Pierre Teihard de Chardin: Entwurf und Entfaltung

Unter dem Titel „Entwurf und Entfaltung“ sind 150 Kriegsbriefe Teilhard de Chardins aus den Jahren 1914 – 1919 an seine Cousine Marguerite Teillard Chambon zusammen gefasst. Der Band ist nicht vollständig: Sicher mehr als 100 Briefe von Pierre an Marguerite fehlen. Dann ist es kein wirklicher „Briefwechsel“, denn die Briefe Marguerites an Pierre fehlen gänzlich. Doch immerhin:

Dies ist wohl der bedeutendste ins Deutsche übertragene Briefband Pater Teilhards. Er schildert eine sehr entscheidende Zeit in seinem Leben, seine Zeit als Soldat bei der französischen Armee gegen die deutsche Armee. Es sind die Jahre seines Erwachens. Mit den in der Zeit geschriebenen 16 Essays legt er die Grundlage „als ersten Entwurf“ seiner späteren Lehre.  Die Zeit danach ist im Wesentlichen dann die Zeit der Entfaltung.

Wenn Pater Teilhard von dem „Mysteriem des Krieges“ spricht, den Krieg als evolutionäre Kraft nahezu verherrlicht, dann ist das nur schwer nachzuvollziehen. Er wird sogar von der „Heimweh nach der Front“ („La nostalgie du Front“) sprechen. Er wird an Marguerite schreiben: „Ich versichere dir, mir wäre es tausendmal lieber, Granaten zu werfen oder ein Maschinengewehr zu bedienen, als so zum Überschuss zu gehören.“

Sei Biograph Günther Schiwy interpretiert diese Sehnsucht so:

Teilhard begreift sich an der Front des Ersten Weltkrieges als einer, der sein Leben lang an der vordersten Front Gottes stehen wird, die für ihn identisch ist mit der Linie des Fortschritts für die Menschheit. Das ist seine Berufung, die er sich nicht ausgedacht hat, sondern die ihm zuteil geworden ist wie dem Moses: im brennenden Dornenbusch. An der „Front“ hat Teilhard „gesehen“, deshalb wird ihn die „Sehnsucht nach der Front“ nie mehr verlassen. (Schiwy, Biographie Bd. 2, S. 262)

Sehr beachtlich finde ich die Worte der Herausgeber des Bandes Alice Teillard-Chambon (die ‚Schwester von Marguerite) und Max Henri Begouen (ein Freund Pieres):

Auf dieser Weise war er eins mit der im Krieg befindlichen Menschheit, konnte jedoch gleichzeitig sehen, daß das Chaos, in dem sich die menschlichen Zellen herumstritten, nur scheinbar war und daß unter diesen Phänomenen der Umwandlung eine Ordnung verborgen lag.
Jenseits der irdischen Horizonte erschienen ihm die Schlachtfelder, auf denen der Tod zu triumphieren schien, als der lebendigste Schmelztiegel, als die Gebärmutter einer neuen Welt. Zweifellos wühlte der menschliche Pflug des Krieges die alte Nährmutter Erde, auf der die althergebrachte Saat nicht mehr keimen konnte, bis in die Tiefen auf. Aber ein neuer Humus, in dem sich das Blut und die Tränen und selbst das Fleisch der geopferten Männer mit der verwüsteten Erde vermischten, würde wieder fruchtbar werden für ein Samenkorn, das neu – und dennoch seiner Substanz nach ewig wäre.“ (S. 11)

Im Grunde könnte das Thema der Kriegsbriefe auch VERSÖHNUNG heißen, nicht nur die Versöhnung der Franzosen und Deutschen, sondern die Versöhnung der ganzen Menschheit, auch die Versöhnung der weltfremd gewordenen Kirche mit der Wirklichkeit. (Ida Friederike Görres bringt ihren „Versuch über die Kriegsbriefe“ unter diesen Titel: Versöhnung. > Meine Buchbesprechung)


Bei alledem darf aber eine Frau nicht vergessen werden: Marguerite Teillard-Chambon, die Cousine Pierrs, die Empfängerin der Briefe. Sie hat die Veröffentlichung noch vorbereitet, starb vor der Veröffentlichung 1959 bei einem Autounfall.

Die Briefe aus den Jahren 1914 – 1919 (Entwurf und Entfaltung) sind auch nur der erste Teil einer Brief-Trilogie, die sie herausgegeben hat. Die beiden anderen tragen den Titel „Geheimnis und Verheißung der Erde“ (Reisebriefe 1923 – 1939) und „Pilger der Zukunft“ (Neue Reisebriefe 1939 – 1955).

Marguerite (viereinhalb Monate älter) und Pierre verband eine lange Kinderfreundschaft, bevor Pierre elfjährig ins Internat des Jesuiten-Kollegs kam. Sie verloren sich einige Jahre aus den Augen. 1912 – 33-jährig – wurde Pierre von seinem Orden nach Paris zum Studium der Paläontologie geschickt. Marguerite ist bereits seit 10 Jahren Instituts-Leiterin einer katholischen Schwesternschule in Paris. Sie treffen sich in Paris wieder und es beginnt eine langjährige Freundschaft zweier Seelengefährten.

Günther Schiwy schreibt in der Biographie:

Pierre hat in Marguerite die Frau gefunden, die seine Probleme aus eigener Erfahrung kennt und teilt, mit der er sich aussprechen kann, die ihn bestätigt und beflügelt, die ihn hochschätzt und die bereit ist, ihn auf seinem Weg so nahe zu begleiten, wie es sein ordensgelübde und sein Zölibatsversprechen und ihr gläubiger Respekt davor nur immer erlauben. Daß sie die erste Frau ist, die ihn liebt, steht außer Zweifel. Sie hält ihm auch die Treue, als später andere Frauen sie aus ihrer Vertrauensstellung verdrängen. Teilhard wird es ihr bis an sein Lebensende danken. Er wird nie vergessen, daß er durch sie eigentlich er selbst geworden ist. (Bd. 1, S.  243)

Die beiden Herausgeber des Bandes enden ihrer Hommage an „Marguerite Teillard-Chambon (1880 – 1959) Schriftstellername: Claude Aragonnès“ (S. 15 – 25) mit den Worten:

Wir hoffen, daß die Menschen, die in diesem Leben so nahe waren, im Tode endgültig vereint sind. Wir sind überzeugt, daß sie auch im Andenken der Menschen nicht voneinander getrennt sein werden. Es liegt darin gleichsam ein geheimnisvolles Gesetz unserer Natur, daß sich fast immer in der Nähe eines großen Mannes eine große, ein wenig verschleierte weibliche Gestalt findet; und dieses Gesetz hat sich wiederum bestätigt in Pierre Teilhard de Chardin und Marguerite Teillard-Chambon. (S. 25)

 

* Dieser Beitrag hatte seit Erscheinen bisher 25 Leser/innen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 + acht =