Fritjof Capra: Wendezeit

Paradigmenwechsel, der Wechsel der Weltansicht

 

In diesem Buch von Fritjof Capra geht es um einen „Paradigmenwechsel“, eine „Wendezeit“ wirklich epochaler Art, im Grunde vom Patriarchat zu einer ökologischen und lebensbejahenden Gesellschaft. Es ist eine tiefgreifende kulturelle und soziale Revolution, die der neolithischen Revolution vor über 10.000 Jahren gleich kommt, bei der die Menschheit sesshaft geworden ist. Das Buch ist ein Programm von 500 Seiten, das dieser „Wendezeit“ in allen wesentlichen Bereichen der menschlichen Gesellschaft nachspürt: Lebenswissenschaft, alternative Medizin, Neue Psychologie, Wirtschaftswissenschaft und eine Energiewende zur nachhaltigen Energieversorgung.

Genau betrachtet ist sozusagen das globale Programm der GRÜNEN: Feminismus, Ökologie, Frieden, Heilung auf allen Ebenen, Übergang zum Solarzeitalter. Das Buch ist von Capra „den Frauen in meinem Leben gewidmet“.

„Es fehlt uns also ein neues ‚Paradigma‘ * – eine neue Sicht der Wirklichkeit; unser Denken, unsere Wahrnehmungsweise und unsere Wertvorstellungen müssen sich grundlegend wandeln.“ (S. 10)
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Fußnote bei Capra: * Aus dem griechischen paradigma = „Modell“, „Muster“

Capra erweitert die „Krise der Physik“ um die „gesamtgesellschaftliche Krise“:

„Die Grundthese dieses Buches ist, daß all das nur verschiedene Facetten ein und derselben Krise sind und daß es sich dabei im Wesentlichen um eine Krise der Wahrnehmung handelt. …
Der Ernst und das weltumfassende Ausmaß unserer gegenwärtigen Krise deutet darauf hin, daß dieser Wandel wahrscheinlich zu einer Umgestaltung von beispiellosen Dimensionen führen wird, einem Wendepunkt für unseren Planeten in seiner Gesamtheit.“ (S. 10 f.)

Er erweitert jetzt seine Philosophie des Tao um den harmonischen Tanz von Yin und Yang, um sich aus dem dualistischen Denken des westlichen Abendlandes zu befreien.

„Für die chinesische Philosophie war die Wirklichkeit, deren innerstes Wesen sie Tao nannten, ein Prozess kontinuierlichen Fließens und Wandelns. … Alle Entwicklungen in der Natur – die physischen ebenso wie die psychischen und die gesellschaftlichen – laufen zyklisch ab. Die Chinesen gaben dieser Idee durch Einführung der polaren Gegensätze Yin und Yang eine definitive Struktur, wobei die beiden Pole den Zyklen des Wandels Grenzen setzen. ‚Nachdem das Yang seinen Gipfel erreicht, zieht es sich zugunsten des Yin zurück; hat das Yin einen Gipfel erreicht, zieht es sich zugunsten des Yang zurück.‘
Aus chinesischer Sicht entstehen alle Manifestationen des Tao aus den dynamischen Wechsel­spielen der beiden archetypischen Pole, die mit vielen Erscheinungsbildern von Gegensätzen in der Natur und im gesellschaftlichen Leben assoziiert werden.“ (S. 32)

„Die Yin/Yang-Terminologie ist besonders nützlich, wenn man ein kulturelles Ungleichgewicht umfassend analysiert, und zwar auf der Grundlage einer ökologischen Anschauung, die man im Sinne der allgemeinen Systemtheorie auch Systemschau nennen könnte. Für die Systemtheorie sind alle Phänomene in der Welt miteinander verbunden und voneinander abhängig. Innerhalb dieser Lehre, nennt man ein integriertes Ganzes, dessen Eigenschaften nicht mehr auf die seiner Teile reduziert werden können, ein System. Lebende Organismen, Gesellschaften und Öko­systeme – sie alle sind Systeme. Es ist faszinierend zu sehen, daß die alte chinesische Vor­stellung von Yin und Yang  auf eine wesentliche Eigenschaft von Natursystemen bezogen ist, mit der sich die abendländische Wissenschaft erst seit kurzem befasst.“ (S. 40 f.)

 

„Arthur Koestler hat das Wort ‚Holonen‘ geprägt für diese Untersysteme, die zugleich Ganzes und Teil sind. Er hat betont, daß jedes Holon zwei entgegengesetzte Tendenzen verfolgt: Eine integrierende Tendenz möchte als Teil des größeren Ganzen fungieren, während eine Tendenz zur Selbstbehauptung die individuelle Autonomie zu bewahren bestrebt. … Diese beiden Ten­denzen sind gegensätzlich und doch komplementär. In einem gesunden System … halten sich Integration und Selbstbehauptung im Gleichgewicht.“ (S. 41)

Zusammenfassend:

„Die chinesischen Weisen scheinen die grundlegende Polarität erkannt zu haben, welche lebendige Systeme kennzeichnet. Selbstbehauptung erreicht man durch Yang-Verhalten, wenn man fordernd, aggressiv, wettbewerbs- und nach außen orientiert ist, und – soweit es sich um menschliches Verhalten handelt – durch Anwendung linearen, analytischen Denkens. Integration wird gefördert durch Yin-Verhalten; dann ist man empfangend, kooperativ, intuitiv und umweltbewusst. Sowohl Yin also auch Yang sind für harmonische gesellschaftliche und ökologische Beziehungen notwendig.“ (S. 42)

Nach diesem ersten Teil, der den Dualismus des  alten Denkens ersetzt durch das eher organische Prinzip des Yin-Yang beschreibt Capra im zweiten Teil des Buches die beiden Paradigmen: Das Para­digma der Newtonschen Weltmaschine und das Paradigma der neuen Physik. Capra fasst zusammen, „daß die moderne Physik die mechanische kartesianische Weltanschauung überwunden hat und uns zu einer ganzheitlichen und zutiefst dynamischen Auffassung vom Univer­sum führt. Das Weltbild der modernen Physik ist ein Systembild …. Wenn wir nunmehr die Metapher von der Welt als Maschine hinter uns lassen, müssen wir auch den Gedanken aufgeben, die Physik sei die Grundlage aller Natur­wissenschaften.“ (S. 103)

Der dritte Teil des Buches untersucht, wie das katesianische Paradigma die Natur- und Gesellschafts­wissenschaften beeinflusst hat, insbesondere in der Biologie, der Medizin, der Psychologie und den Wirtschaftswissenschaften. Dieser 3. Teil endet in der Kritik des zügellosen Wachstums.

„Je eingehender wir die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit studieren, desto klarer erkennen wir, daß die mechanische Weltanschauung und das mit ihr verbundene Wertesystem Technologien, Institutionen und Lebensweisen geschaffen haben, die zutiefst ungesund sind.“ (S. 288)

Er setzt vor allem auf eine neue Gesundheitsbewegung auf allen Ebenen des Lebens, indem die Menschen sich der Selbstverantwortung der eigenen Gesundheit bewusst werden.

„Die sich langsam entfaltende neue Kultur hat ein Weltbild, daß zwar noch diskutiert und
er­forscht wird, das eines Tages aber ganz gewiß ein neues Paradigma hervorbringen wird, mit der Bestimmung, die kartesianische Weltanschauung in unserer Gesellschaft abzulösen.“ (S. 289)

Im vierten und letzten Teil des Buches entwickelt Capra „die neue Sicht der Wirklichkeit“, insbe­sondere ein „Systembild des Lebens“ (S. 293 – 339). Ich lese diese knapp 50 Seite wie eine sehr kompakte Einführung in biologische Systemtheorie und stelle sie ausführlicher dar.

Dieser Abschnitt im Buch „Wendezeit“ ist schon der Keim der neuen System-Theorie des Lebens von Capra. In seinem Buch „Lebensnetz“ wird er es 14 Jahre später zur Entfaltung bringen:

„Die neue Sicht der Wirklichkeit … beruht auf der Erkenntnis, daß alle Phänomene – physi­kalische, biologische, psychische, gesellschaftliche und kulturelle – grundsätzlich miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Sie transzendiert die gegenwärtigen disziplinären und begrifflichen Grenzen und wird in neuen Institutionen zur Anwendung kommen.“ (S. 293)

Er entwirft in diesem Teil die Grundlagen eines Systemdenken des Lebens, das einen grund­sätzlichen Unterschied zwischen Maschinen und Organismen macht: „Maschinen werden gebaut, während Organismen wachsen“. (S. 296)

In der Sicht des Lebens als System arbeitet er Grundbegriffe auf wie:

  • Selbstorganisation
  • Selbsterneuerung
  • Selbst-Transzendenz
  • Geschlossene und offene Systeme
  • Kybernetik
  • Metabolismus
  • Dynamische Stabilität
  • Dissipative Strukturen (Prigogine)
  • Zunehmende Komplexität
  • Homöostase
  • Organismus – Umwelt
  • Symbiosen
  • 3 Arten der Anpassung an die Umwelt: temporär, somatisch, genotypisch
  • Wachsende Flexibilität
  • Biosphäre als „integriertes Gewebe von lebenden und nichtlebenden Formen“ (S. 304)
  • Das Systemkonzept der geschichteten Ordnung (Organismus – Organsysteme – Organe – Gewebe – Zellen), dargestellt als System-Baum
  • „Der Tod ist also nicht das Gegenteil von Leben, sondern ein wesentlicher Aspekt des Lebens.“ (S. 313) … durch die ständige Selbsterneuerung komplexerer Strukturen
  • „Ohne Sex gäbe es keine Vielfalt, ohne Tod keine Individualität.“ (S. 314)

Das führt zu der „Frage nach dem Platz des Menschen in der lebenden Welt“ (S. 314). Capra führt hier schon die Gaia-Hypothese von James Lovelock und Lynn Margulis an: die Erde selbst ist ein lebender Organismus. Zu den entscheidenden Kriterien des Lebens gehören Systemeigenschaften wie:

  • Selbstbehauptung als Organismus und Integration in Höheres
  • Anpassung und Kreativität (Neues, das nicht unter Anpassungsdruck entsteht)
  • Ko-Evolution von Organismus und Umwelt
  • Freiheit der Auswahl am Entscheidungspunkt

Capra fasst zusammen,

„… daß Evolution im Grunde offen und unbestimmt ist. Sie hat kein vorgegebenes Ziel oder Zweck, und doch ist ein Entwicklungsmuster erkennbar. Die Einzelheiten des Musters sind wegen der Autonomie, die lebenden Systeme in ihrer Evolution wie in anderen Aspekten ihrer Organisation besitzen unvorhersagbar. In der Systemschau wird der Prozeß der Evolution nicht vom ‚blinden Zufall‘ beherrscht, sondern stellt die Entfaltung einer Ordnung und Komplexität dar, die man als eine Art Lernprozeß mit Autonomie und Freiheit der Wahl ansehen kann.“
(S. 319)

Ich will hier die große Bedeutung des Lernens für die Evolution bei Capra extra noch einmal heraus stellen, weil dies keinesfalls selbstverständlich ist. Evolution ist kein „kosmisches Würfelspiel“, und wir erinnern uns an die bekannten Worte Einsteins: „Gott würfelt nicht.“

Capra diskutiert in diesem Teil auch das Auftreten von Geist und Bewusstsein in der Evolution, Denken, Lernen und Gedächtnis. Er orientiert sich dabei vor allem an Gregory Bateson: Geist sei „eine wesentliche Eigenschaft lebender Systeme“ (S. 322)

 „Aus der modernen System-Perspektive können wir sagen, daß Geisttätigkeit als Dynamik der Selbstorganisation die Organisation aller Funktionen darstellt und damit eine Meta-Funktion ist.“ (S. 323)

Er unterscheidet dabei auch „mehrere geistige Ebenen“: „So gibt es im Organismus verschiedene Ebenen ‚metabolischer‘ Geistestätigkeit bei Zellen, Geweben und Organen; außerdem gibt es die ‚neutrale‘ Geisttätigkeit des Gehirns, die je nach den verschiedenen Phasen der menschlichen Evolution wiederum mehrere Ebenen aufweist.“ (S. 323 f.)

Er zitiert Erich Jantsch: „Gott ist nicht der Schöpfer, sondern der Geist des Universums.“ (S. 324)
Das Buch von Erich Jantsch „Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist“ (1979 – 1992) bezeichnet er als das große Vorbild für seine spätere Synthese. Sein Werk sei
im Grunde eine Fortsetzung des Werkes von Erich Jantsch.

Wichtig ist, wie Capra nun das „Psychische“ definiert, als Ausdruck des Geistes, nicht der Seele:

„Die Gesamtheit des menschlichen Geistes mit seinen bewussten und unbewussten Bereichen werde ich mit Jung ‚Psyche‘ nennen.“ (S. 329)

Dazu gehören auch „kollektiver Geist, kollektives Bewusstsein, kollektives Unterbewusstes. „Schließ­lich kann man die Begriffe eines planetaren und eines kosmischen Geistes mit planetarischen und kosmischen Ebenen des Bewusstseins assoziieren.“ (S. 329)

„Wir sollten daher nicht erwarten, daß die Naturwissenschaft im gegenwärtigen Stadium die mystische Ansicht von Bewusstsein bestätigen oder widerlegen kann. Dennoch scheint das System­bild des Geistes in vollkommener Übereinstimmung mit der naturwissenschaftlichen wie der mystischen Auffassung von Bewußtsein zu stehen und ergibt somit einen idealen Rahmen für die Vereinigung beider Auffassungen.“ (S. 330)

Capra diskutiert weiter die „menschliche Natur“ „nicht nur ihre physischen und kulturellen Manifestationen, sondern auch ihre gesellschaftlichen und kulturellen Manifestationen“ (S. 331)
und kommt zu dem Schluss:

„Deshalb lassen sich biologische und kulturelle Eigenarten der menschlichen Natur nicht von­einander trennen. Die Menschheit entstand durch den Prozess des Schaffens von Kultur, und sie braucht diese Kultur für ihr Überleben und ihre weitere Evolution.
Die menschliche Evolution schreitet also fort durch das Zusammenspiel der inneren und äußeren Welt, von Individuen und Gemeinschaften, von Natur und Kultur.“ (S. 331)

In der Diskussion über die Struktur des menschlichen Gehirns arbeitet Capra noch eine bedeutende Kategorie aus, „die Idee des Rhythmus“:

„Vorgang und Stabilität lassen sich jedoch nur vereinbaren, wenn die Vorgänge rhythmischen Strukturen folgen – Fluktuationen, Schwingungen, Vibrationen, Wellen. Die neue System-Biologie zeigt, daß Fluktuationen für die Selbstorganisations-Dynamik von entscheidender Bedeutung sind. Sie sind die Grundlage der Ordnung in der lebenden Welt: Geordnete Strukturen entstehen aus rhythmischen Mustern.“ (S. 333)

 

„Die Wirklichkeit um uns herum ist ein andauernder rhythmischer Tanz, und unsere Sinne über­setzen einige seiner Vibrationen in Frequenzstrukturen, die vom Gehirn verarbeitet werden können.“ (S. 334 f.) „In seltenen Augenblicken haben wir das Gefühl, in Resonanz mit dem ganzen Universum zu sein.“ (S. 336)

In den drei letzten Kapiteln erweitert Capra diese neue Sichtweise auf das Feld von ganzheitlicher Gesundheit, der „neuen Psychologie“ (Jung, Maslow, Wilber, Grof, R.D. Laing)

„Eines der umfassenden Systeme zur Integration verschiedener psychologischer Schulen ist die von Ken Wilber vorgeschlagene Spektrum-Psychologie.“ (S. 415)

 

„Die Modelle von Wilber und von Grof deuten darauf hin, daß das letzte Begreifen des menschlichen Bewusstseins Worte und Vorstellungen überschreitet. Daraus folgt die bedeutsame Frage, ob es überhaupt möglich ist, wissenschaftliche Feststellungen über das Wesen des Bewusstseins zu treffen. Da das Bewusstsein zudem von zentraler Bedeutung für die Psychologie ist, ergibt sich die Frage, ob die Psychologie überhaupt als Wissenschaft anzusehen ist. Die Antwort hängt offensichtlich davon ab, wie man Wissenschaft definiert.“ (S. 421)

 

Das Buch vermittelt eine neue Weltsicht, die uns befreien kann von kurzfristigem, egozentrischen Denken (der Krankheit unserer Zeit) zum nachhaltigen, ganzheitlichen Denken. Es bedeutet vor allem, nicht auf Kosten der folgenden Generationen zu leben, sondern ihre Lebensgrundlagen zu erhalten, worauf sie aufbauen können. Letztlich geht es – ohne dass Capra darauf schon zu sprechen kommt, um die Erhaltung der Schöpfung. Das Buch weist den Weg auf der vielleicht größten Krise der Menschheit. Eine solche „Wendezeit“ ist not-wendig, um die Zukunft der Menschheit in Frieden und Wohlstand zu sichern.

 

 

Fritjof Capra:
Wendezeit: Bausteine für ein neues Weltbild (Klick)

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