der Prozess seine Zeit braucht und als Spiel auch genossen werden kann. Entscheidend ist, die Spielregeln zu erkennen, um ausbrechen zu können und mit der Änderung der Regeln sein eigenes Spiel zu spielen (das Leben spielerisch meistern), das am Ende ein WIR-Spiel ist.

Kapitel 1 – 6: Philosophie und Wissenschaft

Der Autor macht deutlich klar, dass es gewisse philosophische und wissenschaftliche (!) Grundkenntnisse braucht, um mental aus dem Geld-Spiel ausbrechen zu können.

Philosophisch (und spirituell) sind es die Grundfragen:

  • Wer bin ich?
  • Warum bin ich hier?
  • Was ist der Sinn meines Lebens?

Wissenschaftlich sind es die Grundkenntnisse über:

  • das Nullpunkt-Feld und die Quantenphysik
  • das Hologramm und die holographische Täuschung

Dies reicht schon aus, ist aber unbedingt nötig, um unsere Illusionen (holographische Täuschungen) über das Geld-Spiel „kollabieren“ zu lassen.

Kapitel 7: Der Quanten-Kollaps

Dieses Kapitel ist sozusagen der Schalter von „Phase 1“ (die Illusion des Mangels) in „Phase 2“ (der Naturzustand von unbegrenzter Fülle). „Alles in Phase 2 läuft genau gegenteilig wie in Phase 1.“ (S. 99)

Ich muss Ihr gewohntes Denken kaputt machen, bevor ich es durch ein neues ersetzen kann, das Ihnen neue Energie in Ihr Leben bringt. (S. 94)

Nur einen Satz daraus:

Geld herzustellen ist leicht – egal, welche Summe und woher es angeblich kommt, die brauchen nur eine Vorlage im Nullpunktfeld zu erstellen, sie energetisch anzureichern und in Ihr Hologramm zu katapultieren. Reichtum, Armut, der Kampf ums liebe Geld und Wohlstand sind nichts als holographische Kreationen unterschiedlicher Vorlagen im Nullpunkt-Feld. Sie alle werden mit derselben Anstrengung und Energie erzeugt. (S. 101)

Kapitel 8 bis 15: Die Reise in die finanzielle Freiheit

Dieser Weg ist ein wirklich anderer als der, der von „Geld-Gurus“ gezeigt wird – und es wird einem bewusst, warum diese Irrwege einen nur in den Täuschungen von Phase 1 gefangen halten. Hierbei wird auch mit dem geläufigen Mythos aufgeräumt, dass Geld Energie sei. Nein:

Der wirkliche Zweck des Geldes ist der, Ihre Wertschätzung für Ihre eigene Person als Schöpfer/in Ihrer Ergebnisse und für alle Ihre Kreationen auszudrücken. (S. 121)

Dieser Weg ist ein PROZESS, das neue Spiel sozusagen. Dazu gibt es vier Werkzeuge:

  • Nr. 1: Wertschätzung ausdrücken (Dankbarkeit)
  • Nr. 2: der große Prozess in 6 Schritten (das Kronjuwel)
  • Nr. 3: der Miniprozess (bei allen Irritationen anzuwenden)
  • Nr. 4: der ermächtigende Wortschatz und Selbstgespräche

Es geht dabei um weit mehr als Geld. Es ist der Prozess, als „Ebenbild“ SCHÖPFER des eigenen Lebens zu werden und seinen Platz in der großen Schöpfung einzunehmen.

Mein Fazit: Das Buch greift auf eigene Art und Weise das spirituelle Hauptproblem des Planten auf: die Selbstzerstörung durch die Macht des Kapitals. Es ist sehr spirituell, obwohl es eine einfache, leicht verständliche Sprache verwendet, ja sogar eine eigene (ideologiefreie) Sprache erfindet. Es kritisiert nichts (weder Kapitalismus noch Egozentrik in spiritueller Verkleidung). Es hilft demjenigen auszubrechen, der noch mitten im Geld-Spiel sich auf der Verliererstraße sieht. Das Buch kommt einer globalen Revolution gleich, wenn Menschen sich aus dem kapitalistischen Geld-Spiel befreien, um ein neues Wirtschaften auf der Basis der Wertschätzung, eine Gesellschaft des Wohlwollens und des Wohlstands aufbauen. Eine Anleitung für den Einzelnen zur WIR-Revolution des ganzen „Menschheits-Spiels“. 

 

Das Buch als Hardcover: Raus aus dem Geld-Spiel! Ihr Wegweiser für den täglichen Kampf ums liebe Geld. Ändern Sie die Regeln – dann gewinnen Sie! (Klick)

Das Buch als Taschenbuch: Raus aus dem Geld-Spiel!: Ihr Wegweiser für den täglichen Kampf um die Finanzen (Klick)

Joubert / Dregger: Ökodörfer weltweit

Untertitel: Lokale Lösungen für globale Probleme

Kaum ein Buch hat mir in den letzte Jahren einen solchen Mut und eine solche Hoffnung gemacht wie dieses. Gerade jetzt, wo wieder Hass geschürt wird, Kriege sich ausbreiten, Völkerwanderung, der Frieden wieder brüchiger denn je ist. Ich habe (aus der Ferne) die alternative Experimente um Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels seit der Baumhütte bis Tamera in Portugal mitverfolgt. Inzwischen lebe ich selbst in einem kleinen Bergdorf in den südfranzösischen Cevennen mit dem Ansatz einer Permakultur. Doch ich wusste nicht, dass die Bewegung der Ökodörfer bereits dermaßen vorangeschritten ist.

Das Buch ist zum 20. Jahrestag des Global Ecovillage Networks (GEN), der inzwischen „schätzungsweise 10.000 Gemeinden in mehr als 100 Ländern“ (S. 21) angehören. Es  ist weit mehr als eine „Jubiäumsschrift“. 23 dieser Ökodörfer stellen sich auf jeweils ca. 6 Seiten kurz und knapp vor – und jede Vorstellung enthält eigene Weisheiten aus den Erfahrungen des Aufbaus. Da ist kein Ökodorf eine Kopie eines anderen, nichts „geklont“, sondern alles in seiner Vielfalt und seiner Lösung für globale Probleme einzigartig.

„Netzwerk“ heißt auch Internet, und es zeigt sich in diesem globalen Netzwerk in seiner ganzen Stärke. Es gibt sogar eine „Bibliothek er Lösungen“ , in der gefundene Lösungen für die anderen eingetragen werden und zugegriffen werden kann. Oder eine „Gaia Education“ mit einem großen Curriculum (bis hin zu einer 2-jährigen Master-Ausbildung) für nachhaltiges Wirtschaften für Verantwortliche auf dem ganzen Planeten.

Die vier Dimensionen der Nachhaltigkeit (S. 8 – 11)

Die kulturelle Dimension der Weltsicht, Wert und Verantwortung:

  1. Holistische Weltsicht
  2. Rückverbindung zur Natur und Sinnesöffnung
  3. Erweckung und Transformation des Bewusstseins
  4. Persönliche und planetare Gesundheit
  5. Sozial engagierte Spiritualität

Die ökologische Dimension

  1. Ökologisch bauen und sanieren
  2. Regionale Selbstversorgung
  3. Angemessene Technologie: Wasser
  4. Angemessene Technologie: Energie
  5. Integratives ökologisches Design

Die soziale Dimension

  1. Aufbau von Gemeinschaft, Wertschätzung und Vielfalt
  2. Kommunikation, Unterstützung und Konfliktlösung
  3. Entfaltung des individuellen Potenzials
  4. Das Leben zelebrieren: Kunst und Kreativität
  5. Lokale, regionale und globale Vernetzung

Die ökonomische Dimension

  1. Wandel der globalen Ökonomie zur Nachhaltigkeit
  2. Zukunftsfähige Lebensweisen
  3. Lokale Wirtschaft
  4. Alternative Banken und Währungen
  5. Juristische und finanzielle Projektplanung

Mein Fazit: Das Buch ist farbig gestaltet und sehr schön aufbereitet. Es sind praktische Zukunfts-Visionen einer geheilten Vergangenheit. Ich würde mir wünschen, dass alle jungen Menschen dieses Buch in die Hände bekommen, um zu wissen, dass es eine Alternative gibt, das jeder auf diesem Planeten gebraucht wird und es auf jeden ankommt. Es ist die STILLE IM ZENTRUM des Umbruchs auf dieser Welt. Der Jugend gehört die Zukunft und jeder sollte wissen, wo diese Hoffnung auf eine NEUE ERDE bereits keimt und aufwächst. Das Buch bietet so viele Anregungen (und auch Adressen!) zu den weltweiten Initiativen, das es jeden anspornt, da anzupacken, wo er gerade ist. Es gibt so viele phantastische Abenteuer von Jules Verne bis zu den Star Wars. Dieses Buch berichtet von einem ganz anderen Abenteuer der Menschheit, von Menschen, die aufbrechen, sich und diesen Planeten zu heilen. Einst wird dieses kleine Buch ausgewachsen sein zu einem großen Buch der NEUEN ERDE.

Die Parole kann nur lauten: Lesen! Verschenken! Mitmachen!

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Zohar /Marshall: IQ? EQ? SQ!

Untertitel: Spirituelle Intelligenz – Das unentdeckte Potenzial

Das Buch ist ein unerhörter Tabubruch. So unerhört, dass der deutsche Verlag den Originaltitel völlig verstellt. Geht es doch um „Spirituelles Kapital – Wohlstand für alle“. Der Verlag bringt den Kern des Buches nicht einmal verschämt in die Unterüberschrift. Den Autoren geht es nicht vordergründig um „spirituelle Intelligenz“ (dazu liegt ein anderes Buch von ihnen vor), sondern ausdrücklich um spirituelles Kapital. Sie haben das Konzept der „spirituellen Intelligenz“ längst entfaltet. In diesem Buch geht es im das neue Paradigma des „spirituellen Kapitals“. Die Autoren selbst verstecken sich nicht. Sie schreiben ausdrücklich, dass es ihnen um einen „nachhaltigen Kapitalismus“ geht.

Es liegt Jahre zurück, dass ich selbst gegen das Konzept des „Humankapitals“ heftig polemisiert habe (Unwort des Jahres 2004). Mit der Ökonomisierung unserer Gesellschaft nimmt der „Begriffs-Imperialismus“ überhand. Alles wird im ökonomischen Sinne neu interpretiert und für den „Informations-Kapitalismus“ nutzbar gemacht. Wird jetzt auch die Spiritualität „kapitalisiert“?

Zunächst: Die Autoren haben keine „affine“ (angepasste) Einstellung zu dem bestehenden Kapitalismus, sondern eine kritische. Sie sprechen gar vom „Monster, das sich selbst verschingt“ (Kapitel 1).

Kapitalismus und Wirtschaft, wie wir sie kennen, haben langfristig keine Zukunft mehr, sondern beschränken und behindern die Entwicklung einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Kultur im höchsten Maße. (S. 16)

Es geht ihnen um die TRANSORMATION dessen, was ist. Im Buch werden 12 Transformations-Prinzipien entfaltet, um dieses aktuelle System, das kollabieren kann, in ein nachhaltiges System zu transformieren. Einerseits sprechen sie vom „nachhaltigen Kapitalismus“, fragen am Ende des Buches aber auch: „Ist das noch Kapitalismus?“

Das Buch will Menschen Mut machen, ihren Beitrag zur globalen Transformation zu leisten, ihnen die Prinzipien an die Hand zu geben, die für eine globale Rettung des Planeten vor dem Monster-Kapitalismus ermöglicht. Die Autoren bezeichnen diese Menschen als „neue Tempelritter“ und Meister. Eine „kritische Masse“ solcher Menschen in allen Bereichen des Lebens reicht aus, um diese Transformation auszulösen.

Was ist Kapital?

Der hier verwendete Begriff von Kapital ist nicht der von Karl Marx! Bei Marx ist KAPITAL sozusagen „missbrauchtes Geld“, das keinen anderen Sinn hat als „mehr Geld“ zu machen, also Ausbeutung zu steuern. Um es einfach auszudrücken, ist Kapital bei Marx „zur Ausbeutung missbrauchtes Geld“, eine saloppe Formulierung seiner Mehrwerttheorie.

Die Autoren definieren Kapital (verharmlosend, JS) anders: „Geldmenge oder Anzahl materieller Güter …, die wir besitzen. Kapitalismus, wie wir ihn kennen, bedeutet demzufolge Geld und materieller Wohlstand“ (S. 16)

Im Gegensatz dazu meint spirituelles Kapital die Fülle, aus der wir leben können, und einen Wohlstand, der die tiefen Aspekte unseres Lebens berührt. (S. 16)

Um dieses Buch zu verstehen, ist es notwendig, die entscheidende Verbindung zwischen spiritueller Intelligenz, spirituellem Kapital und Nachhaltigkeit zu erkennen. (S. 18)

Die Autoren unterscheiden 3 Arten von Kapital:

  • materielles Kapital gezeugt von rationaler Intelligenz („Was ich denke“)
  • soziales Kapital erzeugt von emotionaler Intelligenz („Was ich fühle“) und
  • spirituelles Kapital erzeugt von spiritueller Intelligenz („Was ich bin“)

Um einen nachhaltigen Kapitalismus zu entwickeln, müssen wir also alle drei Arten von Kapital – materielles, soziales und spirituelles – erwirtschaften (!, JS), indem wir alle drei Intelligenzen anwenden. Das Hauptaugenwerk meines Buches liegt dabei deutlich auf dem spirituellen Element der Gleichung. Keine andere Art von Kapital ist ohne ein zugrundeliegendes Fundament von spirituellem Kapital nachhaltig wirksam. ( Hervorhebung der Autoren, S. 21)

Höhere Motivation

Sehr wichtig ist für das Buch ist die Frage, was uns antreibt, die Frage unserer Motivation. Die Autoren weisen darauf hin, dass die berühmte „Bedürfnishierarchie“ von Maslow sich im Wesentlichen mit Mangelbedürfnissen beschäftigt. Es kommt aber darauf an, die „höheren Motovationen“, die Befürfnisse nach FÜLLE zu entfalten.  Die Autoren stellen eine neue Motivationsskala auf:

Mangelbedürfnisse:

  • Entpersonalisierung (-8)
  • Schuld und Scham (- 7)
  • Gleichgültigkeit (- 6)
  • Verzweiflung (- 5)
  • Angst (- 4)
  • Verlangen (- 3)
  • Wut (- 2)
  • Selbstbehauptung (- 1)

Höhere Bedürfnisse:

  • Forscherdrang (+ 1)
  • Verbundenheit und Kooperation (+ 2)
  • Innere Kraft (+ 3)
  • Meisterschaft (+ 4)
  • Schöpferkraft (+ 5)
  • Höheres Dienen (+ 6)
  • Weltseele (+ 7)
  • Erleuchtung (+8)

Die große Aufgabe ist es, unsere Motivation zu transformieren:

Um eine Verschiebung nach oben zu erreichen, müssen wir ganz bewusst psychische Energie aufbringen, denn eine Veränderung nach unten erfolg dann, wenn eine Situation, ein verborgener Glaube oder ein Wertesystem uns diese Energie entzieht. (S. 106)

Zur Transformation unserer Motivation bedarf es spiritueller Intelligenz.

Die 12 Prinzipien der Transformation

Das Ziel, das ich mit meinem Buch erreichen will, nämlich die Vermehrung des spirituellen Kapitals, ist ein Ziel, das anders ist als alle Ziele zuvor. Es erfordert, dass wir aus unseren höheren und manchmal sogar höchsten Motivationen handeln, und das bedeutet für uns, uns als ganze Menschen zu transformieren. Um dieses neue Ziel zu erreichen, müssen wir neue Methoden entwickeln. Dazu müssen wir die Prinzipien der Transformation kennen, die der spirituellen Intelligenz zugänglich sind. (S. 127)

Diese Prinzipien sind aus den 10 Merkmalen „komplexer adaptiver Systeme“ hergeleitet und erweitert. Diese Prinzipien sind (S. 134):

  • Selbst-Bewusstheit
  • Spontaneität
  • Visions- und wertegeleitet
  • Holismus
  • Mitgefühl
  • Würdigung der Vielfalt
  • Feldunabhängigkeit
  • Tendenz zu Warum-Fragen
  • Kontextualisierung
  • Positiver Umgang mit Misserfolgen/Krisen
  • Demut
  • Berufung

Jedes dieser Eigenschaften wird in der zweiten Hälfte des Buch genauer untersucht.

Was kann ICH tun?

Die Autoren zeigen, dass jeder durch das Anwenden dieser Prinzipien der Transformation einen Betrag zu seiner Transformation zum GANZEN Menschen leisten kann und damit einen Beitrag zur Transformation der GANZEN Menschheit.

Mein Fazit: Das Buch der Autoren lässt mich nachdenklich stimmen: die Transformation des Kapitalismus zu einem „nachhaltigen Weltsystem“, einer „offenen Gesellschaft“ (Popper), das Wohlstand für alle schafft. Diese VISION ist wert, begrifflich gefasst zu werden – und wenn wir zunächst mit gängigen Begriffen operieren müssen. Die Autoren fragen am Ende selbst: „Ist das noch Kapitalismus?“. Wie dem auch sei: einen größeren Spagat zwischen SPIRIT und KAPITAL kann ich mir kaum vorstellen. Wie immer „die Geschichte“ das Buch und das Paradigma des „spirituellen Kapitals“ am Ende bewerten wird, es ist wert gelesen zu werden. Es ist DIE Auseinandersetzung unserer Zeit und eine unerhörter Integrationsversuch von „Gott und Teufel“ (wenn ich mich so schlappsig ausdrücken darf). Was aber wäre, wenn es keine Teufel in Form von Kapital gibt? Vielleicht weist das Buch auf einen neuen Horizont hin, der nur durch einen radikalen Tabubruch für beide Seiten aufzubrechen ist.

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Malcom Gladwell: Tipping Point

Untertitel: Wie kleine Dinge Großes bewirken können

Ich bespreche dieses Buch, weil mich Autoren-Marketing interessiert: Wie kann ein Autor einen Beitrag dazu leisten, dass er über sein veröffentliches Buch wirklich bekannt wird. Genau darum geht es in dem Buch bei den Fallbeispiel der Autorin Rebecca Well, die den „Tipping Point“ erreicht hat, und ihr Buch „Divine Secrets of the Ya-Ya Sisterhood“ zu einem Weltbestseller mit einer Auflage von über 2,5 Millionen Exemplaren. Das Buch wurde auch ins Deutsche übersetzt und es gibt eine Verfilmung des Buches mit Sandra Bullok. Der Autor frag: „Warum erreichte Ya-Ya Sisterhood eine Aufmerksamkeit von epidemischen Ausmaßen? (S. 200)

Eine Verbreitung wie eine Epidemie

Der Tipping Point ist die Biographie einer Idee, und die Idee ist sehr einfach. Sie besagt, dass man die dramatische Wandlung von unbekannten Büchern in Bestseller oder den Anstieg des Rauchens unter Teenagern oder das Phänomen der Mundpropaganda oder eine ganze Anzahl von anderen geheimnisvollen Veränderungen im Alltagsleben am besten versteht, wenn man sie sich als Epidemien vorstellt. Ideen und Produkte und Botschaften und Verhaltensweisen verbreiten isch genauso wie ein Virus. (S. 13)

Diese drei Eigenschaften – zum einen die Ansteckung, zum zweiten die Tatsache, daß kleine Ursachen große Wirkungen haben können, und zum dritten, dass die Veränderung nicht allmählich, sondern in einem dramatischen Moment eintritt – … den dramatischen Moment in einer Epidemie … nennt man Tipping Piont“ (S. 15)

Der Tipping Point ist der Moment der kritischen Masse, die Schwelle, der Hitzegrad, bei dem Wasser zu kochen beginnt. (S. 18) … Die drei Regeln des Tipping Points – das Gesetz der Wenigen, der Verankerungsfaktor, die Macht der Umstände – bietet eine Methode, Epidemien sinnvoll zu erklären. (S. 40)

1. Das Gesetz der Wenigen

Menschen reagieren kaum noch auf die „Massenwerbung“, weil sie intuitiv spüren, dass sie verführt werden. Viel wirkungsvoller sind die wenigen Vertrauenspersonen, die etwas wirklich von Herzen empfehlen. Diese wenigen Schlüsselpersonen (Vermittler, Kenner und Verkäufer)  zu gewinnen, sie „anzustecken“ mit einer Idee, Botschaft ist de erste Schritt, eine „Verkaufsepidemie“ auszulösen.

Ein Kenner ist jemand, der die Probleme anderer Leute lösen will, indem er seine eigenen löst. (S. 80)

2. Das Gesetz der Verankerung

Verankerung heißt, die Botschaft so zu präsentieren, dass es beim Empfänger „unvergesslich“ wird.

Bei Epidemien kommt es auf den Boten an, er verbreitet die Ansteckung. Aber der Inhalt der Botschaft ist ebenso wichtig. und die spezifischen Eigenschaften, die eine Botschaft haben muss, um erfolgreich zu sein, ist ihre Fähigkeit, sich in den Empfängern zu verankern. Ist die Botschaft … einprägsam, gewissermaßen „unvergesslich“? (S. 112)

Hierbei gibt es etwas Verblüffendes, deshalb muss es wirklich getestet werden:

Die Definition der Verankerung … hat etwas an sich, was allen intuitiven Erwartungen zuwiderläuft.  … Es gibt eine Methode, Information so zu verpacken, dass sie unwiderstehlich ist. Man muss sie nur finden. (S. 153 f.)

3. Die Macht der Umstände

Man kann nichts losgelöst von den Umständen betrachten. Es gibt keine Epidemie ohne „Nährboden“.

Wenn wir wollen, dass eine Idee oder eine Haltung oder ein Produkt den Tipping Point erreicht, versuchen wir im Grunde, unser Publikum in irgendeiner Hinsicht zu verändern: wir versuchen, die Menschen anzustecken, sie zu bekehren, ihre Akzeptanz zu gewinnen. … Aber man muss im Kopf behalten, daß kleine Veränderungen im Kontext genauso dazu beitragen können, eine Epidemie auszulösen, auch wenn diese Tatsache einigen unserer fundamentalsten Annahmen über die Natur des Menschen widerspricht. (S. 193)

Die Autorin Rebecca Well fand heraus, dass es eine bestimmte Kultur von Lesergruppen gab, die über Bücher diskutiert haben. Dies war der Nährboden, ihrem Buch wirklich zum Durchbruch zu verhelfen. „Über ein Jahr tat sie nichts anderes und fuhr nonstop durch das Land“ (S. 204), um in diesen Leseclubs ihr Buch vorzustellen und Lesungen zu halten. Sie erkannte dabei die „Regel der 150“: Gruppen bis zu 150 sind die effektivsten. Sie sind groß, doch noch am Rade des Persönlichen.

Wenn wir also wollen, dass Gruppen als Brutkästen für ansteckende Botschaften dienen sollen, dann müssen wir die Gruppen unter einer Mitgliedszahl von 150 halten. … Die Grenze der 150 zu überschreiten ist eine Veränderung, die große Folgen haben kann. (S. 212 f.)

Soweit zur „Macht der Umstände“, z.B. die Größe einer Gruppe.

Das ist das Paradox jeder Epidemie: um ansteckende Bewegungen zu schaffen, muss man zunächst viele kleine Bewegungen schaffen. (S. 222)

Zusammenfassung

Letztlich sind Tipping Points eine Bestätigung eines Potenzials zur Veränderung und der Kraft des intelligenten Handelns. Sehen Sie sich die Welt um sich herum an. Sie mag unbeweglich und unnnachgiebig erscheinen. Sie ist es nicht. Mit dem kleinsten Anstoß kann man sie – wenn man den richtigen Punkt findet – kippen. (S. 297)

Ich finde, das ist eine großartige Botschaft und macht den Wert des Buches aus – weit über „Marketiung-Methoden“ hinaus, dem Auslösen von Quantensprüngen.

Mein Fazit: Autoren können mit einfachen Mitteln Großes bewirken. Es gibt auch für einen Autoren ein eigenes „Guerilla-Marketing“ um sein Buch in Besteller-Listen zu bringen. Der Autor hat diese Gesetzmäßigkeiten untersucht und – natürlich auch für andere Marketing-Bereiche – die Grundregeln erstellt, wie dieser „Umkipp-Punkt“ als „magische Moment“ auszulösen ist, der einen Verkaufserfolg „epidemischen Ausmaßes“ bewirkt. Das Potenzial solcher Veränderungen liegt sicher nicht in der Technik, sondern in der Zeit, für die eine Idee reif ist. Doch es gibt dafür offensichtlich ein „Manifestationspunkt“.

Restexemplare sind bei AMAZON noch zu erwerben: Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können

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