Thomas Broch: Pierre Teilhard de Chardin

Ich muss zur angemessenen Besprechung dieses Buches etwas ausholen. Ich habe mein erstes Buch von Teilhard de Chardin nicht im Rahmen meiner katholischen Erziehung etwa zu meiner ersten Heiligen Kommunion geschenkt bekommen … Nein, als ich 30 wurde (1981), kamen die ersten Bücher des „New Age“ auf, die ich aufsog wie ein Schwamm. Ich bin vom Tierkreiszeichen selbst Wassermann und hatte zum „New Age“ als Wassermann-Zeitalter gleich eine besondere Affinität. In den Büchern war immer wieder die Rede von einem renitenten Jesuiten-Pater, und irgendwann wollte ich wissen, was Teilhard mit seinem „Punkt Omega“ denn wirklich geschrieben hat. Ich kaufte mir eine Biographie von ihm (von Johannes Hemleben) bei rororo und die beiden Bücher „Der Mensch im Kosmos“ und „Die Entstehung des Menschen“ im dtv, zumal mich Evolution und Anthropogenese sowieso schon lange interessierte. Das war also meiner erster Zugang zu Teilhard de Chardin – als New-Age-Jünger, ja das „New Age“ war noch sehr jung, in seiner „Sturm- und Drang-Periode“, später hat sich in der Szene viel Spreu vom Weizen getrennt. Damit habe ich also einen besonderen Zugang zum Buch von Thomas Broch, weil ich von meiner eigenen Vergangenheit den Weg über das „New Age“ zu Teilhard de Chardin gefunden habe:

Das Buch ist Teil einer Reihe, die sich „im religiösen Pluralismus“ mit Strömungen auseinandersetzt, die mit dem traditionellen Christentum nicht zu vereinbaren sind: Okkultismus, Reinkarnation, Mystik, Satanismus – und in dieser Reihe nun auch: Teilhard de Chardin. Das Buch ist vor allem eine kritische Aus- und Abgrenzung gegenüber Teilhard. Erst im Innenteil erfährt der Leser, dass sich das Buch auch zweitrangig mit der Frage beschäftigt: „Wegbereiter des New Age?“ Damit ist auch schon das ganze Dilemma des Buches angedeutet: Es will kritisch mit Teilhard de Chardin umgehen, ihn aber nicht – sozusagen – komplett an das New-Age verlieren (abgesehen davon, dass das „New Age“ schon im Abklingen war und keiner der ursprünglichen Autoren sich damit noch identifizieren konnte). Der Autor schreibt in seiner Zusammenfassung:

Ich sehe mich in einem gewissen ‚Dreiecksverhältnis‘ zu Teilhard einerseits und dem New Age andererseits, das nach beiden Seiten Anerkennung und Kritik beinhaltet. Ich manchen Punkten halte ich die Kritik an Teilhard für notwendig, wo den Anliegen des New Age recht zu geben ist  – und natürlich auch umgekehrt. Wobei bei mir im Hinblick auf New Age die Kritik der Anerkennung überwiegt, im Hinblick auf Teilhard die Hochschätzung deutlich bei aller Kritik zu betonen ist. (S. 175 f.)

Das Buch ist intellektuell sehr anspruchsvoll. Es ist im besten Sinne ein philosophisch-kritisches Buch, ganz im Geiste von „Kritischer Theorie“ oder „Kritischem Rationalismus“. Die Quellenverweise und vielen Zitate sind eine Schatzkammer. Die große Schwäche des Buches liegt darin, dass der Mystik (weder die von Teilhard noch die des „New Age“) rational und intellektuell beizukommen ist. Der Autor ist katholischer Theologe und kritischer Philosoph, doch kein Mystiker.

Das Unterthema des Buches, der Vergleich zwischen Teilhard und New Age, war schon zum Zeitpunkt der Herausgabe 1989 nicht mehr aktuell. Das New Age begann sich (grob gesagt) in zwei Strömungen zu unterscheiden, die „prärationale“ der Esoterik mit der Tendenz zum magischen Denken und die „transrationale“ Strömung der Neuen Spiritualität mit der Vision, Wissenschaft und Spiritualität wieder miteinander zu versöhnen.

Mir scheint jedoch bei dem Unterfangen der Neuen Spiritualität, Schöpfungs-Mythologie und wissenschaftliche Evolutionstheorie miteinander zu versöhnen, immer noch kein Weg an Teilhard de Chardin vorbei geht, sein Werk nach wie vor aktuell ist. In diesem Zusammenhang ist das kritische und wohlwollende Buch von Thomas Broch als Schatzkammer immer noch sehr wertvoll.

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