Briefe als Tagebuch Pierre Teilhard de Chardins

Das Hauptschrifttum von Pierre Teilhard de Chardin liegt neben vier Büchern und vielen Essays (gesammelt in seinen Werkausgaben in 10 Bänden) sicher in seinen Briefen vor, hauptsächlich an Frauen gerichtet.

Dazu gehört auch das „Tagebuch Pierre Teilhard de Chardins“, das 1969 als „Letters to Two Friends“ im englischen Original  und im Französichen in der Parallel-Ausgabe unter dem Titel „Accomplir l’homme – Letters inédites (1926 – 1952)“ erschien. Die deutsche Ausgabe erschien dann 1971 im Walter-Verlag in zwei Bänden getrennt: „Briefe an eine Marxistin“ und „Briefe an eine Nicht-Christin“.

Diese Briefe wurden so editiert, dass alles Persönliche gestrichen wurde, selbst die Adressatinnen einer strengen Diskretion unterzogen. Solange es noch keine detaillierten Biographien von Teilhard de Chardin vorlagen, hatten diese Editionen und Übersetzungen sicher ihre Berechtigung. Am Ende dieser „unveröffentlichten Briefe“ blieb ein zum sachlichen „Tagebuch vom 24. April 1926 bis 16. Januar 1952“ editierte Version übrig, Auszüge aus Briefen von Teilhard de Chardin an Ida Treat (die Marxistin) und Rhoda de Terra (die Nicht-Christin), beides Amerikanerinnen. Heute ist das „Geheimnis“ um die beiden Adressatinnen längst gelüftet – und es gibt weiter gehende Auszüge aus dem Briefwechsel an diese beiden Frauen.

Mit Ida Treat, einer amerikanischen Geologin und überzeugten Kommunistin, hat Teilhard de Chardin im Laufe von ca. 30 Jahren – gemäß Günther Schiwy – 1929 Briefe gewechselt, im Durchschnitt mehr als wöchentlich einen. Der Band „Briefe an eine Marxistin“ enthält „Tagebuch-Auszüge“ aus 78 Briefen.

Brief an eine Marxistin

So schreibt Pierre Teilhard de Chardin in einem Brief an Ida Treat, die er im Winter 1924/25 kennen gelernt hatte, im Dezember 1933:

Meine großartige Freundin, Du bist gerade abgereist und hast mit Dir einen Teil meiner Pekinger Sonne mitgenommen. Aber mir blieb vor allem eine Kraft und Leichtigkeit für den Lebenskampf, die Du mir mitgeteilt hast. Während dieser drei Wochen habe ich in langen Zügen Deine Gegenwart genossen. Und ich bin tief glücklich, weil ich begriffen habe, daß Du […] für mich die wahre Kampfgenossin geworden bist, mit allem, was eine ähnliche Verbindung haben kann an Reichtum und Tiefe zwischen einem Mann und einer Frau, die sich nur deshalb aufeinander stürzen, um voranzuschreiten. Einer meiner Lebensträume … Mehr denn je werde ich Dich auf dem laufenden halten über das, was mir äußerlich und innerlich geschieht. Gut Glück! Und für immer. Pierre.“
(zitiert nach Günther Schiwy: Eine heimliche Liebe, S. 41)

Im unpersönlichen „Tagebuch“ als Brief an eine Marxistin klingt ein anderer Auszug aus dem Brief vom 21. Dezember 1933 ganz anders:

Etwas, was sehr wichtig sein könnte, nämlich ein Brief aus Frankreich […], scheint darauf hinzuweisen, dass man ernsthaft daran denken soll, mir ein Gespräch mit meinem General in Rom zu vermitteln. Ich werde die Einladung nicht zurück weisen, wenn man positiv die Initiative ergreift. Doch Sie kennen meinen Eindruck: Ich habe Angst, ein solches Gespräch würde schließlich nur definitive Meinungsverschiedenheiten offenbar machen.“ (Brief an eine Marxistin, S. 109)

In einem Brief vom 7. Juli 1933 hatte Pater Teilhard an Ida Treat noch geschrieben, dass er diese relative Ungebundenheit von seinem Ordnen schätzte. Ihm drohte wieder ein Verbot, in Paris aufzutreten:

Je mehr ich an dieses Verbot denke, um so weniger berührt es mich [ich glaube wirklich, es hat mich ernstlich keine Minute lang geärgert.] Ich schätze im Gegenteil die Vorteile, nach vornehin klarer zu sehen und keinerlei Bindungen zu haben, bei denen man mich zu fassen versuchen könnte. … Mir bleibt nur eines zu tun: intensiver als je zuvor das entwickeln, was ich glaube, und mich inniger als je in das Blut hineinmischen, das ich zu verbessern träume. eine Frage der größeren Liebe, nicht der Revolte. Ich weiß nicht, ob das möglich ist. Ich will es aber versuchen. Eines scheint mir klar. Im Einsatz für eine Sache wie diese fürchte ich nichts.“ (Briefe an eine Marxistin, S. 108)

Durch den intensiven Austausch mit Ida Treat war Teilhard de Chardin gezwungen, sich mit dem Kommunismus auseinander zu setzen. Das führte ihn zu der klaren Äußerung:

Meiner Meinung nach ist es mehr und mehr der Kommunismus, der gegenwärtig das wahre menschliche Wachstum repräsentiert und monopolisiert. (Schiwy, Bd. 2, S. 150)

Also nicht das Christentum! So wundert es einen nicht, dass Teilhards Vision der Menschheit am Punkt Omega an die „klassenlose Gesellschaft“ von Karl Marx erinnert.

Briefe an eine Nicht-Christin

Pierre Teilhard de Chardin hat Roda de Terra und ihren Mann Helmut de Terra bei einem Internationalen Geologenkongress 1933 in Washington kennen gelernt, 1935 sind sie zusammen auf einer Indienreise. Roda de Terra, die sich von ihrem Mann im Dezember 1935 scheiden ließ, wird in den letzten 10 Jahren des Lebens von Pater Teilhard dessen wichtigste Begleiterin auf Expeditionsreisen wie auch privat in Amerika. Pater Teilhard starb am Karfreitag 1955 in ihrer Wohnung in New York.

Die hier dokumentierten Briefe Pierrs an Rhoda beginnen am 5. Juni 1938 mit den Worten „Seit meinem letzten Brief …“ (S. 9). Es ist also keinesfalls der erste. Der letzte Brief stammt vom 8. September 1950.

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