Günther Schwiy: Eine heimliche Liebe

Untertitel: Lucile Swan und Teilhard de Chardin

Günther Schiwy hat sich ein großes Verdienst erworben, Pierre Teilhard de Chardin im deutschsprachigen Raum ein bleibendes Denkmal zu setzen. Dazu gehört herausragend dessen Biographie in 2 Bänden 1981 zu dessem 100. Geburtstag. (> meine Buchbesprechung). 1993 wurden dann aus dem Nachlass von Lucile Swan Dokumente (vor allem aus dem Briefwechsel, aber auch Tagebuchaufzeichnungen) veröffentlicht, die noch einmal ein neues Licht auf das Leben und LIeben Pierre Teilhard de Chardins warfen. Schiwy schreibt über dieses 2005 erschienene Buch: „… dann erfülle ich nur die Pflicht des Biographen gegenüber der historischen Wahrheit, die um viele größer und fasznierender ist, als wir bisher meinten.“ (S. 11 f.)

Diese Briefe sind in diesem Band nicht dokumentiert, es ist kein weiterer Briefband, aus ihnen nur ausführlich zitiert. Der Biograph Günther Schiwy schreibt eine Ergänzung zu seiner Biographie, bei der die Frauen in Teilhards Leben und die Rolle des Weiblichen bei der Entwicklung einer „Religion der Liebe“ im Vordergrund stehen.

Am Anfang waren die Enthüllungen dieser doch überraschend intimen Beziehung noch sensationell, heute macht es Piere Teilhard de Chardin nur um so glaubwürdiger in seiner Suche nach der „Mystik der Liebe“ als Kraft, die die Menschheit zusammen bringt. So schreibt Günther Schiwy:

Der wichtigste Beitrag eines jeden zum Gelingen der globalen Einigung der Menschheit ist die individuelle Erweckung und Intensivierung der zwischenmenschlichen Liebe, die sich nicht auf Ehe und Familie beschränkt, sondern ausstrahlt in die größere Gemeinschaft und letztlich die Einigung der Menschheit möglich macht. (S. 13)

In dem Buch wird deutlich, wie sehr Pierre speziell von Lucile als Frau geprägt wurde. So schickt er Lucile die Kopie seines Essays „Das Herz der Materie“ als

… eine Art von Geschichte meines spirituellen Abenteuers […] Ich frage mich, ob sie Dir gefallen wird – aber ich denke, sie wird.  Jedenfalls sind diese Seiten eine Anstrengung, eine innere Evolution auszudrücken, die tief von Dir geprägt ist. (S. 175)

Und Lucile anwortet:

Der gleiche Geist weht durch dein Briefe, und wie stolz und glücklich war ich, als Du sagtest, wie sehr ich half, Deine Ideen zu klären, sie mit dir durchzusprechen, und so war es UNSERE Arbeit – und Du sagst so freundlich in diesem letzten Brief: ‚die innere Evolution so tief geprägt durch Dich‚. (S. 179)

Lucile war wahrlich nicht die einzige Frau im Leben Teilhard de Chardins, die wichtigsten weiteren: seine Cousine Marguerite Teillard-Chambon, die Feministin Léontine Zanta, die Marxistin Ida Treat und die Geologin Rhoda de Terra, um nur die wichtigsten zu nennen.

Das Buch macht deutlich, wie wichtig Pater Teilhard die Beziehung zu Frauen war, die ihn Sätze schreiben lassen wie:

„Nicht mehr als auf Licht, Sauerstoff oder Vitamine kann der Mann – kein Mann – (mit einer täglich dringlicher werdenden Evidenz) auf das Weibliche verzichten.“ (S. 177) Oder: „Das Lebendigste des Greifbaren ist das Fleisch. Und für den Mann ist das Fleisch die Frau.“ (S. 175)

Hier entflammt bei Teilhard de Chardin eine „Mystik der Liebe“, bei der der Frau eine zentrale Bedeutung zukommt, anders als in der östlichen Mystik, die gänzlich von „Fleisch und Frau“ entmaterialisiert und vergeistigt ist, um es gelinde auszudrücken.

In der Liebe zwischen Lucile und Pierre ging es immer um den „dritten, den höheren Weg“ der Liebe zwischen Mann und Frau, die geistige Vervollkommnung ausgerichtet auf das Dritte: Gott. Das Buch liest sich teilweise wie einen Liebesroman – auch mit weiblichen Rivalinnen, Lucile, Ida und Rhoda, einem Herzinfarkt von Pierre, ein gebrochenes Herz bei Lucile. Eine biographisches Buch kann kaum menschlicher sein als dieses. Pater Teilhard de Chardin sagte von sich selbst: „Ich bin kein Gott.“ … und sicher auch kein Heiliger. Doch ein liebender Mann mit einer großen Vision der Liebe, die er selbst kaum leben konnte.

Günther Schiwy bewertet die Tragik dieser Liebe so:

Die Tragik bestand darin, dass sich Lucile, deren Liebe ungebrochen war, gerade deswegen nicht imstande sah …, auf eine möglichst intensive Teilnahme am Alltagsleben Teilhards, wie sie es jahrelang in Peking erlebt hatte, zu verzichten. Teilhard hatte jedoch einen viel abgehobeneren Begriff von Liebe: einerseits sah er – typisch Mann – vor allem die erotisch-sexuelle Dimension, von der er glaubte, daß sie in seinem Verhältnis zu Lucile in gegenseitigem Einvernehmen keine Rolle mehr spielte, womit er wohl recht hatte; andererseits betonte Teilhard – typisch Zölibatär – vor allem die spirituelle Dimension der partnerschaftlichen Liebe als Realisierung der Gottesliebe, worin er auch wohl … mit Lucile übereinstimmte. Wo, mußte er sich fragen, lag ihr Problem? Weil Teilhard, was Lucile instinktiv spürte, eben doch anders liebte als eine Frau, viel weniger ganzheitlich und „alltäglich“, konnte er im letzten Luciles Unglücklichsein nicht verstehen. (S. 191)

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