Fritjof Capra: Lebensnetz

Ein neues Verständnis der lebendigen Welt

Das Buch „Lebensnetz“ ist das Hauptwerk Fritjof Capras, in dem er seine „Capra-Synthese“ erstmals vorstellt. Mit seinen vier Büchern zur „Wendezeit“ hat er jetzt selbst das „Neue Paradigma“ erstellt: ein System des Lebens von der Philosophie, über die Wissenschaft bis zur Wirtschaft und Politik. Es geht vor allem der Frage nach: „Was ist Leben?“. Capra hat mit seiner Synthese ein neues Paradigma erstellt, das er „Tiefenökologie“ nennt, eine „Theorie lebendiger Systeme“. Sein neues Paradigma der Tiefenökologie enthält die Schlüsselbegriffe „chaotische Attraktoren, Fraktale, dissipative Strukturen, Selbstorganisation und autopoietische Netzwerke“ (S. 10)

„Bisher hat allerdings noch niemand eine umfassende Synthese entwickelt, die alle diese Entdeckungen in einen schlüssigen Zusammenhang stellt, um sie damit auch einem Laien­publikum zu erschließen. Genau diesem Anspruch soll das vorliegende Buch gerecht werden.“ (S. 10) „Ja, die Synthese der aktuellen Theorien und Modelle, die ich hier zur Diskussion stelle, versteht sich als Entwurf einer jetzt entstehenden Theorie lebender Systeme, die ein einheit­liches Bild von Geist, Materie und Leben vermittelt.“ (S. 11)

Auch dieses Buch stellt als kulturellen Kontext eine allgemeine kulturelle Krise in der Welt dar, die höchst alarmierend ist und die Gefahr der Selbstzerstörung der Menschheit herauf beschwört, es ist letztlich die Krise des Patriarchats, das diesen Planeten vielleicht 4.000 Jahre schon beherrscht.

„Um diesen kulturellen Wandel analysieren zu können, habe ich Kuhns Definition eines wissenschaftlichen Paradigmas zu einer eines sozialen Paradigmas verallgemeinert, nach meiner Definition ‚eine Konstellation von Begriffen, Werten, Wahrnehmungen und Praktiken, die eine Gemeinschaft miteinander gemeinsam hat und die eine besondere Sicht der Realität bildet, welche die Art und Weise zugrunde liegt, wie sich die Gesellschaft selbst organisiert‘. Jenes Paradigma, das heute schwindet, hat unsere Kultur über mehrere Jahrtausende beherrscht …“ (S. 18)

Wollen wir uns die wesentlichen Elemente des neuen Paradigmas etwas genauer anschauen:

„Das neue Paradigma kann man als ganzheitliches Weltbild bezeichnen, weil es die Welt als integrales Ganzes sieht statt als unverbundene Ansammlung von Teilen. Dieses Weltbild entspricht auch der ökologischen Sichtweise, sofern der Begriff „ökologisch“ in einem viel umfassenderen und tieferen Sinne als allgemein üblich verwendet wird. (S. 19)

Tiefenökologie grenzt sich von der „seichten“ Ökologie ab, die anthropozentrisch ist und den Menschen in den Mittelpunkt stellt, in der die Natur nur einen instrumentellen Wert, einen „Nützlichkeitwert“ hat.

„Die Tiefenökologie dagegen sieht weder der Mensch noch irgend etwas anderes als von der natürlichen Umwelt getrennt. … Sie betrachten den Menschen gleichsam als einen Faden im Netz des Lebens. Letzten Endes ist tiefenökologisches Bewusstsein ein spirituelles oder religiöses Bewusstsein. Wenn der Begriff Spiritualität einen Bewusstseinszustand meint, in dem der einzelne Mensch ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Verbundenheit mit dem Kosmos als Ganzem empfindet, dann wird klar, daß ökologisches Bewusstsein seinem tiefsten Wesen nach spirituell ist.“ (S. 20)

Neben der Tiefenökologie sieht Capra zwei weitere Schulen als „wichtige Aspekte des ökologischen Paradigmas an“: Sozialökologie und Ökofeminismus. Weltweit wandeln sich die Werte von den Yang-orientierten Werten der Selbstbehauptung zu den Yin-orientierten Werten der Integration, einem ausgeglichenen Denk- und Wertesystem, einschließlich einer tiefenökologischen Ethik.

„Damit schließt dieser Paradigmenwechsel einen Wechsel der sozialen Organisation ein, und zwar von Hierarchien zu Netzwerken.“ (S. 23)

Der Entscheidende Wechsel des neuen Paradigmas ist „der Wechsel von der Physik zu den Lebenswissenschaften“ (S. 26): Nicht die Physik, sondern das Leben ist das wahre Zentrum.

Das Buch entfaltet diese „Capra-Synthese“, der wir im Einzelnen hier nicht nachgehen müssen:

Wie beantwortet Capra die Frage, was Leben ist?

„Meine These lautet: Heute beginnt sich eine Theorie lebender Systeme abzuzeichnen, die sich im philosophischen Rahmen der Tiefenökologie bewegt, sich einer geeigneten mathematischen Sprache bedient und ein nichtmechanisches, postkartesianisches Verständnis des Lebens ver­mittelt.“ (S. 181)

Neben MUSTER und STRUKTUR haben lebende Systeme haben Stoffwechsel- und einen Ent­wicklungs­prozess, sind also auch durch ihren PROZESS charakterisiert. Damit stellt Capra drei Schlüsselkriterien für ein lebendes System heraus (S. 185):

  • Organisationsmuster (die Anordnung der Beziehungen, die die wesentlichen Merkmale
    des Systems festlegen)
  • Struktur (die materielle Verkörperung des Organisationsmusters des Systems)
  • Lebensprozeß (die in der kontinuierlichen Verkörperung des Organisationsmusters
    des Systems stattfindende Aktivität)

„Nach der Theorie lebender Systeme ist der Geist nicht ein Ding, sondern ein Prozeß – der eigent­liche Prozeß des Lebens. Mit anderen Worten: Die organische Aktivität lebender Systeme ist auf allen Ebenen des Lebens eine geistige Aktivität.“ (S. 198)
„Der neue Begriff der Kognition, des Erkenntnisprozesses, ist daher viel allgemeiner als der des Denkens. Er umfaßt Wahrnehmung, Gefühl und Handeln – also den gesamten Prozeß des Lebens.“ (S. 200 f.)
„Das Gehirn ist eine spezifische Struktur, durch die dieser Prozess wirkt. Die Beziehung zwischen Geist und Gehirn ist daher eine Beziehung zwischen Prozeß und Struktur.“ (S. 201)

Capras zitiert Prigogine: „Heutzutage sind die Welten, die wir draußen sehen, in Begriff zu kon­vergieren. Diese Konvergenz zweier Welten ist vielleicht eine der bedeutsamsten Vorgänge unseres Zeitalters.“ (S. 221)

Capra weist auf die beiden grundsätzlich unterschiedlichen Arten lebender Systeme hin:

„Organismen und menschliche Gesellschaften sind daher zwei ganz verschiedene Arten lebender Systeme. Totalitäre Regime schränken die Autonomie ihrer Mitglieder oft stark ein, sie entper­sönlichen und entwürdigen Menschen. Daher funktionieren faschistische Gesellschaften eher wie Organismen, und es ist kein Zufall, daß Diktaturen für die Gesellschaft gerne die Metapher eines lebenden Organismus (‚Volkskörper‘) benutzen.“ (S. 240)

 

„Die Biologin und Philosophin Gail Fleischaker hat die Eigenschaften eines autopoietischen Netzwerkes in drei Kategorien zusammen gefaßt: Das System muss selbstbegrenzt, selbst­erzeugend und selbsterhaltend sein. Selbestbegrenzt bedeutet, daß die Ausdehnung des Systems durch eine Grenze bestimmt wird, die ein integraler Teil des Netzwerkes ist. Selbsterzeugend bedeutet, daß alle Komponenten, auch die der Grenze, durch Prozesse im Netzwerk erzeugt werden. Und selbsterhaltend bedeutet, daß die Produktionsprozesse zeitlich fortdauern, so daß alle Komponenten ständig durch die Systemprozesse der Transformation ersetzt werden.“ (S. 237)

Capra prüft seine Synthese an der „Entfaltung des Lebens“: „Wie fruchtbar die entstehende Theorie lebender Systeme werden kann, zeigt sich an dem damit verbundenen neuen Verständnis der Evolution.“ (S. 253) Hierbei diskutiert Capra vor allem das Phänomen der Kreativität:

„Demnach ist die treibende Kraft der Evolution nicht in den beliebigen Vorgängen von Zufalls­mutation zu finden, sondern in der dem Leben selbst innewohnende Tendenz, Neues zu schaffen.“ (S. 259)

Gerade diese Kreativität kommt im Menschen ganz besonders zum Vorschein.

„Das bedeutet nichts anderes, als daß ein richtiges Verständnis der Evolution des Menschen nicht möglich ist, wenn man die Entwicklung von Sprache, Kunst und Kultur nicht kennt. Mit anderen Worten: Wir müssen uns nun dem Geist und dem Bewußtsein zuwenden, der dritten begrifflichen Dimension der systemischen Anschauung vom Leben.“ (S. 299)

An dieser Stelle kommt Capra auch auf die SEELE zu sprechen. 

„Die Gleichsetzung von Geist oder Kognition mit dem Prozeß des Lebens ist eine radikal neue Vorstellung in der Wissenschaft, aber sie ist auch eine der tiefsten und archaischen Intuitionen der Menschheit. In allen Zeiten wurde der menschliche Verstand nur als ein Aspekt der im­materiellen Seele oder des Geistes angesehen. Nicht zwischen Körper und Verstand wurde ein grundlegender Unterschied gemacht, sondern zwischen Körper und Seele oder Körper und Geist. Während die Differenzierung zwischen Seele und Geist fließend war und im Laufe der Zeit schwankte, vereinten beide in sich ursprünglich zwei Begriffe: die Lebenskraft und die Tätigkeit des Bewusstseins.
In alten Sprachen werden diese Gedanken durch die Metapher vom Atem des Lebens ausge­drückt. Ja, in ihnen können die etymologischen Wurzeln von ‚Seele‘ und ‚Geist‘ soviel wie ‚Atem‘ bedeuten. Die Wörter für ‚Seele‘ im Sanskrit (atman), im Griechischen (pneuma) und im Latei­nischen (anima) bedeuten alle auch ‚Atem‘. Das gilt auch für das Wort ‚Geist‘ im Latei­nischen (spiritus), im Griechischen (psyche) und im Hebräischen (ruah). Auch sie bedeuten ‚Atem‘.
Hinter all diesen Wörtern steht dieselbe uralte Intuition, daß die Seele oder der Geist der Atem des Lebens ist.“ (S. 300)

Capra differenziert hier (leider) nicht weiter zwischen Geist und Seele. Beides ist „Atem des Lebens“, manchmal wird das Seelische und dann wieder das Geistige betont. Diese pauschale Gleich­setzung wird Capra beibehalten. Es ist verständlich, da es ihm vor allem darum geht, Leben und KOGNITION zu integrieren als „radikal neue Vorstellung in der Wissenschaft“.

„Auf einer bestimmten Komplexitätsebene koppelt sich ein lebender Organismus strukturell nicht nur an seine Umgebung, sondern auch an sich selbst, und damit bringt er nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Welt hervor. Beim Menschen ist die Hervorbringung einer derartigen Innenwelt aufs engste mit Sprache, Denken und Bewußtsein verbunden.“ (S. 306)

SEELE ist sicherlich auch eine innere Welt. Doch erst bedarf es der Sprache und der Wahrnehmung, um sich diese Welt zu erschließen.

Das größte Problem des alten, kartesianischen Paradigmas ist, dass wir scheinbar feste Orientierung und Objekte einer real existierenden Wirklichkeit brauchen, alles andere löst eine fundamentale,
ex­istentielle Angst aus. Wir sind autonome Wesen, können unser wahres Wesen aber nicht „in uns“ finden. Es ist kein Objekt in uns, auf das wir uns zubewegen können. Wir sind auf der Suche nach etwas, was durch Suchen nicht zu finden ist. Das kartesianische Weltbild will uns vor dieser Existenz­angst bewahren, indem es uns eine „kontrollierbare“ Außen- und Innenwelt voller Objekte, Gesetze, Verlässlichkeiten vorgaukelt.

„Um unsere kartesianische Angst zu überwinden, müssen wir systemisch denken, unsere Begriffliche Aufmerksamkeit also von Objekten zu Beziehungen verlagern.“ (S. 335)

Wir müssen umschalten von „Einzelwesen“ zu Beziehungen. Das entscheidende ist nicht der/die/das Einzelne, sondern die Beziehungen im Netz. Das NETZ ist das LEBEN.

„Damit wir unsere ganze Menschlichkeit wiedergewinnen, müssen wir die Erfahrung unserer Verbundenheit mit dem gesamten Lebensnetz wiedergewinnen. Dieses Wiederverbinden – auf lateinisch religio – ist die wahrhaft spirituelle Bedeutung der Tiefenökologie.“ (S. 335)

Das betrifft nicht nur die Menschheit als Familie, sondern die Menschheit als Kind von Mutter Erde – mit unseren Geschwistern im Tier- und Pflanzenreich.

„Dies sind also einige der Grundprinzipien der Ökologie: wechselseitige Abhängigkeit, Re­cycling, Partnerschaft, Flexibilität, Vielfalt und, aus alldem folgend, ökologische Nachhaltigkeit. Während sich unser Jahrhundert zu Ende neigt und wir dem Beginn eines neuen Jahrtausends entgegengehen, wird das Überleben der Menschheit von unserem ökonomischen Bewusstsein abhängen – von unserer Fähigkeit, diese Prinzipien der Ökologie zu verstehen und unser Leben entsprechend auszurichten.“ (S. 351)

Capra wird im Epilog des Buches „Ökologisches Bewusstsein“ zum Mahner und Propheten:

„Sich wieder ins Lebensnetz einzubinden – das heißt vor allem: Gemeinwesen zu bilden und zu pflegen, die sich am Prinzip der ökologischen Nachhaltigkeit ausrichten. … Wir müssen sozu­sagen unseren ökologischen Analphabetismus überwinden und ökologisch bewußt werden. …
Die in diesem Buch dargelegte Theorie lebender Systeme bietet einen begrifflichen und gedank­lichen Rahmen, um die Verkopplung ökologischer und menschlicher Gemeinschaften zu erken­nen.“ (S. 343)

Der Gedanke ist regelrecht abenteuerlich, die gesellschaftlichen Organisations-Strukturen zu Organ-Strukturen zu transformieren, die in der Natur ihr Vorbild finden. Organisationen und Institute können so immer mehr aus „Management-Maschinen“ zu wirklich organisch wachsenden Strukturen werden. Das Buch zeigt bereits in die Richtung von „Change-Management“, aus dem Machbarkeits­wahn der reinen Markt-Gesetze heraus zu kommen, um Partnerschaftssysteme zu entwickeln. Letztlich geht es um Ko-Evolution im weitesten Sinne des Wortes.

„Partnerschaft also – die Neigung, sich zu assoziieren, Verbindungen zu errichten, ineinander zu leben und zu kooperieren – das ist ein herausragendes Kennzeichen von Leben.“ (S. 347)

„Für die Wirtschaft stehen Wettbewerb, Expansion und Beherrschung im Vordergrund – die Ökologie legt Wert auf Kooperation, Erhaltung und Partnerschaft.“ (S. 348)

Die Natur existiert schon Jahrmilliarden und hat große existentielle Krisen überstanden. Ihre Stärke liegt nicht in der „Monokultur“, sondern ihrer Vielfalt, ihrer Flexibilität.

„Das Lebensnetz ist ein flexibles, ständig fluktuierendes Netzwerk. Je mehr Variablen stetigen Schwankungen unterworfen sind, desto dynamischer der System, desto größer seine Flexibili­tät, sich verändernder Bedingungen anzupassen. … Mangel an Flexibilität äußert sich als Streß. … Vorübergehender Streß ist ein wichtiger Aspekt des Lebens, aber anhaltender Streß ist für das System schädlich und zerstörerisch. … Wenn man versucht, irgendeine einzelne Variable zu maximieren statt sie zu optimieren, wird dies unweigerlich die Zerstörung des gesamten Systems zur Folge haben.“ (S. 349) „Je komplexer das Netzwerk ist, desto komplexer ist das Muster der wechselseitigen Verknüpf­ungen, und desto unverwüstlicher wird es sein.“ (S. 350)

Capra ist nicht nur ein Theoretiker des „Paradigmenwechsels“. Es hat diese „Wendezeit“ bis in alle Einzelheiten durchdacht – von der Rolle der Quantenphysik, der chinesischen Philosophie des Tao und des Yin-Yang als Alternative zum westlichen Dualismus, der „Wendezeit“ in allen Bereichen des Lebens bis hin zu Theologie, Politik, Wirtschaft und Management. Er hat eine neue Systemtheorie der Tiefenökologie entwickelt, damit wir wieder (auch im mystischen Sinne) EINS werden mit der Natur und der Schöpfung „um uns herum“ und „Mitten durch uns“.

„Während sich unser Jahrhundert dem Ende zuneigt und wir dem Beginn eines neuen Jahr­tausends entgegengehen, wird das Überleben der Menschheit von unserem ökologischen Bewußtsein abhängen – von unserer Fähigkeit, diese Prinzipien der Ökologie zu verstehen und unser Leben entsprechend auszurichten.“ (S. 351)

Eines der Grundfragen von Philosophie und Wissenschaft ist die Frage nach dem, was LEBEN ist. Capras Antwort: Das Leben ist ein Netz, bei dem alles von allem abhängig ist.

Es ist aber nicht nur eine philosophische Frage. Es ist eine Frage, die wir als Menschheit lösen müssen, um die tiefe Krise überwinden zu können.

Letztendlich ist unsere Wirtschaft und Politik lebensfeindlich und nicht nur für uns als Menschheit selbstzerstörerisch. Wir gefährden die Natur und den Planeten selbst. Die Frage, was LEBEN ist, ist eine Über-Lebens-Frage der Menschheit geworden, damit wir uns wieder in das große Lebensnetz einordnen können.

 

 

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