Peter Bieri: Wie wäre es, GEBILDET zu sein?

Mit dem EXTRA: „Die Vielfalt des Verstehens“

Ich bespreche dieses Buch, weil Bildung und Selbstbildung mein Thema ist – obwohl das Büchlein mich auf nahezu jeder Seite zum Widerspruch reizt. Ich trenne meinen Widerspruch gegenüber der Buchbesprechung in einer polemischen Replik  (> Mehr). Im A6-Format mit 93 Seiten enthält zwei Essays (Vorträge), das erste Essay (S.7  – 41) trägt den Titel des Büchleins, das zweite den Titel: „Die Vielfalt des Verstehens – über die Sprache der Wissenschaft und die Sprache der Literatur“ (S. 43 – 93). Der Autor versteht den Menschen als „sprechendes Tier“ (S. 17), so macht des Sinn, sein Verständnis über Sprache (also den zweiten Teil) genauer zu verstehen. Tatsächlich hat mich der zweite Teil dem ersten gegenüber versöhnlicher gestimmt.

Der Titel ist schon etwas merk-würdig, irritierend, nahezu provokativ – und so geht es im ganzen Text weiter.

Der Autor unterscheidet erst einmal Ausbildung und Selbstbildung:

Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein. (S. 7 f.)

(Selbst-) Bildung unterscheidet der Autor im Folgenden

  • als Weltorientierung
  • als Aufklärung
  • als historisches Bewusstsein
  • als Artikuliertheit
  • als Selbsterkenntnis
  • als Selbstbestimmung
  • als moralische Sensibilität
  • als poetische Erfahrung

Zusammenfassend: Bildung ist Leidenschaft bis zum „heftigen Ekel“ (S. 40) allem gegenüber, was Bildung verhindert.

Die Thesen des Autors sind sehr dicht. Es lässt sich nicht wirklich „zitieren“. Ich will nur zwei (Kern-) Sätze herausgreifen, um einen Geschmack über den besonderen Schreibstil des Autoren zu geben:

Der Gebildete, können wir nun sagen, ist einer, der über seine seelische Gestalt selbst bestimmt, indem er sich nicht an das einmal aufgebaute Selbstbild klammert, sondern einen stetigen Prozess erneuter Selbstbewertung zulässt und die damit verbundene Unsicherheit aushält, das Ganze im Bewusstsein der Kontingenz. Dadurch wird er im emphatischen Sinne ein Subjekt. (S. 33 f.)

Und der letzte Satz des 1. Essays:

Ein wahrhaft Gebildeter scheut sich auch nicht vor Donquichotterien und davor, für lächerlich gehalten zu werden. Denn wie gesagt: Es geht um alles. (S. 41)

Die Vielfalt des Verstehens

Im zweiten Essay geht es in diesem Stil weiter:

Die Sprache verwandelt die Welt als eine Dimension kausaler Kräfte in eine Dimension verständlichen Geschehens. Wir sind von morgens bis abends damit beschäftigt zu verstehen, was um uns und in uns geschieht. Das können wir nur, weil wir sprechende Tiere sind. (S. 45)

Der Autor unterscheidet „Natur verstehen“ (S. 51 – 52) und „Handlungen und ihre Gründe verstehen“ (S. 52 – 58) und schlussfolgert:

Wenn es um Kontrolle, messgenaue Vorhersagen und Machbarkeit geht, brauchenb wir den einen Filter (des Verstehens, JS), wenn wir Vernünftigkeit und Sinn im menschlichen Tun erkennen wollen, den anderen.“ (S. 63)

Bei dem abschließenden Teil über die Sprache der Literatur (S. 63 – 93) geht es um „erzählendes Verstehen“ (S. 64) mit einigen erhellenden Beispielen literarischer Sprachkunst der Genauigkeit. Auch hier noch ein Stil-Beispiel des Autors, was „sprachlicher Schutt“ sei:

„klebrige Sprachgewohnheiten, tradierende Kategorienfehler, verrutschte Bilder, leer laufende logische Partikel, versteckte Widersprüche, unerkannte Redundanzen.“ (S. 68)

Alles klar?

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