Inge von Wedemeyer: Das heilende Licht der Seele

Untertitel: „Schattenpsychologie“ und Lichtmetaphysik

Das Buch ist eines der tiefsinnigsten, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, leider wieder nur antiquarisch zu beziehen. Auf die Autorin bin ich durch ihre Bücher zu Pythagoras aufmerksam geworden. Inge von Wedemeyer, Gründerin des Verlages Heilbronn, hat sich große Verdienste erworben, die Mystik des Zaratustra und des Sufismus im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Mehr noch: Irgendwann kommt man auf dem spirituellen Seelen-Weg an den Punkt, sich mit Luzifer-Satan auseinander zu setzen. Ich kenne kein zweites Buch, dass diese „Dualität“ so grandios aufgelöst hat. Es ist ein esoterisches Buch, das sich aber sehr deutlich von Pseudo-Esoterik abhebt, insbesondere auf eine, die sich auf C.G. Jung bezieht. Das macht das Buch so brisant!

Das Hauptthema der drei Teile des Buches ist das Ringen von Religion (Mystik) und Wissenschaft (Psychologie) um die Seele.

Teil I: Die Seele im Spannungsfeld von Gut und Böse – „Schattenpsychologie“ und Lichtmetaphysik

Ich selbst bin von der „Schattenpsychologie“ (C.G.Jung, Ken Wilber, Ruediger Dahlke) in den letzten Jahren sehr beeindruckt worden, und es ist sicherlich in der psychischen Entwicklung des Menschen wichtig, seine Schatten zu erleuchten, das Verdrängte zu erlösen. Der erste Teil des Buches hilft, sich von der „Schattenpsychologie“ selbst zu befreien und und zur „Lichtmetaphysik“ zu finden.

Der Fehlgedanke der Schattenpsychologie ist, Gut und Böse seien „Aspekte Gottes“ (C.G. Jung), ja es gäbe sogar eine „böse Hälfte des Schöpfers“ (S. 27). Konsequenterweise sei das Ziel der Schattenpsychologie, sich mit dem Schatten „auszusöhnen“ und das Böse zu „integrieren“ (S. 28)

Es gilt sich aus der Sicht der Lichtmetaphysik aber aus der Dualität von Gut und Böse, Licht und Dunkelheit zu befreien. Es gibt das „absolut GUTE“ jenseits von Gut und Böse. Es gibt das „absolute LICHT“ jenseits von Licht und Schatten.

Die transzendente Ausrichtung auf das absolut Gute als der höchsten Wahrheit muß wiedergefunden werden; das bedeutet, wieder auf die innere Stimme des Gewissens zu hören und mit der ganzen, dem Menschen zutiefst notwendigen, natürlichen Kraft den Weg zu einer Erneuerung von innen her zu suchen und zu gehen. (S. 16)

Genau das ist die „Hinwendung zum Licht“, der Weg der „Lichtmetaphysik“, den alle großen Religionen kennen.

Metaphysik kann man als die philosophische Grundwissenschaft bezeichnen, die in allem Wechsel, im unablässigen Wandel der sichtbaren Erscheinungen nach dem Übergeordneten, „Ungreifenden“ (Karl Jaspers), Bleibenden fragt, nach dem Einen, in dem kein Zweites ist“, wie es in den Upanischaden, der Hinduüberlieferung, heißt. (S. 18)

Die Autorin spricht von einer „Lichtsehnsucht des Menschenwesens“ (S. 21), die stärker ist als die Süchte des „niedrigen Egos“. Menschen, die den kindlichen „niedrigen Menschen“ überwunden haben, nennt die Autorin „Meister des Lichts“:

Der „Meister des Lichts“ ist im Taoismus „der Heilige Mensch“, bei Konfuzius „der Edle Mensch“, im Sufitum „der vollkommene Mensch“, im Buddismus wird er „Bodhisattva“ genannt, und in der christlichen Religion ist es der Mensch der „Seligpreisungen“. (S. 36)

Die Autorin bringt den Unterschied von Lichtmetaphysik und Schattenpsychologie so auf den Punkt:

Lichtmetaphysik sagt – im Geist der Ur-Tradition: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes!“
Schattenpsychologie sagt – im Geist des Materialismus: „Nimm den Schatten an!“
Lichtmetaphysik sagt: Im Seelengrund, in der Tiefe deines Wesens – als Ursprung – ist Licht und Urvertrauen.
Schattenpsychologie sagt: In der tiefsten Tiefe deines Wesens ist Urangst. (S. 43)

Dies mögen alles noch große Worte sein. Die Fehlleitung der Halbe-Halbe-Psychologie liegt deutlich in der „Relativierung der Werte, mit anderen Worten zur Wertfreiheit“ (S. 53) Die Autorin schreibt dazu mit klaren Worten:

Nicht-Engagiertheit und wertfreies Denken führen auf jeden Fall in die Irre, nämlich zur Enthumanisierung, zur Unmenschlichkeit, die wir heute in vielen Lebensbereichen zu beklagen haben. (S. 55)

Die Autorin bespricht im weiteren, was Mystik und was Gnostik ist. 

Ist Metaphysik … also die Lehre vom Überweltlichen, so ist Mystik die Sehnsucht nach dem inneren Wissen und Erfahren der wesenhaften, unvergänglichen Wirklichkeit, ist Mystik das Leben und Erleben eines immer unerschütterlichen Gottvertrauens. (S. 62 f.)
Mystik – das ist die Ur-Religion der Menschheit. (S. 65)
Mystik ist Gnosis und das bedeutet „Weisheit des Herzens“. Mystik ist das unaussprechliche Geheimnis. (S. 67)
Mystik lauscht dem unhörbaren Urwort: Es werde Licht! (S. 67)
Mystik ist „ein göttliches Feuer, das den Menschen (das niedere Ego) völlig verzehrt“, damit der wahre Mensch auferstehen kann. Mystik führt zum Auferstehen in Gott, zum Erwachen in Ihm. Das Schattenkreuz des irdischen Lebens wird verwandelt in das Lichtkreuz der Auferstehung. (S. 70 f.)

Teil II: „Positive Psychologie“ – Rückblick und Ausblick

Der zweite Teil des Buches weist die Überwindung der Schatten- oder Tiefenpsychologie (repräsentiert von C.G. JUNG) zu einer „positiven Psychologie“ (repräsentiert von VIKTOR FRANKL und seiner Logotherapie), die Frage nach dem Sinn und Über-Sinn des Lebens.

C. G. Jung sah … in der „Trennung von Glauben und Wissen ein Symptom der Bewusstseinsspaltung, welches den gestörten Geisteszustand der neuen Zeit charakterisiert“ … aber erst der Logotherapie gelang der Rückweg oder „Heimweg“ zur „ultrahumanen Dimension“, aus der heraus das Leben Fülle, Kraft, Wert und Sinn gewinnt. (S. 83)

Die Autorin sieht in der Fixierung auf „Schatten, Teufel und Gespenster“ Die Essenz der „negativen Psychologie“.

Positive Psychologie aber sagt: Wende dich zum Licht und du wirst hell und heil! Auf diese Weise werden die Selbstheilungskräfte im Menschen aktiviert; es ist eine Hilfe zur Selbsthilfe. (S. 89)

Für den Aufbruch zu einer positiven Psychologie formuliert die Autorin als Programm:

… Befreiung der Seele vom „Schatten“ und Hinwendung zum Licht, „in dem keine Finsternis ist“ – zum heilenden Licht der Seele. (S. 93)

Ohne es hier in der Buchbesprechung vertiefen zu wollen, sei wenigstens darauf hingewiesen, dass der Teil sehr erhellende Seiten zu Polarität und Dualismus (S. 97 – 127) enthält.  Sehr charakteristisch für die Sichtweise der Autorin ist der Satz:

Dabei ist es eine große Hilfe, wenn man – wie in Indien – statt „Sünde“ Unvollkommenheit oder Unwissenheit sagt. (S. 126)

Teil II: Der Kreislauf des Lichts – Einkehr, Umkehr, Heimkehr 

Für mich ist dieser Teil der Höhepunkt des ganzen Buches. Wenn Luzifer der gefallene Engel ist, kann er auch als Satan wieder heimkehren in das Reich Gottes? An dieser Frage scheiden sich die Geister! Denn wenn wir im Teufel nicht den Bruder Jesu erkennen können, dann haben wir das Dunkle in uns noch nicht erlöst.

In all unserer Unvollkommenheit sind wir nicht schlecht oder böse, solange wir unserer innersten Bewegungsnotwendigkeit „hin zum Licht, zum Ur-Licht gehorsam sind, also vom Mangel zur Fülle streben. Denn tatsächlich gibt es ja eine bewusste Hinwendung zum Dunkel, zum Bösen, die Ab-sage an Gott. Sünde als Absonderung von Gott. … Das Böse ist fehlgesteuerte Lebensenergie; man mißbraucht die von Gott empfangene Lebenskraft zu unheilsamen Tun. (S. 131)
Es geht um die sogenannte „Umpolung“, d.h. um die Verlagerung des Bewusstseins-Schwerpunktes „nach oben“: von der irdischen Verstrickung zur geistigen Freiheit. (S. 134)

Die Autorin zieht fünf Dokumente aus den großen Traditionen als Zeugen heran, um dann als Lichtatem Gottes“ zu schreiben:

Nach traditioneller Lehre ist Schöpfung ein unablässigges, allgegenwärtiges ES WERDE LICHT! des Schöpfers, ist Lichtatem Gottes.
Das unerschaffene Licht erschafft das materielle Licht verschiedener Dichte, in einer Sklala relativer Helligkeit, relativer Dunkelheit. Dunkelheit ist also Mangel an Licht, denn aller Materie wohnt das ES WERDE LICHT! inne, d.h. der Göttliche Lichtfunke, der Lichtatem. (S. 153)

Die Autorin am Ende die Worte aus den Upanischaden an:

Führe mich vom Wahn zur Wirklichkeit!
Führe aus dem Dunkel mich zum Licht!
Führe aus Tod mich zur Unsterblichkeit! (S. 155) 

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